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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wider­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 10

Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate



 
Ludwig Wittgenstein

Die Sprache ist kein Kerker? Aber: Wer im Sprachkerker gefangen bleibt, verzichtet auf Zukunft




Im Manuskript zum Buch Ärgernisse, erschienen 1961, hatte ich einige Abschnitte mit Phil-Interm. bezeich­net, was Philo­sophisches Inter­mezzo bedeutete und bei der Druck­legung verschwand, betraf es doch mehr den Autor als den Leser. Daran erinnere ich mich im Zusammen­hang mit dem Begriff Nano-Philosophie, der an­fäng­lich der Abkürzung im Gespräch diente, inzwi­schen aber dring­lich geworden ist, wenn die zweite Stufe der Dekon­struktion fehlt. Die klas­sischen Fein­heiten der Dif­feren­zierung ver­schwin­den immer mehr aus der Politiker-Sprache. In der Sen­dung Hart aber fair ver­warf ein gestan­dener Sozial­demo­krat ener­gisch den satirisch-witzigen Umgang mit Hitler, während ein jüngerer tv-Spaß­macher diese Art und Weise ver­teidigte. Den Dressler-Verweis, auch Oliver Pocher, der reichlich Dreißig­jährige trage eine histo­rische Verant­wor­tung fürs Dritte Reich, lehnt der froh­gemute Comendian prinzi­piell ab. Hitler-Deutsch­lands Kriege und Verbrechen lägen vor seiner Geburt, wie könne er sie also verant­worten? Die Frage blieb strittig. Erst eine Differen­zierung hätte schlichten können. Keine Jugend kann für Gescheh­nisse vor ihrer Geburt Verant­wortung tragen. Es sei denn, die pauschale Anmutung wird intel­lektuell aufgelöst und der einzelne Betei­ligte über­nimmt die Verant­wor­tung bewusst und genau definiert im objek­tiven, nicht subjektiven Sinn.

 

Rudolf Dressler,
Oliver Pocher:
Will's keiner gewesen sein? Wer war's?




Diese kulturkritische Nano-Philosophie ist so not­wendig wie selten geworden. Nehmen wir nur Witt­gensteins viel­zitierten Satz Die Sprache ist ja kein Käfig. Wer den Ausspruch verab­solu­tiert, verkennt, dass die Sprache sehr wohl ein Käfig sein kann. Sonst wäre schon der Turmbau zu Babel nicht ge­scheitert. Oder nehmen wir Blochs Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Wer allein auf den Titel-Begriff vertraut, miss­achtet den Ausgangs­punkt tiefster existentieller Not und Ver­zweiflung samt der daraus resultie­renden Revo­lutions­frage. Wer sie jedoch stellt, wird von den Medien verdroschen. Das witterte schon ihr sensibler Jesus, der zeit­lebens zwischen Pazi­fismus und Schwert schwankte. Da er sich für Pazifismus ent­schied, wurde er gekreuzigt und das Schwert siegt seither in seinem Namen. Hätte er das Schwert gewählt, wäre er auch ans Kreuz genagelt worden, nur hieße er dann Spartacus, Müntzer, Liebknecht, Luxemburg oder so ähnlich und wir wären genau so klug als wie zuvor. Nano­philoso­phisch führt die Spur über die Leib­nizsche Monaden-Lehre – die Monade hat kein Fenster, ist aber nicht isoliert – zu Derridas Differenzdenken, dem wir Blochs Dia­lektik von marxis­tischer De­konstruktion und neuem Konstrukt voran­stellen, denn es begann 1927 in Berlin mit dem Kampf­bünd­nis Brecht, Benjamin, Bloch gegen Heidegger, dessen Sein und Zeit die intellektuelle Linke aufschreckte als erblickten sie den Hitlerianer schon bevor er es von 1933 bis 1945 und darüber hinaus tatsächlich wurde. Sein Geist schritt ihm voran. Blochs Gegenschrift Erbschaft dieser Zeit, konträr zu Heideggers Zeit, konnte erst 1935 im Schweizer Exil er­scheinen, reicht jedoch bis auf das Berliner Dreier-Projekt von 1927 zurück. Im Chaos des Krieges blieb Blochs neue Bot­schaft in dieser Erb­schaft so unbekannt, dass sie erst in der DDR als umstritten eingeordnet und nicht gedruckt wurde. Das Buch steht quer zu allen Ideologien, mit denen Bloch in der Nachschrift zur Suhrkamp-Ausgabe von 1962 endlich offen und jenseits aller Sklavensprache abrechnen durfte. Das verschweigen die KP-Adepten.

