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Marlis Thiel
Der Kaufmann und der Dichter

Mach mir den Oelze!
  Kritik
  Marlis Thie
Der Kaufmann und der Dichter
Donat Verlag Bremen, 2011
240 S., 18,80 €

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„Der Kaufmann und der Dichter“ – ein Titel wie für ein Märchen aus „Tausend­undeiner Nacht“. Und ist es nicht auch märchen­haft, was die Scheherezade aus Greves­mühlen, Marlis Thiel, zu erzählen hat? Nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte einer Männerfreundschaft, wie es sie heute wohl kaum noch gibt. Denn diese Freundschaft gründet sich auf Briefe. Mehr als 700 sind es, die sie in 24 Jahren mitein­ander gewechselt haben – der Kaufmann und der Dichter. Der Name des Dichters ist in der literarischen Welt ein Begriff. Die Literatur über den Berliner Arzt für Haut- und Geschlechts­krank­heiten füllt Biblio­theken. Dem Porträt des Dichters Gottfried Benn etwas Neues hinzu­zufügen dürfte schwer sein. Auch zum Romanheld hatte er es schon gebracht. Erinnert sei an das großartig montierte Epos von Pierre Mertens „Der Geblendete“ (Argon Verlag, 1989). Weitaus dürftiger fällt der Befund über den Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze aus. Da gab es noch manche Entdeckung zu machen, und Marlis Thiel hat in der Tat dem Bild vom tadellos gekleideten Gentleman, der stets mit Blumen vor der Tür stand, etliche neue Facetten hinzugefügt. Und auch das Wechselspiel zwischen Annäherung und Abstand halten wird vielschichtiger. So erfährt selbst der Kenner der dreibändigen „Briefe an F.W.Oelze“ Unerhörtes, etwa daß der Kaufmann sich trotz seiner Abneigung gegen die Nazis mit dem Handel von geraubten jüdischen Kunstwerken auf morastiges Terrain begeben hatte, von seinen unerfüllten künstlerische Ambitionen, dem Versagen als Ehemann und Vater oder vom Zickenkrieg zwischen den Gattinnen. Oder wie der Kaufmann im Sündenbabel Berlin von homoerotischen Heimsuchungen geplagt wird. Überhaupt sind die Passagen, die sich mit der bizarren Gestalt des Kaufmanns, seinen oft nur aus Benns Antworten erahn­baren Ängsten und Selbstzweifeln befassen, die interes­sante­ren. Der Dichter hatte ihn ja lange auf Distanz gehalten, bevor er selbst zum Werbenden und Treue Einfordernden geworden war, meist aus echten Kalamitäten heraus. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg kommen die Fress­pakete und Wein­sendungen aus Bremen gerade recht, und die Schützenhilfe des Verehrers beim sich anbahnenden Comeback in der Adenauer­republik war auch nicht von Pappe.

Den vollen Genuß dieser, an kleinen Gehässig­keiten und Demuts­gesten so reichen Bezie­hung erlangt man zweifellos erst mit der Lektüre der Bennschen Briefe. Wer zu Thiels Buch greift, wird sie aber zumindest schon einmal in der Hand gehalten haben, wenn er sie nicht gleich daneben legt, um die erzählten Passagen am Originalsound des Dichters zu überprüfen. Dafür ist es allerdings schade, daß Thiel weitgehend auf die Datierung der zitierten Brief­passagen verzichtet. Die Verfahrens­weise von Marlis Thiel, ein Gespinst aus Monologen, Gedankenspielen und möglichen Rückkopplungen zu entwerfen, ohne dabei den historischen Back­ground zu ver­nachlässigen, gibt Aufschluß über die Gefährdungen, denen die Korre­spondenz vielfach ausgesetzt war, und liefert das Zeitkolorit, vor dem sich diese einzigartige Symbiose aus geistigen und materiellen Anregungen entfaltet. Ärgerlich nur, wenn sie übers Ziel hinausschießt und glaubt, dem Leser eine Geschichts­lektion erteilen zu müssen. Das liest sich dann eher wie eine Verlautbarung der Bundeszentrale für politische Bildung: „Hitler traf sich gleich zu Anfang des Jahres 1933 mit den Industrie­magnaten des Ruhrgebiets, das Bündnis zwischen Politik und Wirtschaft zu schließen, den Teufels­pakt einzugehen.“ (S.83) In diesem Stil geht es oft über Seiten, und man merkt der Autorin an, daß sie als promovierte Kunst- und Sozial­wissen­schaftlerin ängstlich bemüht ist, am eigenen, politisch korrekten Standpunkt keinen Zweifel aufkommen zu lassen, obwohl sie sich doch zwei so schillernden Demokratie­verächtern zuwendet. Auch gelegent­liche stilistische Ent­gleisungen, wie der Satz „Aber er würde ihnen den Gefallen nicht erfüllen“ (S.51f) oder die Verwendung des neud­eutschen Wortes „Promi“ stören den sonst stimmigen Gesamt­eindruck.

Am stärksten sind jedenfalls die Passagen, in denen es Marlis Thiel gelingt, den hinter Höflich­keits­floskeln und Kratz­füßen lauernden Dissens zwischen dem wert­konser­vativen Kaufmann und dem Pragma­tiker Benn herauszufiltern. Nadelstiche, die man im Benn-Original leicht überliest, lassen die Kluft ahnen, die zwischen den sich lebenslang siezenden Herren zum Ende hin immer größer wird. Je mehr der Dichter der artis­tischen Balance zwischen Hoch­sprache und Jargon, Natur­wissen­schaften und Scharlatanerie, Mythos und Radio­schlager, Gehirn­schwere und Blumenvase frönt, desto mehr fühlt sich der Goethe-Verehrer aus Bremen irritiert und vor den Kopf gestoßen. Und wenn Benn ihm die Säulenheiligen des Insel-Verlags madig macht, Rilke und Hölderlin oder selbst Goethe lästert, der immerhin Anlaß von Oelzes ersten Brief gewesen war, bekommt ihr Verhältnis Risse, die auch die Konzi­lianz des Dichters nicht fugenlos kitten kann. Freilich läßt der Kaufmann sich seine Vorstellung vom großen Dichter nicht mal von diesem selbst erschüttern. Notfalls verteidigt er das ihm Gültige schon einmal gegen die seiner Meinung nach allzu saloppen Texte der Spätzeit. So entsteht ein wirklich spannendes Doppel­porträt – mag man es nun Roman nennen oder biogra­phischen Essay – vergleich­bar einer Fotografie, auf der wie von Geister­hand eine bisher immer undeutliche und schlecht belich­tete Gestalt plötzlich an Kontur und Helligkeit gewinnt. Auch auf dem Buchdeckel ist Oelzes Gesicht verschat­tet und unscharf. „Mach mir den Oelze!“ – diesen Impe­rativ hat die Autorin sich zu Herzen genommen und damit den Kaufmann aus Bremen endgültig aus der Rolle des so lange nur in Fußnoten, Nachwörtern und Registern Erwähnten heraus­gehoben.
Thomas Böhme   10.10.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Thomas Böhme
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