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Ulrike Almut Sandig

Vatertod
Vater kippt zur Seite. Wenn ich hinsehe, sieht er aus, als würde er immer so sitzen, mit voller Absicht, so langsam kippt er. Die Kleine ist an die Außenkante ihres Stuhls gerutscht und schaut nicht vom Teller auf. Jedes Mal, wenn Vater ein bisschen weiter kippt, rutscht sie weiter nach links. Ohne den Stuhl zu verrücken, vielleicht wegen des Geräuschs. Sie schaut nicht auf. Keiner soll hinsehen. Jemand kratzt mit der Gabel auf dem Teller. Ich sehe Vater zu. Seine große Hand klammert sich an den Rand der Tischplatte. Den Ehering trägt er noch am Finger, er ist daran gewöhnt. Weiße Fingerkuppen, große Monde auf den Nägeln, die Adern auf dem Handrücken treten hervor. Mit der anderen hält er das Tischtuch fest auf dem Schoß. Zuhause hat es Servietten gegeben und jeder seinen eigenen Ring, alle vier. Was tief sitzt, verlernt er nicht. Der Rest gerät aus den Fugen. Jemand rührt den Löffel im Glas, Vater hängt weit nach links über, kerzengrader Rücken, er schaut zwischen den Köpfen von Britt und mir hindurch auf einen hellen Fleck an der Wand. Etwas schlägt auf zwischen Vater und der Kleinen, es klingt nach Geschirr. Sie hebt den Kopf, sie schaut Britt an, Britt schaut mich an, Vater weit links. Britt knallt ihren Stuhl zurück. Mach doch was, verdammt, Benjamin. Ich springe auf, seine Schultern erwische ich gerade noch, bevor er auf mein Kind fallen kann. Vater ist eins achtzig, kein gebeugter Rücken. Als er wieder aufrecht sitzt, dreht er mir seinen Kopf zu.
Zeitlupe, denke ich, mein Vater in Zeitlupe, und wie schmal seine Lippen jetzt werden. Er presst die Zähne aufeinander, mit einem Schlag ist er nochmal so wie früher, nur langsamere Abläufe jetzt. Er hebt die Hand über meinen Kopf, Britt steht noch an der Tischkante, die Kleine schaut auf. Jemand legt die Gabel ab und für eine Weile hängt Vaters Arm in der Luft, als hätte er keine Richtung, als hätte er keinen Befehl, was er tun soll. Britt schaut mich an und seine Hand trifft meinen Hinterkopf. Für's Frechsein, sagt Vater.

Das war im Winter. Im Frühling ging es nicht mehr. Eigentlich die ganzen Monate über nicht, die er bei uns war. Ging es nicht. Wie er den Flur ablief, jeden Tag, Kaffeebohnenschritte von seinem Zimmer zum Telefon und wieder zurück, von seinem Zimmer zum Bad und zurück und wieder zum Telefon, und er hob nie den Hörer ab, horchte nur immer in den ausgestorbenen Flur und kehrte wieder um. Er zählt die Minuten, hatte die Kleine gesagt, ein Schritt, hundert Sekunden oder wie viel das ist. Sie hatte immer ein bisschen Angst, schloss die Kinderzimmertür ab, wenn sie sein Schlurfen hörte. Aber als Mutter noch da war, ist er auch nicht anders gewesen, es fiel nur nicht auf. Saß immer im Sessel und schwieg und sie schwirrte durch die Zimmer. Deine Mutter hat euch zusammengehalten, sagt Britt. Danach fiel der Vater auseinander. Und ihr auch irgendwie. Du und deine Schwester.
Im März setzte ich Vater auf den Beifahrersitz. Sein Schreibtisch, die Kommode, das Bett und der Sessel waren schon drüben, Britt blieb zuhause und räumte unser Arbeitszimmer wieder ein. Während der zwanzig Minuten bis zum Haus schaute Vater konzentriert auf die Fahrbahn. Er ist ein guter Fahrer gewesen. Sein alter Wartburg. Als wir in die Hofeinfahrt einbogen, drehte er den Kopf.
Ist sie auch schon da?
Nein, aber Iris ist jetzt da, die macht es dir schön.
Iris stand in der Haustür, sie hatte einen Zwiebelzopf in den Türrahmen gehängt, weil Mutter das auch immer so gemacht hatte. Im hinteren Garten blecherte Radio, jemand verschnitt die Hecke. Vaters Gesicht hellte sich auf.
Iris! Bist du auch mal wieder da.
Ich bin jetzt immer da, Vater.

