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Leonhard Lorek
daneben liegen

Spätes Debüt, mit Papierflugzeug in der Tasche
  Kritik
  Leonhard Lorek
daneben liegen
Verbrecher Verlag 2009
Hardcover, 19.- Euro

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In einem Prosa­gedicht von Leonhard Lorek, das, in der gedruckten Version, gleich von zwei weiteren Personen unterzeichnet wurde und noch heute wie eine Absichts­erklärung klingt, finde ich überraschenderweise eine Floskel wieder, die im Ostberlin der Achtziger (oder auch nur am Prenzlauer Berg) in der Luft gelegen haben muss und von Lorek und seinen Mit­streitern (zwei imaginären Prota­gonisten?) aufge­griffen wurde: den Begriff eines „kommissarischen Ich“.
  Was ein „kommis­sarisches Ich“ um diese Zeit auch bedeutet haben mag: Sieht einer den Humor an der Sache, denkt er zuerst vielleicht an einen schrägen Popsong von Falco und die Refrainzeile „Der Kommissar geht um“, Ironi­sierungen amerikanischer Fernseh­serien wie „Columbo“ oder „Einsatz in Manhattan“ – oder den Detek­tiven Leonhard Lorek, der besagte Floskel spannend und aufregend gefunden haben muss und umgehend in ein Gruppen-Gedicht oder gedicht­ähnliches Statement einbaute. Eine gewisse Vorsicht ist dabei jedoch geboten. Betrachtet man es nicht so wertfrei wie es zu dieser Zeit noch möglich war und im literatur- bzw. zeit­geschichtlichen Kontext der Neunziger, fällt einem sofort Wolfgang Hilbig ein, der diesen Gemeinplatz als Zitat seinem Roman „Ich“ voranstellt.
  Einen Exkurs, bevor ich mich weiter in Loreks Buch hinein­bewege, möchte ich der besseren Versteh­barkeit halber hier unternehmen. Denn die Querelen, in welche das Ich (ohne die Anführungszeichen, als Stilfigur) nach dem Erscheinen von Hilbigs Roman geriet, waren gravierend und führen bis heute zu Irrtümern und Dif­fusionen, die fast schon wieder zum Fundus der Literaturgeschichte gezählt werden können. Hilbig – und seinem Erfahrungshintergrund nach ist das verständlich – mochte das postmoderne Ich nicht, wenn damit ausschließlich Mummenschanz betrieben wurde und jemand nicht zu dem stehen musste, was er schrieb. Er torpedierte diesen Ansatz gelegentlich auch vor Erscheinen des Romans „Ich“ – doch wenn die Öffentlichkeit bis dahin so gut wie keine Notiz davon nahm, so geschah das um so heftiger, als zwei Autoren der Prenzlauer-Berg-Szene als informelle Mit­arbeiter der Staats­sicherheit enttarnt wurden. Mit einem merkwürdigen Neben­effekt: Das Kunstprodukt „Ich“ wurde auf einmal generell mit einem Dokument verwech­selt. Autoren, die sich im Umfeld von Hilbig befanden oder befunden hatten, schließlich auch Schrift­steller, die aus dem Osten kamen und mit einem poetischen Ich aus­drückten, gerieten plötzlich, wenn auch nur unter dem halbseidenen Siegel der Verschwiegenheit, gleich mit unter Verdacht, wenn nicht für das System als Spitzel gearbeitet zu haben, so doch wenigstens unter einem blasierten Ego zu leiden.
