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Simone Trieder

Mit der Schere in der Tasche
Herta Müller in Leipzig




Herta Müller    (public domain)
  »Manche Wörter schneidet sie ganz oft aus, zum Beispiel das Wort Dorf, das hat sie bestimmt schon 35 mal aus­­ge­­schnit­­ten. Inzwischen habe sie mehrere Schrän­­ke mit Schubladen, in denen die Wörter sortiert liegen.«
 


Ich kannte sie nicht. Hatte gehört, dass sie den Literaturnobelpreis bekom­­men hat. Der Titel ihres Buches: Atemschaukel. Ach, dachte ich, das ist mir zu konstruiert, so mit Gewalt poetisch. Dennoch freute ich mich, dass eine Frau aus Rumänien mit zweisprachigem Hintergrund, mit den Securitate-Erfahrungen diese Ehrung erfährt. Wir saßen, Christian und ich, nachmittags bei Kerzenschein und Wein und dachten über die Dichter in Sachsen-Anhalt nach. Sollten wir dieses Land nicht endlich dichterfrei machen?
  Da sagte Christan, am Sonnabend fahre er mit Christine nach Leipzig zu Herta Müller. Oh, kann ich mit? Ich wollte eine Nobelpreisträgerin von Nahem sehen. Am Sonnabend war es kalt und als die beiden kamen, sagte ich: hach, ich bin aufgeregt. Wir fuhren mit meinem kleinen roten Auto nach Leipzig. Mit dem letzten Tropfen Benzin erreichten wir den Gerichtsweg, wo sich das Literaturinstitut befindet, dort studiert Christian, dort sollte Herta Müller sich den Fragen der Studenten stellen. Wir kamen in ein kleines Café. Sascha Kokot war da und ich fragte ihn nach einer Tankstelle. Er brachte mich hin. Und erzählte, dass Herta Müller später käme, sie sei 120 Kilometer vor Leipzig mit dem Auto liegengeblieben. Ich sag, sollen wir ihr entgegen­­fahren? Er hatte auch schon daran gedacht, aber sie sei nun schon auf dem Weg. Es rührte mich, dass die Nobelpreisträgerin mit einem so alten Auto fährt, das unterwegs liegenbleibt. Sascha aber meinte, 120 Kilometer vor Leipzig, das ist wohl vor ihrer Haustür in Berlin. Er glaubte an eine Ausrede, die ihr verziehen sei, schließlich waren alle glücklich, dass sie diesen lange ausgemachten Termin nicht abgesagt hatte, vor lauter Nobel­­preistrubel. Zurück im Café, saßen da die Literaten von morgen, hübsche Mädchen mit dünnen keck in die Gegend stiezenden Ratten­­schwänz­­chen und düstere skurril gekleidete Jungs. Vor mir lag ein Plan, es war der Einsatz­­plan des Literatur­­instituts zur Poetik­­vorlesung Herta Müllers. Teil eins im Institut im kleinsten Rahmen, Teil zwei im Alten Rathaus mit den Massen. Erst jetzt begriff ich, dass diese Reihe, in der im vergangenen Jahr Uwe Tellkamp gelesen hatte, eine gemeinsame Veran­­staltung des Literatur­­instituts und der Stadt Leipzig ist. Respekt. Auf dem Plan stand: Ankunft Herta Müller um 14 Uhr, dann sollte sie ins Hotel gebracht werden und um 15 Uhr wurde sie im Literatur­­institut erwartet. Es war schon halb vier. Im Plan waren Studenten eingeteilt, die für die Vorlesung im Alten Rathaus die VIPs in Empfang nehmen sollten. Einige von diesen Studenten saßen im Café. Sie haben sich im Internet die Fotos ausgedruckt und hatten nun Angst, ihre VIPs nicht zu erkennen. Der Plan war mit penibler Vagheit ausgeführt, welcher Redner voraus­­sicht­­lich wieviel Minuten reden wird. Ein Student für den Wechsel der Wassergläser dingfest gemacht. 18 Uhr sollte die Vorlesung im Alten Rathaus beginnen. Für 19.15 Uhr war ein Abendessen mit Honoratioren vorgesehen. Wo das sein sollte, stand nicht dabei. Aber, wer daran teilnehmen durfte. Der Ober­­bürger­­meister von Leipzig mit Begleitung, die ganzen anderen Geldgeber mit Begleitung. Die drei Chefs vom Literaturinsitut mit nur bei Treichel stand Begleitung mit Fragezeichen. Es gab auch Vorgaben, dass nicht mit­­geschnitten werden durfte, fotografiert, ja, und beim Signieren durfte nur ein Buch pro Person vorgelegt werden. Listen mit Namen der Studenten und für welche Aufgaben sie zuständig waren. Eine Gästeliste, darauf entdeckten wir Christian Eger, unseren Literatur­­redakteur von der MZ. Christine stelle mich einer Studentin vor: das ist eine von den wenigen Schrift­­stellern in Sachsen-Anhalt, die vom Schreiben lebt. Wie geht das, fragte mich die Studentin. Dabei fiel mir ein, dass in der Sonderschule, in der ich zu den Landes­­literatur­­tagen Sachsen-Anhalt lesen durfte, mich eine der drei Lehrerinnen fragte: Was schreiben Sie? Ich überlegte eine Weile und sagte, sehr vorsichtig: Bücher.
