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Agota Kristof
Irgendwo

Bevor die Sonne aufgeht, muss ich über alles sprechen

Agota Kristof | Irgendwo
Agota Kristof
Irgendwo
Nouvelles
Piper 2007

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Die Fakten sind bekannt: Wann Agota Kristof Ungarn verließ (1956, nach dem gescheiterten Aufstand), wohin es sie verschlug (Neuchâtel, Schweiz), wie sie in der Fremde das fremde Französisch lernte und in dieser Sprache zu schreiben begann, abends, nach der Arbeit am Fließband in einer Uhrenfabrik.

Ein Leben wie abgewürgt, Sehnsucht, die das Innere zerreißt. Fantasien. »Ich werde nach Hause zurückkehren«, heißt es. »Ich werde zu Hause sein, allein, alt und glücklich.« Tatsächlich, da steht »glücklich«, nicht »unglücklich«, wie es die beiden ersten Adjektive nahelegen. Und nicht die Rückkehr ins Land der Geburt, in die Stadt der Kindheit wird erträumt, nicht die Wiedereroberung dessen, was man verließ – wie sollte das möglich sein? Vielmehr liegt das imaginierte Zuhause in den düsteren Straßen einer namenlosen Großstadt, »in denen sich Menschen verkriechen, die so ähnlich sind wie ich.« Entwurzelte, Verstörte. Aber: »Ich werde alle von Glück erfüllt grüßen... Ich werde sie streicheln, diese Kinder von irgendwem, und ihnen seltene, glänzende Dinge schenken.« Ankommen, heimisch werden im Irgendwo, wie es der deutsche Titel nahelegt? Der erste Satz dieser Skizze fragt: »Wird es in diesem Leben oder in einem anderen sein?« Die Antwort ist klar.

Alle Geschichten sind auf denselben Schmerz gestimmt, manchmal wie längst Bekanntes, manchmal wie Rätsel. »Oben, unten blaue Köpfe, Disteln. Jemand singt.« So beginnt ein kurzer Text, der eigentlich ein poème en prose ist. Drei Abschnitte, drei Strophen, drei Dialoge zwischen nicht näher bezeichneten Personen, das Ende lautet: »Wir haben Möbel auf Kredit gekauft. Manchmal schneit es.« Ungetröstet werden wir in die Kälte entlassen, in die zerbrechlichen Provisorien, aus denen wir uns ein Leben zimmern. Überschrift: Egal, und so heißt im Original auch das ganze Buch: C'est égal.

Für sich genommen, hat dieses Adjektiv etwas Menschenverachtendes. Wenn alles egal ist, macht es keinen Unterschied, was man dem Menschen antut. Aber so ist es natürlich nicht gemeint. Egal ist alles, weil die Grundverletzung nicht geheilt werden kann, das Verstoßensein, die Einsamkeit. Dass ihr diese Verletzung zugefügt wurde, ist der Erzählerin keineswegs egal, all ihre Sätze tragen das Stigma dieser Wunde. »Ich denke jetzt, dass ich nichts zu erwarten habe, also bleibe ich in meinem Zimmer, ich sitze auf einem Stuhl und tue nichts. ... Für die anderen geschieht vielleicht etwas, kann sein, aber das interessiert mich nicht mehr.« Das Achselzucken gilt nicht nur dem wahnhaften Aktivismus der anderen, sondern genau so der eigenen Versteinerung. Der kalte Blick auf die Welt trifft das eigene Ich zuerst.

Nouvelles lautet der Untertitel dieser Sammlung, aber es handelt sich weder um Novellen noch um Neuigkeiten, sondern um Texte unterschiedlichster Art, kurz bis sehr kurz, manche erzählend, manche gleichnishaft, manche lyrisch. Es scheint, dass sie über einen langen Zeitraum hin entstanden sind, von ersten Versuchen in den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart (leider gibt der Verlag keine Hinweise zur Datierung, selbst ein schlichtes Inhaltsverzeichnis fehlt). Ihre Qualität könnte unterschiedlicher kaum sein. Manche verkünden eine Botschaft, die man zu Genüge kennt, manche spielen nur mit der Grausamkeit, wie Die Axt, und man wüsste gern, ob es wirklich die Autorin war, die diese Geschichte an den Anfang setzte oder nicht eher der Verlag, der darin einen teaser witterte. Die besten Texte (Ein Zug nach Norden, Zu Hause, Egal, Über eine Stadt, Die Mutter, Ich denke) sagen, was nur Agota Kristof sagen kann, in jenen kurzen Hammersätzen, die sich um gar nichts scheren, weder um korrekte Tendenz noch Logik noch Kontinuität. Ihr Roman Das große Heft war ein Jahrhundertbuch. Hier haben wir sozusagen die Kladde dazu. Manche Einträge gehören schon der Historie an. Aus anderen leuchtet Agota Kristofs eigene, unverwechselbare Wahrheit.
Agota Kristof wurde 1935 in der ungarischen Gemeinde Csikvánd geboren. Sie flüchtete 1956 aus ihrer Heimat und emigrierte in die Schweiz. Dort fand sie Arbeit in einer Uhrenfabrik und erlernte die französische Sprache, in der sie ihre Bücher schreibt. Ihre Werke sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Sie lebt und arbeitet heute in Neuchâtel. 2005 erschien im Ammann Verlag die autobiographische Erzählung Die Analphabetin (L' analphabète, 2004).

Gisela Trahms     11.05.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Gisela Trahms
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