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René Becher

Etzadla

Wer denkt an siegen, überstehen ist alles

René Becher | Etzadla
René Becher
Etzadla
Erzählung
Plöttner Verlag 2008

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Oberfranken. Richard-Wagner-Festspiele, Balthasar Neumann, Heinrich II., Fränkische Schweiz. Glanz des Barock und Weltkulturerbe. Und dazwischen: eine beengend dörfliche Welt. Diese wird von René Becher in Etzadla eingängig und eindringlich beschrieben: „Willkommen in unserer gottverdammten Gemeinde.“

In seinem Debüt rückt der 1977 in Bayreuth geborene Autor „a arg daabs bürschla“ als Ich-Erzähler in den Mittelpunkt. Die Handlung setzt nach dem Tod des Vaters ein, dessen Beerdigungsfeier der Protagonist sich immer wieder in Erinnerung ruft. Die Jetztzeit wird gebildet vom Maifeiertag in einem erzkatholischen Dorf, wo man Feste feiert, deren geschlossenes Miteinander nur Schein ist.

Authentisch schildert Becher seinen Antihelden und dessen Verbitterung, hinter der die Sehnsucht nach Geborgenheit in dieser dörflichen Jeder-kennt-jeden-Enge steckt. Martin ist „a bissal arg mit Schicksal gestreift, aber durchaus mit Drang zu Höherem“. Dies kann er in einer Gesellschaft, die ihm innerlich fremd ist, allerdings nicht erfüllen, und reagiert in seinem Erzählerbericht mit Gefühlskälte.

René Becher stellt in seiner Erzählung zugleich die Frage nach Identität ohne Identifikationsfigur. In Rückblenden und den Erinnerungen Martins, die einen eigenen Realitäts-Charakter in der Erzählung aufweisen, erfährt der Leser, dass der Vater Martin Wege aus dieser Enge aufzeigte. „Etzad werd erstamoll richtig glebd. – Jaja.“ Martin führt ein ungelebtes Leben. Über seine Zukunft darf er lediglich mitzweifeln. Mit dem Vater stirbt der Sohn hieß der Gewinnertext von Becher beim open mike 2004, der schon Teile dieser Erzählung enthielt und sie thematisch treffend deklariert.

Das Thema der ersten Sexualität, das Becher integriert, erscheint in Versteckmetaphern. Er „lässt einen Drachen steigen“ – Ulrich Plenzdorf läuft im Hintergrund. Dieses Moment und die sprachliche Form in den Rückblicken zu Lebzeiten des Vaters lassen Becher romantisch erscheinen. Ja klar, Bayreuth – Jean Paul. Die unverwechselbare Stilmischung aus empfindsamer Metaphorik und unmittelbarem Zynismus erinnert an dessen Poetologie.

Für sensible Ohren ist diese Erzählung allerdings nicht gedacht. Ein „deutlicher Mangel an Umgangsformen, wie?!“ Die Sprache der Figuren ist – bewusst – roh. Die Umgangsformen auf dem Land sind nun mal meist nicht distinguiert, und in einer Region, in der ein Litotes das Höchste an Lob darstellt, muss dem Autor dies als eine sehr authentische Nachbildung angerechnet werden. Zugleich greift Becher damit die literarische Streitfrage des Widerspruchs von Poesie und Wirklichkeit auf.

Präzise eingeführt wird nicht nur in fränkische Umgangsformen, sondern auch in den dort allgegenwärtigen Katholizismus. Es wimmelt vor Engeln, und diese erdrückende Omnipotenz schlägt sich auch im Selbstbild des Erzählers nieder: „kein Teufel mehr hier. Nur noch die vier Gefallenen und Ich.“ Fraglich ist jedoch, ob der nichtfränkische Leser die sprachliche Fixierung dieser Region in Form von häufig auftretenden, nicht abgemilderten Dialektalausdrücken wie etwa a Grischberla, a Seidla oder a Gwaaf versteht.

Doch ist Bechers Erzählung in sprachlicher Hinsicht gelungen. Der Ausdruck ist durch seine Treffsicherheit lebendig, und wiederkehrende Sätze geben der Handlung ein Gerüst. Sein Sprachfluss wird unterstützt durch seine Methode, die Satzenden mit einem „aber“ oder „und“ zu beenden, so dass die Gedanken des Leser weiter fließen. Fließend sind auch die Übergänge zwischen den einzelnen Zeitebenen, mit denen er intensiv arbeitet. Es entstehen dabei keine Bruchstellen, und man liest sich gern hinein in dieses allzusammenhängende Mosaik.

René Becher im Poetenladen

Walter Fabian Schmid   29.04.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

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