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Maurice Blanchot
Das Todesurteil

Wörter von jenseits der Grenze

Maurice Blanchot | Das Todesurteil
Maurice Blanchot
Das Todesurteil
Erzählung
Urs Engeler 2007

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Eine junge, an einer mysteriösen Krankheit leidende Frau, vom Arzt monatelang mit Morphium traktiert, stirbt schließlich. Umgeben von trauernden Angehörigen liegt die Tote auf dem Bett, als der Ich-Erzähler hereintritt und sie beim Namen ruft, worauf sie die Augen aufschlägt und ins Leben zurückkehrt, nur um später wiederum zu sterben.

So könnte man den Inhalt des ersten Teils von Maurice Blanchots Erzählung zusammen­fassen, wenn dies eine Geschichte wäre wie andere. Aber es geht nur in zweiter Linie um das, was geschieht. Es geht darum, wie man über etwas sprechen kann, das kein Mensch aus eigener Erfahrung kennt, obwohl das Todesurteil doch über uns alle verhängt ist. Wie man als Erzähler die Grenze darstellen kann, die der Tod bedeutet, und zwar nicht nur von der Seite des Lebendigen aus, sondern auch von der anderen, unzugänglichen, dunklen Seite her, ohne Spuk und Spintisiererei, im Bewusstsein der Vergeblichkeit, des schaurigen Wahnwitzes solcher Anstrengungen. Wie man die Reglosigkeit einkreist, bis sie sich regt, das Schweigen, bis es spricht.

Schon der Klappentext verrät das Mittel, mit dem es allenfalls gelingen könnte: das Paradox. „Ich war gar nicht krank,“ behauptet der Erzähler von sich, „wenn auch vielleicht etwas mehr als krank.“ Und J., die Todgeweihte (nicht einmal ihr Name wird uns mitgeteilt, als sei sie schon nicht mehr lebendig genug dafür), faucht ihren Arzt an: „Wenn Sie mich nicht töten, sind Sie ein Mörder.“ Solche Paradoxien betreffen zunächst nur die Ebene der Handlung. Ergänzen wir sie durch andere Aussagen, ergibt sich ein schillerndes Bild: Da berichtet ein junger Mann, der für Zeitungen schreibt und in Pariser Hotels lebt, bindungslos und unberechenbar in seinen Reaktionen, die bizarre Geschichte einer Wiederbelebung, als sei sie das Natürlichste von der Welt. Andererseits ist es der Tod selbst, der erzählt, denn die Sterbende sagt zu ihrer Krankenschwester: „‚Jetzt sehen Sie sich einmal den Tod an‘, und sie zeigte mit dem Finger auf mich“. Später beglaubigt der Erzähler sozusagen diese Aussage, indem er J. auf ihr Verlangen hin vier Betäubungsspritzen setzt, worauf sie stirbt.

Nach dreißig Seiten zappeln wir also bereits in einem Netz von Andeutungen und Grenzüberschreitungen, und wie der Puls der Sterbenden „wie Sand zerstob“, so zerstiebt das rationale Weltverständnis des Lesers angesichts des Textes. Im zweiten Teil, wir ahnen es schon, geht es noch heftiger zu. Drei Frauen begegnen dem Erzähler, jede widersprüchlich auf ihre Art. Türen geben nach oder bedeuten, obwohl verschlossen, kein Hindernis, Anwesenheiten materialisieren sich in trüben Hotelzimmern, der Erzähler selbst verfängt sich im Labyrinth: „Wer hat mich denn geblendet? Meine Klarsicht. Wer hat mich in die Irre geführt? Mein aufrechter Sinn. Wer macht, dass ich jetzt jedesmal, wenn mein Grab sich öffnet, darin eine genügend starke Idee wecke, so dass ich wieder auflebe? Das Grinsen meines eigenen Todes.“ Immer mehr erweisen sich die Paradoxien als Form des Erzählens selbst: „Das Schweigen gebrochen zu haben, die Reue, die ich darüber empfinde, ist grenzenlos. Ich kann nicht sagen, welches Unglück den Menschen heimsucht, der einmal das Wort ergriffen hat... das Nichtatembare ist das Element, das ich atme.“

Sehr abstrakt erscheint das zunächst, sehr französisch, sehr ‚Avantgarde‘. Aber so, wie die Erzählung sich bewegt, hastig, in Sprüngen, um dann wieder eine bestimmte Situation ausführlich zu schildern, in der Weigerung, solide Zusammenhänge zu konstruieren und der üblichen Psychologie zu gehorchen, hat sie eher etwas von einem verführerischen Irrwisch als von kahler Selbstreflexion. Freilich ist das kein Erzählen, das zur Identifikation einlädt oder zur Gefühligkeit. Die Erwartungen, die der Titel weckt, werden mit ruppiger Härte beiseite gefegt. Was Blanchot bietet, ist eine atemberaubende tour de force, die auf Wahrheit zielt, aber trotzdem erzählt, d.h. das Unfassbare sinnlich aufblitzen lässt. L'arrêt de mort heißt der schmale Text im Original. Also: Das Anhalten des Lebens durch den Tod, aber auch: das Aufhalten des Todes durch wen oder was auch immer. Sprechen und Schreiben sind seit Jahrtausenden in genau diesem Sinne verstanden worden.

Blanchots Erzählung, die scheinbar alterslos daherkommt, ist sechzig Jahre alt. Sie erschien im September neu in der schönen Sammlung Urs Engeler Editor, und sie liest sich, in der Übersetzung von Jürg Laederach, fast wie eine Neuerscheinung. Blanchot selbst, niemals populär, öffentlichkeitsscheu, bewundert und sehr einflussreich, mit dem Makel früher Sympathien für die Rechte behaftet, später wirksam für die Linke, ist in Deutschland immer noch zu entdecken. Was übrigens die Kunst betrifft, dem eigenen Todesurteil zu entkommen, war er äußerst erfolgreich: 1907 geboren, starb er 2003.
Die Werke des Literaturkritikers, -theoretikers und Schriftstellers Maurice Blanchot (1907 Quain – 2003 Paris) sind Eruptionen, die vom motivischen Epizentrum der Erfahrung von Tod, Verlust und Alterität ausgehen. Sein Denken hat die Literaturtheorien der Dekonstruktion, des Nouveau Roman und der Diskursanalyse maßgeblich beeinflusst. (Urs Engeler)

Maurice Blanchot | Blog
Infos zu Maurice Blanchot | Urs Engeler

Gisela Trahms   21.12.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gisela Trahms
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