 

Konträre Epochenwerke und die Folgen




Anfang März dieses Jahres bot die Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin zwei Themen zum Konflikt an: a) »Martin Heideggers Epochenbuch Sein und Zeit (1927)« und b) »Erbschaft dieser Zeit Ernst Bloch und seine Moskauer Kontra­henten 1935/36«. Wir kamen im www.poetenladen.de mehrfach darauf zu sprechen. Die Kontro­verse der drei­ßiger Jahre zwischen den Moskauer Kontra­henten und dem im US-Exil lebenden Bloch setzte sich in den fünf­ziger Jahren in Leipzig fort. Er­starrte Fronten hier wie dort. Fakten dazu in Die Expres­sionis­mus­debatte … von Hans Jürgen Schmitt, edition suhrkamp 1973, sowie Benjamin und Brecht von Erdmut Wizisla, suhrkamp tb 2004. Tragödie samt Trauer­spiel dieser Feind-Freund­schaf­ten konn­ten noch nir­gend­wo zusammen­gefasst werden. Es fehlt an Courage der Zeit­genos­sen und Nach­kommen. Sachsen, genauer Leipzig gibt seine Vorbe­halte nur ungern auf. Das hat Gründe. Sie zählen zur Geschichte der Nano-Philo­sophie und ihrer Verleugner.
  Die Frankfurter Rundschau, jetzt von der FAZ aufgekauft und damit wohl in abseh­barer Zeit er­ledigt, war für unser­einen in den 60/70er Jah­ren bis zur 1989/90 aus­brechenden Einheit der Ort diverser, aus­führ­licher Links­debatten. Anna Seghers, Georg Lukács, Ernst Bloch, Bertolt Brecht – vier rote Gespenster­köpfe alle vereint auf einer Seite in­mitten deftiger, saf­tiger Details. Tatsache, die FR, mit der wir uns oft auch an­legten, fehlt jetzt wie dem Reiter der Arsch. Mein be­schwing­ter Parforce­ritt vom 20.10.1973 wäre heute undenk­bar. Nicht nur die FR stirbt zentimeter­weise. Die letzten Marxis­ten vege­tieren in heftig schrump­fenden Vete­ranen-Vereini­gungen dahin, bis auch sie und notfalls ihre Grab­steine vom Fran­kfurter Monopol­blatt aufge­kauft werden. Wider­stand zweck­los? Bevor das Kapital sich end­gültig selber erledigt, besiegt es seine Klas­sen­feinde, damit die Fahrt in den Unter­gang auch von keinem roten Signal und Bremsklotz auf­gehalten werden kann.

Seit der Spiegel-Ausgabe 43/2012 wird der marginali­sierten Pleißen-Metropole eine auf­stei­gende Tendenz zugesprochen. Erwächst also aus der verarmten Helden­stadt ein besseres Berlin? Der Vergleich hinkt. Sicher ist nur, die Gegend zwischen Pleiße und Völker­schlacht­denk­mal existiert unter ihren Möglich­keiten. Hauptstadt der Träumer nennt das der Spiegel. Es gibt Wunsch- und Angst­träume. Und Walter Ulbricht als sächsi­sches Welt­rätsel wie Herbert Wehner. Beide auf dem Weg zu Marx vorzeitig abge­fangen. Der eine endete im Bonner Parlament, der andere in lebhaften Montags­demon­stra­tionen. Beide waren sie souverän genug, über den Aus­nahme­zustand zu verfügen. Der eine schei­terte an Adenauer, der andere an Honecker und Breschnew. So­viel zur gestrigen Tei­lungs­poli­tik, heute gibt's statt­dessen einen ver­einten Status als gesamt­deutsches Ab­bruch­unter­nehmen. Das ist eine Finanz­frage. Was braucht es Biblio­theken, Theater und Schwimm­bäder, hat man genug Kampf­flug­zeuge, Schuss­waffen und Panzer. Da spielen die auf­einander folgenden Kriegs­ver­teidi­gungs­minis­ter den Clause­witz bis hin zum Hindu­kusch. Zum 70. Jahres­tag seiner deutsch­tollen Sport­palast-Rede über den totalen Krieg, Jubel rechter­hand, kehrt Goebbels zurück, hat drei Tage Höllen- oder Himmelsurlaub, statt der Engel regnet's Drohnen auf das taumeln­de Erd­bällchen.
  »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So beginnt die Luther-Bibel. Darauf folgt: »Und die Erde war wüst und leer …« Das wird sie bald wieder sein. Dazu Jacobi 4.1: »Wohlan nun ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommen wird … Euer Reichtum ist verfaulet … euer Gold und Silber ist verrostet … und wird euer Fleisch fressen …« Pferde-Lasagne für Hartz-4-Empfän­ger emp­fehlen christ­liche Poli­tiker, wäh­rend die teuf­lische Linke höhere Steuern von den Vermö­genden einfordert. Soviel zur Westkultur. Und was wird aus der Ostkultur?

