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Ein Gedicht ist modern,
wenn es der Denkgenauigkeit seiner Zeit entspricht

Gespräch mit Reiner Kunze
Reiner Kunze
 Reiner Kunze
Hier bei der Verleihung des Memminger Freiheitspreises
 
Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz (Erz­gebirge) geboren und studierte Philosophie und Journa­listik in Leipzig. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1953, seit 1962 ist er freiberuflicher Schriftsteller. 1976 wurde Reiner Kunze aus dem Schrift­steller­verband der DDR aus­geschlos­sen. Für sein litera­risches Schaffen wurde er unter ande­rem mit dem Georg-Büchner-Preis aus­ge­zeichnet. Reiner Kunze lebt und arbeitet in Obernzell-Erlau bei Passau.
Walter Fabian Schmid: Sie pflegen, Herr Kunze, einen sehr engen Kontakt zu Ihren Lesern. Wie wichtig ist es für einen Lyriker, seine Leser als Dialog­partner zu schätzen?

Reiner Kunze: Ich würde auch schreiben, wenn ich keine Leser hätte, aber es wäre das halbe Dasein.

W. F. Schmid: In Ihren Gedichten sind Sie immer wieder in Dialog getreten mit Ihren Zeitgenossen wie Peter Huchel, Wolf Biermann und natürlich Jan Skácel. Wie wichtig ist es generell – abgesehen von der engen Freundschaft mit Jan Skácel –, dass man sich nicht nur mit der Tradition, sondern auch mit seinen Zeitgenossen auseinandersetzt?

R. Kunze: Ein Gedicht ist modern, wenn es der Denkgenauigkeit seiner Zeit entspricht. In der Auseinandersetzung mit seinen Zeitgenossen geht es letztlich um diese Denkgenauigkeit.

W. F. Schmid: Unter den DDR-Lyrikern stellte sich mit Beginn der 60er Jahre ein starkes Gruppenphänomen heraus, das unter anderem auch als „Zirkel von poetischer Solidarität“ bezeichnet wurde. Beteiligte waren neben Ihnen unter anderem Sarah Kirsch, Volker Braun, Karl Mickel, Adolf Endler, Wulf Kirsten und Elke Erb. Damals war das eine sehr wichtige Austauschplattform. Welche Funktion kann Ihrer Meinung nach der Austausch beispielsweise in Schriftstellergruppen heute noch erfüllen?

R. Kunze: Den Begriff „Zirkel von poetischer Solidarität“ höre ich zum erstenmal. Aber ich habe keinerlei Zirkel angehört, und aus Schriftstellerverbänden bin ich ausgeschlossen worden oder ausgetreten. Selbstverständlich habe ich die Kolleginnen und Kollegen, die Sie nennen, persönlich gekannt, und mit Volker Braun und Wulf Kirsten war und bin ich befreundet. Mit ihnen habe ich mich auch ausgetauscht, und wir haben uns gegenseitig geholfen, weil wir es nahe zueinander hatten. Mit „Austauschplattformen“ habe ich jedoch keine Erfahrung.

W. F. Schmid: Kein andere Lyriker nach ‘45 hat wohl so große Resonanz in der Schule gefunden wie Sie, und zahlreiche Ihrer Gedichte finden sich auf den Lehrplänen wieder. Wie wichtig ist Ihnen, dass Sie ein junges Publikum erreichen?

R. Kunze: Wenn ich für Kinder schreibe, will ich sie erreichen, weil das, was ich schreibe, für sie gedacht ist. Sonst habe ich niemals ein bestimmtes Publikum erreichen wollen. Die Bücher haben sich ihr Publikum gesucht. Sie haben sich auch ihre Übersetzerinnen und Übersetzer gesucht. Darüber, daß diese fast ausnahmslos ein bis zwei Generationen jünger sind als ich, freue ich mich allerdings sehr.

W. F. Schmid: Ich kann immer wieder feststellen, dass sich die Jugend sehr interessiert für Dichtung und leicht dafür zu begeistern ist. Irgendwie scheint diese Lyrikbegeisterung – schaut man sich die Gesamtrezeption in Deutschland an – allerdings später verloren zu gehen. Wie kann man Ihrer Meinung nach das Interesse in Poesie wahren oder wecken?
R. Kunze: Indem man beispielsweise niemals fragt „Was wollte uns der Dichter damit sagen?“, sondern das Gedicht als Gedicht wirken läßt und dabei bedenkt, daß nicht jedes Gedicht eines jeden Dichters in jedem Augenblick für jeden ist. Auch sollte man nicht mehr erwarten, als man erwarten kann – es sind immer nur wenige, die das Gedicht zum Leben brauchen.
W. F. Schmid: In den Gedichten Den Literaturbetrieb fliehend und Apfel für M. R.-R. thematisieren Sie Ihr Verhältnis zur Literaturkritik. Wie wichtig ist die Unabhängigkeit eines Schriftstellers von der Kritik?