Dann stellten wir die Sommerzeit ein und die Kleine hatte Geburtstag und hinten war wieder das Arbeitszimmer, nur dass es keiner mehr benutzte, Britt nicht und ich auch nicht, es gab keinen Anlass oder wir saßen lieber im Wohnzimmer am offenen Fenster und spielten Memory zu dritt und erzählten uns, was am Tag alles passiert war. Weißt du noch, wie schief Opa war, fragte mich die Kleine im Spaß. Es klang so, als sei es lange her.
Ich fuhr jede Woche zum Haus und half Iris mit den Einkäufen und dem Saubermachen. Dieses Riesenhaus, schimpfte sie, da hatte sich Mutter was eingebrockt, kein Wunder, dass sie jetzt, Mensch. Vater redete nicht mehr viel. Saß wieder jeden Tag im Sessel neben dem Radio und schaute geradeaus auf die Flecken an der Wand.

Das alte Kinderzimmer direkt neben dem Schlafzimmer. Früher haben wir zu zweit da geschlafen. Die Bettgestelle aus weiß lackiertem Metall stammten aus einem Lazarett nach dem Krieg, zwei Betten an der Wand zum Bad: Iris und ich. Jetzt hatte Iris sie endlich rausgeworfen, die Wände frisch gestrichen, eigelb, und ein paar ihrer eigenen Möbel eingeräumt, mehr hatte sie nicht aus ihrer Wohnung mitgenommen: den blauen Schrank und ihren Schreibtisch und das Schlafsofa, damit sie nachts in Vaters Nähe sein konnte. Falls was passiert. Ist ja nicht für die Ewigkeit.
In den ersten Nächten stand Vater oft in der Tür und schaute Iris beim Schlafen zu, dann hielt er sich mit der Rechten am Pfosten fest und schwankte trotzdem und er hatte ein unbewegliches Gesicht.
Iris: Ich weiß nicht, was er dann denkt, weißt du. Ob er überhaupt wach ist.

