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Uroš Zupan

Immer bleibt das Andere

Auf dem Jakobsweg

Urosš Zupan | Immer bleibt das Andere
Uroš Zupan
Immer bleibt das Andere
Gedichte
Lyrik Kabinett, Hanser 2008

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In ein Gedicht von Uroš Zupan einzutreten heißt, sich in seinen Garten zu stellen, diesen staunend als Weltzelt zu betrachten und sich vom personifizierten Hauch der Pflanzen berühren lassen.

Immer bleibt das Andere ist eine Übersetzung von Fabjan Hafner und bietet einen Querschnitt durch vier Gedichtbände von Uroš Zupan, der 1963 in Trbovlje, Slowenien, geboren wurde. „Am allerliebsten bin ich ein blinder / Passagier auf dem Schiff, das in die Kindheit fährt“. Mit der Hofmannsthalschen Präexistenz vor Augen behandelt Zupan im ersten der drei Teile des Gedichtbandes die Sehnsucht nach Erlösung vom binären System des Geborenwerdens und Sterbens.

„Hier ist kein Tod. Alle Formen fließen nur ineinander.
Alles schwebt. … Der Garten nimmt
kein Ende. Die Welt nimmt kein Ende. Im Zimmer aller Stunden,
auf der Kreuzung aller Tage leuchtet das ewige Licht oder eine
einzelne Kerze.“

In beruhigender Entspannung lässt der Dichter seinen Rezipienten in ein langsames Lesen gleiten, das die Hektik einbalsamiert. Trotzdem ergibt sich aus Zupans Verbindung von christlicher Romantik und Moderne häufig eine starke Diskrepanz zwischen einer Traumwelt und dem Versuch, die Realität zu integrieren. „Unter / dem Kissen habe ich eine / heimliche Galerie von Helden. Sie stehen hinter meinem / Rücken, während ich schreibe“. Mit solchen Zeilen spricht Zupan gleichsam durch die Blaue Blume und verharrt im Traditionellen oder nähert sich sogar – zumindest aus Sicht der deutschen Literaturgeschichte – dem Epigonalen.

Die Pilgerfahrt, bei der das lyrische Ich die Duineser Elegien gar im Traum verfolgen, setzt sich im zweiten Teil des Bandes mit dem Langgedicht Herbstlaub fort. Auch hier spürt Zupan seinen Idolen und seiner Thematik weiterhin nach und findet sie im Jazz. „Musik, die davon spricht, dass es hinter dieser / Welt noch / eine Welt gibt und dahinter noch eine und so weiter und so fort.“ Wie im Free Jazz kompiliert der Autor Versatzstücke aus Erinnerungen, Zukunftsvisionen, der Wahrnehmung von Natur und Großstadt und musikalischen, sowie künstlerischen Vorbildern zu beinahe reizüberfluteter Simultanität. Seine Weltabgewandtheit trifft auf das pulsierende Leben, Meister Eckhart auf die Freak Brothers und Lord Byron muss zu einem Vergleich mit Michael Phelps herhalten. Es ist eine Zwischenwelt, deren Wahrnehmung auf die Sinne angewiesen ist: „Mach die Augen auf und berühre sanft die Welt mit ihnen“. Wie aus einem Bild von Edward Hopper heraus schaut das lyrische Ich mit häufig wechselnden Zeitebenen nicht ganz unkritisch zurück auf das Erlebte.

Die distanzierende Kritik steigert sich noch im dritten Teil: „Alle / Stimmen sind erstickt und / versinken in schwarzem Wasser“. Die Natur erscheint bedrohlich und verfallen: „Ein paar runzlige Blätter / äffen erfolglos / das Leben nach“. Hier bricht auch der ansonsten gleichförmig steigende Rhythmus. So zeigt sich zugleich die Verletzlichkeit von Zupan: „Dichtung beginnt nicht mit dem Urknall, sondern mit einem Wimmern“. Und nicht nur hier gibt Zupan seine Poetik Preis, denn „Erinnere dich an alles, was sich in deinem / Körper / angesammelt hat und schreibe keine hermetischen Gedichte.“

Zupan besticht in seinen leisen Tönen dadurch, dass er sich trotz der eingekreisten Thematik nie in Tautologien verfängt, und die vergebliche Suche nach Erfüllung setzt sich fort: „Nie werden wir letztgültig erfahren, / was wir in uns tragen; Träume oder Blendwerk“. Das Ziel von Zupans Pilgerung muss jeder Leser für sich selbst bestimmen, denn „dann bricht der / Held auf, so wie er gekommen ist. Still und unverstanden.“
Uroš Zupan, geboren 1963, aufgewachsen in der slowenischen Industriestadt Trbovlje, lebt und arbeitet als Autor und Übersetzer aus dem Englischen und Serbokroatischen in Ljubljana. Er veröffentlichte bisher sechs Gedichtbände. Zupan erhielt diverse Preise in Slowenien und im Ausland, unter anderem den Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik 1999.

Walter Fabian Schmid   08.06.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

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