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Inka Parei

Gespräch mit Gisela Trahms für den poetenladen
»Meinen eigenen Ton höre ich nicht«
  Gespräch

Illustration: Miriam Zedelius
 
Um Literatur und Musik geht es in den der neuen Gesprächsrunde mit aktuellen Ein­blicken in die Viel­falt dieser Beziehung. Erschienen in poet nr. 12 | poetenladen 2012. Ein weiteres Thema des Interviews ist Inka Pareis Roman Die Kältezentrale.
Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in einer hessischen Kleinstadt auf. Sie studierte Germanistik und Sinologie und arbeitete bei verschiedenen Kulturprojekten mit. Seit 1998 ist sie freie Schriftstellerin und veröffentlichte die Romane Die Schattenboxerin (1999) und Was Dunkelheit war (2005), im Herbst 2011 erschien Die Kälte­zentrale. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, sie erhielt mehrere Aus­zeich­nungen, unter anderem gewann sie 2003 in Klagen­furt den Ingeborg-Bach­mann-Preis und den Publi­kums­preis. Inka Parei lebt seit 1987 in Berlin.


Gisela Trahms: Ich habe eben im Wohnzimmer einen Notenständer mit Noten gesehen.

Inka Parei: Ja, ich spiele Querflöte, aber noch nicht lange.Es fällt mir gar nicht so schwer, wie ich dachte, die Lehrerin meint, ich besäße eine Affinität dazu. Dabei bin ich nicht musikalisch gebildet.

G. Trahms: Sie haben kein Instrument gelernt als Kind?

I. Parei: Nur ein Jahr, Klavier, das gab ich schnell wieder auf.

G. Trahms: Hören Sie viel Musik?

I. Parei: Nicht wirklich viel. Aber ich lebe seit mehreren Jahren mit einem Musiker und Komponisten zusammen und habe mich in die Neue Musik reingehört. Dieses Klischee, dass Neue Musik etwas für Spezialisten sei, trifft für mich überhaupt nicht zu. Anfangs brauchte es eine gewisse Konzentration, aber dann tat sich eine neue, differenzierte Welt auf, die ich sehr spannend finde. Henry Mex ist ein Berliner Klangkünstler und Komponist, er hat in den Neunziger Jahren die Wasserspeicher in Prenzlauer Berg erschlossen, die eine besondere, reizvolle Akustik besitzen. Er nutzte sie als Ort für ein Festival, die Kryptonale, die über mehrere Jahre mit Erfolg lief. In der Neuen Musik gibt es durchaus witzige und ironische Stücke, es ist nicht alles so ernst und schwer, wie behauptet wird – dennoch ist die Musik natürlich nicht mein Gebiet.

G. Trahms: Musik und Literatur haben jedoch viele Berührungspunkte.

I. Parei: Klar, als Leserin spüre ich schnell, ob und wann Texte musikalisch sind, es gibt ja auch den Begriff des literarischen Tons. Mir ist zwar oft gesagt worden, dass meine Texte einen solchen Ton haben. Aber den nehmen wohl vor allem die anderen wahr. Ich selber höre ihn während des Schreibens nicht, das ist eher wie ein leeres Feld, um das herum ich arbeite.

G. Trahms: Auch beim Schreiben folgt man bestimmten Rhythmen, achtet auf Klänge und organisiert die Worte nicht nur dem Inhalt nach.

I. Parei: Einem inneren Gefühl dafür, auf welche Weise ein Satz schön sein soll, folge ich beim Schreiben natürlich auch. Ich bin bei der Arbeit vor allem auf Verdichtung aus, das strebe ich bewusster an als Rhythmen oder Klänge. Gerade habe ich mit großer Begeisterung Peter Kurzecks Roman Vorabend gelesen, das ist natürlich ein völlig musikalischer Text, der strömt und klingt und einen Sog entwickelt, so dass man gar nicht mehr aufhören kann. Auch das Prinzip der Wiederholung bestimmter Wörter oder Motive, die den Text strukturieren, ist bei Kurzeck ganz wichtig und erinnert an Musik.

