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Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein

Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner lite­rarischer „Gedenks­teine“ in Form eines Gedichtes jüngst ver­stor­bener Dichter, über­wiegend fremd­sprachiger, aber auch deutsch­sprachiger. Aus­gangs­punkt sind unter ande­rem aktuelle Todes­mel­dungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.

Tomaž Šalamun
(Zagreb 1941 – Lubljana 2014)
History

Tomaž Šalamun ist ein Scheusal.
Tomaž Šalamun ist eine Kugel, die in der Luft dahinflitzt.
Niemand kennt ihre Erdumlaufbahn.
Sie liegt im Halbdunkel, schwimmt im Halbdunkel.
Die Menschen und ich schaun sie an, verwundert,
wir hoffen auf das Gute, vielleicht ist sie der Stern von Bethlehem.

Vielleicht ist sie die Strafe Gottes,
ein Stein, der Grenzstein der Welt.
Vielleicht ist sie ein Punkt im Weltall,
der dem Planeten Energie geben könnte,
wenn Erdöl, Stahl und Nahrung erschöpft sind.
Vielleicht ist sie nur ein Spiel der Zellen, eine Geschwulst
und man sollte ihr den Kopf abreißen wie einer Spinne.
Aber dann würde etwas
Tomaž Šalamun ausschlürfen, wahrscheinlich der Kopf,
wahrscheinlich eher der Kopf als der Körper.
Aus dem Kopf würden neue Beine wachsen.
Wahrscheinlich müßte man ihn pressen
zwischen zwei Glasplatten, photographieren und einlegen
in Formaldehyd, damit die Kinder ihn anschauen können
wie Föten, Meerjungfrauen und Grotten-
olme. Die Türsteher würden spekulieren
mit den Eintrittskarten und sie zweimal vekaufen.
Das ist gut für die Menschen, das gibt ihnen Brot.

Nächsten Sommer wird er wahrscheinlich in Hawaii sein
oder in Ljubljana. Auf Hawaii ist es sehr
warm. Zur Uni gehn die Leute barfuß.
Die Wellen sind bis zu einhundert Fuß hoch.
Unaufhörlich bebt, bebt die Erde.
Durch den Ort hasten Profitmacher.
Die Gegend ist phantastisch für die Liebe,
denn Salz ist in der Luft und sanfter Wind.
In Ljubljana aber sagen die Leute: sieh mal!
Das ist Tomaž Šalamun, in einen Laden ist er gegangen,
er kauft mit seiner Frau Maruška Milch,
um Milch zu trinken.
And that's history.

Aus dem Slovenischen übersetzt von Peter Urban. Aus: Vier Fragen der Melancholie, Edition Korrespondenzen, Wien 2003.

»Das bedeutet Dyna­mik, Wider­sprüch­lich­keit, Stoff­fülle, Auflehnung, Sprach­kühn­heit, Hemmungs­losig­keit, Gran­dio­sitäts­wahn, Zart­heit, Respekt­losig­keit, Suche, ironi­sches Pathos – in allen er­denk­lichen Mischun­gen.« Ilma Rakusa

Tomaž Šalamun wurde in Zagreb (Kroatien) geboren und ver­öf­fent­lichte zahl­reiche Gedicht-Sammlungen auf Slowe­nisch. Auf Deutsch sind seine Gedichte unter anderem bei der Edition Korre­spon­denzen er­schienen, so zuletzt die zwei­sprachi­ge Ausgabe Rudert! Rudert! (2012). Tomaž Šalamun ver­brachte zwei Jahre am Writer's Work­shop der University of Iowa und lebte seit­dem zeitweise in den USA. Er starb am 27. Dezem­ber 2014 in Ljubljana (Slowenien).