  Eine Studentin nahm das satt einen soften Song swingende Handy ihrer Kommilitonin, die zum Rauchen draußen war, ans Ohr, und meldete unsicher in die Runde: Ich glaube, wir sollen kommen.
  Wir zogen hinüber ins Literatur­­institut, wo die Veran­­staltung im Foyer sein sollte. Es waren nur wenige Studenten da, Christine und ich die einzigen „Einge­­schleusten“. Dann beugte sich Josef Haslinger über das schöne alte Treppen­­geländer und sagte, wir gehen in den Seminarraum und die Studenten sollen bitte Fragen parat haben, damit "man nicht so stumm voreinander sitze". Ich bekam Angst, dass man uns als Nicht­­studie­­rende aussondern würde. Aber wir erreichten ungehindert den Seminar­­raum, der höchstens 25 Leute fasste. Ein Tischviereck. Ich entdeckte einen Erker und Christine und ich setzten uns hinter den Studenten Christian. Damit wir nicht so auffielen.
  Ich überlegte, was ich fragen könnte, aber da ich eigentlich nichts von Herta Müller kannte, wollte ich mich von dem Gespräch anregen lassen oder darauf verzichten.
  Zwei Studenten trödelten nach, es war erstaunlicherweise noch Platz. Die schon wartenden Studenten klopften auf den Tisch und eine der Studentinnen hob mit bescheidenem Blick die Arme, als übe sie schon mal die Nobelpreisträgerinnen-Pose.
  Dann kamen sie. Drei Männer. Josef Haslinger, Michael Lentz und Hans-Ulrich Treichel, dazwischen ganz klein, ganz zart Herta Müller, fast ganz in Schwarz. Gott, ist die klein, dachte ich. Ihre dunklen Haare streng geschnitten und schön geföhnt. Ausgerechnet die fransige Elke Heidenreich hatte Herta Müller empfohlen, sich eine gefälligere Frisur zuzulegen. Rot geschminkter Mund, kleine zarte Finger, deren Nägel blass lackiert waren. In der schwarzen Frisur steckte, wie ein Haar­­reifen, eine Sonnenbrille, die sie den ganzen Tag nicht brauchte. Haslinger begrüßte sie und wartete auf die Fragen der Studenten, die starr waren vor Ehrfurcht. Ob der Ruhm­­rummel sie nicht beim Arbeiten störe. Nein, sie habe gerade ein Manuskript beendet, da passt das jetzt ganz gut. Sie sei noch die gleiche wie vor sieben Jahren, sagte Herta Müller, nur eben sieben Jahre älter. Sie hatte am Institut als Gast­­dozentin gearbeitet, davon erzählte sie kurz, dass sie immer abschließen musste, weil Haslinger Freitags schon in Öster­­reich war. Und, dass sie den Studenten kleine Tricks gezeigt hätte, wie man geschickt die Zeit­­formen wechselt, ohne dass der Leser es bemerkt. Oh, dachte ich, das will ich auch wissen. Dann fragte ein Student nach den Collagen. Sie erzählte, dass sie Wörter ausschneidet, aus dem „Spiegel“, auch der „Brigitte“ und soweiter und die dann zu Gedichten zusammenbaut. Ursprüglich als Karten für Freunde, wenn sie unterwegs war. Dann gab es in ihrer kleinen Hamburger Wohnung einen Tisch, auf dem die ausge­­schnittenen Wörter lagen, den musste sie zum Essen abräumen und nach dem Essen kamen die Wörter wieder auf den Tisch. In Berlin hatte sie einen Extratisch, da lagen sie dann, die ausgeschnittenen Wörter und warteten darauf, eingebaut zu werden. Mit zarten Fingerchen zeigte sie, wie sie versuchte, die eigen­­willigen Wörter einzufangen und wie manche immer wieder entschlüpften, durch fünf Collagen