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Manfred Peter Hein

Nachtkreis

Wandeln im Asphodeliengrund

Manfred Peter Hein | Nachtkreis
Manfred Peter Hein
Nachtkreis
Gedichte
Wallstein 2008

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„Du sagst Es ist das / Irregehn unter Toten / das dich hier vergrätzt“ und spürst den kalten Windhauch, der bedroht. Es ist der unbändige Sog der „nature morte“ in diesen Gedichten, der einen gefangen nimmt und zerberusgleich nicht mehr hergibt oder zerfetzt. Manfred Peter Hein begibt sich, im Auftrag die Dunkelheit zu einem Ende zu bringen, auf die Suche nach dem Nichterinnern: „Schatten Abbild Gedächtnis […] Gedächtnis / Abbild Schatten“. Ohne Kenntnis seiner Biographie, der anerzogenen Euphorie für den National­sozialismus, das frei gewählte abgeschottete Leben in Finnland ist Hein nur schwer zu fassen.

Er ist einer jener verletzten Dichter, die sich in der Dunkelheit schützen, weil sie das Kreuz­feuer ihrer Kindheit nicht vergessen können. Es bleibt nur eine zerbrochene Welt, die zerbrochene Heimat Ostpreußen und das Nagen der eigenen Vergangenheit. Die für Hein untypisch klare Auseinandersetzung mit der Heimat im letzten der zehn Kapitel, dieses Dominsche „Arom der Herbstzeitlosen“ und dieses „Asyl gestundeter Zeit“, muss man schweigend aufnehmen. Nachtkreis erscheint auch aufgrund der nochmaligen radikalen Zuspitzung der Form auf das Kargste als das, was Hein schon immer ausdrücken wollte und von seinem bisherigen Werk vorbereitet wurde. „Der stumme Schrei / Im Echo vom andern Ufer // Wer geht mir entgegen“. Überwindung durch Endzeit heißt für Hein auch Angst vor der Zeit, Angst vor dem End', Angst, weil das End' zwei verschiedene Richtungen kennt. Was bleibt, ist die Verfolgung durch die unabweisliche Schuld. Aber auch das Paradoxe: Schreiben und doch Schweigen und dem Tod zugewandte Gedichte, die nun einmal zur Welt der Lebenden gehören. Aber Hein muss schreiben.

Auch Adorno hat seine Auschwitzthese revidiert: „Das peren­nierende Leiden hat so viel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag es falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.“ Hein zeigt, dass gerade die Lyrik und gerade die radikalisierte Form eine adäquate Ausdrucksform ist und zeigt – wie Celan auch – sein Entsetzen eben durch Verschweigen. Nur so kann dieses Thema subjektiv verarbeitet werden: je weniger ausgesprochen, je mehr angedeutet, desto intensiver. Das kann keine Erzählung. „Wort für Wort für Wort / der Eisbärenfährte ins / Wortlose folgen // vom Dunkel beseelt –“ Für Manfred Peter Heins Erfahrungen und seinem verzweigten Hintergrund kann keine aufgezwungene, einschränkende Kausalität dienen. Dennoch birgt Hein im Gegensatz zu seinen „geheimnisbeladenen Geschwistern“ Nelly Sachs und Michael Hamburger, dem ein Gedicht in dem Band gewidmet ist, eine Seltenheit: Die Hinwendung zu den Tätern. Gleichsam dominieren die Toten in den Gedichten, aber es ist nicht der Tod der Opfer, der das Leben der Überlebenden entwertet, sondern der Tod der Täter, der befreit. Die Integrität des Todes steht gegen jene schmutzige Grausamkeit des Todes. Diese Gedichte sind kristallne Winternächte bei Minus 20 Grad, wenn einem das Hirn stockt.