In Westsachsen gruppieren sich an und um Mulde und Pleiße eine Anzahl Städte. Zwickau als die größte Stadt, zuletzt durch das Terror-Trio NSU in Verruf gebracht, ist das Zentrum, Glauchau, Meerane, Werdau, Crimmitschau bilden einen Kranz mittlerer Industrieorte mit den Schwerpunkten Textil und Metall, tradi­tionell Bergbau von der Stein­kohle bis zur Wismut, dazu vielerlei Kraft­fahrzeuge. Die Städte entwickelten eine spezi­fische Land­schaft von Arbeiter­dörfern um sich herum. Das alles hat seine Geschichte. Schon Kaiser Barbarossa abenteuerte hoch zu Ross zwischen Altenburg, Chemnitz, Zwickau über Stock und Stein. Wer sonst noch alles zu nennen wäre, wird von uns genannt. Wer unge­nannt bleibt, der hat es verdient. Dies ist eine Kultur­geschich­te in er­lebten Geschichten. So war es! behaupte ich und frag mich: War es so? Jeden­falls anders als es in den üb­lichen Geschichts-Schwarten ver­zeichnet steht. Ich weiß es. Die Pleiße war mein Mississippi heißt das 23. Kapitel. Das 1. Kapitel fragt: Wie kommt die Pleiße nach Leipzig? Und im 2. Kapitel fragen wir besorgt: Wird Sachsen bald chine­sisch? Sachsen war industriell und politisch seit Ewig­keiten Spitze. In letzter Zeit fällt es ab als würde es nicht mehr ge­braucht. Das aber ist falsch. Die meiste Zeit meines Lebens war ich zwar ein Auslands­sachse, doch in einem Moment, als es mit sehr schlecht erging, hatte ich allen Grund, auf Sachsen stolz zu sein. Meine früheste Liebe zu Sachsen, das wurde schon in der 5. Folge erwähnt, ent­stand im fernen Russland. Der lange Fuß­marsch in die russi­schen Gefangenenlager, es war im August 1944, wurde wüst unter­brochen, wenn sich zornige Soldaten und Offiziere auf die Straße stellten und wütend in die Reihen prügelten und schossen. Ein Offi­zier der Roten Armee fragte jeden unheil­drohend, ob er ein Deutscher sei. Die Gefangenen ant­worteten erschrocken ab­lehnend. Es gab plötz­lich nur Österreicher, Polen, Tschechen, Saarland­franzosen, Elsaß­fran­zosen, Dänen, Ungarn.
  Als ich dran war und der rachedurstige Offizier, seinen Zeigefinger auf meine Brust setzend finster sein Du Fritz, Du Njemse? hervorstieß, nickte ich wortlos, was ihn ver­blüffte. Die Frage nach dem Woher fiel weniger barsch aus. Ich bin aus Sachsen! erwiderte ich. – Saxonia? Der Russe umarmte mich unter einem Schwall von Worten. Offenbar drängten sich ihm aus der Partei­geschichte prole­tarische Asso­ziationen auf. Sachsen und die Arbeiterbewegung – ich stieg auf für ihn zum Genossen. So ging es gut für mich aus und hätte übel enden können. Ich war es leid, mein Land zu verleugnen, auch wenn es in dieser Zeit ein Kreuz zu sein schien, an das wir angenagelt hingen.