  Und dazu noch etwas. Nach dem Fall der (inner­deutschen) Mauer, schon kurz nach dem Erscheinen des Romans „Ich“, als Hilbig in der Kleinstadt, aus der wir seinerzeit stammten, wieder regelmäßig zu Besuch war, kam es bei einem gemein­samen Freund einmal zu einer Gesprächs­situation, in der ich ihn darauf hinzu­weisen versuchte, dass er mit dem (für die Öffent­lichkeit und in der Öffentlichkeit) zu wenig aus­tarierten Blick auf die Stilfigur auch für alle nach­folgenden Autoren, die dasselbe Recht darauf haben, mit ihrem poetischen Ich so spielerisch umzugehen wie er das als junger Mann für sich selbst einge­fordert hatte, die Tür mit verschloss. Zwischen uns war nie ein lautes Wort gefallen, es fiel auch in dem Moment keines, und von meiner Seite her kann ich den ihm neuerdings nach­gesagten Jähzorn auch nicht bestätigen. Auf das, was ich zum Ausdruck brachte, reagierte er eher mit Verwun­derung, da er wusste, dass ich schon während meiner Armeezeit ähnliche Beschä­digungen hinnehmen musste wie er sie selbst zur Genüge erfahren hatte, und mir das, was er mit diesem „Ich“ beschrieb, auch nicht annehmen musste, da es mit mir nichts zu tun hat. Ob das Gesagte in ihm etwas in Bewegung brachte, lässt sich für mich nur schwer bzw. überhaupt nicht sagen. Was ich meinte, galt in einem gewissen Sinn jedoch ebenso für ihn und sein eigenes Hand­werkszeug. Er musste in Betracht ziehen, dass der theo­retische Hinter­grund, den er beim Schreiben mit im Blick hatte, von der Öffentlichkeit so nicht geteilt wird, es ihm auch selbst geschehen kann, dass die Öffent­lichkeit (oder Teile des Feuil­letons) sich einen seiner Texte nimmt, diesen ganz und gar nicht in den von ihm angedachten Kontext überträgt, die Inhalte den Bedürf­nissen der Zeit entsprechend anpasst, wie es seinem Roman „Das Provisorium“ zwei Jahre nach seinem Tod widerfahren ist.
  Auffällig ist, dass die Schlinger­bewegungen, in die das lyrische Subjekt / poetische Ich in der Literatur der Nach­wendezeit geriet, bei vielen Lyrikern nicht zu übersehen sind, und bei den meisten interes­santer­weise erst durch das inter­kulturelle Groß­ereignis Jahr­hundert­wende langsam wieder auflösen. Die Möglich­keiten, die sich die Autoren zur Selbst­befra­gung oder Reflexion noch zugestanden, blieben (mit Ausnahme derer, die verstummten) beschränkt auf eine gewisse Engführung der Stilfigur, so zum Beispiel das permanente Monolo­gisieren, den Kunstgriff, sich mit dem Zweiten Personalpronomen im Singular als Du anzusprechen, das Ich bzw. lyrische Subjekt vollkommen zum Verschwinden zu bringen und dabei mehr oder weniger zum Medium zu erklären. Für den ein oder anderen (in der Vermischung der genannten Möglichkeiten) führte das zur rigorosen Abwendung vom Ästheti­zismus; andere (und auch das gehörte, wenigs­tens in Ex-Ost-Deutschland, während der Hoch-Zeit post­moderner Aus­drucks­formen zum Machbaren) verfolgten weiter­hin die relativ risikofreie Variante, den Mummen­schanz zu bedienen, frei nach der Devise: Ich ist irgendwer, den ich nicht kenne. Die einfachste Möglichkeit indessen war auch der schwierige Weg: die entspre­chenden inneren Span­nungen auszuhalten, bis das poetische Ich durch und durch reflektiert war.

Leonhard Lorek war von den Zerwürf­nissen der Neunziger als Autor mög­licher­weise schon nicht mehr betrof­fen. Soweit sich sein Lebensweg anhand der spärlich zur Verfügung stehenden Lebens­daten nachvollziehen lässt, hatte er Dederanien schon zwei Jahre vor dem Mauerfall verlassen und lebte in West­berlin. Es ist anzunehmen, dass er sich von der Lite­ratur verab­schiedet hatte, denn die Verbindung zu den meisten Weggefährten aus dem Prenzlauer Berg scheint bis weit in die Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer voll­ständig abge­rissen gewesen zu sein. Zumindest sucht man seine Arbeiten vergeblich in den beiden wichtigen, in den Neunzigern bei Galrev erschie­nenen Antho­logien „Vogel oder Käfig sein“ und „Abriss der Ariadnefabrik“, die bis heute als eine empfehlens­werte Zu­sammen­fassung der Samisdat-Lite­ratur gelten können, allerdings nur einen Einblick in den Großraum Ostberlin zulassen – und so soll an dieser Stelle, gerechter­weise, wenigstens auf die Tatsache hingewiesen sein, dass die Wirkung der Prenzlauer-Berg-Literatur (mit Ausnahme von Papenfuß und Schedlinski) durch das Nord-Süd-Gefälle, das im Osten vorherrschte, ziemlich begrenzt war, nicht jeder jüngere Autor im Inland, der mit Sprache experimentierte und laborierte, den Samisdat-Zirkeln angehörte oder dem Fußvolk des Prenzlauer Bergs zugeschlagen werden kann.
