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Tempelhüpfen

Sie wirft den Stein. Hebt das Bein und springt hinein.

Hinein in die Felder, die lebendig machen.
Sie erspäht die einzelnen Bereiche, konzentriert sich und verlässt sich auf ihre Geschicklichkeit. Grenzen nimmt sie wahr. Die müssen übersprungen werden. Auf sie treten, das darf sie nicht. Einfach wegwischen, das geht nicht.
Bevor sie den ersten Sprung macht - einbeinig, unsicher, wackelnd - wandert ihr Blick.
Eins, zwei, drei, gespreizt ...
und dann ein Feld zum Ausruhen. Da hinten!
Hinein!
Das ist zu schaffen. Sie will es schaffen!

Sie wirft den Stein. Hebt das Bein und springt hinein.

Gleich ins zweite Feld.

Manchmal ist die Liebe warm.
Dann umhüllt sie wie ein wollener Mantel, in den man sich kuscheln darf und aus Zärtlichkeit ist der Gürtel, der als Band sich um zwei Menschen schlingt.
An solchen Tagen tut es gut, ihn auf dem Sofa sitzen zu sehen. Er liest ein Buch. Er döst in den Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fallen und seine Nase kitzeln. Er setzt sich an den Schreibtisch, um zu arbeiten. Er ist da. Er ist nah.
Zwei Herzen klopfen im gleichen Rhythmus. Die Begierde schlummert im Wattebett und schickt nur ab und an ein Traumbild, das sie Kribbeln macht.
Nein, keine Fragen.
An solchen Tagen braucht sie seine Worte nicht.
Sie weiß, gleich hebt er den Kopf und lächelt sie an.
„Trinken wir Kaffee?!“
Sie wird glücklich in die Küche eilen.

Manchmal ist die Liebe kühl. Dann steht sie zwischen ihm und ihr.
An solchen Tagen will er sie nicht. Nicht ganz.
Er will nicht alles, was Liebe ist. Was ist Liebe?

Vorsicht! Sie strauchelt. Nicht das Gleichgewicht verlieren!

Ihr Mehr treibt ihn ins Weniger.
Sie verheimlicht und versteckt es, damit er nicht sieht, was er sehen soll.
Verbirgt das Lächeln im Grinsen, die hungrigen Finger im neckenden Knuff.
Nein, keine Fragen. Augenzwinkern.
„Ich geh’ noch aus“, sagt er und sie antwortet: „Viel Spaß!“
„Ein stressiger Tag. Ich hab’ schlechte Laune“, sagt er und sie lässt ihm ein Schaumbad ein.
„Ich bin müde“, sagt er und sie küsst ihn zur guten Nacht.

Kurz anhalten. Luft holen vor dem nächsten Sprung.
Jetzt nicht die Orientierung verlieren!

Manchmal ist die Liebe heiß. Brennt in ihm und ihr.
‚In uns’ - fühlt sie.
Dann bringt Gier alle Gedanken zum Schweigen.
Augenberühren, Körperversinken. Fest ineinander wühlen.
„Ich will dich“, sagt er.
„Nimm mich“, sagt sie.
Spüren, Ahnen, Universum.
Keine Fragen, keine Angst.
Gelöscht. Ertränkt in nasser Ekstase.

Geschafft.
Mit beiden Beinen am Boden.
Gipfelfest.
Jubel.
Ausruhen.
Sammeln. Nicht nur Kraft.
Jetzt muss sie heim.
Und sie braucht ihn, ihren Stein.

Manchmal ist die Liebe ehrlich.
„Was willst du?“, fragt er.
„Dich“, sagt sie. „Ganz und gar.“
„Was noch?“, fragt er.
„Mich“, sagt sie.

Aufheben. Festhalten. Heim.

Das nächste Feld.
Sie wirft den Stein. Hebt das Bein und springt hinein.

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* Tempelhüpfen ist ein anderes Wort für das 'Spiel' Kästchenhüpfen

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Veronika Aydin
Prosa