 

Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    07.01.2015

 

 

 
 

STELEN

    Tomaž Šalamun
  1   Inger Christensen
  2   John Updike
  3   Abdelkébir Khatibi
  4   Petre Stoica
5   Alexej Parschtschikow
6   Elfriede Gerstl
7   Craig Arnold
8   Idea Vilariño
9   Nazar Hončar
10   Kamala Das (Surayya)
11   Adolf Endler
12   Constantin Bănescu
13   Raymond Federman
14   Dilip Chitre
15   Rachel Wetzsteon
16   Gisela Kraft
17   P. K. Page
18   Abraham Sutzkever
19   Lucille Clifton
20   Jelena Schwarz
21   Wladimir Klimow
22   Erika Burkart
23   Edoardo Sanguineti
24   Pete Morgan
25   Bengt Emil Johnson
26   Vesna Parun
27   Walter Helmut Fritz
28   Bella Achmadulina
29   Alexander Mironow
30   Peter Paul Zahl
31   Edouard Glissant
32   John Haines
33   Hamid Skif
34   Thor Vilhjálmsson
35   Jordi-Pere Cerdà
36   Magang-Ma-Mbuju Wisi
37   Andrea Zanzotto
38   Fuad Rifka
39   Rémi-Paul Forgues
40   Wisława Szymborska
41   Wolfgang Schlenker
42   Bernard Vargaftig
43   Richard Anders
44   Nguyen Chi Thien
45   Ali Podrimja
46   Jacques Dupin
47   Bo Carpelan
48   Anne-Marie Albiach
49   Décio Pignatari
50   Werner Laubscher
51   Jean Krier
52   Federico Hindermann
53   Sarah Kirsch
54   Chinua Achebe
55   Alexandru Muşina
56   Rolf Haufs
57   Leung Ping-kwan
58   Elisabeth Borchers
59   Seamus Heaney
60   Hans-Jürgen Heise
61   Kofi Awoonor
62   Helga M. Novak
63   Giorgio Orelli
64   Amiri Baraka
65   Wanda Coleman
66   Juan Gelman
67   José Emilio Pacheco
68   Natalja Gorbanewskaja
69   Leo Vroman
70   Ryhor Baradulin
71   Szilárd Borbély
72   Tadeusz Rózewicz
73   Leopoldo María Panero
74   Samih al-Qasim
75   Gerrit Kouwenaar
76   Miodrag Pavlović
77   Martin Harrison
78   Mariano Lebrón Saviñón
79   Abdelwahab Meddeb
80   Bernard Heidsieck
81   Mark Strand
82   Tomaž Šalamun
83   Sabah al-Kharrat Zouein
84   Arnaldo Calveyra
85   Chris Bezzel
86   Rolf Persch
87   Malek Alloula
88   Yaşar Kemal
89   H.H. ter Balkt
90   Günter Grass
91   Hans Bender
92   Philip Levine
93   Henri Corbin
94   Klaus Rifbjerg
95   Herberto Helder
96   Ulrich Zieger
97   Renate Rasp
98   Tomas Tranströmer
99   Rainer Kirsch
100   Jørgen Sonne
101   Oleh Lysheha
102   Lee Harwood
103   Christopher Middleton
104   Dominik Steiger
105   C. D. Wright
106   Fathieh Saudi
107   Eduardo Chirinos
108   Gülten Akın
109   Yves Bonnefoy
110   Hans van de Waarsenburg
111   Geoffrey Hill
112   Paul Wühr
113   Leland Bardwell
114   Fabjan Hafner
115   Aleš Debeljak
116   Werner Lutz
117   Ilse Aichinger
118   David Antin
119   John Montague
120   Ferreira Gullar
121   Marcos Ana
122   Ray DiPalma
123   Ted Greenwald
124   David Meltzer
125   Harry Mathews
126   Hubert Lucot
127   Thomas Moore Raworth
128   Emira Rodríguez
129   Derek Walcott
130   Anne Dorn
131   Nabile Farès
132   Sigurður A. Magnússon
133   Roy Fisher
134   Joanne Kyger