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Hans Eichhorn

Die Liegestatt

Im Vorwärts-Wortwärts- oder Fortwärtsgang

Hans Eichhorn | Die Liegestatt
Hans Eichhorn
Die Liegestatt
Residenz Verlag 2008

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Wer bin ich? Und wenn überhaupt, wie viele? Wie viele Stimmen hat die Sprache? Und wann spricht manifeste Prosa latent lyrisch? Wem bisher nicht klar war, dass Du gleich die erste Person Plural ist, der sollte sich mit Hans Eichhorn beschäftigen.

In seinem vorgelegten Manifest Die Liegestatt beschreibt Hans Eichhorn eine kernlose, diffundierende Persönlichkeit, die ihre Ein­drücke frei assoziiert. Ohne jegliche Handlung stürzt sich die Intensität der Sinnes­erfahrungen unvermittelt auf den Leser, und die Figur dringt durch die aus dem Inneren projizierten Stimmen zum Leser durch. Die Beschreibung der Wahr­nehmungen der Figur wird so zur Selbstbeschreibung.

Eine einzige Figur ist es, die Hans Eichhorn ins Blickfeld rückt. Sie befindet sich in Weltabgewandtheit und nährt sich in ihrer physischen Passivität ausschließlich von ihren inneren Vorgängen. Doch das ist reichhaltig genug: „Die Erinnerung ist ein Zuhause. Sie tritt in Schüben auf. Sie feiert sich mit den Motiven um die Wette. Das Bild wird aufgetakelt, Segel werden gesetzt, die Fahrt wird aufgenommen. Du bewegst dich nicht von der Stelle. Und wie du unterwegs bist!“ Die Reise des Bewusstseinsstromes führt durch ein ausdifferenziertes Nebeneinander unterschiedlicher Wahrnehmungs-Vorgänge. Auch hier hält sich Hans Eichhorn an die Proklamation, die er in Das Zimmer niederschrieb: „jede Wahrnehmung / ist eine Geschichte“.

Der Leser wird konfrontiert mit einer Sammlung von nichtkongruenten Wirklichkeitssplittern. Man erfährt von einem Feldarbeiter, einem Fischer oder einem Aktienmakler und kurz werden die Themen Alkohol und eine zerbrochene Liebe angetippt. „Du bist vollgestopft mit abertausenden von Stimmen“. Und diese werden wiederum aus der Vorstellung der Figur heraus in tachistischer Weise auf den Plafond des Zimmers aufgetragen, so dass eine „Klecksomanie“ entsteht, die jede Unterscheidbarkeit verdeckt und in Bewegung gerät.

Zu allem Überdruss fordern die Stimmen auch noch Widersprüchliches: „was wir brauchen, ist ein freudiges Ja und ein ebenso freudiges Nein“. Und dieser ohnehin schon mehrfache Janus Kopf gerät in diffusen inneren Widerstand: „Diese Toten müssen ausgegraben und neu bestattet werden (…) Du sollst es uns sagen! Ich? Ja, du! Ich? Ja, du! Ich? Ja, du! Ich?“

Kein Wunder, dass zwischendurch der Wunsch auftritt, alle Ich-Komponenten auf ein Papier zu legen, dieses zusammenzuknüllen und ins Feuer zu werfen. Es ist unsicher, ob es ursprünglich äußere Stimmen sind, die zu Inneren geworden sind, weil sie sich eingebrannt haben, oder ob es eine unvermittelte Wiedergabe einer Dissoziation darstellt. Ob etwas als Ding der Außenwelt oder als Teil des Subjekts erscheint, hängt jeweils vom Standpunkt ab.

Breit aufgefächert ist auch die Erzählform. Während die „Schübe“ völlig unvermittelt auftreten, wird der Großteil der „Handlung“ von einem Du wiedergegeben, das vorwurfsvoll, beratend und befehlend zugleich sein kann. Identifikation findet kaum statt und wenn dann nur im Wir. Das Ich, das sich verstreut durchkämpft, ist „gegliedert in lauter Fragmente, die nichts miteinander zu tun haben“.

Die Liegestatt bewegt sich zwischen Gedichtform und Prosaabsatz. In ausgeprägter Selbstreferenzialität haben sich „die Buchstaben zur Gänze auf die Farbpigmente zurückgezogen“, was das synästhetische Denken mitaufgreift. Eichhorns Sprache ist – vor allem durch seine gern angewandte Variation der Wortstämme – „als begänne ein mehrsprachiges rhythmisches Klangbild sich im ganzen Haus auszubreiten“, und er durchbricht in seinem schizophrenen Sprachautismus die Konvention zwischen Wort und Welt. Hans Eichhorn bietet reichlich Reibefläche und man sollte ihn noch öfter bitten: „Sing uns das Lied von der Liegestatt“.
Hans Eichhorn, geboren 1956 in Vöcklabruck (Oberösterreich), lebt als Berufsfischer und Autor am Attersee. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Autoren Förderungspreis der Stiftung Niedersachsen/Wolfenbüttel (1994), Preis der Literaturzeitschrift manuskripte (1999), Preis des Landes Oberösterreich für Lyrik (2005). Zuletzt erschien im Residenz Verlag Unterwegs zu glücklichen Schweinen (2006).

Walter Fabian Schmid   24.06.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

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