Ich kann mich an diesen Sommer nicht gut erinnern. Als hätte mir jemand erzählt, wie ich jede Woche zum Haus gefahren bin: die Allee runter bis zu den Schrebergärten, wo die Hecken über die Maschen­drahtzäune hinaus­wucherten, irgendwo dazwischen das fast zugewachsene Orts­ausgangs­schild, dann die Kurve im Anstieg und die Elsterbrücke, auf halber Höhe kann man das rötliche Wasser sehen, direkt aus dem Stahlwerk, manchmal die Stichlingsschwärme darin, sie treiben immer an der selben Stelle, aber ich habe lange nicht auf der Brücke gehalten.
Ich weiß, dass ich diese Strecke gefahren bin, mindestens einmal in der Woche, aber ich erinnere mich nur daran, weil ich sie schon immer gefahren bin, auf dem Weg irgendwohin, und in diesem Sommer eben auch, zum Haus. Als Kinder haben wir Ausflüge hier in der Nähe gemacht, Iris, ich und Mutter. Vater war selten dabei, aber dann ging er immer weit voraus und war in Gedanken. Bei Regen quoll der Schlamm auf den Wegen und ich weigerte mich weiterzugehen, diese verdammten Regenwürmer! Wir sind immer bis zur Brücke gegangen, vom Haus bis zur Brücke und auf einem Umweg zurück, das Wasser war damals auch schon rostrot.
Hinter der Brücke das Waldstück, dann die aufgeteilten Felder, wegen der hohen Ähren im Sommer nie Rotwild zu entdecken. Als wir Kinder waren, kam uns alles groß vor: Riesenwald, Riesenfelder und wo die Mitte war, zu der wir nie vordrangen, während Mutter am Rand saß und wartete und las, Dr. Shiwago zwischen Kornblumen.
Dann das nächste Ortseingangsschild, die ersten zwei Höfe hatten Hühner in der Einfahrt, geradeaus bis zur Kurve, der Konsum, schmale Straßen, manchmal Hundegebell und Reifenspuren im Teer, die Post und am Werksgelände vorbei, im Haus mit dem Efeu hatte Vater früher sein Büro, und hinter den Bahnschienen das Haus, unser altes Haus. Iris lehnte jetzt immer schon in der Tür und wartete mit mir, ich saß hinter den Schranken im Auto, wir schauten uns gegenseitig zu, und ich weiß noch, wie ihre Gestalt zwischen den vorbeidonnernden Waggons aufblitzte, schräg im Türrahmen, graues Tuch am Hals, Daumenkino mit Iris, hat sie gelächelt?
Ich weiß das alles. Wie ich zum Haus gefahren bin, jede Woche. Wie sie in der Tür stand und dann wirklich lächelte. Wie wir zusammen hineingingen, Schuhe aus und der Flur und wie ich jedes Mal die Klinke zum Wohnzimmer drückte, als hätte mir jemand gesagt, ich solle ganz leise sein. Vater umklammerte immer mit beiden Händen die Sessellehnen, vielleicht hielt er sich fest, um nicht zu kippen. Und jedes Mal drehte er den Kopf langsam zur Tür, öffnete den Mund weit und kniff die Augen zusammen, konnte er mich so schlecht sehen, die alte Hornbrille, und beugte sich vor und verfolgte meine fünf Schritte quer durch den Raum zum Fenster, unter dem der Sessel stand, im Gegenlicht, ich bin's, Tag Vater. Aber alles war so, als wäre das gar nicht ich.

Am Anfang war die Kleine manchmal noch mit dabei. Sie mochte das Haus, die vielen Winkel, den großen Fernseher, den Staub auf den Fensterbrettern mit den Fliegenleichen darin, sie fand das abenteuerlich. Iris konnte gut mit ihr umgehen, sie nahm sie manchmal mit auf den Dachboden und zeigte ihr alte Fotos und kleine Dinge, die Mutter gehört hatten, das Liederbuch, ihre Handtasche, die Fotos, den gelben Lampenschirm, den man als Puppenbett nehmen konnte, die Fotos, immer wieder. In das Wohnzimmer ging die Kleine nur einmal pro Besuch, zum Gutentagsagen, dann drückte sie die Klinke genauso vorsichtig wie Iris und ich, als wäre das verboten. Stand sie dann vor seinem Sessel und streckte die Hand aus, hallo Opa, stand sie im Gegenlicht und ich im Türrahmen und wollte sie nicht alleinlassen, oder ihn.
Hallo, Opa.
Hm.
Essen ist fertig.
Was?
Essen ist fertig, du sollst rüberkommen.
Rüberkomm, ja. Komm mit, ich zeig dir mal die Mutti.

