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Nora Gomringer

Klimaforschung

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Nora Gomringer | Klimaforschung
Nora Gomringer
Klimaforschung

Voland & Quist, 2008

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Nora Gomringer ist angeklagt. Angeklagt wegen vorsätzlicher, nicht­konformer Sprach­verwendung. Des Weiteren wegen Betrugs an den Leser­erwartungen, Körper­verletzung am lebenden Wort, Sprach­verwirrung des Volkes und Drohung, sollte man ihrer Ideologie nicht Folge leisten. Außerdem leugnet sie die unein­geschränkte Geltung der grund­gesetz­wür­di­gen deutschen Sprache, von ihr als „alt­bekannt“, also alt­backen, bezeichnet. Sie hat gestanden. In einer Selbst­aussage heißt es, „dass ich zaubere, so etwas wie Magie liefere“. Ist sie gar eine Hexe? Und das aus­gerechnet aus einer erz­katho­lischen Gegend.

Erkennungsmerkmal: Sie kann nicht ordentlich sprechen. Sie spricht in einem ganz eigenen, hervor­stechenden Rhythmus. Sie singt, heult, schreit, flüstert, seufzt, kechelt, hechelt und klefft, winselt und stöhnt; lesen tut sie nicht. Mit ihrer Streit­schrift Klimaforschung mockiert sie das öde Sprach­geplätscher, um Wind und Wetter zu verändern. Klarer Fall: Blasphemie. Nach dem letzten offenkundigeren Titel Sag doch mal was zur Nacht, in dem sie mit ihren Wortwiederholungen reine Gehirnwäsche betrieb, den Leser mit ihren fiktiven, plot­lastigen Geschichten in ihre Welt zu entreißen versuchte, und selbstthematisierend ihr Sprachdelikt ausgelotet hat, versucht sie mit Klimaforschung ihre Taten lyrisch zu verdunkeln. Wie in Silbentrennnung will sie anscheinend wieder „von Verdichtung / und Ausdünnung / Sprechzeugnis ablegen / in aller Kürze“. Das heißt nichts anderes als geballte Schlagkraft in leisere Töne gepackt. Die Frau ist gefährlich. Gemeingefährlich: „Sprich meine Sprache / Feindlich auf den Ton / Den letzten / Angesetzt ein Messer / An der Kehle / Röchle, was uns trennt“.

Der Leser sei auch auf die Hinterhältigkeit ihrer Methoden hingewiesen: Die Gefahr sich dem rauschenden Tanz ihrer Sprache hinzugeben, um anschließend um so schmerzvoller auf ihrer Gletscherzunge auszurutschen, ist groß, sogar sehr wahrscheinlich. Mit ihrem Vokalismus untergräbt sie die tragenden Säulen unserer Sprache, und nicht nur Lion turnt sich heillos schwindelig. Ein Turnverein alter Schule wie der VDS dürfte es mit Argwohn sehen, wenn Frau Gomringer nicht nur dem deutschen Wort die Haut abzieht und den Wortbestand entzweit wie „Nachtigall: Nacht in Galle [...] Sommernacht: Sommer und Schlacht / Dichtung: Dichter und Dung“.

Keinem sei geraten ihren Entwürfen von Liebe nachzueifern. Das Herz ist verunfallt, bevor es eingepflanzt wurde. Liebe ist extrem. Liebe fordert Selbstaufopferung und setzt einen Brand mit Explosionen und Sprühregen, der im nächsten Moment mit weißer Wandfarbe gelöscht und übertüncht wird. Liebesrost kommt über Nacht. Was bleibt, ist der Nachhall, sind Sprachschwingungen im Echoraum. Einsamkeit und Vergänglichkeit sind die Themen mit denen Frau Gomringer Suggestion ausübt. Liebe ist fast mechanisch und lässt sich auf die Formel Liebe = Ariadnes Wollknäuel + Monster bringen.

Mittlerweile wird Frau Gomringer von ganzen Menschenmassen verfolgt. Deswegen hält sie sich nie lange an einem Ort auf, und vollzieht eine unkontrollierte Bewegung über den Erdball, um ihre Kunst zu verbreiten. Eine Aussicht auf Änderung ihrer Absichten besteht nicht. Diese Frau lässt sich nicht verbiegen. „Lass mich sein / Lass mich sein, was / Meine Maserung vorgibt.“ Allerdings neigt sie zur Gefahr der Selbstauflösung. In der Suche nach Identität und nach Wurzeln. Die überträgt sie mitunter auf ihr höriges Volk.

„Sucht nach den Dichtern, die euch nach Geld fragen
Sucht nach den Dichtern, die einen Satz verfolgen
Sucht nach den Dichtern, die müde sind
Sucht nach den Dichtern, die mehr verlieren als sie finden
Sucht nach den Süchten, die Dichter machen“


Nora Gomringers Metier ist nicht mehr nur die Anapher, die Alliteration und der Vokalismus, um genügend Wirkung und Performanz für Sprechtexte zu erzeugen, sondern Klimaforschung ist ein Schritt in Richtung konventionelle Lyrik. Was Nora Gomringer gedruckt - man unterscheide Nora Gomringer gedruckt und Nora Gomringer gesprochen - ausmacht ist ihr lyrischer Blick für den Alltag, gepaart mit Fiktion, Märchen und Mythos. Klimaforschung wird dafür sorgen, den elitären Lyrikkreis weiter zu demokratisieren. Sag doch mal was zur Nacht wollte noch popularisieren. Nora Gomringer ist noch immer gefährlich. Für den Strickjackenphilister. Weil sie vital und innovativ ist, weil sie die Lyrik auffrischt und erweitert. Ohne Nora Gomringer wäre es ganz schön duster. „Wenn du die Welt verlässt und der letzte bist, mach bitte das Licht aus“.

Nora-Eugenie Gorminger im Poetenladen

Walter Fabian Schmid   20.01.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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