hindurch, als wären die Lebewesen. Ein Wort, das ihr so immer entschlüpfte, war Pepita. Sie musste als Kind ein Pepitakleid tragen und das gefiel ihr nicht. Dieses ungute Gefühl konnte durch die Verwendung des Wortes gebannt werden, verlor seine Bedrohung. Der Tisch mit den Wörtern stand immer bereit, nach einigen Jahren wurden die an den Rand geschobenen Wörter staubig und sie beschloss aufzuräumen. Aber als sie dann so lagen auf der Kehrschaufel, sahen sie sie so an, dass sie manche doch rettete. Manche Wörter schneidet sie ganz oft aus, zum Beispiel das Wort Dorf, das hat sie bestimmt schon 35 mal ausgeschnitten. Inzwischen habe sie mehrere Schränke mit Schubladen, in denen die Wörter sortiert liegen. Diese Perfektion erinnerte Treichel an Ernst Jünger, der seine Käfer in Schränken sortierte, weil deren Zeichnung auf dem Panzer ihn an Buchstaben erinnerten. Aber sie spieße keine Käfer auf, sagte Herta Müller. Nur Wörter. Ja, und dazu wären Panzer vielleicht gut, dass man auf ihnen Wörter schreibt. Die Wörteraus­­schneiderei sei eine wunderbare Beschäftigung und man sähe dabei erst, welche Assoziationsräume sich auftaten und – wie die Bedeutung sich verändere, wenn man z.B. Präfixe abschneidet. Die Wörter – „kastriert“ warf einer der drei Instituts­­männer mutig ein. Die drei Männer blieben erstaunlich blass neben dieser kleinen Frau.
  Ich überlegte, ob sie auch die Bücher ihrer Kollegen zerschneidet, traute mich aber nicht, das zu fragen. Ja, das Wörterschneiden sei eine wunderbare Sache. Eigentlich wundere sie sich, dass das nicht jeder mache. Sie erzählte gern, sie lachte über einige ihrer Gedanken, die Stirn war oft gerunzelt, sie dachte nach, wenn sie es brauchte, sie nahm uns Zuhörer ernst. Ich sah sie an, die jungen Gesichter, die Hübschen und Skurrilen. Einige Studenten kamen später und reihten sich an der Wand auf, aber sie verließen den Raum auch kurz danach wieder, respektlos, wie ich fand, denn die Befragung der Nobelpreisträgerin dauerte höchstens eine dreiviertel Stunde.
  Christine fragte nach der gemehrten Bild­­haftigkeit durch die zwei Sprachen. Herta Müller wusste darauf nicht gleich was zu sagen und tastete sich heran: Ja, in dem Dorf, in dem sie groß geworden ist, wurde wenig gesprochen, es waren Bauern. Sie überlegte noch, da stand ihr Haslinger bei mit Beispielen, wie Bilder der rumänischen Sprache Eingang in das Deutsche fanden, wie in den Müller-Titeln "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" und "Der Fuchs war damals schon der Jäger".
  Christian fragte sie, ob das Worteausschneiden nicht auch aus der Tradition der Verbrecher, Erpresserbrief z.B. käme. Das fand sie nicht. Aber dass es aus dem Mangel kommt, ja, die Schreibmaschinen waren damals registriert, also musste man sich behelfen.
  Ein Student fragte sie nach der Banater Aktionsgruppe. Sie sei erst später dazugekommen, man traf sich und besprach Texte, sehr hart, so dass manchmal nichts übrigblieb, nicht so nett, wie wir hier, lachte sie.
  Dann war die kostbare Zeit schon rum, die Instituts­­männer zogen mit der kleinen Herta in der Mitte aus dem Raum und Christine und ich sahen uns an, wir waren glücklich, dass wir dabei sein durften. So nah.