 

Wolfgang Eckert
Wo liegt Meerane? Wo der Zorn still und clownesk ertragen wird




Der Schriftsteller Wolfgang Eckert schickt aus Meerane seine zuletzt publi­zierten zwei Druck­werke: Das ferne Leuchten der Kindheit – Prosa, und Rettet die Clowns – Lyrik. (Mironde Verlag, 2011). Sind das Nach­richten aus versin­kenden Pro­vinzen? Artiku­liert sich das alte Land noch und gibt sich als neues? Dort unten das Dorf: Ein Kind in der Wiege./ Die Berge schaukeln es sanft in den Schlaf./ Es ist, als hätte es all diese Kriege/ nicht gegeben. Daß es sie nie betraf. Auf Seite 19 steht ein Gedicht mit dem Titel:

Im Zorn

Tage gibt es voller Zorn.
Im Herzen sticht ein wilder Dorn.
Und die Galle übervoll
züchtet einen tiefen Groll …

Deshalb beschließt man ganz erschlagen,
den Zorn in sich still zu ertragen.
Da bricht er ab, der Dorn, der wilde.
Die Menschheit sieht man wieder milde.

Ein sächsisches Charakter­porträt? Der verbrauchte, verrauchte Zorn. Ich fühle mich be­troffen. Ach was, erschossen. Nein, zu stark. Ange­schossen. Warum gibt es nicht anbe­troffen? Und das lyrische Teufelchen kündet auch noch aus Meerane: »Kürzlich las ich in Neukirchen und fuhr heimwärts am Gablenzer Teich vorbei und dachte, hier hat einst der kleine Gerhard Steine hinein­gewor­fen oder ist selber ge­sprungen. Herz­liche Grüße von Wolfgang.« Heimatliche Pfeile, genau ins alte kalte Herze gezielt. Der Kontext beider Bände, die alles andere als gute Nachrichten aus der Pro­vinz bieten, lässt argwöhnen, was der Dichter auf Seite 134 notiert: Wäre ein Buch wie das tägliche Brot, gerieten, die nicht lesen, in große Not. Das ist wieder so ein dichter Schwere­not­satz. Wir nehmen den roten Faden auf: Es droht das Ende des Buches? Der letzte Leser sucht es. Solange sich Sachsen via Meerane so stilsicher meldet, haben die Feinde noch nicht obsiegt.
  Tage gibt es voller Zorn – Wolfgang Eckerts Worte aus Meerane bringen mich auf die Existenz von Pseudo­nymen – die Vor­stellung, doppelt oder mehr­fach zu leben ist so schön irre. Wolfgang fährt an den Teichen meiner Kindheit in Gablenz vorbei. Ich sehe ihn als wäre er ich und gebe meinem Pseudo­nym Gert Gablenz die Zügel frei zum Ritt übers Land. Wenige hundert Meter von den Teichen entfernt lag ein Dutzend Bücher meiner Kind­heit im Wald vergraben. Am Weißbach trafen sich 1933/34 die letzten Ge­nossen. Sie bil­deten den ersten sächsi­schen Wider­stand. Nach einem Jahr flogen sie auf. In meinen Büchern und in der Folge 84 hier im poetenladen wird darüber berichtet. Wolfgang schlägt den Brücken­bogen über Jahr­zehnte zurück ins ver­lorene Land. Dieses erlebte Sachsen bleibt mir erhalten. Der heftige Marx-Nischel in Chemnitz wie auch das stille Karl-Liebk­necht-Haus in Leipzig bezeu­gen die ver­gangene Arbei­ter­bewegung wie das Völker­schlacht­denk­mal die Kriegs­furien. In diesem Teil Sachsens er­kämpfte die Arbeiter­bewe­gung, bevor sie verboten wurde, ein Stück Heimat. Zwischen Pleiße und Elbe gab es SPD, KPD, SAP, und weil sie zu­sam­men nicht fanden, tobten Ritter, Tod und Teufel durchs Land. Die bibli­schen Gestalten bis zu Luther und Münzer waren geblieben. Sie sind wie wir mit wech­selnden Volks­fronten immer dabei. Stich­wort Volks­front:



