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Ricardo Piglia
Kurzformen: Babylon, Borges, Buenos Aires

Wahrheiten aus dem Labyrinth

Ricardo Piglia | Babylon, Borges, Buenos Aires
Ricardo Piglia
Kurzformen:
Babylon, Borges, Buenos Aires
Übersetzung: Elke Wehr
Berenberg Verlag 2007

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Schon das Cover ist ein Hingucker und macht neugierig. Schlägt man das Buch auf, erfreut als erstes ein seitengroßes Portrait des Autors. Kluge Augen, skeptisches Lächeln und ein Arm, dem man den Hammer zutraut. Der Titel freilich klingt nicht gerade verlockend – Kurzformen, was soll uns das? Um so lebhafter weckt der Untertitel Erinnerungen und Assoziationen: Die Millionenstadt als Labyrinth, durch das die Tangomelodien zittern, und im verborgenen Zentrum das Aleph und all die anderen Zauberfiguren, die Jorge Luis Borges uns schenkte.

Ricardo Piglia gleitet durch diesen Kosmos, indem er Fiktion, Reflexion und Realität in hinreißender Weise mischt. Er erzählt zum Beispiel, wie der Sarg mit der Leiche des Schriftstellers Roberto Arlt mittels eines Krans aus dem Fenster gehoben werden musste, da das Treppenhaus zu eng war. Roberto Arlt in seinem Sarg, meint Piglia, schwebe immer noch hoch über Buenos Aires und beherrsche die Literatur seines Landes. Das ist als Bild so eindrucksvoll, dass man Das böse Spielzeug in der Bibliothek Suhrkamp nie mehr anschauen kann, ohne es gleichzeitig über den Häusern zu suchen.

Piglia lehrt Literaturwissenschaft in Princeton, außerdem ist er „der prominenteste lebende argentinische Schriftsteller“, wie uns der Verlag versichert. In den hier versammelten Notizen und Prosastücken besucht er markante Orte einer literarischen Landschaft, die für die meisten von uns terra incognita ist. Am Schluss ist sie, aufrichtig gesprochen, nicht viel vertrauter geworden. Dies ist kein historischer Abriss, keine Einführung in die argentinische Literatur für Europäer oder Nordamerikaner. Aber trotzdem liest man die Texte mit Lust und Gewinn, und das unterscheidet das Buch so nachhaltig von üblichen Essay-Sammlungen. Denn immerzu liegen Goldbrocken am Wegesrand, Sätze, so wahr, so gut formuliert, dass man sie geradezu aus dem Buch reißen und ins Gedächtnis stopfen möchte. Sie handeln nicht nur von Büchern und Autoren, sondern auch von uns, den Lesern, von dem, was wir von der Lektüre erwarten, ihrem Genuss und ihrer Bedeutung für unser Leben. „Was heißt, ein Werk vollenden?“, fragt Piglia beispielsweise. „Wer entscheidet, dass eine Geschichte beendet ist?“ Und er lässt wie nebenbei die Bemerkung fallen: „Das Ende ist eine Form, der Erfahrung einen Sinn abzugewinnen.“ Vom Ende aus wird gedeutet und der Sinn des Ganzen wie der einzelnen Episoden festgelegt. Diese an Texten und Filmen trainierte Gewohnheit wenden wir ständig auf das Leben an, wir lesen uns selbst und die anderen und bieten den Anblick zappelnder Toren, die das Ende gleichzeitig hinausschieben wollen und doch so tun, als hätten sie seine lichte Höhe schon erreicht und besäßen den Überblick. Kaum etwas ist ja so frustrierend wie eine nicht zu Ende erzählte Geschichte, täglich aber versuchen wir in einem Meer solcher Fragmente den Kopf über Wasser zu halten. Der Reiz der Lektüre besteht nicht zuletzt in der Gewissheit, am Ende das Ende kennenzulernen – selbst wenn es ein offenes ist.