  Die ersten Arbeiten von ihm bekam ich zufällig zu lesen, bei Jayne-Ann Igel, die ich damals hin und wieder in ihrer Leipziger Wohnung besuchte, und bei einem Glas Palinka (einem Obstler, den wir seinerzeit gern tranken) in den raren Westbüchern blättern durfte. Zwei davon, die Antho­logie „Berührung ist nur eine Rand­erschei­nung“ (Kiepenheuer & Witsch 1985) und „Sprache & Antwort“ (Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1988) gehören heute ebenso zu den Standard­werken der ehemals hochgelobten (und schon damals nur teilweise unab­hängigen) neuen Literatur im Osten der Achtziger. Es waren beides Veröffent­lichungen, denen bereits durch die Tatsache, dass es zeitge­nössische Literatur war, der Hauch des Gefährlichen stärker anhing als den weitgehend vom Hören­sagen her bekannten modernen Autoren Burroughs und Lautreamont – die der gewöhnliche Leser im Osten genauso wenig zu lesen bekam wie die Zeit­schriften der Samisdat-Szene.
  So wenig Gelegenheit damals war, die Bücher genauer anzuschauen, reichte die Zeit, eine Reihe der Texte wenigstens anzulesen. Loreks Arbeiten fielen zunächst durch ihre Machart auf oder, genauer gesagt, durch das experi­mentier­freudige Verfahren, mit dem das Schrift­bild eines Textes organisiert wird. Trotz der Flüchtigkeit, mit der ich die Texte von ihren Inhalten her wahrnehmen konnte, über­zeugte mich das, wenn ich heute auch einräumen muss, dass die formalen Aspekte durch ihre leichte Kopierbarkeit von späteren Lyrikern oft unreflektiert über­nommen worden sind und dahin­gehend vielleicht eine gewisse Stereo­typie mitbringen. So passiert es mir heute zuweilen, dass ich Texte, die von der experimentellen Seite her an die von Lorek erinnern, mit einem leichten Schulterzucken wahrnehme, weil die Form sehr oft aufgesetzt wirkt und als avantgardistisches Element durch das, was dort sprachlich geschieht, nicht unterstützt wird.

Worin der Unter­schied zu Loreks Gedichten besteht, kann ich aus seinen Arbeiten erst heute langsam herauslesen, die – wenn auch als sehr spätes Debüt – unter dem verzweigten Titel „daneben liegen“ vor gut einem Jahr im „Verbrecher Verlag Berlin“ erschienen sind. Freilich ist es nach wie vor der aus der Seitenbreite heraus­genommene und auf Spalten­breite gebrachte Blocksatz, der dem Leser ganz zuerst auffällt und (in etwa / der Einfachheit halber) so beschrie­ben werden kann, dass dabei nicht zwangs­läufig das letzte Wort am Ende einer Gedichtzeile in die ent­sprechende Formatierung des Blocksatzes gezogen wird. Hin und wieder bleiben einzelne Buchstaben oder halbe Worte aus dem weitgehend inter­punktions­freien, in sich fortlaufenden Text ohne Trenn­zeichen stehen, und der Rest des (in sich zer­schnittenen) Wortes ergibt durch den aben­teuer­lichen Umbruch auf der nächsten Zeile manchmal einen überraschend neuen Sinn­zusammenhang.
