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Christine Hoba
Die Waldgängerinnen
Wieder raus aus dem Schneckenhaus
  Kritik
  Christine Hoba
Die Waldgängerinnen
Mitteldeutscher Verlag 2010
272 Seiten | 12,90 Euro

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Die „Tanne“ war ihre Zuflucht in der Kindheit vor dem gefürchteten Vater, den Helene am liebsten umgebracht hätte, das Küchenmesser dazu hatte sie schon in der Hand. Sie flüchtete in die „Tanne“ zur Großmutter mit den nach Zwiebeln riechenden Händen, dort irgendwo in Mecklenburg, wo Helene Jahre später mit dem kleinen Robert vor ihrer Ausreise in den Westen lebte. Die jüngere Schwester war auch gern in der „Tanne“, aber Karen fühlte sich stets als die „Zweite“ und nicht Willkommen, nicht bei den Eltern, nicht bei der Großmutter und dem ewig betrunkenen Onkel.

Seit einigen Jahren leben beide zusammen in der „Tanne“, Frauen um die 40, die „Waldgän­gerinnen“: Die durch den frühen Tod ihres zweiten Sohnes Anton verhärtete Helene und ihre jugendlich wirkende Schwester Karen. Diese hatte die kreuzunglückliche Bio-Bo mit ins Haus gebracht, diese wiederum die verzagte Bildhauerin Ulrike. Anfangs ging das scheinbar gut, Bo übenahm den Bio-Hof, Ulrike richtete sich ein Atelier ein und freun­dete sich mit Helene an, gemeinsam ver­brachten sie viele Stunden bei Tee und Rotwein.

Der Herbsttag, an dem der Roman spielt ist, beginnt wie alle Tage des einge­fahrenen Lebens auf dem Hof. Die Begegnungen der Frauen am Morgen in der Küche sind routiniert, nicht freundlich. Unausge­spochenes, Einge­fahrenes steht wie Beton zwischen den Frauen. Und doch scheint er brüchig zu werden, der Beton, denn etwas ist anders an diesem Tag. Robert, Helenes Sohn, der Bruder des jung verstorbenen Anton, wird erwartet und jede der vier Frauen verknüpft mit seiner Ankunft irgendeine ungenaue Hoffnung.

Christine Hoba flicht in die Verbereitungen für den Besuch Remi­nisze­nzen der Frauen, ihre gebrochenen Biografien und die daraus resultierenden Unzufriedenheiten. Bo verzeiht Helene nicht, dass sie einen Sohn hat und Karen nicht, dass sie einen „Kerl“ hat. Karen verzeiht der Schwester nicht, dass sie einen Kopf größer ist, und sich selbst nicht, dass sie von der „Tanne“ nicht einfach weggehen kann. Helene hält nichts von Ulrikes Kunstwerken. Und Ulrike findet nicht die Ruhe, einen Gedanken weiter­zuverfolgen.

Vielleicht liegt es an diesem Haus, dass man hier keinen guten Gedanken fassen kann. In seinem Gebälk erhängte sich der Hausherr im Suff und hinterließ seinen Nichten diese bau­fällige und her­unter­gekom­mene Ruine. Helene war die Erbin und Karen nur mit einem später unwillig hingekrakelten Zusatz mitbedacht. Wiedermal die Zweite. Karen fühlt sich nicht als Besitzerin. Helene ist die Fleißige, Umsichtige, die hier alles im Griff hat. Doch sie wird dabei beobachtet von Ronny Färber, der dem Onkel so verdammt ähnlich sieht, und der wohl der eigent­liche Erbe des Hauses wäre. Dieser zahnlückige Ronny holzt an dem Tag, an dem der Roman spielt, grinsend den Wald um die vier Frauen herum ab. – Ein groß­artiges Bild ist der Erzählerin damit gelungen, das eine Wende im Leben der „Wald­gänge­rinnen“ ankündigt, die dann so überraschend wie brutal am gleichen Tag, aber erst auf den letzten Seiten des Buches eintritt.

Christiane Hoba zeigt mit dem Roman Biographien über den „Wende­punkt“ der Geschichte, den Fall des Eisernen Vorhangs. Wie das Nachher durch das Vorher bedingt ist. Und, dass eine politische Wende nicht unbedingt gleichzeitig eine private Wende nach sich zieht, weil die eigenen Wurzeln nicht mit der „Wende“ gekappt werden. Und dass man vielleicht in den Wald geht, um andere Wege nicht gehen zu müssen. Wie in ein Schneckenhaus, aus dem das Heraus­kommen so schwer ist.

Christine Hoba schont sich und ihre Leser nicht, das war bereits in ihrem ersten Roman und in ihren bisher erschienenen Erzählungen so. Sich erhängen, sich eine Kugel durch den Kopf jagen, das Messer auf jemanden richten, sich oder andere verbrennen, diese Erlösungs-Vorstellungen ihrer Protagonisten muss der Leser zunächst ertragen. Neu ist in dem plas­tischen Erzählen Christine Hobas ein leiser Humor, der sich auf all den Schmerz, der aus den Seiten quillt, wie ein kleiner, kühler, lindernder Hauch legt oder wie die Batist­tüchlein der alten Nachbars­frau in den „Waldgän­gerin­nen“ mit den „geradezu gotisch anmu­tenden Maß­werk­häke­leien“.
Simone Trieder   11.03.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Simone Trieder
Prosa
Reportage