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Volker Sielaff
Petrolio und der Andere

Petrolio betritt das Café, begrüßt Freunde. Bevor er von zu Hause losgegangen ist, hat er seine Kleidung gewechselt, gebadet und eine Weile (nicht zu lange) vor dem Spiegel gestanden. Dann ist er aus sich selbst herausgetreten. Auf der Straße ging er neben sich her und achtete genau auf sich, das heißt, es bereitete ihm Vergnügen, er und noch wer anders zu sein. Sonst hat er eigentlich nichts erwartet. Und da mußte sie nun dort sitzen und ihn anschauen aus diesen grünen Augen, als wollte sie sagen: wird aber Zeit, daß du kommst.

Andere Frauen, andere Männer

Sie ist mit den Musikern verabredet, die in einer Schenke am Stadtrand ein Konzert geben. „Du kannst mich begleiten, Petrolio.“ Sie laufen lange eine nur vom Mondlicht beleuchtete Straße entlang. Ganz in der Nähe muß die Schenke sein, doch sie sind noch lange nicht dort angekommen. Sie erzählen sich gegenseitig Geschichten, um sich den Weg zur Schenke zu verkürzen. Es sind Geschichten von anderen Frauen und anderen Männern, die in diesem Text nicht vorkommen. Was nicht heißt, daß sie deswegen erfunden sein müssen. Sie erzählt Petrolio von einem, den sie mit zu sich nach Hause genommen hat. „Am Morgen bat er mich um ein Glas Milch zu trinken“, sagt sie. „Am Morgen trank er die Milch und verschwand.“

Eine Indiskretion

Die Musiker nehmen sie mit in die Stadt zurück. Was mögen sie denken, über sie, über ihn. Zwei Wochen war sie schon in der Stadt, ehe Petrolio ihr begegnete, zwei Wochen genoß sie die Gastfreundschaft im Haus der Musiker, sie aß und trank mit ihnen, und den Tag verbrachte sie allein in der Stadt. Am Abend, bei Tisch, konnte man sie fragen, Wo bist du gewesen, was hast du dir angesehen. Nun auf einmal waren die guten und nützlichen Rituale der Gastfreundschaft ins Wanken geraten, sie waren nicht mehr ohne weiteres durchzuhalten. Ein Fremder hatte sich dazwischengestellt. Petrolio war es in ihren Augen ohnehin, aber auch sie kam ihnen jetzt entrückter vor. Die harmlose Frage, Wie hast du heute den Tag verbracht, konnte plötzlich eine Indiskretion bedeuten, also fragten die Musiker sie nicht mehr danach und auch sie wurde ihnen stündlich fremder.

Schlaflosigkeit

In alle Räume, welche sie in diesen drei Tagen und drei Nächten betreten, nehmen sie ihre Schlaflosigkeit mit. Sie breitet sich aus und weckt alle Dinge. Wie in den Pausen, da sie einander nicht berühren, Tee und Wasser, teilen sie stets auch ihre Schlaflosigkeit miteinander. Wenn er erschöpft von ihr abrollt, spricht sie manchmal leise gegen die Dunkelheit Sätze wie, Der Stuhl hat es gesehen. Nein, sagt Petrolio, er schlief wohl in dem Moment. Die Jalousie, fragt sie nun. Ist zusammengerollt wie ein Strumpf, sie sieht nichts, antwortet Petrolio. Das Bücherregal, flüstert sie. Auch das Bücherregal nicht, sagt er. Es ist traumschwer und voll alter Geschichten. Nun dann, sagt sie. Möchtest du jetzt nicht schlafen, fragt Petrolio. Nein ich möchte nicht schlafen, sagt sie, denn wenn ich jetzt schlafen würde, müßte ich darum fürchten, etwas von dir zu verpassen, wie der Stuhl da, Jalousie, Bücherregal.

Die Geräusche

Petrolio erhält einen Anruf von ihr. Er hat auf der Bettkante gesessen und es nicht geschafft, ins Badezimmer zu gehen. Das Badezimmer ist in seiner Wohnung hinten rechts vom Wohnzimmer aus gesehen, zu weit, hat er beschlossen. Er will es nicht riskieren, ihren Anruf zu verpassen. Petrolio ist unrasiert, sein Körper von zwei Stunden Kurzschlaf verschwitzt. Und plötzlich ist er an zwei Orten gleichzeitig, bei den Geräuschen des Kaffeehauses, von wo ie ihn anruft und hier, in seiner Wohnung. Er hört das Summen seiner leeren Wohnung und die Stimmen, die durcheinander reden, Klirren von Tellern, Musik. Und über allem, ihre Stimme. Die Geräusche im Hintergrund wecken ein Verlangen in ihm. Sie macht es richtig, denkt er, denn sie ist da wo was passiert. Hier, wo ich bin, denkt er, passiert nichts. Er kann es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, das Klappern der Löffel, Teetässchen, das ferne Geräusch noch einmal zu hören. Dort, bei ihr, muß die Welt sein. Weltfern seine Wohnung, die Bettkante ein langweiliger Ort.

In einem Café

Eine kleine Treppe führt vom Schankraum in den Garten des Cafés. Es ist eine kühle Nacht, eine dünne Regenhaut liegt auf Stühlen und Tischen. Die Wahl des Tisches ist keine Angelegenheit, die sie dem Zufall überlassen will. Hinundherschwingen der Wörter, Absprachen, bis beide denselben Tisch für den besten halten, im Eck vor der Ziegelmauer, die den Hinterhof abgrenzt unter einem kleinen Bäumchen, von dem es noch sacht tröpfelt. „Was magst du, Kaffee?“ – „Ja, Kaffee ist gut.“ – „Oder lieber Whisky? Ich werde mir einen Whisky bestellen.“ – „Für mich beides“, sagt sie. „Kaffee und Whisky.“ – „Gut. Ich nehme auch einen Kaffee und einen Whisky“, sagt er. Vielleicht gibt es das Glück wirklich.

Der Koffer

Unten auf dem Boden steht ihr Koffer. Auf dem Tisch liegt der gelbe Flugplan. Sie wird jetzt gleich den Zug nach Zürich nehmen. Der Koffer ist braun und schwarz und sehr leicht. Er ist leichter als vorher, wenn die Geschichten erzählt sind.

Volker Sielaff    08.12.2006

Volker Sielaff
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