  Haslinger verteilte „Schnitten“, wie im Öster­­reichischen Waffeln heißen. Ich dachte, als er mit den Waffeln zu mir kam, nun müsste ich erklären, wie ich hier unter die Studenten komme, aber er wollte nur seine „Schnitten“ loswerden. Wir stiefelten die schöne Treppe hinunter. Unten fragte Christian Treichel, ob er sich seinen Diplomtext durchlesen möchte. Ja, sagte er, wenn Sie es wollen. Sie müssen es nicht sehen, sagte Christian. Nein, dann werde ich zwar zwei Nächte weinen, sagte Treichel, aber dann ist es gut.
  Mit drei anderen Studenten, die ähnliche Probleme hatten, wen nimmt man sich als Zweitprüfer und so weiter, zogen wir in Richtung Altes Rathaus, wo wir rechtzeitig sein sollten, damit wir noch reinkommen. Einlass war eine Stunde vor Beginn, also 17 Uhr. Wir kamen zehn vor an und die Schlange war beachtlich. Wir mussten uns hinten anstellen. Bange Frage, kommen wir noch hinein? Ein Student gab aus der Reihe Raport per Handy: Wir dürften gerade noch reinkommen. Am Treppen­­aufgang stand ein Fernsehschirm: Publik Viewing. Wir waren schon auf der Treppe. Mehrere Studenten zählten uns. Und – drin waren wir, ziemlich bald hinter uns war Schluss. Es war gerade fünf. Oben, in dem langen schönen Rathaussaal waren schon alle Stühle besetzt, der vordere Bereich war noch leer, aber abgesperrt, für Presse, VIPs und soweiter. Wir gaben das Gesuche nach einem leeren Stuhl auf und stellten uns an die Wand. Es gab einen großen Büchertisch mit lauter Herta Müller. Ich hatte von ihr noch kein Buch, aber zuwenig Geld. Christian und Christine gaben mir Fahrgeld und ich kaufte mir ein Buch mit Gedichten, die sie aus den ausgeschnittenen Wörtern zusammenge­klebt hatte. Die blassen Herren mit den Mokkatassen. Lauter kleine Kunstwerke. Sie erinnerten mich daran, wie ich als Kind, wenn ich krank war, aus Zeitungen alles mögliche ausschnitt und irgendwie zusammen­klebte, es war, das weiß ich noch, eine besondere Befriedigung. An den Gängen hingen ebenfalls Fernsehschirme. Wenn wir sie nicht sehen sollten, dann konnten wir uns mit dem Fernsehbild trösten. Außerdem, versicherten wir uns glücklich, hatten wir sie ja eben so nah erlebt!
  Wir entdeckten Dieter Mucke, unseren zornigen Preisträger des östereichischen Staats­­preises für Kinderlyrik. Es muss ihn jemand erkannt haben, er durfte in den abgesperrten Bereich. Hat er verdient, hat er verdient, fanden wir. Es kam unser Literatur­­redakteur Christian Eger, mit dem ich grade den Tag zuvor bei einer Literatur­­konferenz verbracht hatte. Da sind wir ja schon wieder, sagte er launig. Ich sagte, dass ich ihn auf der Gästeliste schon entdeckt hätte. Er fragte leider nicht, woher wir die gesehen hätten, so konnten wir gar nicht angeben, dass wir eben mit Herta Müller fast ganz allein gewesen waren. Er stolzierte in den abgesperrten VIP und soweiter-Bereich. Christine entdeckte einen Stuhl, auf dem Reserviert stand. Setzte sich drauf, nun war er nicht mehr reserviert. Toll, dachte ich, das mache ich auch. Kaum saß ich, kam ein Student und meinte, es sei sein Platz. O.k, o.k., sagte ich, habs mal probiert. Dann bot mir ein Tontechniker seinen Dienstplatz an. Nun war es kurz vor sechs. Die rest­­lichen gesperrten Stühle wurden jetzt freigegeben, man strömte nach vorn. Wir strömten mit und bekamen zwar keinen Platz mehr, aber dafür waren wir ganz vorn! Anscheinend hatte man unten noch ein paar Fans eingelassen, sie kamen nun auch nach vorn, verstellten uns die Sicht und dünsteten Schweiß und Parfüm aus. Dann kamen sie, der Oberbür­­germeister, die Instituts­­leute, die von der Universität, gefolgt von der amorphen Foto­­grafenmeute, die einen Blitz nach dem anderen abfeuerte. Ich sah sie von hinten, die einzige Frau in der Männerriege. Immer noch steckte ihre Sonnen­­brille als Reifen auf dem geföhnten Haar­­schopf.