  In der Publikation lässt Lorek an der ein oder anderen Stelle jedoch etwas genauere Einblicke in bestimmte Formen der von ihm bevor­zugten Montage­techniken zu. So erweisen sich manche seiner Gedichte und Prosa­gedichte als Konglomerate von eigenen Aussagen und fremden State­ments, die er auf eine Art überblendet und miteinander verschleift, dass sie noch heute wirken, als spricht dort jemand, der nicht eine Sekunde Zeit zu verlieren hat, sein Gegenüber zu über­rumpeln gedenkt oder ihm gar nicht erst die Möglichkeit zu einer Antwort lassen möchte.
  Angenehm ist, dass Lorek auf Lyrismen und allzu viel technisches Bumm-Bumm verzichtet und dem Anspruch Rimbauds, man müsse absolut modern sein, nicht in marktschreierischer Variante, sondern mit selbst­ironischer und humorvoller Attitüde nachgeht. Man kommt bis heute ins Schmun­zeln, wenn zum Beispiel Volker Braun als Dichter unter seiner Telefonverbindung, quasi nur noch als Nummer und Ziffernfolge bzw. als Soundso­vielter vorkommt, die Ent­decker­freude sich aber ohnehin dermaßen zu über­schlagen scheint, dass (unkenntlich gemachte) Zitate von Oskar Schlemmer bis hin zu unbekannteren (oder erfundenen Prota­gonisten) des Prenzlauer Bergs eingearbeitet werden. Einsprengsel, von denen man an keiner Stelle sagen kann, sie würden sich dem Text­fluss nicht inhaltlich unterordnen. Das Verfahren funktio­niert nur im Zusammenspiel der größtmöglichen Ansammlung von Unwäg­bar­keiten und erinnert bei denen, die es darin zur Meister­schaft gebracht haben, kaum an die Arbeits­weise der Sur­realisten, Textschnipsel durch die Luft zu werfen und sie neu zusammen­zusetzen. Bei Lorek wird die anarchische Grund­haltung höchstens noch dadurch gesteigert, indem er auch davor nicht Halt macht, einen Querstrich unter die jeweils vorletzte Zeile vieler Texte zu ziehen und diesen Quer­strich zu unterbrechen. Die Schluss­zeile erinnert dann an die Ausformulierung eines mit arithmetischen Mitteln gewonnene Ergebnis, das der Lösung einer Rechen­aufgabe in Sprache gleicht. In einer weiteren Variante wird der halb geöffnete Querstrich aber schon wieder unter die erste Zeile des Gedichts gezogen, dass man sich fragt, ob das Gedicht in dem Fall nicht vielleicht sogar aus einer zuvor errechneten oder anderweitig entstandenen Summe heraus entwickelt wird.
  Insofern erreicht auch der Buchtitel „daneben liegen“, der einem der zuletzt entstandenen Gedichte entlehnt ist, eine gewisse Fächerung. In seiner Viel­deutig­keit verleiht er der Publi­kation nach außen hin Statik, während das gleichnamige Gedicht (das monologisch als auch dialogisch gelesen werden kann) die Statik eher verneint. Das „daneben liegen“ bildet den Schluss des Gedichts, das jedoch schon vor dem halb durchgezogenen Querstrich der letzten Zeile in der Auf­forderung mündet: „dreh dich mal / vom meer zum sand / und zurück / vom sand zum meer / und bleib daneben liegen“. Für mich als Rezensenten fast schon ein Alibi, mich innerhalb der Besprechung des Buches mit keinem der Texte Loreks näher zu beschäftigen, zumal im „daneben liegen“ nicht nur die Facetten stecken, die durch die monologischen und dialogischen Bezüge abgedeckt sind, sondern auch die Neben­bedeutung, dass einer mit dem, was er sagt, daneben liegen, seine Interpretation völlig daneben sein kann und die vom Autor anvisierte Bandbreite der möglichen Konnotationen und Assoziationen vielleicht zu wenig hervorhebt. Grund genug auch, den Leser (und das durchaus im Sinne Loreks) zu ermutigen, zur Bedeutungsfülle der Texte zu meditieren und sich dabei von keinem sagen zu lassen, so und nur so könne ein solcher Text gelesen werden.

