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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wider­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 23

Abbruch: Erich Loests Fenstersturz

  Durch die Erde ein Riss

Mit-Häftlinge in Bautzen fragten Erich Loest, weshalb er einge­locht wurde. Ant­wort: ›Weil ich die Re­gie­rung stürzen wollte.‹


 


Der dritte Teil unserer epischen Sachsen-Autobiographie beginnt mit 1. »Es herrscht jetzt Ruhe in Deutsch­land« und 2. »Wer löst den Loest-Konflikt?« Die Frage bleibt mit Erichs Suizid unbe­antwor­tet. Es sei denn, wir finden schon frühere Ant­worten. Loest in Durch die Erde ein Riss: »Eines Tages wünschte ihn ein kno­chiger, schwarz­haa­riger Genosse zu sprechen, er hät­te Fragen, einen Arti­kel in der Welt­bühne betreffend, für die er schrieb: Gerhard Zwerenz. Rasch war beant­wor­tet, dann redeten die zwei stunden­lang quer durch Schrift­stellerei und Politik. Sie wussten zu ihrem Glück nicht, dass für jeden gerade der nächste Lebens­abschnitt begon­nen hatte.«
  Soviel zum Beginn einer Freun­dschaft im Jahr 1954. Drei Jahre später klaffte der Riss durch die Erde schon breiter. Loest dazu im selben Buch: » Am 30. Januar 1957 versammelten sich Leipzigs Genossen ›des kulturellen Sektors‹ in einem Neben­saal der Kon­gress­halle; es waren einige hundert. Vier Stunden lang ging Wagner zum Angriff auf alle über, die in den letzten Monaten ›geschwankt‹ hätten. Er lobte die wach­same Kirow-Sturm­abteilung ihres Faust­kampfes gegen Rudorf wegen und erntete zu­stimmendes Gelächter bei dem höhni­schen Satz: ›Das Platten­archiv des Genossen Rudorf wurde nicht be­schädigt.‹ Nicht allzu heftig wurde L. kriti­siert, aber Zwerenz bekam volle Breit­seiten ab. Wagner klaubte Zeilen des Gedichts Die Mutter der Freiheit heißt Revolution aus dem Zusammen­hang und wollte so nachweisen, Zwerenz habe die Konter­revolution gemeint. Zwerenz tat das Klügste, er las das ganze Gedicht vor.«
  Es ging nur um ein Gedicht. Und wie ging es weiter? Wie von Loest in Durch die Erde ein Riss berichtet: »Die Partei­gruppe der Schrift­steller wurde, um neue Mehr­heits­ver­hält­nisse zu schaffen, dem Lite­ratur­institut zuge­schlagen. Zwerenz wich ein paar Schritte zurück, was sein Gedicht anb­etraf, aber auf Bloch ließ er nichts kommen.« Über sich selbst sinniert Erich in der dritten Person: »Noch wäre Zeit gewesen, hinzu­gehen und zu beteuern: Hab mich geirrt, Genossen, ich danke euch für die Hilfe, sie hat mir die Augen geöffnet. Natür­lich hätte er sich demü­tigen und bei­spiels­weise vor einigen hundert Funk­tio­nären Steine auf Harich und Zwerenz werfen müssen, ein Reue­artikel in der Leipziger Volks­zeitung wäre ihm nicht erspart geblieben. Langsam, lang­sam hätte er sich wieder hinauf­dienen dürfen über viele Phasen, nach außen hin wäre ihm verziehen gewesen, doch der Argwohn der Funk­tionäre wäre geblieben. Damals, wisst ihr noch?« Das Buch mit dieser Frage liegt seit 1981 vor – die Frage ist allgemein­gültig – wer wollte damals noch wissen, wer will oder kann heute, 32 Jahre später noch wissen. Die Erin­nerung stirbt in Tanz­schrit­ten bis sie ganz tot ist. Ein miss­achteter Knochen aus der Eiszeit.