Im Rückblick auf die großen Projekte linker Intel­lektuel­ler, die sich 1935 trotz aller Gegen­sätze zur Anti-Hitler-Front zusammen­fanden, erscheint unser heutiger Zu­stand weniger pas­sabel. Wolfgang Eckerts Buchtitel Rettet die Clowns trifft das Zeit­alter mitten ins Unbe­wusste der Herz­kranz­gefäße. Sind die Clowns noch zu retten? Was aber, wenn wir keine Spaß­macher, sondern blinde Mono­manen vor uns haben? Der Blick in die Wirt­schafts- und Finanz­artikel ihrer Zeitungen legt den Ver­dacht nicht nur nahe, sondern beweist ihn.

 

Jürgen Reents
Hätte Marx uns ausgehalten oder als Murxisten beschimpft?




Die Doktorarbeit von Marx, seine 11 Feuerbach-Thesen und die Analyse zum ten­den­ziellen Fall der Profitrate bilden drei Eckpunkte seiner originalen Theorie. Der dritte Eckpunkt, zugleich richtung­weisend im Hauptwerk Das Kapital, ist bei Freund wie Feind stark umstritten. Weist die Profit­rate ständige Fall­tendenz auf, ist das Kapital aus inneren Gründen rettungs­los erledigt, andern­falls könnte der Kapita­lismus gerettet werden. Die SPD ent­schied sich dafür, indem sie sich im Godes­berger Programm vom frühen Marxis­mus Bebel-Liebknechts verab­schiedete, die kommunis­tischen Parteien ver­harrten auf ortho­doxem Kurs. Das Pro­ble­ma­tische dieser Lösung wurde in der DDR zwar be­handelt, doch strikt partei­lich entschieden. Wer dem nicht folgte, nahm Schaden. Exakt am 14.3.2013, Marxens Todestag von 1883, fragt Neues Deutsch­land auf Seite 1: Gilt das Gesetz vom tenden­ziellen Fall der Profit­rate noch? Gut gefragt, Genos­sen, spät kommt ihr, doch ihr kommt. In der­selben Ausgabe u­rteilt der frühere nd-Chef­redakteur Jürgen Reents in einer kennt­nis­reichen, einfühl­samen Kolumne über Karl Marx: »Er hätte es nicht aus­gehalten …« Was ist gemeint? Unser Ver­sagen als Opposi­tionel­le? Immerhin sind wir viele und wir haben es versucht. Dass in Deutschland stets die Rechte siegt und die Linke unterliegt, mag weni­ger ver­heerend wirken, wenn wir beden­ken, welche beacht­liche Zahl von Men­schen sich nicht immer und auf ewig besiegen ließ. Die KP-Genossen sahen sich einst im Über­schwang als stärkste der Parteien. Alle Frei­denker, Enttäuschten, Ausge­schlossenen, Ver­folgten, Rene­gaten und Op­pos­itionellen zu­sam­men­gerech­net er­gäben eine Volks­front des 3. Weges, der zu finden, wo nicht zu erfinden bleibt, nachdem der 1. Weg des Kapi­tals und der 2. der Sowjet­union nur in Krisen und Kriege führte und führt. Was also geschieht, wenn die Profit­rate ins Bodenlose fällt?

 

Rudolf Hickel
Kritische Distanz zu einem Aspekt bei Marx, doch nicht zu seinem Kopf




Rudolf Hickel, Prof. Dr. Marx-Kenner und Bekenner, den Klas­siker am 19.3.2013 in der FAZ per Leserbrief gegen Unwis­sende vertei­digend, demon­striert zugleich kritische Distanz zum Gesetz vom tenden­ziellen Fall der Profit­rate. Unser Vorschlag zur Güte: Er­setzen wir die Profitrate kurz und bündig durchs Euro-Abendland. Und schon stimmt der tiefe Fall.

