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Volker Sielaff

Ein Gedicht läßt sich nicht verkaufen

Dankrede zum Lessing-Förderpreis 2007

Volker Sielaff | Foto privat   Volker Sielaff, 1966 geboren, lebt in Dresden und erhielt 2007 zusammen mit Clemens Meyer den Lessing-Förderpreis.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

ein Dichter soll keine Reden halten. Ich täte also gut daran, es bei diesem einen Satz bewenden zu lassen und, nicht ohne einen Dank an jene, die mir mit diesem Preis wohlwollen, das Podium sogleich wieder zu räumen. Ich bin nicht sicher, ob Takt und Feierlichkeit den richtigen Ort für Gedichte abgeben, eher doch nicht, denn die Schöpfer von Gedichten sind seit je Individualisten, ja, das Gedicht verweigert sich den Konventionen, es ist von Beginn an das absolut Andere, das, mit Joseph Brodsky, „nicht vorgegeben, vorgetäuscht, imitiert werden kann“.

Jeder von Ihnen dürfte Huckleberry Finn kennen. Mark Twain hat ihm den wunderbaren Satz von der Lüge, die man nicht beten könne, in den Mund gelegt. Nun, man kann sie auch nicht dichten.

Das Gedicht hört sich beim Schreiben selbst zu. Nicht der Dichter führt ein Selbstgespräch, sondern das Gedicht ist dieses Selbstgespräch insofern, als die Sprache den Dichter an die Hand nimmt und nicht umgekehrt. Daraus folgt, daß man mit einem Gedicht auch nichts wollen kann, andernfalls es sich dem, der es für seine Zwecke zu mißbrauchen versucht, verweigert. Das Gedicht kann nichts dafür, wenn es mit einem Triumphlied auf irgendeinen Herrscher dieser Welt verwechselt wird. Lessing, in seinem Laokoon, nannte verschiedene äußerliche Zwänge, welche die Kunstfreiheit einschränken können. Lange Zeit war das die Religion. Lessing erzählt uns von einem Bacchus im Tempel zu Lemnos, der mit Hörnern dargestellt war, und so erschien er damals in allen Tempeln, „denn die Hörner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen bezeichnete. Nur der freie Künstler, der seinen Bacchus für keinen Tempel arbeitete, ließ dieses Sinnbild weg“.

Wenn ich mir nun die Frage stelle, wie es denn heute darum stehe, daß die Künstler in „völliger Freiheit...ohne allen äußerlichen Zwang auf die höchste Wirkung ihrer Kunst ... arbeiten können“, ist das Problem nicht mehr, ob mit oder ohne Hörner. Der Künstler darf heute, von den üblichen, zum Selbstverständnis des Kultur- und Medienbetriebes gehörenden Skandalen und Skandälchen abgesehen, so ziemlich alles. Aufs Ganze gesehen unterliegt der Kulturbetrieb von Heute längst demselben Reizschema, wie alle anderen Bereiche unserer Gesellschaft. Von früh bis spät werden wir zu gebildeten und gut informierten Kulturjunkies erzogen, deren einziger Wunsch es ist, die Dosis immer weiter zu erhöhen, bis zum „Goldenen Schuß“, der sich in so harmlosen Sätzen zu erkennen gibt wie dem, daß man schon gerne mal wieder ein Buch lesen würde, allein, es fehle einem die Zeit dazu.

Spätestens jetzt könnte ich mit der Empfehlung herausrücken, es doch einmal mit Gedichten zu versuchen, denn augenscheinlich ist der Grund für die große Verwirrung, in der wir uns als Kulturjunkies befinden, die mit Fünfminutenformaten in Rundfunk und Fernsehn abgespeist werden, der, daß wir uns auf Angebote verlassen, anstatt uns selber „ein Bild zu machen“. Sich selber ein Bild machen. Beim Namensgeber dieses schönen Preises, der heute verliehen wird, hätte das vermutlich Beifall ausgelöst. Und weil das hier nun eine Rede werden muß, zitiere ich Ihnen noch einmal Joseph Brodsky, den russischen Dichter: „Um einen guten literarischen Geschmack zu entwickeln, gibt es nur den einen Weg – Lyrik lesen. Wenn Sie meinen, daß ich eigene Standesinteressen voranzutreiben versuche, sind Sie im Irrtum: Ich bin kein Gewerkschaftler. Vielmehr ist Lyrik als die höchste Form menschlicher Rede nicht nur die knappste, am stärksten verdichtete Mitteilungsweise menschlicher Erfahrung; sie bietet auch den höchstmöglichen Maßstab für jedes sprachliche Unterfangen – ganz besonders auf Papier.“