G. Trahms: Henry Mex ist in der DDR aufgewachsen und war nicht immer Musiker, sondern hat zunächst als Klimatechniker gearbeitet.



Inka Parei
Die Kältezentrale
Roman
Schoeffling, Frankfurt 2011
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I. Parei: Ja, die Kältezentrale, die dem Roman den Titel gibt, war sein Arbeits­platz, dieser Ort ist mir also erzählt worden. Aber das Buch erzählt nicht Henrys Geschichte, die Hand­lung und die Per­sonen sind fik­tional.

G. Trahms: Steht diese Kälte­zentrale noch?

I. Parei: Inzwischen wurde das Gebäude abgerissen, aber ich hatte noch Gele­gen­heit, es zu erkunden. Am Franz-Mehring-Platz gibt es immer noch das Haus des Neuen Deutsch­land, dahinter befanden sich zu DDR-Zeiten eine große Drucke­rei und eben dieser kleinere Anbau für die Klimati­sierung des ganzen Kom­plexes. Als ich für das Buch recher­chierte, war es gar nicht einfach, dort hinein zu gelangen, die Leute konnten nicht verstehen, wieso ich mich für einen in ihren Augen so neben­säch­lichen Ort interes­sierte.

G. Trahms: Aber er reizte sie?

I. Parei: Eigentlich gehe ich immer von einem Ort aus. Im ersten Roman war es ein Berliner Hinterhaus, im zweiten ein Haus in Frankfurt-Rödelheim, in dem ich selbst als Kind einmal gewohnt habe. In Die Kälte­zentrale ist es zum ersten Mal ein Arbeitsplatz, ein für mich natürlich anfangs sehr fremdartiger. Der Ort muss mich faszinieren, aber während ich darüber schreibe, verändert er sich auch, er wird dann zum Element eines Textes.

G. Trahms: Er wirkt unheimlich und bedrohlich und ist gleichzeitig deutlich und unfassbar.

I. Parei: Es ist ein von der Technik geprägter Ort. Ich bemühe mich, Dinge in die Literatur hinein zu holen, die nicht primär diesen literarischen Nimbus besitzen. Das Prinzip, vom Rand her ein Thema anzu­gehen, ist mir wichtig und so arbeite ich immer.

G. Trahms: In Ihrem neuen Roman erzählt ein vierzig Jahre alter Mann, der in Ostberlin aufwuchs und kurz vor der Wende in den Westen ausreisen durfte, seine Lebens­geschichte, fokus­siert auf bestimmte dramatische Gescheh­nisse in jener Kältezentrale.

I. Parei: Ich hätte mir nicht einfach vornehmen können: ich schreib jetzt mal einen Roman über die DDR, da wäre ich mir seltsam vorgekommen. Inzwischen gibt es ja eine Fiktionalisierung der DDR nicht nur durch die Literatur, auch durch Filme und das Fern­sehen bis hin zum Pittoresken oder Nostalgischen, so etwas kann und will ich nicht. Ich habe mich überhaupt lange gefragt, ob ich mit meiner West-Bio­graphie über dieses Thema schreiben kann und darf. Aber da war dieser Ort, die Kälte­zentrale, wo man eines Tages einfach den Bleistift fallen ließ und die Tür abschloss, und für den sich außer mir niemand inte­res­sierte. Als ich sie öffnete, war alles noch wie früher und moderte seit 15 Jahren vor sich hin, ich betrat ein seltsam ver­gorenes und verschimmeltes Stück Welt.