  Vier Reden. Die Wasser­­gläser wurden nach Plan ausgewechselt. Man war stolz, die Nobel­­preisträgerin eingeladen zu haben, als das noch nicht bekannt war. Hinterher erfuhren wir, dass die Geldgeber damals mit der Wahl nicht zufrieden gewesen waren, wer ist denn das, hatten sie gefragt und meinten, man solle doch Christa Wolf einladen. Das Institut musste ein Gutachten anfertigen, dass Herta Müller würdig sei für die Poetik­­lesung. Und nun platzte man vor Stolz (man hat es ja schon immer gewusst) und war noch stolzer, dass sie tatsächlich gekommen war.
  Auf dem Podium standen zwei Sessel. Der eine schien höher zu sein, vielleicht ist das der für die kleine Herta? Nein, sie setzte sich in den anderen. Michael Lentz im Streifen­­anzug und den Hemdkragen wie ein Zuhälter über den Revers geklappt, dicke Uhr am Handgelenk, zögerte den Beginn sehr hinaus. Er gab ihr das Mikrofon, er suchte nach dem Öffner für die Wasserflasche, öffnete und schenkte ihr ein, schenkte sich ein, dabei glitzerte seine schwere Uhr, dann nahm er einen Schluck aus dem Wasserglas, raschelte mit seinen Papieren, flüsterte mit Herta Müller, schaltete endlich das Mikrofon ein und begann: Liebe Herta. Die Institutsleute duzen sie. Aus Zeitmangel hatte sie keine klassische Vor­­lesung geschieben, sondern sollte im Gespräch mit Lentz ihre Poetik beschreiben.
  Er war aufgeregt und steif und blieb an seinem Frageplan. Sie hielt das Mikrofon im Schoß, bevor sie antwortete, leicht und ohne Druck sprach sie sich heran, schaute manchmal zu Seite, überlegte und sprach dann dichter mit einem fremden R, zum Mitschreiben genau und ohne jede Koketterie, das Lächeln war stes echt, meist über etwas, was sie selbst gesagt hat. Sie ließ auch Dinge offen, auch Widersprüche, auf einen wies Lentz sie hin, sie sagte, na und, dann widerspricht sichs. Lentz fragte sie, ob die Wörter für sie magische Qualitäten haben. Qualitäten, überlegte sie, nicht. Aber, wieder überlegte sie, irgendwas haben sie. Irgendwas haben sie. So ungenau genau, direkt ins Herz. Kein Intellektualismus, kein -mus, die Sinnlichkeit der Wörter, man sagt ja Worte, sagte sie, aber den Unterschied habe sie nie begriffen.
  Hinter den ergriffen lauschenden Honoratioren in der ersten Reihe saß, ganz außen auf dem Platz, der einer Studentin gehörte, die die VIPs einweisen musste, eine Frau im Mantel, die sich zu Beginn des Gespräches nach bewährtem Muster flink auf den Besetzt-Zettel gesetzt hatte und sogar einem Mann, der einen Platz weiter in der Mitte für sich reklamierte, den Zugang verwehrte, er blieb verzweifelt stehen, er konnte sich mit der alten Dame ja jetzt schlecht prügeln. Nach zehn Minuten erhob wohl die Studentin doch Anspruch auf ihren Platz, blitzte aber genauso ab. Irgendwann schwante wohl der Frau, dass sie hier nicht rechtens saß, vielleicht hatte sie auch genug gesehen, sie bot freundlich dem Mann seinen eigenen Platz an und bat die Studentin, ein Foto von ihr und der Nobelpreisträgerin zu machen, die just genau in der Fluchtlinie saß. Die Frau lächelte in Mantel und Sonnenbrille zurück in die Kamera und, als das Foto mit der Nobelpreisträgerin hinter ihr geschossen war, verließ sie mit wehendem Mantel völlig befriedigt den Saal. Ich war da, das Foto ist der Beweis!
