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Natalja Kljutscharjowa
Endstation Rußland

Russland: vierte Klasse ins Paradies
Kritik
Natalja Kljutscharjowa: Endstation Rußland   Natalja Kljutscharjowa
Endstation Rußland
Roman
Suhrkamp Verlag 2010
187 Seiten, 9,90 Euro

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„Das Glück waren Küsse auf der Kussbrücke. Muntere Fischlein in der müden Moika. Das Glück stahl in den Läden fades Petersburger Brot und Brodsky-Taschentücher. ... Jenes auf ewig neunzehnjährige Glück lebt im Gedächtnis als endlose Musik.”

Doch ab neunzehn hat das Glück im gegenwärtigen Russland leider andere Sorgen: Jasja, die Freundin des Helden Nikita, tauscht ihre junge Rast­losigkeit, die morgens nicht weiß, wo sie am nächsten Morgen aufwacht, gegen eine, in der sie nicht weiß, ob das Geld morgen aus Porno-Aufnahmen oder vom nächsten Sugardaddy kommt. Ihre Ruhe findet sie schließlich beim letzten Papik – wie man in Russland die ältlichen Sponsoren nennt –, einem Arzt, dessen Arzneischränkchen sie schließlich schlafen lässt.

Ohne Jasja braucht Nikita selbst viel Alkohol oder andere Drogen, um schlafen zu können. Nikitas eigene traurige Geschichte ist die erste, die dem Leser auf dessen neuer Suche begegnet: der Suche nach Russland, die er ohne Geld in der Tasche und unter ständigen Ohnmachtsanfällen beginnt. Ziel- und rastlos fährt er umher und sammelt die Geschich­ten seines Landes, die ihm von seinen Mitmenschen erzählt werden.

Rossija: obšcij vagon lautet der Titel im Original, was soviel heißt wie Russland vierte Klasse Wagon. Dort ist Nikita mittendrin und hört den Ge­schichten seines Landes zu. So ist nicht verwunderlich, dass der schwäch­liche Held, der andauernd in Ohnmacht fällt, oft Idiot genannt wird. Als Dostoevskij-Figur bewegt er sich nicht nur durch seine Mitmenschen, sondern auch durch die russische Literatur, die in zahlreichen Zitaten stets Ort der Referenz ist.

Nach all den traurigen und bizarren Geschichten fragt sich, wo die Hoffnung in dem Land bleibt, in dem sich immer noch die alte Frage Was tun? stellt. Mehr als die Hälfte des Romans muss der Leser warten, bis ihm die erste gute Geschichte begegnet, und diese ereignet sich auf dem Land. Mir, das russische Wort für Frieden und gleichzeitig für die Dorfgemeinschaft, die von den Slavo­philen im 18. und 19. Jahrhundert als Idealgemeinschaft im russischen Volk gesehen wurde, erlebt eine kleine Wiedergeburt. Irgendwo im Nirgendwo begegnet Nikita Vater Andrej; und der bewirtschaftet in einem kleinen verlassenen Ort, der den sprechenden Namen Gorki trägt, eine alte Kolchose und baut eine neue Dorfgemeinschaft auf. Als Nikita mit Andrej am Abend auf dem kleinen Glockenturm steht, die Weite Russlands um ihn erstrahlt und das Glück einen Moment der Identität mit sich selbst genießt, fragt man sich als Leser unwillkürlich, ob man soviel Pathos nicht als Kitsch empfinden sollte.

Und mit den guten Geschichten geht es weiter. Auf eigensinnige, vielleicht ebenfalls pathetische Art gerät Nikita und mit ihm der Roman in die Fänge der unabweisbaren Frage nach der Revolution. Die alte Frage, bei der im Roman nicht nur Puschkin, sondern auch die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts Pate steht, beantwortet Nikita zwar mit einer Ohrfeige, aber anders als Majakowski. Einige Positionen zu Religion und Sexualität, die dabei nahe gelegt werden, erscheinen konservativ, doch Kljutscharjowa spart auch die Kritik an Politik und Staatsgewalt nicht aus, die in einem etwas anderen Gewand als die klassisch kritischen Posi­tionen daher­kommen.

Der Roman bietet dem deutschen Leser einen eigenen Blick auf das riesige Land mit seinen Geschichten und Gestalten, die bisweilen bizarr anmuten, denen die russische Realität aber in nichts nachsteht. Es ist ein Blick, der dem verängstigen und vielleicht auch spöttischen Spiegel­leser ein Stück Russland zeigt, das sehr viel mehr Positives zu bieten hat, als die deutsche Presse glaubt. Und an Russland kann man eben nur glauben. Der Roman ist für deutsche Leser auch ein Stück Russlandromantik. Diese steht über der Angst vor den Gaspreisen und macht neugierig auf ein Land, das bei aller Tristesse und Brutalität auch etwas zu bieten hat, das über die deutsche Alltags­ordnung hinausgeht.

Viel Wunderbares, ein fata­listisch anderes Revolutions­pathos, Abgründigkeit und ein Schuss Phantastik: Das ist Endstation Russland. Und dieser lesens­werte Roman setzt auch einen Kontrast zu Teilen der jungen Literatur in Deutschland, die sich in lamoryantem Ton über das dekadente Partyleben in einer Wohl­stands­nation auslässt.

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Tillmann Severin   18.07.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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