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5 Zettelkasten
Wolf Wondratschek

On the Road

Route 66

In den Zeiten des Verrats
sind die Landschaften schön.
Heiner Müller

Tomatenblüten

Weiß nit wohin ich gehen soll
Gesetzt
Lotrecht
Gebettet
En avant
Entert die Wagen
Her mit den Besen
Was es doch gibt! Die Farben der kleinen Fische
Oder die lütten Automobile
Oder die praktischen Sicherheitsnadeln
Oder die hohen Cylinderhüte
Oder Herrn X...
Oder auch die Zeitungskioske
Man muss sich ihrer nur zu bedienen wissen.
Philippe Soupault

In dem Band DADA - Gedichte der Gründer, der1957 als Sonderdruck erschien, steht dieses kleine Werk, das den unauffälligen Tomatenblüten ein Denkmal setzt. Auf den Balkonen und in den Kleingärten von Arbeitern und Angestellten wird die Pflanze in die Kästen und in die Beete gesetzt. Hier blüht sie, wird gehegt und gepflegt, bis die Früchte sonnenreif auf den Tellern landen. Die Unsicherheit Weiß nit wohin ich gehen soll löst sich auf in der Forderung: Entert die Wagen, macht tabula rasa - her mit dem Besen, erobert die Welt, bewundert die kleinen Fische, fahrt mit den lütten Automobilen. Und wenn ihr das nicht wollt, weil euch euer Süden auf Balkonien aus welchen Gründen auch immer genügen muss, besucht eure Nachbarn, lest Zeitung und trinkt mit Fremden am Kiosk. Die Welt, der Süden, kann überall sein.

Zwanzig Jahre später, im kalten deutschen Herbst 1977, findet man in vielen Wohngemeinschaften von Studenten und in einigen Quartieren junger Arbeiter im Westen Deutschlands ein Gedicht von Wolf Wondratschek auf Schreibtischen oder an Pinwänden.

Wolf Wondratschek
1943 geboren
in Rudolstadt/Thüringen

In den Autos

Wir waren ruhig,
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße
nach Süden.

Einige schrieben uns Postkarten aus der Einsamkeit,
um uns zu endgültigen Entschlüssen aufzufordern.

Einige saßen auf dem Berg,
um die Sonne auch nachts zu sehen.

Einige verliebten sich,
wo doch feststeht, daß ein Leben
keine Privatsache darstellt.

Einige träumten von einem Erwachen,
das radikaler sein sollte als jede Revolution.

Einige saßen da wie tote Filmstars
und warteten auf den richtigen Augenblick,
um zu leben.

Einige starben,
ohne für ihre Sache gestorben zu sein.

Wir waren ruhig,
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße
nach Süden.

Während die Studenten diese Zeilen als reflexive Selbstkritik und utopisches Einverständnis begreifen, singt Klaus der Geiger auf Strassen und Plätzen immer noch die Carmagnole, flambiert fiedelnd mit Doppelgriff, Pizzicato und schrägem Bogenstrich die Villen des Frankfurter Westends; atmet dafür einige Tage hinter schwedischen Gardinen gesiebte Luft. Margaretha von Trotta konzipiert ihren Film Die bleierne Zeit und der Maler Gerhard Richter skizziert seine ersten Pläne zum RAF-Zyklus. Viele Anhänger der Neuen Linken nehmen Abschied von radikaler Weltverbesserung und suchen Orientierung in diesem Herbst, entdecken Jack Kerouac wieder und den Sound des American way of life eines Neil Diamond oder Leonard Cohen. Die deutsche Autobahn wird im R4, Käfer oder Citroen zur Route 66. Den Süden, ein hedonistisches Lebensgefühl, finden sie in der Toscana, auf La Gomera oder Kreta.

Der Groove von Wolf Wondratschek erreicht aber auch ein ganz anderes Publikum, das sich vor allem von Eingangs- und Schlussstrophe mitreißen lässt.

Wir waren ruhig,
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße
nach Süden.

Es sind junge Leute aus Rüsselsheim, Essen oder Wolfsburg. Sie sitzen ebenso in alten Autos, die nun Ford-Escort, VW Scirocco und Opel Manta heißen. Sie lieben Schalke 04 und Rotweiß Essen, verehren Paul Breitner und lassen sich von ihrem Vater das Wunder von Bern schildern. Sie gehören keiner politischen Partei an, sind sonnenversessen, aber nicht esoterisch, sie hielten die Liebe immer für Privatsache und träumen vom getunten Auto und der Reise nach Süden. Wenn die Freundin zum Lesen drängelt, nehmen sie auch mal ein Buch in die Hand. Max von der Grün oder Günther Wallraff sind ihnen näher als Böll oder Grass. Die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes halten sie für wichtiger als ferne Revolutionen. Sie rauchen Marlboro; Gras und Drogen lassen sie kalt, sie bevorzugen Kölsch oder Alt.

Mit Arbeitgebern streiten sie um höhere Löhne, stehen Streikposten und hören die Gruppe Abba mit Waterloo, Waterloo. Sie sind ruhig, ohne falsche Illusionen und kühl in diesem kalten deutschen Herbst und haben doch Sehnsucht nach südlicher Wärme. Still und unauffällig sind sie und lassen sich von Nachrichten nicht schocken. Sie suchen die Straße nach Süden. Ihre Road 66 führt über die Pyrenäen an die spanischen Küsten des Mittelmeeres.

Jeder braucht seinen Süden, betitelt der Stichwortgeber des diesjährigen Bachmannwettbewerbes, Iso Camartin, ein Buch über die Sehnsucht nach dem Süden. Man muß holen, was man braucht. Wenig wird uns geschenkt. Nur noch südlich lebt man halbwegs von selber und gerade, kann man bei Ernst Bloch lesen. Das Roadmovie des Wolf Wondratschek ist heute ein Klassiker der Pop-Kultur.

© Lutz Hesse

Tomatenblüten von Philippe Soupault - Dadatraduction: Walter Mehring

Print

Literaturangaben

W. Wondratschek - Das leise Lachen am Ohr eines andern Wolf Wondratschek
Das leise Lachen am Ohr eines andern
Frankfurt: Zweitausendeins 1976
ab 8,14 Euro im Antiquariat


 

Wolf Wondratschek – Gedichte/Lieder
Vier Gedichtbände der 70er Jahre als Sammelband
Chucks Zimmer
Das leise Lachen am Ohr eines anderen
Männer und Frauen
Letzte Gedichte
Frankfurt: Zweitausendeins 2003
12,90 Euro

W. Wondratschek - Wespennest wespennest 127
Wolf Wondratschek
12,00 Euro
erschienen am 12.06.2002


 

DADA - Gedichter der Gründer
Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara
Zürich: Verlag die Arche 1957

Iso Camartin: Jeder braucht seinen Süden
Frankfurt: Suhrkamp 2003
15 Euro
Kritik von Carl Wilhelm Macke im Titelmagazin

 

Lutz Hesse
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