Im Spätsommer fiel Vater oft um. Nicht aus heiterem Himmel, er sah nie erschrocken aus. Hielt sich immer noch gerade, kein gebeugter Mann, aber ihm war etwas abhanden gekommen, das er im März noch gehabt haben musste, einen Rest wenigstens. Die Waage schlägt um, behauptete Britt.
Einmal, die Kleine war mitgekommen, Iris hatte in der Küche etwas mit ihr gemacht, Kakao kochen vielleicht oder ein Spiel, ich sehe was, was du nicht siehst, oder Iris hatte zu tun und die Kleine unterhielt sie dabei. Ich war im Garten, es hatte Nebel gegeben am Morgen, haarscharf über dem Rasen jagten sich die Schwalben, der Schuppen brauchte einen neuen Anstrich, bevor es kalt wurde. Mutters Bambus war inzwischen ein hoher, fester Busch geworden, das hat sie gar nicht mehr gesehen, dachte ich, wäre stolz gewesen, und dass Bambus nur aller zehn Jahre blüht, fiel mir ein, ich weiß gar nicht, wie die Blüten aussehen, Iris weiß solche Sachen. Wischte mir die Hände ab, und als ich durch die Haustür ging, war es still, nur Iris' leise Stimme: Komm, Vater, das ist überhaupt nicht schlimm, komm.

Die Toilettentür stand offen, weißes Licht auf dem Absatz, Vater lag neben dem Toilettenbecken auf dem Rücken, die dünnen Knie angewinkelt, mit der einen Hand versuchte er, sich die Hose hochzuziehen, aber das ging nicht, er lag so da, wie er war, die Kleine zog am anderen Arm und sagte kein Wort und Iris kniete über ihm und hob seine Hüften vorsichtig hoch, er war leicht geworden, aber dieses kleine Bad, dieses Bad und das Kind und Iris und Vater und weit oben die Neonröhren, und Vater sah mich im Türrahmen stehen und sagte auch nichts und hatte den Mund offen und heulte leise und sah weg.

Ich bin nicht dabeigewesen, als er gestorben ist. Am ersten Herbstferientag, ich war mit der Kleinen in der Stadt und hatte ihr einen neuen Badeanzug gekauft, sie ging jetzt zur Schwimmstunde und der alte war an den Beinen zu eng geworden. Sie saß auf der Rückbank und zählte mir ihre Lieblingsfarben auf, dunkelgelb und rosa und hellgrün und weiß. Weiß ist keine richtige Farbe, weiß gilt nicht, warf ich ein, aber sie bestand darauf: Weiß kann man doch sehen, also! Wir hatten die Heizung laufen, es regnete dunkle Fäden auf die Windschutzscheibe, ich trug die gelbe Regenjacke und die Kleine einen viel zu dicken Anorak, in dem sie aussah wie ein Robbenjunges. (Dass man sich immer an das Wetter erinnert, im Nachhinein, an das Wetter und was man anhatte, und sogar an das, woran man sich gerade erinnerte.) Als Mutter starb, hatte es gerade Neuschnee gegeben.
Ich parkte das Auto in der Einfahrt, der Hof stand zur Hälfte im Wasser, etwas goss sich die Seele aus dem Leib und die Kleine lachte und trat in eine Pfütze und schnaufte. So machen die Robben das, hörst du? Und ich lachte und schnaufte auch und fragte sie irgendwas und ging schon zur Haustür, die offenstand, Britt im Türrahmen, den Hörer in der Hand. Die Kleine antwortete und rannte an mir vorbei die Treppe hoch, sie wollte ihren Schirm nach draußen holen und rief etwas, das ich nicht verstand. Britt sah mich an und hielt mir den Hörer hin, jetzt nicht, sag, dass ich zurückrufe. Britt stand immer noch da: (Dass man sich an alles erinnert, nur nicht an das, was genau man gefühlt hat.) Iris sagt, du sollst kommen.

