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Daniel Ketteler
Das Knacken in der Rille




  Kritik
Daniel Ketteler | Das Knacken in der Rille   Daniel Ketteler
Das Knacken in der Rille Gedichte
Parasitenpresse, Köln 2007


In einem Forum für bekennende Vinylfreunde stieß ich kürzlich auf den Eintrag eines (anscheinend) noch jungen Schallplattenhörers. Dieser hatte diverse LPs nebst dazugehörigem Platten­spieler geerbt und ärgerte sich nun über das Knacken beim Abspielen der Platten, das er „von seinen CDs nicht gewohnt sei“. Ein hilfs­bereiter Sammler gab daraufhin den Tipp, die Schall­platten mit einer Carbon-Bürste zu reinigen, um ihnen dadurch die elektro­statische Ladung zu nehmen – sollte dies nichts nutzen, bliebe noch die Möglichkeit einer Plattenwäsche. Ein anderer Forumnutzer empfahl die Digita­lisie­rung mit an­schließender Stör­geräusch­redu­zierung (ein seltsam anmutender Tipp inner­halb eines Vinyl­forums, aber gut). Rein technisch mag es also möglich sein, seine alten Schall­platten ohne Knacken und Kratzen, Knistern und Rauschen zu hören – aber will man das?! Sind nicht gerade die kleinen Neben­geräusche das, was einer Platte ihre Indi­vidualität verleiht? Gehören die Macken des Objekts – beim Knutschen mit der Freundin gegen den Platten­spieler gerauscht, die Scheibe dem kleinen Bruder geliehen und fast heile wieder­bekommen ... – nicht zum eigenen Leben? Jedes Knacken, jeder Kratzer Zeugnis der Vergänglichkeit, Dokumentation von Erlebnissen, erlebten Gefühlen.

Daniel Ketteler, 1978 geborener Literat (neben Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften bisher zwei Einzelbände mit Kurzprosa, zudem Mitherausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) und Musiker (als Elektro Willi und Sohn), ist sich der Bedeutung dieser Nebengeräusche bewusst. Anstatt die Wunden seiner Vergangenheit zu leugnen oder zu versuchen, sie mit dem süßen Saft der digitalen Korrektur zu überziehen, nimmt er sich ihrer an und bietet ihnen in seinen Gedichten eine Heimstatt. Das Knacken in der Rille, erschienen als Band 21 der Lyrikreihe der Parasitenpresse Köln (die sich bei der Gestaltung des Bandes treu bleibt; cremefarbene Doppelbögen mit Pappregister-Einband), spannt dabei einen großen zeitlichen Bogen. Inspiriert durch die abstruse Atmosphäre eines Cafés (in New York, wo neben Zürich einige der enthaltenen Gedichte entstanden sind), gelangt ein Kindergartenfreund und der Tod dessen Hundes in seine Lyrik, assoziiert durch Gerüche – Du sagst, es riecht nach Hund, / ich denke noch Gemütlichkeit und / Bürgertum, dann der Exkurs ins Riechzentrum / und mir geht auf, was ich bei ihm vermisste. / ... (aus Tod, nach einem Motiv von William Carlos Williams). Nicht ganz so weit zurück geht er in Landnahme, ein Gedicht über seine dörfliche Heimat, welches er mit einer (Zitat:) „Büchner-Lenz-Variation“ ausklingen lässt: Dann dreht sich plötzlich alles um / und ich erahne, wie schön es wäre, / einmal auf dem Kopf zu gehen, / den ganzen Saft im Kopf und / Luft dann in den Zehen.

Seine Gedanken mögen schweifen, seinen momentan ausgeübten „Brotberuf“ als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik seiner schweizerischen Wahlheimat Zürich (womit er in einer langen Tradition von Ärzten steht, die zugleich auch Schriftsteller waren – der Lyriker Gottfried Benn etwa, oder Alfred „Biberkopf“ Döblin, oder Friedrich Schiller, der zunächst als Militärarzt gearbeitet hatte, oder...) lässt er jedoch auch in seinen Gedichten nicht hinter sich: ... und wenn / ich das Gehirn des Dichters in dünne / Scheiben zerlege, und wenn sich die / bunten Farbnuancen auf dem Schirmbild // zeigen, dann bin ich mir wieder gewiss: / das Hirn, das ist der reine Beschiss.

Im abschließenden Text des Bandes erweist Daniel Ketteler seinem zweiten künstlerischen Standbein Reverenz: der Musik. Hildegard Knef (Remix) ist ein Liebeslied im klassischen Sinne, ist geschrieben von einem ICH an ein DU, präsentiert mit einem vorgezogenen Refrain einen ungewöhnlichen Einstieg und kann beim Poetenladen externer Link probegehört werden.

Eine schöne, poetische Stimme, die den Leser/Hörer in die Vergangenheit führt, gleichzeitig eine bildreiche Gegenwart offenbart und darauf hoffen lässt, dass es für die meisten eine Zukunft zu geben scheint.

Das Buch (Daniel Ketteler. Das Knacken in der Rille, 14 Seiten, 5 Euro)
ist per Email zu beziehen über: parasitenpresse[ad]hotmail.com

Daniel Ketteler im Poetenaden Daniel Ketteler im Poetenaden

Stefan Heuer   11.07.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

 

 
Stefan Heuer
Lyrik
honig im mund
galle im herzen