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Jo Lendle
Mein letzter Versuch die Welt zu retten

Castorchaos vs. Eigenheim
Kritik
  Jo Lendle
Mein letzter Versuch die Welt zu retten
Roman
DVA 2009
256 Seiten , 19.95 Euro

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Hinfahrt – Rückfahrt. Zwei Tage, ein Atemzug in den sich Jo Lendles neuer Roman Mein letzter Versuch die Welt zu retten gliedert. Am Anfang steht Florian Beutler, genannt Flo, der uns zwei Dinge unmissverständlich klar macht: Das eine, dass er es ist, der uns seine Geschichte erzählt, und das andere, dass er bereits tot ist.

Doch vor der Erlösung am Ende des Romans steht die Anspannung, die Hinfahrt ins Wendland, zur Castorblockade im Jahr 1984, zu der sich Flo mit sechs anderen Jugendlichen aufmacht. Gefährt und Tarnung zugleich ist der Gemeindebus, den Wolfs Vater, Pastor, der Gruppe zur Verfügung stellt. Für den Fall, dass die Polizei auf der Suche nach potentiellen Castorgegnern, kontrolliert, hat man sich wie zur Konfirmation herausgeputzt und will mit einem mäßig eingeübten Lied, den Kirchenchor auf dem Weg zu einem Auftritt mimen. Wenn auch nicht für die Staatsmacht, so verliert der fingierte Jugendchor keinesfalls seine Wirkung: Es ist doch immer wieder eine ziemliche Macht. … es war zum heulen schön. Trotz der Fahrgeräusche entkam keiner von uns der Demut. Die Fahrt ist ein Gruppenerlebnis, klar, und so wundert man sich nicht, dass Flo selbst nicht so genau weiß, ob er eigentlich nur wegen Anton, die mit vollem Namen Antonia heißt, dabei ist.

Doch Flo und Anton sind kein Castorpaar, kennen sich vielmehr seit der Kindheit und obwohl er sich schon in sie verliebt hat, als er im Schul­orchester die schwarze, schöne Schnecke ihrer Geige sah, kommen sie nie zusammen. Nicht etwa, weil man sich sexuell umtriebig, in einer wilden Zeit nicht für­einander entscheiden kann, sondern, weil die Eltern viel schlimmer sind. An seinem Geburtstag will Flo ein Fest geben, mit dem der Plan einer ersten gemein­samen Nacht verbunden ist, wie der tote Erzähler Florian sich ausdrückt. Durchkreuzt wird der Plan, Freud hätte es sich kaum besser ausdenken können, von seinem Vater, der zum Ende des Abends mit Antons Mutter eine erste gemein­same Nacht verbringt. Und so erhebt Flo Anklage gegen eine ganze Generation, die nicht nur lebendiger ist, sondern ihren Kindern auch noch die ganze Pubertät stiehlt.

Doch auch ohne Eltern, in der Nacht im Blockadecamp kommen sie nur in Flos Phantasie zusammen. Woran das liegt, kann man nicht so genau sagen: Wahrscheinlich will Anton einfach nicht. Oder liegt es an dem Geruch des väterlichen Unterleibes, den der Familienanzug verströmt?

Der Zweite Teil, der Tag der Heimkehr, bricht mit wattstarken Polizei­schein­werfen viel früher an, als erwartet. Etwas wurde von Blockierern entwenden und die Polizei will es wiederhaben. Das Camp wird geräumt, das Spiel ist eröffnet: Flos Gruppe – fast vollständig – wird von der Polizei auf freiem Feld ausgesetzt.

Von da an versinkt die Welt um Flo im Chaos. Wir spielen Katz und Maus, Kommentiert Bernd die Situation. Auch wenn keiner sagen kann, wer hier mit wem spielt. Zwischen Barrikadenbau und Flucht vor der Polizei wird die Gruppe immer kleiner, einer nach dem anderen bleibt zurück bis Holger sich nicht mehr zurückhalten kann und Zehn kleine Negerlein anstimmt. Wie zu beginn eine sakrale Atmosphäre, beschwört das Singen auch hier etwas. Und so wünscht Flo sich in einem seiner ständigen Tagträume nichts mehr, als in seinen Schlafsack gerollt auf der Wiese zu sitzen und den Castor ganz nebenbei anzuhalten – allein natürlich, wie es sich für wahre Helden gehört.

Doch zur Ruhe kommt er nicht und einige Barrikaden weiter fällt ihm auch noch der Gegenstand zu, den die Polizei fieberhaft sucht: eine Dienstpistole. So wird Flo vom Mittelpunkt seiner Geschichte zum Mittelpunkt des ganzen Konflikts, in dessen Entfesselung erst seine Harmonie entsteht. Denn letztlich muss er der Polizei dankbar sein, dass es überhaupt einen Konflikt gibt.

Mit der Pistole auf der Flucht bleibt Flo tatsächlich als letzter übrig und nachdem er auf der Flucht per Dienstpistole noch ein Opfer bringt, kehrt er heim und transzendiert nicht nur die Grenzen des menschlichen Lebens, in dem er zum toten Erzähler wird, sondern auch noch die der BRD.

Wenn einen die etwas niedliche, lamoryante Stimme des Erzählers, der sich an sein kurzes Leben erinnert nicht zu sehr in den Ohren liegt, ist man von der Hintergründigkeit und Doppelbödigkeit der Sprache verblüfft. Der liebe, etwas naiv-kleinbürgerliche Erzähler wünscht sich Antons Kopf wie einen Gartenzwerg im Garten zu vergraben und vergleicht den Ausdruck seiner Anton beim masturbieren mit der Verzückung der heiligen Theresa. Ganz am Strom der Zeit, in einem Wiederaufgehen des Biedermeierlichen, zeigt sich Begehren und sexuelle Perversion unter der braven Rede des Erzählers, von dem man manches mal denkt, dass er sich einfach nur eine Spießerwohnung wünscht.
Tillmann Severin   24.11.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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