  Der Zorn des Schafes
Protest der Ohnmächtigen


Im Jahr 1958 brachte ich mit viel Mühe in der FAZ die Verhaftung von Loest zur Sprache und gab keine Ruhe. Doch wie und wo ich auch Alarm schlug, Loest blieb im Zucht­haus und die Bereit­schaft west­deutscher Schrift­steller, sich für seine Frei­lassung zu ver­wenden blieb zag­haft. Immer­hin gelang mir einige Male, zu­min­dest die Unter­schrift von Kollegen zu bekommen, so etwa Ende 1963, als der DDR-Autor Günter Hofé auf der Fahrt zur Frank­furter Buch­messe in Un­ter­su­chungs­haft ge­nommen wurde. Eine Petition, die ich »Kölner Initi­ative« nannte, erschien in der west­deut­schen Presse, Hofé wurde kurz darauf aus der west­lichen U-Haft ent­lassen. Loest erfuhr in Bautzen von unserer Aktion. In seinem Buch Der Zorn des Schafes berich­tet er 1990 davon: »Zu den vielen mangel­haften Ein­rich­tungen dieser Welt gehört der Protest der Ohn­mächtigen. Aber ich weiß es noch: Als ich auf krausen Umwegen im Zuchthaus Bautzen erfuhr, dass Carola Stern, Ilse Spitt­mann, Heinrich Böll und Gerhard Zwerenz gegen meine Haft protestiert hatten, wurde mir das Atmen für ein paar Tage leichter.« In unserem Exemplar steht die hand­schrift­liche Widmung: »Ingrid und Gerhard Zwerenz umarmten den stein­alten Freund. (S. 73) Euch beiden herz­lichs­ten Gruß – Erich Loest Sep­tember 90« Auf der Seite 73 schildert er seine 1975 von der DDR endlich gestat­tete West­reise und den Besuch in unserer damali­gen Offen­bacher Woh­nung. Schluss-Satz dazu: »Und in dem Bett bei Zwerenz hatte eine Woche zuvor Rudi Dutschke geschlafen.« Wenn das keine Liebe ist, so ist es ein Gedicht.


 

Briefwechsel
mit einem Kollegen
(Zoom per Klick)



Nach Loests Entlassung aus Bautzen im Jahr 1964 hatte Funkstille zwischen uns geherrscht. Würden Kontakte schaden oder nutzen? Vorsichtig zog ich über den in Leipzig wohnenden alten Freund Erkun­digungen ein. Ende der sech­ziger, Anfang der siebziger Jahre schrie­ben wir ein­ander wieder und tele­fonier­ten sogar. Die Anzahl der ge­wechsel­ten Briefe ging in die Hunderte. Um 1970 herum wurde klar, Erich wollte in der DDR voll rehabi­litiert werden, wozu noch gehörte, dass man ihm wie anderen Autoren auch West­reisen erlaubte. Die Initia­tive überließ ich stets Erich und zog dann vor­sichtig mit. Im auto­bio­graphi­schen Bericht Der Wider­spruch, 1974 bei S. Fischer er­schienen, schil­derte ich Loests Leben und Fall, baute jedoch einen auf­fal­lenden Fehler ein, der Einge­weihten wie Agenten signa­lisieren sollte, ich sei nicht gänz­lich informiert. Nicht weniger vor­sichtig ging ich im Hörspiel Brief­wechsel mit einem Kollegen zuwege, das im August 1974 vom HR urge­sendet und dann, als ich dafür den Ernst-Reuter-Preis erhielt, von anderen Sendern über­nom­men wurde. Ernst Reuter war Kalter Krieger, zuvor aber auch mal Kom­munist ge­wesen. Die Bezeich­nung Auto­bio­gra­phisch-bio­graphi­sches Hör­spiel traf genau zu. Ich hatte in der Tat große Teile unserer Korre­spondenz dafür benutzt, sie aber durch zwei weitere Stimmen kommen­tieren lassen, wobei mir vor allem daran lag, Loests Fall bekannt zu machen, ohne ihm in der DDR zu schaden. Das Hör­spiel ist par­tiell Skla­ven­sprache mit Unterton-Sig­nalen. So sehr ich bei der Arbeit daran stöhnte und ver­zweifelte, so gelun­gen er­scheint mir die Akrobatik am hohen Turm­seil auch heute noch – so viele Jahres­ringe danach.