G. Trahms: Und Henry Mex konnte Ihnen erklären, wie dieser Ort einmal funk­ti­onierte.

I. Parei: Ja, das war ein sehr wichtiger Anstoß. Und dann war da noch ein ganzes Umfeld, in dem ich viele Jahre gelebt habe. Ich bin kurz nach der Wieder­ver­einigung aus Frank­furt in den Ostteil Berlins gezogen, hierhin nach Prenzlauer Berg, wo die Leute jahr­zehnte­lang ganz anders gelebt hatten als ich es gewohnt war. Das war zu einer Zeit, als die Zugereisten hier noch nicht die Mehrheit bildeten. Als es die ursprüngliche Bevölkerung der Gegend noch gab. Ich habe erfahren, wie unsere unterschiedlichen Vergangenheiten immer wieder zum Vorschein kamen, ganz plötzlich und unvermutet, in ganz alltäglichen Situationen. Immer wieder musste man Vieles, was einem selbstverständlich schien, erklären bzw. musste sich das Verhalten oder die Äußerungen der Anderen erklären lassen. Diese Unterschiede, die verschiedenen Vergangenheiten, bleiben bestehen, man kann sie nicht zusammenführen.

G. Trahms: Insofern stellen Sie eine Ihnen fremde Welt dar.

I. Parei: Beim Schreiben ist mir nicht primär wichtig, dass ich Autobiographisches mitteile, sondern ebenso, dass ich Fragen an ein Thema habe, etwas mir Fremdes verstehen möchte und auf diese Weise ein literarischer Forschungsprozess in Gang kommt. Dennoch steckt sehr viel aus meinem eigenen Leben in diesem Text. Menschen, die mich gut kennen, ist das beim Lesen sofort aufgefallen, sie haben Orte wiedererkannt, die mir wichtig sind, Teile aus Gesprächen oder Gedanken, die sie mit mir verbinden. Ich habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in der alten Bundesrepublik verbracht, die inzwischen auch vergangen ist, und die nächsten zwanzig Jahre eben hier, wo ich sehr dicht an den Umbrüchen dran war und die Veränderungen intensiv miterlebt habe, und vielleicht ist es auch ein Vorteil, wenn der eigene Stand­punkt sowohl die Nähe wie die Distanz umfasst. Auf jeden Fall ist das genau die Erfahrung meiner Generation, also der etwa Vierzigjährigen, die allmählich nicht mehr bloß nach vorn leben, sondern auch resümieren, also zurück schauen. Wir haben die erste Lebenshälfte in einem Teilstaat zugebracht und die zweite in einem Ganzen, das immer noch in Bewegung ist.
...

G. Trahms: Zu Ihrem zweiten Roman Was Dunkelheit war gab es Lesungen mit Musik?

I. Parei: Ja, Henry Mex hatte zu bestimmten Teilen des Romans eine Musik komponiert und wir haben das zusammen aufgeführt. Es war eine Musik, die viel Hör­kon­zen­tration erforderte und ich musste ja dann an den richtigen Stellen einsetzen und lesen. Die Musik gibt viel von der Atmosphäre und den Stim­mungen des Buches wieder und ich mochte sie sehr. Wir lernten uns kennen, als ich den zweiten Roman zu Ende schrieb und er machte mich darauf aufmerksam, dass die Geräusche eine sehr große Rolle darin spielen, dass man das Buch also auch vom Hören her lesen kann. Das war neu und überraschend für mich, ich hatte es während des Schreibens weder beab­sichtigt noch war es mir aufgefallen.

G. Trahms: Was verändert sich, wenn man den Text mit Musik kombiniert?

I. Parei: Für mich war das eine ziemliche Heraus­forderung, denn ich bin ja keine ausgebildete Sprecherin, keine Aufführende. Ich wusste manchmal nicht, ob ich im Ton des Vortrags bei mir selbst bleibe. Es war eine schöne Erfahrung, aber an meinem Part habe ich immer etwas gezweifelt.

G. Trahms: War das eine Musik vom Band?

I. Parei: Henry ist Bassist, er hat Bass gespielt und elektro­nische Klänge darunter gelegt, die teils schon vor­handen waren, teils bei jeder Auf­führung neu entstanden.

G. Trahms: Wird es ein ähnliches Expe­riment mit dem neuen Roman geben?

I. Parei: Das scheint mir schwierig. Ich weiß es nicht. (lacht)

G. Trahms: Vielen Dank für das Gespräch.
 

Dieses Gespräch
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poet nr. 12
Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Frühjahr 2012
335 Seiten, 9.80 Euro

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