Vater saß im Lehnstuhl, der Kopf war nicht zur Seite gefallen. Er saß aufrecht, die Hände im Schoß, vielleicht hatte Iris ihn auch schon so zurechtgeschoben, er hatte nie die Hände im Schoß, er hielt sich immer an der Armlehne fest. Aber irgendwas war mit den Augenbrauen, als würde er sie anheben, um besser sehen zu können, oder lag es daran, dass der Rest seines Gesichts abgerutscht war, weil der Mund offenstand, ich wischte ihm mit meinem Taschentuch den Speichel vom Kinn und kam mir vor wie einer, der lügt. Nichts mache ich so, wie er gedacht hätte, ich Sohn, ich, und jetzt sitzt er ganz anders da, als ich gedacht hätte. Die Wangen dellten sich nach innen wie bei schönen Frauen, aber seine Kehle komisch nach vorn geschoben, scharfer Adamsapfel und die Nase weiß und spitz. Es sah nicht aus, als würde er schlafen. Ich hatte fest geglaubt, er würde hinfallen, die Treppe zum Hof oder beim Aufstehen vom Bettrand oder auf dem Weg im Flur, auf und ab die Minuten zählend und dann der Absatz. Und nicht einfach so, im Sitzen vormittags und Iris kurz in der Küche und kommt zurück mit dem Tee im Glas und steht vor seinem Sessel und begreift erst gar nicht, was er jetzt hat. Er sah Mutter nicht ähnlich.
Iris stand neben dem Sessel am Fenster, Vater halb zugewandt, wir getrauten uns nicht, uns von ihm wegzudrehen. Ihre Haare im Gegenlicht.
Benjamin?
Ja.
Ich kann Vater nicht waschen. Ich mach' das nicht noch mal.
Ist gut. Komm her, Iris, ist ja gut.

Kurz vor zehn ließ der Regen nach, zum ersten Mal seitdem, ich war drei Tage lang nur mit Regenjacke vor der Tür: zum Beispiel beim Bestatter, er hatte mich gleich wiedererkannt, hat jetzt einen neuen Grabredner, aufgedrehter Junge mit Vollbart, der sich damit sein Studium finanziert, Beerdigungs­reden für ausge­tretene Christen wie Vater, redete viel auf mich ein um etwas herauszukriegen, was war Ihr Vater denn für ein Mensch, was halten Sie von Hiob, aber was sollte ich denn sagen. Auf der Post war ich, die Briefe, eilig zurechtgeschrieben, mit dem Notar einen Termin gemacht, das Essen bestellt, Partyservice heißt das trotzdem, im Haus war ich nicht.
Iris war noch am selben Abend mit zu uns gekommen, Britt hatte ihr eine Liege im Arbeits­zimmer gegeben und ein Fußbad gegen das Zittern, sie schlief bis in den späten Vormittag. Es war ein bisschen, als wäre sie einfach nur krank, die viele Zeit und ihre langen, gedämpften Gespräche mit Britt, nachmittags ging sie mit der Kleinen raus in den Dauerregen, die war glücklich über den Besuch, kann Iris nicht bleiben, hat sie gefragt. Iris lächelte viel und sprach über andere Dinge als Vater.