Ein geringfügiges Manko sehe ich darin, dass die Zusammen­stellung im letzten Drittel des Buches Lücken in der Kontinuität aufweist und der Abstand von Gedicht zu Gedicht extrem sichtbar wird. Zwar beschreibt Lorek im einleitenden Essay die Gründe und Beweg­gründe für seinen zeitweiligen Abschied vom Schreiben so präzise wie nachvoll­ziehbar und verweist darauf, dass das Schreiben von Gedichten an den Faktor Zeit gebunden ist – in dem Sinn, dass einer viel Zeit mitbringen und investieren muss, wenn er ein gutes Gedicht bzw. einen poetischen Text zustande bringen möchte. Nur lässt mich dabei der Eindruck nicht los, der Autor hat unter der Prämisse weniger ist mehr bei der Auswahl der vorhandenen Texte zu häufig selbst die Schere angesetzt.
  Mehr als interessant (und auf ihre Art offen und auf­schluss­reich) sind hingegen die deutlich ausformulierten Haltungen, die Lorek im begleitenden Essay zum Leben und Schreiben, zum Leben mit und ohne das Schreiben äußert und ihn als einen Zeitgenossen charakterisieren, der zu den Lektionen, denen er nachgeht und nachging, auch reflektiert. Haltungen, über die man gewiss geteilter Meinung sein kann, und die dennoch nicht leicht von der Hand zu weisen sind.
  Mit einer Ausnahme. So würde ich der Ansicht, Brecht und Rimbaud als Egomanen zu bezeichnen, doch wider­sprechen wollen. Bei Rimbaud ganz einfach durch die Tatsache, dass er die Literatur fast noch als Jugendlicher hinter sich zurückgelassen hat und es während der Adoleszenz ganz sicher zur Normalität im Verhalten von jungen Menschen gehört, davon auszugehen, dass sich die Welt um sie zu drehen hat. Es sei denn, man betrachtet Rimbauds Fortgehen aus der Literatur tatsächlich nur als Produkt einer früh abgeschlossenen Selbstfindung, und nicht gleicher­maßen als Konsequenz auf die Liaison mit Verlaine oder auch eine ganze Reihe von Befindungen, die in der Summe vielleicht zu einer seelischen Schieflage geführt haben, dass ihm nur dieser eine Ausweg geblieben war / möglich schien. Nur ist es dann auch leicht möglich, das Fortgehen (den Fakt an sich!) als Ausdruck von Egomanie zu werten, und noch leichter, per Kurzschluss eine Analogie zwischen Egomanie und der Berufung zum späteren Waffenhändler herzustellen.
  Bei Brecht verhält sich die Angelegenheit noch schwieriger. Es ist kaum in Abrede zu stellen, dass er über weite Strecken Integrationsfigur war und seinen Mitbewerbern und Zeitgenossen gegenüber fair verhielt. Doch vielleicht ist es tatsächlich nur eine Frage, wie unterschied­lich man einen Begriff definiert, oder aus welchem Blickwinkel die Brechungen einer anderen Künstler­biografie gesehen werden. Lege ich das Gewicht auf die hässliche Bemerkung, mit der Brecht sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt über den in der Bundes­republik der Nach­kriegszeit gerade aufstrebenden Benn hermachte (der doch so viel menschliche Größe bewies, manche der Prosti­tuierten, die zu ihm in die Arztpraxis kamen, kostenlos zu behandeln, ihnen im ein oder anderen Fall noch die Kohlen für den Winter bezahlte), entsteht sofort ein anderes Bild. Ein Bild, das eine Facette von vielen darstellt oder auch eine der Nachtseiten Brechts ausstellt – wie jeder einzelne Schriftsteller sie zur Genüge mitbringt (als etwas, das man nicht ausschließlich unter dem Storybord Menschliches, Allzumenschliches abhaken kann).