Eine andere These Piglias lautet: „Die Erzählung ist eine Geschichte, die eine geheime Geschichte in sich birgt.“ Diese „wird mit dem Nicht-Gesagten, dem stillschweigend Vorausgesetzten und der Anspielung konstruiert.“ In dieser zweiten Geschichte soll eine verborgene Wahrheit hervortreten, die nur in dieser Form sichtbar werden kann. Wer erinnert sich bei diesen Sätzen nicht an Borges, an seine Labyrinthe, die Bibliothek von Babel, die Spiegel, Täuschungen und Missverständnisse, von denen er zu erzählen verstand wie kein anderer? Für ihn erfüllte sich (und für uns, als Leser, mit ihm), was Piglia in den Worten zusammenfasst: „Im Grunde verbirgt die Handlung einer Erzählung immer die Hoffnung auf eine Epiphanie. Man erwartet etwas Unerwartetes, und das trifft auch auf denjenigen zu, der die Geschichte schreibt.“ An Borges knüpft auch der Titel des Buches an, der uns anfangs so wenig verlockend erschien: Kurz müssen die Geschichten sein (meint Piglia in Bezug auf Borges, der nie einen Roman schrieb), da in ihnen die archaische Tradition des Erzählens als einer mündlichen Kunst bewahrt bleibt, die an überschaubare Zeitabschnitte gebunden ist. Ein impliziter Hörer nimmt Einfluss auf ihre Form, oder, wie Piglia sagt: „Es ist nicht der mündliche Erzähler, der in der Erzählung fortdauert, sondern der Schatten desjenigen, der ihr zuhört.“ Und wer leiht dem Schatten einen Körper, wenn nicht der Leser?

So wissen wir, nach kaum hundert Seiten beim Epilog angelangt, immer noch wenig über Macedonio Fernandez und andere Größen der argentinischen Literatur, wohl aber viel über uns, als Lesende, Lebende und das Leben Deutende. Mit den vielleicht schönsten Sätzen beschenkt uns Piglia am Schluss: „Die Kritik ist die moderne Form der Autobiographie. Man schreibt sein Leben, wenn man glaubt, über seine Lektüre zu schreiben... Der Kritiker ist derjenige, der sein Leben im Innern der Texte findet, die er liest.“ Diese Worte treffen auf jeden leidenschaftlichen Leser zu, ob er nun Kritiken schreibt oder nicht, und sie betreffen nur an der Oberfläche die Ebene der Handlung oder der Charaktere. Unser ‚Eigentliches‘ finden wir in der Form, im Stil, in der spezifischen Konstruktion eines Textes und der Art und Weise, wie er auf die Welt blickt.

Am Ende (!) schauen wir mit entschleierten Augen auf die kurze (!) Geschichte zurück, die das Buch eröffnet: Ein Ich, das uns erfolgreich suggeriert, es sei identisch mit dem Autor, erzählt, wie es in einer Pension in Buenos Aires ein Päckchen Briefe fand, verborgen im Hohlraum eines Schranks, und wie ihm dasselbe in La Plata widerfuhr, wo es tatsächlich die Antworten aus dem Geheimfach zog... Erheitert applaudieren wir Ricardo Piglia, dem Entdecker vieldeutiger Wahrheiten, der Übersetzerin Elke Wehr, die Piglias Eleganz ins Deutsche rettete, und dem Berenberg-Verlag, der uns mit den Kurzformen ein lange nachwirkendes Vergnügen bereitet.
Ricardo Piglia wurde 1940 in Buenos Aires geboren. Er lebt in der argentinischen Hauptstadt und in Princeton, wo er Literatur unterrichtet. Die Kurzformen wurden 2001 mit dem Premio Bartolomé March a la Critica ausgezeichnet.

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Ricardo Piglia bei literatura.org (spanisch)   externer Link

Roberto Arlt | Das böse Spielzeug   Roberto Arlt
Das böse Spielzeug
Biblothek Suhrkamp 2006
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Gisela Trahms   13.08.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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