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Emil Cioran

Über Deutschland

Sein Temperament ist seine einzige Doktrin

Kritik
  Emil Cioran
Über Deutschland
Aufsätze aus den Jahren 1931-1937
Suhrkamp 2011
232 Seiten, 17,90 EUR

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Die ungewöhnliche Kraft seiner Essays und die spitzfindige Feder, mit denen er sie niederschrieb, machten Cioran zu einem der größten Stilisten der franzö­sischen Sprache. Und das, obwohl er bis zu seinem 35. Lebensjahr auf Rumänisch schrieb. Das Faszinationspotential des Par-Excel­lence-Pessi­misten speist sich aus einer Mischung von ekstatischer Dekadenz und radikalkritischem Zynismus. Sein Interesse an existenziellen Grenzsituationen bleibt aber stets mystisch vernebelt. Den schrillen Paradoxien fehlen jegliche Hintergründe und Zusammen­hänge. Die Mühe einer konkreten Benennung machte sich ein Cioran nicht, sondern blieb aus Lust an der eigenen Rhetorik stets undif­ferenziert abstrakt. Das macht ihn ungreifbar und unangreif­bar, Cioran ist nur bewunderns­wert. Falls man einen Drang zum hemmungs­losen und hochmütigen Fanatismus hat.

Eine mögliche Erklärung, wo seine dogmatische Raserei herkommt, in die seine Schreibe oft entgleitet, könnte man aus seinen gesammelten Essays Über Deutschland herleiten, nämlich seine über­schäumende Begeisterung für die natio­nal­sozialis­tische Diktatur und den Hitleris­mus. „Hitler hat feurige Leiden­schaft in die politischen Kämpfe gegossen und mit messianischem Atem einen ganzen Bereich der Werte dynamisiert, den der demokratische Rationa­lismus platt und trivial gemacht hatte“, schreibt er, und überhaupt erkennt Cioran erst in Deutschland sein Inter­esse an der Politik, die er zuvor für „eine Rand­erscheinung des geistigen Lebens“ hielt, weil sie aus ihren starren Ordnungen nicht ausbrechen kann. Aber alles, was dagegen die Deutschen schufen, „atmet diesen unbe­herrschten inneren Dynamismus.“

Was der Rumäne auf seinen Reisen durch Deutschland, wo er sich von November 1933 bis Juli 1935 als Stipendiat aufhielt, nieder­schreibt, hat etwas von Notaten eines Abenteuer­urlaubers, der die Situation in Deutschland als Auf­bruchs­stimmung verklärt. Das Wirk­liche durch­dringt Cioran erst gar nicht, sondern bleibt stets nur auf der Oberfläche. Und das ist die gefähr­lich mitrei­ßende Wirkung einer Massen­bewegung. Diese wird vom jungen Cioran fleißig bestaunt und in ausgie­bigen Schwärme­reien legt er die Diktatur sogar dem eigenen Volk ans Herz. Cioran erliegt dem deutschen Messia­nis­mus, der selbst­ausgerufenen Master-Race mit Anspruch auf Verein­nahmung und Vernichtung dermaßen, dass er versucht auch Rumänien anzufixen. Schließ­lich lebte er ab 1937 in Paris, weil ihm als Sympathisant der Eisernen Garden eine Haftstrafe drohte.

Dass Cioran so blauäugig übers Braune schreiben kann, ist ganz logisch. Schließlich ist es der „irrsinnige Enthusiasmus“, der ihn am meisten begeistert. Den kritischen und beherrschten Geist samt schal-laschen Klar­blick lehnt der junge Cioran zugunsten eines unver­fälschten Vita­lis­mus, den er in Hitler­deutschland verspürt, strikt ab. Und der explosive Ausbruch des Lebens hat stets etwas Unmensch­liches an sich. Der Rumäne geht in seiner inbrünstigen Obsession bis zum grenzen­losen Opfer, was ihn auch für den Helden­kult empfänglich macht. „Was ich gegen die heutige Demo­kratie einwende, ist ihr Mangel an Heldentum, die Verweichlichung. Die Liebe zum Kompro­miss wegen der Flucht vor dem Wagnis […]. Eine Bewegung, eine Strömung muß schwarze Flecken und vor allem rote aufweisen, damit die Taten feierlicher, endgül­tiger, gefährlicher werden“, fordert er, und macht sich so zu einem geist­losen Philosophen. Wenn der Geist und sein kriti­scher Rationa­lismus – wie er in Am Vorabend der Diktatur schreibt – bereits die Ent­sagung des Lebens bedeutet, dann schlägt sich der Heroismus fixierte Cioran auf die Seite der Seele, und treibt den Riss der Urkontra­henten Geist und Seele noch weiter auseinander.

Der brisanteste der insgesamt 25 versammelten Essays ist Briefe aus Deutschland. Die Revolte der Satten …, wo Cioran so unverhohlen platt wird wie sonst nirgends. So ergießt er sich: „Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwach­sinnigen das Leben genommen wurde? […] Was verdient so ein Mensch anderes als den Tod? […] Solchen Menschen das Leben zu nehmen, das Blut solcher Bestien zu vergießen ist eine Pflicht. […] Wir alle verursachen zu wenige Opfer, wir haben zu wenig Liebe und zu wenig Haß. […] Das ganze Leben lang werde ich wieder­holen: Nicht jeder Mensch verdient, frei zu sein. Das Vorurteil der Freiheit für alle ist eine Schande.“ Das kann er wohl nicht damit gemeint haben, wenn er an andere Stelle schreibt, dass derjenige, der sein Dasein jenseits der Werte führt, dem Menschlichen näher kommt, als derjenige, der als eine im Allgemeinen eingeschlossene Existenz lebt. Aber was sind schon Werte und was ist schon menschlich und wer will das überhaupt?

Ein erschreckendes Faszinosum ist Über Deutschland allemal, aber auch ein spannendes Dokument der Denkmuster Ciorans. Wo er in seinen Deutschland-Essays als ekstatischer Lebens­ausrufer berauscht einer besinnungslosen Barbarei frönt, entzündet sich in den ebenfalls abgedruckten Texten wie Hin zu einer anderen Sexualmoral langsam sein Zorn und sein Ekel über vorherrschende Kulturen und deren Sitten. So entwickelt sich der spätere Cioran, dem das Scheitern der größte Triumph war, der Selbstmord eine tröstende Möglichkeit und gar Gebot, und dem das Geborensein als das wahre Pech, das einzige Pech galt.

 

Walter Fabian Schmid    01.05.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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