Bei nichtkonfessionellen Beerdigungen wird nicht geläutet, weil sich niemand zuständig fühlt, aber die Männer vom Bläserchor waren trotzdem da, sie hielten Abstand zum Redner und pfiffen auf die feuchte Luft, mit Kapuzen über den Köpfen gegen die letzten Tropfen unter den Eichen, und spielten O Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen ins ewig Vaterland. (Dass ich den Text dazu auswendig wusste und woran das lag, an den wenigen Gottes­diensten ganz früher mit Mutter, wenn jemand gestorben war, den sie kannte?) Vater hatte eigentlich andere Sachen gehört, Verdi und Bellini und Ponichelli, er konnte kein italienisch, aber er drehte das Radio dann immer auf Anschlag und riss die Fenster weit auf und stand da, als würde die Callas persönlich im Wohnzimmer Einzug halten, und Mutter ging dann jedes Mal raus und schüttelte den Kopf, aber lange ist das her. Iris und ich sind immer dageblieben und haben mitgehört, so viel italienische Lautstärke fanden wir gut, lange her.
Iris stand mir gegenüber am Außentor zwischen den Autos, es roch nach Deodorant und frischem Moos. Es hatte sich ausgeregnet, wir blinzelten und öffneten die Reißverschlüsse und sahen uns an, ab und zu. Iris brachte den geharkten Sand durcheinander, indem sie Zweien mit dem Fuß hineinmalte. Vater hatte das auch so gemacht, keine Achten wie andere, immer eine Zwei und ohne es selber zu merken, seine geputzten Schuhspitzen, als er noch sein Gleichgewicht hatte. Mutters Grab hatte ganz kahl ausgesehen, und jetzt der frische Hügel daneben, Mutterboden nennt man das.
Aber das ist so kahl daneben, sagte Iris.
Liegt am Efeu, der wächst nicht so schnell in einem Jahr.
Dass wir es immer noch Mutters Grab nennen, fiel mir ein und dass sich das vielleicht ändert, wenn frische Blumen auf beiden Seiten stehen, Erika für den Winter und Rosen oder so im Sommer, ein bisschen Efeu kann ja bleiben und weiterranken, Mutter hatte sich das gewünscht. (Man kann vierzig sein und sich trotzdem als Waise fühlen. Nur dass man schon viel früher damit anfängt, aber wann genau?) Hinten an den Biotonnen sah ich die Kleine rennen, im Robbenjungenanorak, was soll sie schon in Schwarz gehen, hatte ich zu Britt gesagt, ist doch fremd genug für sie, was wir hier veranstalten, sie weiß ja noch nicht mal, dass sie uns alle überleben wird, oder doch.
Iris lehnte an einer fremden Wagentür, malte Vaters Zweien, sah nicht auf und hat nichts mehr gesagt.

Dann am Kaffeetisch, Britt und ich standen hinter den Stühlen und kamen aus dem Eingießen und Teller herumreichen nicht raus, was an Leichenschmäusen lustig sein soll, dachte ich, und dass man dazu vielleicht in einem anderen Land leben müsste, es war auch nicht unlustig! Wir sind eben so, wie wir sind, Iris und Britt und ich, und die Kleine bestimmt auch schon. Als Außenstehender könnte man vielleicht nicht mal ausmachen, ob wir jetzt Schulanfang feiern oder Geburtstag oder Vaters Tod, es ähnelt sich alles, sobald wir zusammensitzen. Der Partyservice hatte zuviel angeschleppt und Britt und ich standen hinter den Stühlen und warfen uns Blicke zu, die soviel heißen sollten wie: Läuft doch, was hast du denn, als die Kleine ihre Gabel fallen ließ und Iris unter den Tisch kroch und danach fischte und von unten her sagte: Hat gar keiner geweint, oder?
Vater war doch schon vorher tot, rutschte es mir heraus.

Iris drehte den Schlüssel um. Es knackte gar nicht mehr, das Schloss hatte sie schon auswechseln lassen. Britt und ich gingen hinter ihr durch die Tür, wir redeten vom Wochen­end­einkauf, Altweiber­sommer und den Schließ­zeiten der Schranke vor dem Haus, bis uns nichts mehr einfiel. Vom Keller her roch es nach Dämm­stoffen und zog trotzdem wieder, wir gingen die Stufen hoch, jetzt knarrt es wie früher, wir drei hintereinander und hielten uns am Holzgeländer fest, aber lauter jetzt, was an unseren schweren Körpern lag oder daran, dass Britt mit dabei war, oder werden Geräusche leiser, wenn man sich erinnert? Auf dem Treppenabsatz wieder verendete Fliegen, Britt sah lange hin und dann zu mir und Iris öffnete die zweite Tür mit dem Briefschlitz, und ich dachte wieder daran, wie ich als kleiner Junge immer die Klappe hochge­schoben hatte, um nach innen zu sehen, mit kleinem, krummen Rücken. Drinnen war alles wie immer, Iris hatte in diesem Sommer fast nichts verändert, nur sehr ruhig war es jetzt und verstaubt, als wäre die Wohnung monatelang unbewohnt gewesen, dabei war Iris doch bis vor einer Woche ununterbrochen hier.
Wir zogen die Schuhe aus, als käme es noch darauf an, kommt doch eh alles raus, fuhr mir durch den Kopf. Wir gaben uns Mühe, nicht betont leise zu sein, aber Iris drückte die Klinke zum Wohnzimmer trotzdem nur vorsichtig herunter. Britt blieb im Flur zurück und machte Licht. Der Himmel draußen hing schon wieder tief, alle Zimmer im Zwielicht, schau, wie der Himmel sich bückt, ihm ist nämlich schlecht, hatte ich am Morgen zur Kleinen gesagt und Britt hatte gelacht und mich geküsst.
Findet ihr nicht auch, dass es nach Mutti riecht?
Iris stand am Fenster ohne Gegenlicht. Den Sessel müssen wir auch wegwerfen, sagte sie, da setzt sich doch keiner mehr rein, und: Nein, tut es nicht.