Hein ist ein Empedokles, der immer wieder die Elemente durch Licht und Dunkel zusammen- und auseinandertreiben lässt. Der Dichter verzahnt in einem Gedicht mehrere Ebenen von archaischer, mystischer Herkunft. Ständig ergeben sich neue Konstellationen, Konstruktionen und Destruk­tionen in seinen lyrischen Kammerstücken. Natürlich klingt im selbst thematisierten Empedokles Hölderlin durch, der des öfteren aufblitzt. Und Hölderlins dortige Verse sind gleichsam ein Schlüssel für Hein: „Bei Sterblichen, im kurzen Glük, ich find', / im Tode find ich den Lebendigen […] Kennst Du die Stille rings? Kennst Du das Schweigen / des schlummerlosen Gotts? Erwart ihn hier!“ Heins Empedokles beinhaltet aber zugleich den vom Pathos befreiten, rationalen Brechtschen Empedokles. Hein wäre nicht Hein ohne diese Überlagerung.

Typisch für den „deutschen Dichter aus Finnland“ (Johannes Bobrowski) ist jedoch nicht nur eine Verfremdung durch Sprache, sondern auch der Sprache. Das ist die Aushöhlung der Syntax. Wer Schnick-Schnack und Manierismus will, hat hier keinen Zutritt. Sein Sternbild kommt in 15 Versen mit einem Verb aus. Wörter sind für Hein unbehauene Werksteine und er klopft einen auf den anderen. Ohne Zement. Es bleiben Löcher. Nicht nur durch Zeilensprünge und Strophen­enjambements. Am Ende steht die Mauer aus isolierten Wörtern, gegen die er seine „Sätze“ fährt. Jedes einzelne Wort hat dadurch eine hohe Last zu tragen, wie Hein selber auch. Die Verse sind heruntergefahren bis auf das Wortgerüst. Und so ergeben sich lyrische Konzentrate. Mehr als noch in Aufriß des Lichts. Die zwei letzten Bände von ihm stehen sich nicht nur namentlich gegenüber. Nachtkreis umrahmt das aufgerissene Licht, das in seiner offeneren Dialogizität aus den Leerzeilen strahlt.

„Heins Lyrik ist hermetisch bis an die Grenzen“. So ein Stuss. Ebenso wie der Begriff Hermetik an sich. Ein Gedicht kann sich nicht verschließen. Jeder verfügt über Anlagen sich Poesie zu erschließen. Benn ist tot, die „monologische Kunst“ ist tot, und wurde nicht ausgerechnet von Celan im Meridian die Dialogizität betont? Ein Stummer verschließt sich nicht. Er ringt nach Ausdruck. Aber eben auf mehreren indirekten Ebenen. Vielmehr zeigt sich dadurch auch das Vertrauen Heins an seine Leser mitzuwirken und viel herzugeben, sich aufzuopfern wie er. Der Gewinn: Ein Höchstmaß an Sensibilisierung!

In Nachtkreis zeigt sich der beste Hein seit Hier ist gegangen wer (2001). Vielleicht der beste Hein, den es je gab. Nachtkreis vollends aufzuschlüsseln dauert, aber selbst wenn man nicht alle Spuren aufdeckt, bleibt die Stimmung. Und eine solche wie Hein kann kein zweiter deutscher Lyriker vermitteln. Man muss ihn einfach bis ans Ende seines Weges begleiten: „AUF GRANITSCHNEISEN / Dem Schatten folgen zeithin / Was treibt dich hier noch.“ Was das Gedicht mit dem Titel PAUL ANTSCHEL AM 20. APRIL 1970, dem Geburtstag Hitlers in Celans Sterbejahr, an Gefühl beinhaltet, muss man erfahren haben. Hein hebt diese Spielart der Lyrik auf ein neues Level und weist über seine geistigen Verbündeten hinaus. Und das 2008. Wer hätte das gedacht. Dafür ein leises Danke.
Und ein kehleblutendes: Auf die Nobelpreisliste!
Manfred Peter Hein wurde 1931 in Darkehmen/Ostpreußen geboren. Seit 1958 lebt er in Finnland. Für sein Wirken als Vermittler finnischer Literatur und für seine Übersetzungen wurde er mit dem Finnischen Staatspreis ausgezeichnet, für sein dichterisches Schaffen erhielt er unter anderem 1984 den Peter-Huchel-Preis und 2006 den Rainer-Malkowski-Preis.
Walter Fabian Schmid   08.09.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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