Ich möchte noch einen weiteren Grund, sich an die Poesie zu halten, hinzufügen. Ein Gedicht läßt sich nicht verkaufen. Dichten ist ja eine Art von Alchemie, die Erfahrungen in Sprache verwandelt, welche wiederum und im günstigsten Falle, im Leser Empfindungen auslösen. Das Gedicht läßt sich aber in eines nicht verwandeln: in eine Ware, deren Wert sich nach Rentabilitätskriterien errechnen läßt. Der Philosoph Giorgio Agamben hat darauf hingewiesen, daß, sobald ein Ding zur Ware wird, es seines Eigenwertes beraubt ist. Es wird berechenbar. Das Gedicht aber, meine Damen und Herren, ist in schönster Weise unberechenbar und das heißt: Sie werden mit ihm rechnen müssen. Es eignet ihm fast etwas partisanenhaftes. Jedem, der es sich, wie beispielsweise ein ehemaliger deutscher Staatsminster für Kultur, zur Gewohnheit gemacht hat, wenigstens vorm Frühstück ein Gedicht zu lesen, wird den irritierenden Zauber kennen, den ein einziger Vers auslösen kann, und wer weiß, ob er nicht etwas ähnliches bewirkt wie jener sprichwörtliche Schmetterling in China, dessen Flügelschlag eine Sturmbö in Finnland auslöst.

Das Gegenbild dazu findet sich auch sogleich. Es gibt einen sehr schönen Film von Werner Herzog, „Das Rad der Zeit“, der einen tiefen Einblick in das buddhistische Ritual der Kalachakra-Initiation gibt. Man kann dort sehen, wie in mühevoller Kleinarbeit ein farbiges Sandbild entsteht, jenes „Rad der Zeit“ eben, das während der ganzen Festlichkeiten geschützt unter einer Glasvitrine liegt, weil es schon durch ein heftiges Ausatmen oder durch Berührung zerstört werden könnte. Dieses Sand-Mandala ist heilige Geometrie, eine innere Landschaft, wie auch der Dichter sie im Gedicht zu schaffen versucht. Der Ritus endet stets mit der Zerstörung des Bildes durch den Dalai Lama, der farbige Sand wird in ein Gefäß gefüllt und über dem Wasser eines Flusses in alle Winde verstreut. Sie können sich jetzt das eine, große Gedicht als das Mandala vorstellen und den Sand als die Gedichte, die wir lesen können, in Büchern, Zeitschriften oder wo immer sie angeschwemmt werden wie Mandelstams Flaschenpost an den unbekannten Adressaten.

Jener Künstler, der den Bacchus von Lemnos schuf, durfte sich, wie wir gesehen haben, nicht der völligen Freiheit seiner Kunst freuen. Er mußte seinen Bacchus mit Hörnern darstellen. Die Religion stand für ihn über der Kunst mit ihrem komplizierten, niemals verifizierbaren Regelsystem.

Und ich möchte noch eine dritte Komponente anführen, pro domo gewissermaßen. In meinen Gedichten ist der „unbekannte Adressat“ sehr oft ein Du. Es gibt also einen Adressaten, ich glaube, es muß ihn sogar geben. Es wird den Lesern meiner Gedichte nicht entgangen sein, daß sie dem Gespräch näher sind als dem Verstummen. Sollte ich meine Poetik auf zwei Wörter bringen, so würde ich sagen: Alltag und Transzendenz. Das eine nicht ohne das andere. Einem Diktum des englischen Dichters David Constantine könnte ich mich ohne Abstriche anschließen: „Dichtung muß auf ihrer Andersheit bestehen. Dazu braucht sie nicht Sprechweisen anzunehmen, die sich von gewöhnlicher Rede entfernen. Jede poetische Sprache, wie auch immer man zu ihr kam, ist ein Ablenken vom gewöhnlichen Gebrauch. Der Trick liegt darin, unterschieden – sogar absolut – und doch nah, vielleicht ganz nah, jener Sprache zu sein, die alle kennen und verwenden.“

Und noch etwas: zur Freiheit der Kunst gehört auch, daß wir den Anderen nicht mit unserem Denken vereinnahmen. Wer sich den Anderen als fertiges Bild zurechtmacht, degradiert ihn zur Sache. Der Andere, der willkommene, der bewillkommnete Fremde. Aus dieser anerkannten Fremdheit heraus zu schreiben, erschiene mir als das vollkommenste Schreiben. Nach solchen Gedichten, Erzählungen, Romanen, Essays suche ich, solche sind mir nah. Das Problem ist, daß wir überall schnell geworden sind, fahrlässig schnell bisweilen. Gedichte aber sind langsam. Es gibt für sie keine Erklärung, und sobald man glaubt, sie verstanden zu haben, hat man sie schon zerstört. Denn man kann sie gar nicht verstehen. Man kann sich ihnen nur öffnen und in ihnen zu lesen versuchen.
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Volker Sielaff     08.06.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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