R. Kunze: Ein Schriftsteller kann sich noch so unabhängig von der öffentlichen Kritik dünken – er ist es nicht. Wenn er klug ist, wird er sich einem klugen Einwand nicht verschließen können, selbst dann nicht, wenn der Kritiker böswillig ist. Ebensowenig kann sich der Schriftsteller der Wirkung infamer Kritik entziehen. Diese vermag zwar nicht zu verhindern, daß ein überlebensfähiges Werk überlebt – vorausgesetzt, das Werk verschwindet nicht aus dem Bewußtsein der Menschen –, aber sie kann dazu beitragen, daß der Autor nicht überlebt.

W. F. Schmid: Sie haben über Jahrzehnte nicht nur Erfahrungen mit der Literaturkritik, sondern auch mit dem Buchmarkt. Was ist Ihrer Ansicht nach die größte Veränderung der letzten Jahre?

R. Kunze: Die Orientierung auf sofortigen Gewinn.

W. F. Schmid: Inwieweit haben Ihre Übersetzungen – vornehmlich aus dem Tschechischen – Ihr eigenes Schreiben geprägt?

R. Kunze: Ein Gedicht zu übersetzen heißt, es so in die eigene Sprache zu übertragen, daß es in dieser wie ein Original wirkt, das dem fremdsprachlichen Original höchstmöglich gleicht. Der Übersetzer muß also ein Eigenes schaffen, das ein Fremdes bleiben muß, und das gelingt nicht, ohne daß sich im Übersetzer Parallelexistenzen ausbilden, deren Horizont seinen Horizont weitet.

W. F. Schmid: Wird man sich im Fremden auch des eigenen Schreibens und der eigenen Sprache mehr bewusst?

R. Kunze: Diese Erfahrung macht man bei fest jedem Vers.

W. F. Schmid: Ein Hauptmerkmal Ihres Werkes liegt darin, dass es – ganz im Gegensatz zur Widerspiegelungstheorie – unbewusste Schichten bewusst macht. Welche Grundfunktion hat die Poesie?

R. Kunze: Poesie zu sein. Auf der Welt zu sein für diejenigen, die das Gedicht zum Leben brauchen.

W. F. Schmid: hr Werk ist auch ein großes Trotzdem und der unbändige Glaube an das Gedicht, den „blindenstock des dichters“. Was kann das Gedicht heute noch erreichen?

R. Kunze: Nicht mehr und nicht weniger, als es seit eh und je leisten konnte und künftig wird leisten können.

W. F. Schmid: Was halten Sie von der derzeit vieldiskutierten jungen Poesie?

R. Kunze: Ich kann mich immer nur zu einzelnen Gedichten äußern, vielleicht, wenn ich ihn genauer kenne, zu einem bestimmten Dichter. Ich schätze zum Beispiel Jörg Bernig.

W. F. Schmid: Mit der von Ihnen und Ihrer Frau gegründeten Stiftung wollen Sie die Voraus­setzungen dafür schaffen, dass nach Ihrem Tod in Ihrem Haus sowohl Werke der Bildenden Kunst, die auf Ihr Werk Bezug nehmen oder auf die Sie sich in Ihren Büchern beziehen, als auch amtliche Dokumente, Briefe und anderes Anschauungs­material, die Auskunft über die politischen und zwischenmenschlichen Verhältnisse in Deutschland zur Zeit Ihres Lebens geben, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Dabei scheinen mir die Dokumente zur Zeitgeschichte der DDR fast der wichtigere Teil zu sein.

R. Kunze: Das zeit­geschicht­liche Material, das die ideolo­gischen Ver­wer­fungen in der Bundesrepublik und später im vereinigten Deutschland betrifft, ist genau so wichtig. Und die Kunstwerke sind so wichtig wie die Dokumente, denn Kunst und Rückgrat waren zu bestimmten Zeiten nicht selten Synonyme. In Albert Camus’ Tagebüchern heißt es: „Schönheit, neben der Freiheit meine größte Sorge.“ Die Stiftung gilt dieser Doppelsorge.

W. F. Schmid: Ich wünsche Ihnen auf alle Fälle die nötigen Zustifter, damit die Stiftung finanziell auf sichere Beine gestellt werden kann und bedanke mich herzlich für das Interview.

Die Antworten von Reiner Kunze wurden nach der alten deutschen Rechtschreibung verfasst und in dieser Form beibehalten.
Informationen zur gemeinnützigen Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung findet man unter: www.reiner-kunze.com

Das Gespräch erschien zuerst in poet nr. 6

W. F. Schmid   02.04.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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