Wolfgang Eckerts Gedichtband enthält eine Widmung, die uns anrührt:



Meine fröhliche Antwort:

Aus dem Leben eines Clowns (1990)

Ich danke der Partei, dass sie mich,
den Zweiunddreißigjährigen fort-
prügelte in den Westen. Ins Wasser
geworfen lernte ich schwimmen.

Die zweiten zweiunddreißig Jahre
meines Lebens verbrachte ich vor
der Schreibmaschine, den Zensoren
entkommen. Dank der Partei.

Langsam starben die Freunde dahin.
Die alten Linksintellektuellen,
jüdische Emigranten, Remigranten.
So vereinsamte ich ins Rentenalter.

Die Kollegen um mich herum lobten
den Sozialismus, hofierten seine
Dichter und ließen sich hofieren.
Dankbar schaffte ich mir einen Hund an.

Die Frau, der Hund, der Mann durch-
streifen die Wälder des Hochtaunus.
Gekennzeichnete Wanderpfade führen
vom Weg ab ins Nebenbei.

Der Hund schnüffelt und bringt mit
Sicherheit uns zurück zum Haus.
Abends haben wir ein Dutzend tv-Programme.
Vielmäulig beklagen die Dichter ihr Los.

Was ein Glück, sagt die Frau, unser
Chow führt nie in die Irre. Beißt
selten. Und nur die Richtigen. Ich
kraule den Chow und erkläre ihm das Fernsehprogramm

Wolfgang Eckert erinnert mich an die Gablenzer Teiche meiner Kindheit. Das waren die zwanziger-dreißiger Jahre. An den Anfang der neunziger Jahre erinnert das Wurzener Tageblatt vom 25.10.1991:


Original-Artikel per Zoom   externer Link
 


Zum Auftakt 1991 in Wurzen. Zwei kleine Sachsen, noch guten Mutes befreundet, wollen helfen, Schwerter zu Pflug­scharen umzu­schmieden. Das stürzt die Profitrate ins Bodenlose. Panzer und U-Boote erst lassen die Profit­rate steigen. Wirtschaft, Horatio, am besten Rüstungswirtschaft.

Die steigende Profitrate (1992)

Als der Krieg aus war dachte ich er sei aus.
Am Tag darauf begannen sie mit ihren Manövern.
Generäle holten sie aus dem Kühlschrank.
Stiefel aus dem Beinhaus. Die Fahne aus dem Versteck.

Von den alten Worten strichen sie jedes zweite durch .
Dann jedes dritte, vierte, fünfte. Endlich
wurde der gesamte Wortschatz wieder eingezogen.
Die Söhne der Krieger probten den aufrechten Gang.

In den modernisierten Wirtshäusern berichteten die
Drückeberger von ihren siegreich verlorenen Schlachten.
Heldenfriedhöfe wurden illuminiert. Ein Bundeskanzler
lieh seinen Händedruck und die nachgeborene Einfalt.

Kriegsauszeichnungen zogen an im Kurs. Wer zweimal
verlor, schwört auf den dritten Sieg. Der Tiger
heißt nun Leopard. Die Messerschmidt Starfighter.
Die Artillerie besteht aus munteren Atomkanonen.

Der eine Oberleutnant war jetzt Bundeskanzler.
Der andere Ministerpräsident. Ein Hauptmann hielt im
Bundestag feierlich die Heldengedenktagrede.
Vom Himmel herunter nahm ihr Oberbefehlshaber

die Parade ab. Er trug Zivil. Und ein Loch im Kopf,
Das Zeitalter der schönen Selbstmorde hat begonnen.
Dem Marxismus ohne Revolution folgt die
Erde ohne Menschen.

Soeben trifft aus London vom adler­äugigen Weltbürger Andreas W. Mytze Heft 154 seiner grandio­sen Reihe euro­päische ideen ein. Zwischen Trauer­reden auf den jüngst ver­storbenen Gerhard Schoen­berner wird eini­ger ande­rer Auto­ren gedacht, so zum 100. Geburts­tag des streit­baren Lausitzer Poeten Peter Jokostra. Zwi­schen­drin meine bisher unver­öf­fent­lich­ten Nach­richten des letzten Sachsen an die lausi­ge Nachwelt. Wir sind Tote, deren Urlaub endet. Soviel zur fal­lenden Lebens­rate.
Gerhard Zwerenz    15.04.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon