POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Marlene Streeruwitz

Kreuzungen

Wir sind Experimente: Wollen wir es auch sein!

Marlene Streeruwitz | Kreuzungen
Marlene Streeruwitz
Kreuzungen
Roman
S. Fischer 2008

Das Buch bei Amazon

Ein Mann hat 900 Millionen Euro. Er fickt seine Frau und seine Prostituierten in alle möglichen Körperöffnungen. Er hat zwei Kinder. Aber keinen Bock mehr auf dieses Leben in Wien. Gewalttätige Aus­einandersetzung mit der Frau und ab nach Venedig. Liebe zu einem Lyriker. Kotkünstler. Verlässt ihn. Suche nach neuem Glück. Suche nach einer neuen Frau. Per Heirats­vermittlung. In Zürich. Fündig gewor­den. Engländerin, Adel. Mann braucht ein neues Kind. Frau will keinen Sex. Mann will keine künstliche Befruchtung. Misstrauen. Frau könnte eine Spionin sein. Reise nach London. Frau wird überfahren. Glück im flüchtigen Moment. Der Rest und die Restlichen sind egal.

„Wos geht olles eine, in den Roman?“ Die Devise von Marlene Streeruwitz hat ein neues Versuchsobjekt. Das Thema? Hauptsächlich wieder einmal die Konstruk­tion und die Inszenierung von Macht. Ein 900 Millionen­mann hat keine Sanktions­instanzen. Im Privaten kann er wüten, wie er will. Das ist die absolute Indivi­dualisierung. Dieses Subjekt kennt keine Grenzen, hat keine Grenzen. Ist logischer­weise kernlos und folglich nicht fassbar. Max ergibt sich ausschließlich aus semiotischen Prozessen. Die vereinnahmt er allerdings ganz. Das Leben besteht eben nur aus aus Sätzen gestrickten Fäden.

Die Wiener Handlungs­spielräume, die Prostituierten, die Frau und die Kinder, kreisen wie drei Spiegel über Max. Träfen sie alle zusammen, würde es ihn zerreißen. Er kann sich nicht selber ins Gesicht schauen. Er fühlt sich gedrängt von seiner Frau – selber Nutte und vom Vater missbraucht – noch mehr Geld zu scheffeln. Sex dient lediglich als Güteraustausch, und um Sekundärgüter zu erringen. Emotionen sind nur ein Kostenfaktor, die Vergangenheit ist ein Kostenfaktor. Deswegen muss er sie hinter sich lassen und Wien verlassen. Es geht darum völlig glatt zu werden. Man kann keine Konflikte brauchen. Es geht darum, unsichtbar zu sein.

Max ist in ständiger Fluktuation. Flughäfen sind ihm der liebste Ort. Er muss jederzeit verschwinden können. Er ist nicht verschmolzen mit den anderen, aber projiziert seine Dispositionen auf sie, verstreut sich im ganzen Text. Die anderen sind ebenso Protagonisten, weil sie das Mosaik ergeben. Andere müssen seine Symptome für ihn ausleben. Er existiert nur in Abgrenzung zu den anderen, in der Differenz der Zeichen. Max ist getrieben, zeigt keine Reflexion. Er ist eine glatte Oberfläche, die nie gebrochen wird. Aber Max ist der Spiegel, in den der Leser schauen muss. Ein Lehrstück? Das spiegelnde Cover, in dem man sein eigenes Gesicht erkennt, deutet darauf hin.

Dennoch. Im Stillstehen des Gedankenstroms, wenn er alleine ist, gewinnt Max an Kontur, weil nichts ein Teil von ihm ist. Kein Spiegel, nirgends. Fast bekommt man Mitleid in die versäumte Liebe mit einer Frau auf dem Boot von Torcello: „Er war sicher mit dieser Frau eine Möglichkeit versäumt zu haben. Eine Chance. Eine Gelegenheit.“ Das ist nur ein grandioses Spiel von Streeruwitz. „Die Zeit in Venedig war auch ein Test gewesen, ob er noch leben konnte“. Max` Persönlichkeit wird nur vorgetäuscht. Doch im Nachhinein erkennt Max seine Zuneigung zu Gianni, dem Kotkünstler. Gianni ist der wahre Spiegel. Max ist fasziniert von ihm, weil er seine Ziele strikt verfolgt, sich Regeln setzt und diese ununterbrochen bricht. Regeln, werden geschaffen, um sie zu zerstören. Vor allem die eigenen. Aber ein Spiegel kann sich nicht selber spiegeln. Sonst würde er auch anhand Giannis Kotkünste erkennen, dass jeglicher Transfer und Umwandlung von Geld schlussendlich nur in menschlichen Exkrementen endet. Die Hingabe ist wieder nur Selbstliebe.

Aber dann ist Max bereit „sich der Welt wieder herzugeben“. Natürlich ohne Liebe. Eine neue Ehe kann nur durch einen neutralen Ehevertrag zustande kommen. Aber die erspähte Sex and the City entsprungene Francesca könnte mit dem Erzkonkurrenten unter einer Decke stecken. Hysterie. Sie könnte Informationen erlangen. Und Identität ist nichts anderes als Informationen. Schließlich lebt man in einer Zeit, in der man über facebook recherchieren kann.

Man landet in London. Max fühlt sich am wohlsten in London. Man kann hier untertauchen, bleibt unerkannt. So viel Reichtum hat kriminogene Züge. Er lebt schließlich in ständiger Bedrohung, weil er nur das Schlachtvieh ist für die, die an seine materiellen Dinge wollen. Aber die Bedrohung nimmt zumindest ein bisschen ab, als Francesca von einem Laster überfahren wird. Eine Frau bedeutet schließlich auch Ich-Verlust und ein schwaches Ich kann nicht reich bleiben. Zufrieden kann Mann seine 300 Schilling Schokotörtchen essen. Ende.

Nein. Noch lange nicht. Das Objekt ist abgetastet, aber ich bitte um Auswege! Der Diskurs über solche Machtmenschen, die nur Missbrauch an ihren sozialen Beziehungen begehen und „die Welt der erstorbenen Konventionen verlassen“ haben, dürfte weit über den Roman hinausgehen. Dazu tragen noch die trockene, schroffe Erzählerstimme und die Direktheit der Wertung bei. Nichts wird verschönt oder verschwiegen und durch Streeruwitz` selbstreferentielle Sprache hat man bei weitem keinen biederen Realismus zu erwarten, der bei diesem Thema als Falle lauert. Die Fluktuation des Protagonisten wird passend umgesetzt durch eine Perspektive, die beliebig enger und weiter gedreht werden kann. Auch Kreuzungen ist wieder eines von vielen Beispielen, das beweist, dass man in Österreich eine andere Haltung zu Erzähltechniken und zur Sprache hat. Wann wird man begreifen, das als eigenständige deutschsprachige Literatur zu sehen?
Marlene Streeruwitz wurde 1950 in Baden bei Wien geboren. Seit 1992 werden ihre Theaterstücke an wichtigen Bühnen gespielt. 1996 erschien ihr erster Roman Verführungen, für den sie den Mara-Cassens-Preis erhielt. 2006 erschien ihr Roman Entfernung.
Marlene Streeruwitz | Website
Walter Fabian Schmid   12.11.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Walter Fabian
Schmid
Bachmannpreis
Gespräch
Bericht