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Sylvia Geist

Der Pfau

Im bunten Federkleid des Unbewussten

Sylvia Geist | Der Pfau
Sylvia Geist
Der Pfau
Luftschacht 2008

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„Es gebe doch mehr, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse, ja, es gebe so etwas wie einen Magnetismus der Ereignisse oder eine Anziehungskraft unter Schicksalsgefährten.“
   Drei dieser Schicksalsgefährten sind es, die sich in Sylvia Geists Der Pfau kreiselnd anziehen und gleichartig gepolt wieder abstoßen. Judith, die burschikose Ich-Erzählerin, die nach ihrem Jura Studium mit ihrem Großvater als Schausteller übers Land tingelt und nirgendwo heimisch geworden ist, der Großvater selber, der distanziert nur Popp genannt wird und vom symbolträchtigen „Soul Lifter“ träumt, und Lil die neu hinzukommt. „Vielleicht heißt Nomadentum nichts weiter als eine bestimmte innere Ausgangslage“: Man betreibt einen „abgewrackten“, 30 Jahre alten Roller Coaster.

Sylvia Geist, die bisher hauptsächlich als Lyrikerin hervorgetreten ist und dafür unter anderem 2002 mit dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet wurde, beschreibt in ihrer Novelle Der Pfau „Müde Krieger“.
   Alles könnte ein aufregendes Sommerabenteuer sein in diesen drei Monaten, doch mit Eintritt Lils in die Schaustellergemeinschaft, die anscheinend auf der Flucht ist vor ihrem Mann und sich in subtiler bipolarer Depression von ihren Mitmenschen entzieht, treten mysteriöse Vorfälle ein. Letztendlich geht auf der Weiterreise der Kühler des Trucks kaputt, und der Großteil der Handlung spielt an einer Tankstelle – der kürzesten Verbindung zwischen An- und Abreise: Sylvia Geists Nomaden kommen nie irgendwo an und fluktuieren in ihrer Psyche wie in ihren örtliche Begebenheiten.

Hier tritt der Pfau Perlimplín dieser „heilige Narr“ auf, der um die Zapfsäule wirbt und am Benzin zugrunde geht – aber gleichsam auch die beschädigte Säule. Geist stellt sich mit dieser „Silhouette“ in die Tradition der Falkentheorie. Sie wirkt mit dem Pfau nicht nur der Formauflösung entgegen, sondern diese romantische Ironie ist auch symbolisch für die Befindlichkeiten der Figuren anzusehen. Der Pfau thematisiert zugleich Geists Poetik, in der sich Phantasie in die funktionale Realität verliebt. Beim Leser geschieht das Umgekehrte: man verliebt sich in diese Phantasie.

Die Rahmenhandlung der Novelle spielt 6 Jahre später und Judith ist mittlerweile als Rechtsanwältin tätig. Sylvia Geist gibt somit eine analytische Erzählung vor. Auch innerhalb wird oft analytisch vorgegangen. Dabei wird der Leser lange über die Ursachen der konfrontierten Ereignisse im Unklaren gehalten. Die Autorin lässt ihre Figuren wie aus dem Schwebegefühl im Halbschlaf heraus denken, in dem die Figuren mal im Traum, mal in der Realität, mal dazwischen sind – „jeder in seiner Hypnose“. Zwischen kindlicher Begeisterung und Trance ist Rationalität nur schwer zu fassen.

Geists Vermischung von tatsächlichen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten macht sie zur Meisterin der Irritation, und sie kommt hierbei der Forderung Heyses nach, dass „an die Novelle höhere Forderungen zu stellen [sind], als dass sie ein müßiges Unterhaltungsbedürfnis befriedige und durch eine Reihe bunter Abenteuer uns ergötze“. Nicht die Geschichte ist Fantasieanreger für den Leser – Sylvia Geist verkehrt die Gewöhnung.

Die Erzählerin hält sich an die konventionelle Novellenform und verzaubert sie durch die leicht archaisierte Darstellung der in der Moderne angesiedelten Thematik und durch ihre Sprachvariation zu neuer Lebendigkeit, die die Fiktion mit so einer realen Überzeugungskraft herausbrennt, dass man ihr alles glauben würde.

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Walter Fabian Schmid   28.05.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

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