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Jean Daive

Unter der Kuppel | Erinnerungen an Paul Celan

Der Schatten Paul Celans

Kritik
  Jean Daive
Unter der Kuppel
Erinnerungen an Paul Celan
Engeler 2009

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Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Lyrikern Jean Daive und Paul Celan beginnt mit der Übersetzung von Gedichten aus Sprachgitter. Die bis zur Verzweiflung treibende Schwierigkeit, Celan zu übersetzen, in die Unter der Kuppel hineinleuchtet, verhindert aber dennoch keine Entfaltung einer intensiven Freundschaft, und Celan entschließt sich im Gegenzug zu einer Über­tragung des Gedichtbandes Décimale blanche; es sollte Celans letzte Übersetzung bleiben. Dabei kehrt er wieder zurück zu einer Überlappung der Über­setzungs­poetik mit seiner eigenen Poetik und belässt nicht wie in seinen anderen späten Übersetzungen dem Fremden seine Fremdheit; er setzt rigoros eine im Original nicht vorhandene Inter­punktion und nimmt eine enorme Änderung der Versübergänge vor. Und das, obwohl Daive aufgrund seiner Nähe und Freundschaft den Arbeitsprozess hätte verfolgen können, gegebe­nenfalls hätte widersprechen können; davon ist in Unter der Kuppel aber nicht die Rede.

Unter der Kuppel spürt stattdessen Celans letzten Wegen nach, seinem Treffen mit Heidegger, seiner Reaktion auf die Studenten­unruhen in Paris, seinem Sanatoriums­aufenthalt 68/69 und dem Umzug in die kärglichst ausgestattete Wohnung in der Avenue Emile Zola. Teils aus erinnerten Beobach­tungen, teils aus erinnerten Gesprächen keimt die Beziehung zwischen den beiden Dichtern auf. Daive tastet Celans Aura ab, seinen Gang, die gedämpften Schritte, sein Aussehen, den mageren Körper, das gequälte Gesicht, den abwesenden Blick. Daive geht es um das Erleben von Paul Celan; die Gespräche und äußeren Beschrei­bungen werden dem Leser unmittelbar aufge­fächert. Der Autor fertigt keine persönliche Meinung vor, er interpretiert nicht, was er wahr­nimmt, er befreit sich vom Zwang Celan dingfest zu machen. Jegliche Senti­mentalität, jeglicher Psycho­logismus wird verhüllt durch die Lyrizität der Sprache und dem Stil des Buches: ein thematisch unge­bundenes Notizbuch. Die Erinnerungen in Fragmenten verhindern eine seuselnde Leidens­geschichte um den Suizid eines psychisch ange­schlagenen Dichters.

So wenig er Celan stilisiert, so sehr versucht er sich selbst zu stilisieren. Daive verwischt die Zeit der gemeinsamen Begegnungen und Spaziergänge mit seiner Gegenwart, in der er sich Celans erinnert; ob in Sizilien, in Wien, am Ägäischen Meer oder in Prag. Aus Daives Jetzt wird Celan oft nur zur Erinnerung der Erinnerung. Die eigenen Schwänke, seine Begegnungen mit Panamarenko in Antwerpen, mit Andrej Tarkowskij in San Domenico und seine Liebes­affären rücken in den Vordergrund. Der poetische Anspruch des französischen Lyrikers macht die räumliche und zeitliche Einordnung unmöglich, die Daten bleiben ohne Nachrecherche offen. In der Erinnerung entführt sich der Autor selbst auf die verschlungenen Wege der letzten Tage Celans.

Daives Versuch, die schatten­behangene Zeit zu verstehen, geht einher mit dem Bemühen, auch die damit eng­geführte Schreib­auffassung zu begreifen. Die in Unter der Kuppel reichlich enthaltenen poeto­logischen Aussagen Celans leiten sich aus den Alltags­situationen ab; das Erlebte bleibt stets der poetische Zündstoff. Aus der banalen Beobachtung einer Kugel Eis entwickelt er seine Gedanken zum Würfelwurf, dessen Symbolik sich vor allem in Atemwende niederschlägt; aus Daives Biografie, seiner Herkunft aus einer Pflasterer­familie, aus ihrem gemeinsamen Sinnieren über Stern­pflaster­steine, denen Celan in Todtnauberg „am Brunnen / mit dem Sternwürfel“ wieder begegnet, entwickelt sich ein Gespräch über die gescheiterte Aussöhnung mit Heidegger; eine Enttäuschung, die tiefe Furchen in Celans Poetik pflügt: „›Ich war schon immer der Meinung, dass das Gedicht die Welt zerkratzen muss. Sie wissen, dass Graveure die Platten zerkratzen müssen, von denen Abdrücke gemacht werden. Ja, das Gedicht muss die Welt zerkratzen. Das Gedicht ist eine Diagonale, die die Welt verkratzt, wie die Syntax die Diagonale des Gedichts ist. Nächstes Mal schenke ich Ihnen Todtnauberg.‹“

Daive bleibt stets dem ganzen Celan ausgesetzt; seinem Geistes­zustand und seiner Stimmung, seiner Demut und dann wieder seiner Bestimmtheit, seinem Entzug und seiner Zuneigung. Die intensiven Gespräche über Kafka und die Faszination für dessen Ambivalenz schlagen sich in Celans Gemüt so nieder, wie „›Franz Kafka uns die Überlagerung des Ja und des Nein, des Möglichen und des Unmög­lichen zu lesen gibt. Kafka schreibt nicht mit zwei Händen, sondern mit zwei Stiften in derselben Hand.‹“ Unter der Kuppel zeichnet den psychisch ange­schla­genen Dichter authen­tisch als un­ermüd­liches Geheimnis im Changieren zwischen verstörter Bedrohung in der betrübten, häuslichen Finster­nis und der unbe­kümmerten, öffent­lichen Leichtig­keit. Daive lässt sich von der Labilität aber nicht erschlagen. Im Gegenteil. Der gut 20 Jahre jüngere Lyriker provoziert Celan durchaus, ja, macht sich sogar lustig über ihn und seinen Tick, an jeden Satz „nicht wahr“ anzuhängen. Die Reibungen zwischen den beiden führen zu einer dyna­mi­schen Dialektik der Gespräche, in der sie sich gegenseitig erhellen; sie erhel­len den Schatten ihrer geschälten Wörter, sie beleuchten die ins Substantiv gehüllten Verben der Gedichte Celans.

Unter der Kuppel ist nicht nur intimes Porträt von Paul Celan in seinen letzten, schwierigen und dunklen Jahren, es ist ein Porträt beider Dichter. Zwei Dichter, bei denen Sprache der Stoffwechsel ist, beide mit ihren eigenen Dämonen. „Paul lässt zwischen uns eine gewisse Vorsicht walten: ein Schweigen als Widerschein unserer Innerlichkeit. Er versteht meine Verstörung und ich die seine.“
Walter Fabian Schmid     17.07.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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