  Bei aller Duzerei blieb Lentz steif. Herta Müller ließ sich nicht stören, jedes Thema, welches er von seiner Frage­­liste anschob, nahm sie ernsthaft auf. Ließ immer eine Weile das Mikrofon im Schoß, um dann ein Wort aufzugreifen, das das Problem nicht genau umschrieb, es abzuschneiden von der Frage­­stellung, als lege sie das Problem für sich frei. Genauigkeit, das war eines der Themen. Warum sie die Gegenstände, mit denen sich Menschen umgeben, so genau beschreibt. Weil sie wieder etwas über den Menschen erzählen, ihn näher bringen.
  Nach einer guten Stunde war es vorbei. Langes Klatschen. Und die Ansage, dass man nun ein Buch pro Person signieren lassen könne, nur mit dem Namen. Ich stand ziemlich weit vorn und schoss zum Tisch, wo sich schon ein unüber­­sicht­­licher Haufen gebildet hatte. Ich gehörte nun zum Mob, na und. Lentz nahm die Bücher entgegen und hielt sie ihr hin. Sie schrieb mit schwarzem Stift runde Buchstaben und schaute beim Zurückgeben denjenigen auch an. Die Schlange war unglaublich, später hörten wir, dass 450 Leute im Saal waren. Der schwitzende Organisator vom Literaturistitut scheuchte wie ein Dompteur die Leute zur einen Seite, das gelang nur bedingt. Wer einmal soweit vorn gestanden hat, mochte sich nicht wegrühren. Die Leute auf unserer Seite, die die richtige war, atmeten erleichtert auf. Ich hatte auch kurz gedacht, mich bescheiden hinten anzustellen. Tat es aber nicht, weil ich ja schon so dicht dran war. Da die Reihe nicht ganz ordentlich war, musste man sich kurz vorher verständigen, wer vor- oder zurücktritt. Der Mob verständigte sich nicht, und die Bildung trat zurück. Ich trat vor, ein Herr zurück. Das Mädel vor mir gab Lentz ihr Handy und wollte ein Foto von der Nobelpreisträgerin mit ihr und hatte die schon fast im Arm. Gequält wies Herta Müller auf die endlose Schlange hin, das Mädchen sagte, o.k., dann warte ich. Es scheuchte sie keiner weg. Auch ich bekam einen kurzen Blick von Herta Müller, es war, als würde sie jeden Leser einzeln registrieren und keinem unterstellen, er kaufe das Buch nur, weil sie den Nobelpreis bekommen wird.
  Am anderen Ende des langen Saales gab es einen Sekt, die Leitung der Leipziger Messe, die wohl auch gern Mit­­organisator gewesen wär, brachte sich in Erin­­nerung. Ich traf Christine und Christian wieder. Sie standen mit Hans-Ulrich Treichel beisammen, man war angeregt locker, Treichel blieb nicht unberührt von dem Stolz, die Nobel­­preis­­trägerin hierher bekommen zu haben, die natürlich auch den „bildungs­­nahen Mob“ angezogen hatte. Im nächsten Jahr, sagte er, werden wir zur Poetikvorlesung einen jungen unbekannten Dichter einladen, der noch keine Preise bekommen hat. Ja, sagte Christian ganz bescheiden, da wüsste ich einen. Stopp, sag ich, du nicht, du hast schon einen Preis, ich hatte schließ­­lich die Laudatio gehalten. Treichel: Damit ist die Unschuld verloren. Jeden­­falls würde bei einer Poetik­­vor­­lesung mit einem jungen unbe­­kannten Dichter der „bildungsnahe Mob“ wegfallen und man könnte sich hier langlegen. Ich kicherte über die Wortschöpfung und er registrierte wohl meinen Spaß daran und ich dachte, brauchste nicht ne Begleitung für heute Abend, Herr Treichel?
  Vorn schwebte eine Rauchwolke in dem ehrwürdigen, komplett holz­­getäfelten Ratssaal, Herta Müller signierte mit einer Zigarette in der Hand, sieh an, selbst die Feuerwehr verneigt sich auf ihre Weise vor der Nobelpreisträgerin. Dann war sie tat­­sächlich fertig. Und der Tross kam zum Ausgang, an dem wir standen. Sie hatte einen dunklen Mantel an, eine weiße Tasche baumelte quer an ihrer Hüfte, darin wohl die Schere zum Wörter­­aus­­schneiden. Man wich zurück und machte der kleinen Person großen Platz, sie lächelte Christine an und den Türsteher.

 

Simone Trieder  18.12.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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