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13 Zettelkasten
Heiner Müller

Ende der Handschrift

Neuerdings wenn ich etwas aufschreiben will
Einen Satz ein Gedicht eine Weisheit
Sträubt meine Hand sich gegen den Schreibzwang
Dem mein Kopf sie unterwerfen will
Die Schrift wird unlesbar Nur die Schreibmaschine
Hält mich noch aus dem Abgrund dem Schweigen
Das der Protagonist meiner Zukunft ist

todheiter. dieses gedicht des sterbenskranken müller von 1995 beschreibt etwas das mich beim ersten lesen schon anging und jetzt wieder angeht. es beschreibt ein nicht mehr und noch nicht. und noch etwas das ich als die banalität des banalen bezeichne. wenn ich schreibe bleibe ich für wen auch immer zumindest bleibt das als möglichkeit bestehen. mit diesem text ist es ja auch geschehen. ich finde es typisch für müller ein sprichwort „wer schreibt der bleibt“ hier auszuführen sozusagen einmal um den writers block. er hatte es ja auch mit den hunden. zurück zum text. es ist die angst vor dem abgrund und die angst vor dem verlust des instruments das die angst vor dem verlust absturz tod kenntlich machen kann. für ihn war es die schreibmaschine. für mich ist es der laptop. nur durch prothesen ist der dichter noch an die welt angeschlossen. in seinem fall ist es die schreibmaschine. das alte folterinstrument. das mordinstrument mit dem niedergeschrieben abgeschrieben totgesagt wird. eine gespensterfabrik. seine hand verweigert sich wird kenntlich als pause unpassendes monstrum. sie verweist auf die zerbrechlichkeit des schreibenden seine endlichkeit. und es ist auch der aufstand der peripherie gegen das zentrum. die befreiung von der hand die emanzipation ist eine befreiung hin zur maschine in eine welt jenseits des menschen. das ist als potential des textes angelegt. die frage ist für wen der text unlesbar wird und welcher text gemeint ist. denn die unlesbarkeit scheint dem dichter ja lesbar zu sein. es bleibt die melancholische geste zurück. was liebenswert ist an müllers späten gedichten ist auch der verzicht auf satzzeichen. es ist ein jahrhunderttext mehr als jeder andre von dem müller behauptete dass er es sei. es ist ein gedicht am rand des verstummens. es steht da nur so.

Ende der Handschrift

Heiner Müller
Werke 1. Die Gedichte
Frank Hörnigk (Hrsg.)
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998

© Thomas Wettengel          Print

 

Thomas Wettengel
Lyrik
Kritik/Zettel