Eine Egomanie – darin sehe ich eher Verfestigungen (Ver­knö­cherungen) der Art, wie Fritz Riemann sie in den „Grundformen der Angst oder die Antinomien des Lebens“ beschrieben hat. Seiner Beobachtung oder Definition nach (die ich hier nur sehr vereinfacht wiedergeben kann) ist ein Mensch seelisch dann weit­gehend intakt, wenn es innerhalb seiner charakte­rlichen Grund­merkmale im All­tags­verhalten mental zu leichten Verschie­bungen kommt und jemand auf eine Situation angemessen, manchmal aber auch emotional und sehr unterschiedlich reagieren kann. Gelingt ihm das nicht mehr, reagiert er oft immer gleich unange­messen und nähert sich innerhalb der Parameter eines der vier Grundcharaktere (des Melancholikers, Sanguinikers, Phlegmatikers, Cholerikers) nicht selten auch einem psychotischen Verhalten.
  Ablagerungen wie Engramme (Erinnerungsinhalte, Gedächtnisspuren im weitesten Sinn) sind damit wohl eher nicht gemeint. Man könnte andernfalls das etwas burschikose Loreksche Statement „Für mich haben Gedichte in etwa so zu wirken wie Calgon: Kalk lösend, Verkrustungen aufhebend.“ auch so verstehen, dass neben den Menschen, die ein Traumata erlitten haben und dieses Trauma mit einem gut gemachten Gedicht aufgelöst haben wollen, bald auch Leute vor der Waschmaschine Schlange stehen, die sich durch den gepflegten Hang zur Verdrängung auszeichnen.
  Möglicherweise habe ich an dieser Stelle jedoch eine Unschärfe aus dem Weg zu räumen, die ich vor einigen Jahren selbst erzeugt habe. Ich benannte die in der deutschen Literatur von Zeit zu Zeit aufflammende Subjekt­feindlich­keit als Gegensatz zur Subjekt­beses­senheit in Form der Egomanie – wobei ich bei letzterem zwar die Ver­knöcherungen im Blick hatte, doch das nicht näher und genauer ausführen wollte. Ich muss mich dabei insofern korrigieren, dass mentale Verfestigungen nicht unbedingt etwas mit der Stilfigur Ich oder dem lyrischen Subjekt zu tun haben müssen, sondern nur dann, wenn sie darin zum Vorschein kommen / darin zum Ausdruck gebracht werden; und logischerweise können von den mentalen Borniertheiten ebenso sehr Menschen betroffen sein, denen eine Subjekt­feind­lichkeit eigen ist.

Von seinem Gesamteindruck her ist Leonhard Loreks Gedichtband eine gelungene Publikation, und das nicht einfach deshalb, weil damit das Bild von der Prenzlauer-Berg-Literatur um eine wichtige Facette erweitert und vervollständigt erscheint. Lorek ist durch und durch Poet, seine Gedichte sind durch­gearbeitete Gebilde und haben sich ihren angenehm frischen, in keiner Weise aufdringlichen Ton bis heute bewahren können.
  Was mir darüber hinaus wichtig scheint: Es ist kaum anzunehmen, dass „daneben liegen“ das letzte Buch aus den Achtzigern und Neunzigern war, das bisher keinen Verleger gefunden hat bzw. hatte. Die Gründe dafür mögen so vielfältig sein wie die Widrigkeiten, mit denen es Dichter zu tun bekommen, wenn sie den ästhetischen Vorstellungen des Marktes (als einer vorge­schobenen Illusion, denn es gibt diesen Markt für das Genre Gedicht schon seit zwanzig Jahren nicht mehr) weder entsprechen können noch entsprechen wollen.
  Ein Dichter / Poet / Lyriker kann dabei so wenig auf die Entdeckung durch einen Talent-Scout setzen wie es sich für ihn lohnen wird, auf das Feuilleton zu warten. Manchmal besteht ein Funken an persönlichem Glück darin, dass einer nach der Zeit fragt mit der Ellipse: Warten, worauf? – Sich bemerkbar zu machen ist zur Realisierung eines Buches also unter Umständen die halbe Miete. Siehe Leonhard Lorek. Ein verspätetes Debüt? Sicher. Doch dafür eins mit Papier­flug­zeug in der Tasche, wie man es nachlesen kann, in einem seiner Gedichte.

Tom Pohlmann   3.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Tom Pohlmann
Lyrik