Britt: Und du willst wirklich hierbleiben?
Iris: Ja natürlich.
Britt: Aber das musst du nicht, ihr könnt das auch verkaufen und du suchst dir davon was neues und es wird alles viel schöner. Dieses alte Haus!
Iris: Ich weiß schon.
Britt: Aber warum willst du dann hierbleiben, verdammt noch mal?

Alle Ausnahmezustände strecken deine Zeit, sagt Britt, dir ist dann, als würdest du länger leben als alle Anderen. Aber das ist nicht wahr. Meine Eltern sind nur einmal gestorben, jeder für sich, Mutter im Winter und Vater im nächsten Herbst. (Aber dass ich immer noch nicht finde, schon sehr lange hier zu sein, dass ich in meinem eigenen Daumenkino stecke, nur vielleicht ohne Pointe.) Oder liegt es daran, dass ich mich nicht richtig erinnern kann an die Zeit, als ich Waise geworden bin, Spätwaise müsste es heißen, aber keiner sagt das, nicht mal Britt.
Dabei weiß ich, wie alles gewesen ist und was danach kam: das wochenlange, akribische Ordnen der Sachen im Haus, Staubmäuse und wahrscheinlich Jahrzehnte alte Brötchenkrümel in den Schubladen, einmal ein abge­schnit­tener Zehen­nagel im Badezimmer­schrank und jeden Tag das Gegenlicht auf den stumpfen Fenster­scheiben, unser Rascheln und uns gegenseitig Anschweigen, wir gingen abwechselnd an die frische Luft, ob Iris draußen doch noch geweint hat, keine Ahnung. Aber die Fotos haben wir erst zum Schluss aufgeteilt, fünf ordentliche Alben, Spinne­nmuster­ein­lage und schwarzes Papier, fünf Alben durch zwei. Im Oktober hatten wir schon den Notar hinter uns, alter Bekannter vom Vater, fester Händedruck, keine Schwierigkeiten in der Verfügung, wir konnten schalten und walten und alles hinter uns bringen: das Haus an Iris, dafür alles neu drinnen, was wieder ein halbes Jahr dauern sollte, aber dann standen die Bücher bei mir und das Büffet und die Radierung, Vater als Sechsjähriger mit wachsweißem Haar, kleiner fremder Junge, habe ich ins Arbeits­zimmer gehängt. Der Junge mit Vollbart vom Bestattungsinstitut hat mich noch Monate später auf der Straße gegrüßt. Irgend­wann haben wir damit aufgehört. Ich weiß gar nicht mehr, was er auf der Beerdigung gesagt hat.
Ich kann mich an jede Einzelheit erinnern, aber so, als sei ich der Leser meiner eigenen Geschichte. Und vor allem: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich das alles war. Als wäre ich schon viel länger elternlos gewesen, lange vorher auf dem Weg verloren gegangen und der Rest blättert sich ohne weiteres weiter, ich lese nur mit.

 

aus: Flamingos. Geschichten. Schöffling & Co., Frankfurt 2010
Ulrike A. Sandig   27.04.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
 
Ulrike Almut Sandig
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