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Uljana Wolf
falsche freunde

Bilinguale Kippfiguren
Kritik
Uljana Wolf. falsche freunde   Uljana Wolf
falsche freunde
Gedichte
kookbooks 2009
88 S., 19,90 Euro

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Uljana Wolf im poetenladen



Als Uljana Wolf 2006 mit gerade einmal 26 Jahren der Peter-Huchel-Preis für ihr Debüt verliehen wurde, war die Überraschung groß im kleinen Lyrikbetrieb. Die Erwartungen auf den Nachfolgeband, für den sich die Dichterin vier Jahre lang Zeit gelassen hat, hingen entsprechend hoch. Mit falsche freunde legt die Lyrikerin, die sich in der Zwischen­zeit als Über­set­zerin aus dem Ameri­kanischen verdient gemacht hat, einen durch und durch komponierten zweiten Band vor, der ebenfalls auf einem Motiv des Über­setzens basiert. Falsche Freunde, eigentlich Stol­persteine in der Über­setzungs­arbeit, sind Wörter aus zwei Sprachen, die gleich aussehen oder gleich klingen, allerdings unter­schied­liche Bedeutungen haben.

Was ansonsten leicht zu Missverständnissen führen kann, wird gekonnt eingesetzt, um in den Gedichten mehrere Sinnebenen übereinander zu legen. Hierfür hat Uljana Wolf ihr persönliches DICHTionary angelegt – eine alphabetische Sammlung falscher Freunde, aus der sie das titelgebende erste Kapitel entwickelt. Und das ist ein Spiel. Ein Spiel, bei dem die Wörter durch ihre Doppelbedeutungen in stets neue und zusätzliche Richtungen weisen, ohne dass sich der Sinn in alle Richtungen verstreut. Die Dichterin fängt die verschiedenen Bedeutungen immer wieder ein und kristallisiert ihre Gedichte zu kompakten, schillernden Prismen. Die gleitenden Wörter dringen nicht gewaltsam in neue sinnliche Räume vor, sondern sie ertasten sich einen neuen Bereich, so wie sich das Gedicht zu seinem ange­spro­chenen Du vortastet und sich ihm anschmiegt.

well~~~e
wink – wink~el – wink

wär ich ein uferschneck, or more sophisticated: wentletrap, wühlte
mich das meer vor deine füße, doch du suchtest, pulend, stur, dem
namen nach in meinem haus die weißen treppen nur, und dunkle
winkel. draußen gäb ich, ach vergeblich, mit den fühleraugen
winke, algenschminke an der wange, wissend, dies wird niemals
gut, das heißt mit wellen enden, bloß ein rauschen bleibt zuletzt
in deinem ohr.


Eine »Sprachlandschaft von spielerischer Frische« attestierte die Huchel-Preis-Jury der Autorin 2006. Ihren Spieltrieb scheint die Lyrikerin allerdings erst jetzt so richtig zu entfalten und übersetzt sich sogar selbst. Das Kapitel Subsisters, sozusagen verschwisterte Subtitles, fußt auf dem Problem der kognitiven Über­forderung durch Filme mit Untertiteln. Um Holly­wood-Schau­spieler der 50er und 60er Jahre herum schreibt Uljana Wolf Paargedichte. Das jeweilige Basisgedicht, die Originalversion, wird abgewandelt und übersetzt in ein Parallelgedicht. Wie bei Filmen mit Untertiteln, wo man hinterherhinkt, nur je einen Teil aus Bild und Text wahrnimmt, und es für sich neu zusammen­setzen muss, geraten in den Parallel­gedichten die Wörter durcheinander, sie werden umgestellt und abgewandelt. Die Neu­kombination verschiebt das Setting der Film­szenen aber in einen ganz anderen Raum, in eine andere Situation und spult eine andere Handlung ab.

Auf der Suche nach doppelten Bedeutungen und Sinn­verschie­bungen bezieht die Lyrikerin auch das Motiv des Buches mit ein. Wo es in den ersten beiden Kapiteln ums Übersetzen als Über­tragungen in eine andere Sprache und in ein anderes Sinn­verständnis geht, bedichten die letzten beiden Kapitel das körperliche Übersetzen. Alien I widmet sich den Kontrollen an amerikanischen Einwanderern auf Ellis Island, wo zwischen 1892 und 1954 binnen Sekunden individuelle Schicksale entschieden wurden. Der Verlauf der Weiterreise war abhängig von der medi­zinischen Durch­leuchtung auf der »Tränensinsel«. Sollte sich hier ein gesundheitlicher Mangel herausstellen, wurden die Einreisenden durch einen entsprechenden Buchstaben mit Kreide auf der Schulter stigmatisiert. So stand etwa g für goiter, den Kropf.

goiter

»kathl jetzt in münchen im operiren.« wochen darauf, müde von
der überfahrt, dieses würgen an der gurgel: noch nie von einem
mann berührt, aber die hand des inspektors wühlt. wie er sortiert!
die guten, wie kathl, ins töpfchen, schmelzen sich ein. die schlech-
ten, mit kröpfchen: nimm, liebes, deine schöne tracht, geh heim.
das bestickte halsband in der schlange stand bald allgemein für
bayrischen [sic!] jodmangel. das kreidebleiche g nicht für glück.


Gerade in Zeiten moderner Kontrolltechniken haben die Überwachung und die Durchleuchtung von Menschen an Grenzen eine verschärfte politische Dimension bekommen, um die sich Uljana Wolf im letzten Kapitel Alien II annimmt. Die Gedichte schöpft sie aus Fachtexten, Regierungstexten und Verordnungen. Durch Ausstreichungen an den Ursprungstexten bleibt nur noch ein entkör­pertes, lücken­haftes Text­gerüst übrig; ein Propa­ganda­mit­schnitt, bei dem die Hinter­gründe und Zusammen­hänge unaufgedeckt bleiben. Alien II will sich dem gesamten Band aber nicht nur methodisch nicht so recht fügen; es bleibt fremd, weil sich eine justiziale, knorrige Sprache einschleicht. Durch das verstreute Ausspucken von Wörtern er­zeu­gen die Gedichte aber ein Abbild der kalten Mechanik moderner Kontroll­systeme.

Ein methodisch so aufgeladener Band wie falsche freunde läuft immer Gefahr, dass man nur noch die Methode wahrnimmt, dass der Stoff zum l(i)eblosen Material wird. Doch für Uljana Wolf zahlt sich das Wagnis voll und ganz aus. Sie behält stets die absolute Souve­ränität über die Energie­über­schüsse, die sie erzeugt, und die Gedichte bleiben schwebe­leicht dabei. Sie verzaubert den Leser mit ihrem grandiosen Spiel, ohne ihn zu zer­streuen; sondern lädt ihn ein, durch die Räume zu spazieren, die die gleitenden Wörter öffnen. So ein Zusammen­spiel von Kopf und Lust sucht seines­gleichen in der derzeitigen Lyrik.
Walter Fabian Schmid    07.11.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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