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Mirko Bonné

Die Republik der Silberfische

Glänzender Verfall

Mirko Bonné | Die Republik der Silberfische
Mirko Bonné
Die Republik der Silberfische
Gedichte
Schöffling & Co. 2008

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„Eine Schneewand vielleicht / hat den Himmel blockiert.“ Das ist der Grundton, den Bonné in seinem vierten Lyrikband anschlägt. Es bleibt nur die geschundene Selbstaufgabe voll Schwer­mut. Ein Aufbäumen kann hier kein kraftstrotzendes letztes Aufbäumen sein, sondern nur noch die schwächliche Hoffnung, die kränklich handelt. Das Gemüt ist nur eine ausgesickerte Moorlandschaft und das lyrische Ich eine „Winterwespe“ in Starre. Es bleibt die Rückbesinnung aufs Letzte, und das Verletzte zu durchschauen.

„Leb also wohl, getriebene Seele,
Perle im verkümmerten Ohr.
Finde heraus, was ohne dich fehlt,
und gib's zu – oder gib es verloren“

Kein Wunder, dass Bonné Benns Verse „Ein Tag ohne Tränen ist ein Zufall / eine Gedankenlosigkeit / schon eine Manie“ dem Band als Motto gibt. Das melancholische Parlando spricht dennoch nicht ganz ohne Selbstgenuss. Leid hat durchaus eine heilenden Wirkung. Der Zerfall kann auch Schönheit besitzen und Reinigung herbeiführen: „Sie lacht: Wisch dir das Weinen ab. / Ich: Warum? War ein herrlicher Tag.“ Doch die Befreiung durch den verlassenden Mut ist schwer durch Worte fassbar. Allzu oft bleibt Bonné für diese Schwere zu unecht und nicht intensiv genug. Dafür regiert zu sehr die Kühle der Eisblumen.

Bonné wagt den Versuch mit der Natur, mit der falschen Akazie, mit der Berberitze, zu reden. Es ist die geschundene Natur in den Über­gangs­jahreszeiten. In diesen wird das Ende eines Zustandes am deutlichsten. Symptomatisch identifiziert sich das lyrische Ich mit dieser Flora. Die Zuflucht wird zur Verschmelzung, durchzogen von einer seichten Hoffnung auf Lebenserhaltung: „Poch, grünes Blut, poch weiter!“ Ja, gar die Grundfunktionen stehen in Frage. Was bleibt, ist die „Metaphysik der Leere“ des „gezeichneten Ich[s]“ (Benn).

Die Desillusionierung begleitet auch die Reisegedichte in Die Republik der Silberfische. Bonné vollzieht eine große Bewegung von Leipzig über Prag, Mallorca bis nach Buenos Aires. Aber er schafft es nur schwer, sich auf die verschiedenen Stimmungen einzulassen: „Ich / flog zwischen allem, was wir brauchen, und / allem, was keiner braucht, mittenhindurch“. So poetische Bilder wie „Das Postamt am Ende der Welt / hat geöffnet“ sind leider wortwörtlich zu fassen. Im Falle von Kordopoga nährt sich Bonné aus­schließlich von Beobachtungen, die ohne Verarbeitung wiedergegeben werden. Aber anstatt es dann für sich wirken zu lassen, verspielt er die Intensität, indem er sich auf metakommunikative Ebene begibt: „alles ließ sich deuten / als Schmerz derer am Leben“.

Vieles in diesem Band wird einem bekannt vorkommen von Bonné. Eines seiner früheren Gedichte Sag dir zweierlei findet sich ebenfalls noch einmal in diesem Band. Häufig scheint auch wieder Paul Celans Poetik durch. Das Gedicht Ein Tag ohne Tränen wurde 2005 bereits unter dem Titel Dein Kummer mit Benn veröffentlicht. Ist damit gar Paul Celan gemeint, der mit Benn nicht gerade gut Kirschen gegessen hätte? Und richtet sich „heul doch“ an eben den? Das wäre schon arg empathielos.

An einigen Stellen macht es sich Bonné zu einfach. Die Umkehrung von gewöhnlichen Bildern wie „Tunneln am Ende des Lichts“ gelingt nicht immer. Manche Ideen erweisen sich als vordergründig: „Die beste Antwort / auf alle Fragen, / frag zurück: Und du?“ Ästhetische Brüche ergeben sich nicht nur für Kindergartenkinder: „ich spielte / Gitarre auf meiner Gitarre und / meine Gitarre spielte auf mir“ und manches funktioniert einfach nur in epischen Texten: „mein Großonkel, der wirklich groß, außerdem bleich und knochig war“.

Spätestens wenn im Titelgedicht Die Republik der Silberfische das konstruierte „Idyll“ zerstört wird, indem der Monarch der Republik, der Karpfen, vom Ordnungsdrang des lyrischen Du beseitigt wird, und dabei You walk like an Angel von Elvis ertönt, verklebt mir der pappsüße Kitsch die Synapsen und löst einen kombinierten Heul- und Weinkrampf aus.
Walter Fabian Schmid   03.12.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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