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Erika Burkart

Geheimbrief

Jenseits der Menschen die Lieder

Erika Burkart
Geheimbrief
Gedichte
Ammann 2009

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Wo andere Dichter schon aufgehört haben zu schreiben, weil sie vom ewigen Selbstzitieren genervt sind, schreibt Erika Burkart fleißig weiter. Der Vorwurf des Selbst­zitierens trifft auf den ersten Blick wohl bei niemandem sonst so deutlich zu. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten sind es die kleinen Bewegungen, die minimalen Schwan­kungen und Verän­de­run­gen, das fragile Umkreisen ihrer The­men, die Erika Burkart ausmachen. Aus ihrer Zu­rück­haltung heraus voll­zieht sie subtile Wand­lungen. Und doch finden sich gerade in Ge­heim­brief enorme Neuerungen.

Die 87-jährige Schweizerin, deren Dichtung immer ein leises Lautwerden des Schwei­gens war, zeigt in ihrem neuen Band ungeahnte Wucht. „Ausgestiegen / aus dem Geschäft der Religionen / ist Gott / eine astronomische Größe. / Meister anonymer Felder, / der seine Werke vergißt.“ Was sich bisher in empha­tischer Natur­erfahrung und Klagen über die Trennung der All-Einheit äußerte, bricht jetzt stellen­weise in direktem Zorn aus. Es scheint, als bliebe nichts anderes mehr bei solchem Empfinden: „Zu einer schwarzen Beere / ist mein Leben geschrumpft, / ist bitter“. Geheimbrief weist den Ausweg aus dem Leben; das Leben danach ist aber nur ein bewussterer Bewusst­seins­zustand. Irgendwann „erwachst du im tieferen Schlaf / aus dem Traum vom Leben.“

Erika Burkart lebt von der Bilderwelt. Sie reiht mehrere Bilder, die auf­einanderfolgen, ineinander verflochten sind und sich gegenseitig erläutern.

FLUG DER MILANE

Zur stillen Stunde
schau ich dem Roten Milan nach,
dem Schwarzen.
Wo sie fliegen,
wird die Leere zum Raum,
öffnen sie ihn über Bäumen,
weiten ihn unter Wolken.
Ein Verhängnis der Schwarze,
der Rote ein Windspiel,
beide spiralen im Sog fremder Kräfte,
gleich Wesenheiten im Traum
scheinen sie teilhaft
Unendlichem,

während ich Versen nachhänge,
die ich ziehen lasse im Rhythmus
der Vogelflüge, sind sie schon weit, hinterlassen,
indem sie im Zwielicht vergehn mit den Versen,
ruhlose Schatten, flüchtiges Licht,
kreisen innen in Ritualen,
die vogelfrei mitzufliegen
längst Vergeßnes mich trägt.


Ihre Bilder müssen das ausdrücken, was sie nicht in Worte fassen kann; sie messen den Raum aus und übernehmen das Sprechen. Das Freilegen des lyrischen Vorgehens und die Ableitung anderer Gedichte daraus, was in FLUG DER MILANE in einer seltenen Verschränkung vorliegt, sind typisch für Erika Burkart. Das Hadern mit dem Ausdruck und das im Laufe ihrer Karriere immer wieder thematisierte Schweigen haben einen subjektiven Hintergrund: Sie kann ihre inneren Wahrnehmungen und Regungen nicht äußern. „Inbilder verweigern sich Worten.“ Statt das Verhängnis der Eintönigkeit, die Wiederholung des Ewiggleichen, auszusprechen, wird in FLUG DER MILANE ein Schwarzmilan auf seine Kreisbahn gezogen. Burkart ist aber weniger Sprachskeptikerin, denn vielmehr enttäuscht, dass die Wörter sich entziehen, sich nicht heben lassen oder zur falschen Zeit kommen.

Was die etwas holprigen letzten Verse von FLUG DER MILANE andeuten, erklärt sich aus dem Titel des dritten und letzten Kapitels Dunkelkammer Erinnerung: Die Bilder werden in der Erinnerung entwickelt. Aber „auf schlammigen Wegen / kommt die Erinnerung mit“; es können nur wenige Bilder scharf entwickelt werden; das Repertoire wird arg begrenzt. Die tatsächlich Entwickelten jedoch sind so scharf, dass sie in ihrer Nuanciertheit eine einmalige Präzision ergeben. Sie besitzen die Fähigkeit den Sinn zu verbergen als auch zu enthüllen. In der Vereinbarkeit des Unvereinbaren treffen „Ferne und Nähe“, „Wachen und Schlaf“ zeitgleich ein, wobei die Widersprüche die Genauigkeit sogar noch verstärken: „der Mensch Metapher der Unruh / lebenskurz zeitlang [Hervorhebung d. Verf.] / im weitesten Feld.“

Geheimbrief ist ein Erika-Burkart-Konglomerat. Zum einen steigert sich die Verbitterung und einige Gedichte sind untypisch welthaltig – auch wenn das nicht ihre Stärke ist und es sich nicht gerade fügt, wenn Erika Burkart von „Elektro-Terror“ und „Stalkers Zone“ spricht –, aber die Welt ist nun einmal nicht ihre Welt. Zum anderen serviert sie überwiegend ihr gewohntes animistisches Naturempfinden und ihre mystische Naturphilosophie. Da darf man nach wie vor „Nachts unter Bäumen seine Toten, / seine Elben belauschen“ wo „keine Seele ging [...] außer dem mythischen weißen Eiswolf.“

Erika Burkarts Gedichte halten sich in der Unzeit auf, „im Zwielicht von Zwischenstunden.“ Sie zu lesen bedeutet Katharsis vom Gedränge der bisweilen hysterischen Lyrikproduktion. Diese Dichterin ist schlichtweg ein Faszinosum. Sie fasziniert durch die Sorglosigkeit, mit der sie an den Neuerungen und Bestrebungen der Lyrik der letzten 30 Jahre achtlos vorbei­gegangen ist, und im Gegenzug fasziniert, wie achtlos die deutsche Wahr­nehmung an der bedeutendsten Lyrikerin der Schweiz vorbeiging. Ihr Gedicht ist „ein Geheimbrief, / denn sie kennen den Schlüssel nicht“ und viele leider nicht einmal den Weg dorthin.
Erika Burkart, geb. 1922 in Aarau, veröffentlicht seit 1953 Lyrik und Romane. Sie erhielt bedeutende Preise und Auszeichnungen, darunter den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1961), den Ida-Dehmel-Preis (1971), den Aargauer Literaturpreis (1980), den Joseph-Breitbach-Preis (2002) und den Grossen Schillerpreis (2005). Zuletzt erschien ihr Roman „Die Vikarin“ (Ammann 2006).
Walter Fabian Schmid   12.05.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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