  Erstdruck neue deutsche Literatur 10/90

In seinem wohl letzten tv-Interview, das Ingrid und ich erst kurz nach seinem Tod sahen, sprach Erich sich apo­kryphisch gegen Feind­schaft und Hass aus. Gut möglich, dass darin eine hinter­las­sene Anspie­lung auf das Kapitel »Hass­pro­duk­tionen« in unserem Buch Sklaven­sprache und Revolte – Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West steckt. Dort ist zu lesen:



Der letzte Satz ist dementierbar. Im Buch folgt die Begründung, weshalb nach vier Jahr­zehnten bewähr­ter Freund­schaft, nein Kampf­genossen­schaft zwei Jahrzehnte lang Eis­zeit herrschte. Dann eine Über­raschung, die Leipziger Volks­zeitung meldet:
»Am 5. Dezember 2012 vermerkt Loest in einer Tagebuchnotiz vom 12. Oktober 2012:
«

So wurde ich plötzlich wieder zum Freund ernannt. Stehen also mit Paul Fröhlich die Toten als Untote wieder auf? Im www.poetenladen.de vom 20. Januar 2013 suchte ich nach Ant­worten. »Wer löst den Loest-Konflikt?« war meine Frage an Erich Loest selbst. Ist sein Frei­tod nun keine Antwort oder doch …

  Als wir beide
im Spinnennetz zappelten

Als Erich, in Bautzen eingeliefert, nach dem Grund dafür gefragt wurde, antwortete er: Weil ich die Regie­rung stürzen wollte. So steht's in seinem Urteil. Wer davon hörte, nahm es als bitteren Witz. Das war es auch. Und war es nicht. Wir lachten und heulten doch innerlich vor Wut. Ulbricht be­schul­digte Bloch, einen Plan zur Konter­revolution parat zu haben. Laut geheim­dienst­lichen Infor­mationen äußerte Bloch, bei Bürgerlichen sei der Rück­tritt eines Regie­renden doch auch kein Problem. Das war auf die DDR nach Chruschtschows Anti-Stalinrede gemünzt, also auf Ulbricht. Mit Blochs Rat, endlich Schach statt Mühle zu spielen, war das Ziel dieser so­ge­nannten Konter­revolution perfekt geworden als Revolte, Umsturz, Neu­beginn. In Polen und Ungarn wurde es auch versucht und miss­lang bald.
  Von heute aus bewertet gab es 1956 das Leipziger Modell einer sozialistischen Mini-, besser Nano-Refor­mation. Die Repression der Partei erfolgte so früh und heftig, dass die wahren Ursachen der sta­linis­tischen Reak­tion da­runter ver­schwan­den. Wir halfen dabei mit, die Spuren zu ver­wischen. Es galt eben, schuld­los zu sein, zu­mindest danach zu er­scheinen. So unsere Taktik, nachdem uns die Stra­tegie der an­deren be­zwun­gen hatte. »Meine alten Gegner haben gesiegt«, so einer der letzten Sätze von Erich Loest in der Leipziger Volks­zeitung vom 25. August 2013. Die Frage nach der Identität dieser Gegner ist nicht ein­deutig entschieden und er­öffnet einen anderen Blick auf die DDR-Geschichte, obwohl die Interes­sen aller Parteien dagegen stehen. Ich nenne und nannte es den dritten Weg. In den Köpfen der meisten Genossen war das damals denkbar. Das reichte bis ins Politbüro.



  Raus aus dem Spinnennetz –
Exil-Fest 1986 in Osnabrück zu Erichs 60. Geburtstag



Es gibt den Erich vor Bautzen und den danach. Als ich es bei seinem ersten Besuch in Offenbach bemerkte, suchte ich ihn mit dem Hinweis auf meine vier Jahre Kriegs-Ge­fangen­schaft in der SU zu trösten, dazu zählte ich meine Wehr­machts-Zeit sowie die Monate in Kliniken und Tbc-Sanatorien, alles zusammen ergab ebenfalls sieben Jahre wie seine Haft in Bautzen. Meine Rechnung überzeugte ihn weder noch rang sie ihm auch nur einen Schimmer von Empathie ab. Also blieb ich dabei – es gab jetzt zwei Erich Loest. Der eine ist der schwer­mütige, lach­falten­treibende Humorist, den ich unseren in Geld­nöten steckenden Kranken­häusern als Thera­peuten empfehle. Lachen heilt ohne Pillen und Skalpell. Der andere Loest will es seinen Feinden heimzahlen. Das ist der Rückfall-Erich, zu Unrecht ein­ge­sperrt und preis­ge­geben. Beide kenne ich gut. Ich versuche auch gegen den zweiten EL fair zu sein. Es fällt mir nicht leicht und hat Ursachen. Über die Diffe­renzen zwischen dem Loest der letzten zwanzig Jahre und mir braucht es nach Erichs Tod keine neuen Worte. Konkrete Aus­kunft geben u.a. im poeten­laden de die Nachrufe 4 und 5 sowie vorher schon unser Buch Sklaven­sprache und Revolte vom Jahre 2004, da wird mit Herz­schmerz Klartext gesprochen. Wo der späte Loest als ewiger Bautzen­bub mit Marx, Bloch und Zwerenz hadert, nein wütend wüstet, gilt, was unser Erich einst über Zwerenz in Leipzig äußerte: »Zwerenz wich ein paar Schritte zurück … aber auf Bloch ließ er nichts kommen.«
  Bedenke ich meine Empfeh­lung an die Krankenhäuser, die humorv­ollen Loest-Bücher thera­peu­tisch einzu­beziehen, wird mir ganz makaber zumute – für den Autor selbst ver­sagte der gute Rat. Er starb durch einen Sturz aus dem Klinik-Fenster.

Solange Erich in der Bundesrepublik wohnte, besuchte er uns oft im Taunus. Er kennt das Haus, wie er unsern Chow kannte, den er Lord Billy nannte. Hoch­achtungs­voll. Ein Kapitel im Roman, den Ingrid und ich über unseren Hund schrieben, erzählt von einer munteren Geburts­tag­feier für Loest in Osnabrück. Das Buch erschien 1988, ein Jahr später bricht die Einheit und unser Konflikt aus. Erich retiriert sehn­suchts­voll heim nach Leipzig, 1990 stirbt unser Chow Lord Billy.
  Im Rückblick auf den Freund ver­gangener Jahrzehnte nutzte ich das Wort Gedicht. Mit dem Todes­sprung zu Leipzig dichtet es sich autonom irr­lichternd weiter ins unsterb­liche Traum­reich. Hier steht Loest an der Himmelstür ins Gespräch vertieft mit Petrus, über den er einen Roman schreiben will, da tritt Reich-Ranicki durch die Pforte. Die beiden kennen sich. Bei einem der frühen Besuche am Main saßen Loest, Ingrid und ich mit M R-R und seiner liebens­werten Frau Tosia in einem von Marcel favo­risier­ten italieni­schen Restaurant in Frank­furt beim Abend­essen. Es ging um Lite­ratur und Geheim­dienste. M R-R, in Rage geraten: »Schrift­steller sind vor Geheim­diensten sicher, denn was kann ein Schrift­steller schon Wichti­ges wissen.« Ich hatte ihn schon 1971 so falsch postu­lieren gehört. Zurück ins Traumland. Jetzt erscheint Sahra. Erich erbleicht, soweit das ein Engel vermag. Ich weiß Bescheid. Loest wollte mich in der Zeit unserer Ent­fremdung aus­nahms­weise mal wieder begrüßen, entdeckte Sahra neben mir beim Signieren und eilte ent­setzt davon. Rosa Luxem­burg vor der Himmels­tür? ruft Marcel R-R. Sahra erläutert: Ich komm' hier nur getarnt als Rosa durch, als Sahra gründe ich endlich die himmlische Links­partei, unsere Männer trauen sich das aus lauter Athe­ismus nicht. Loest dazu: Erst Lothar Bisky, dann ich, nun Reich-Ranicki, dazu diese Wagen­knecht, statt in den guten Tod sprang ich wohl in die ewige Revo­lution? Wütend beginnt er zu schimpfen auf Wolfgang Harich, Kurt Hager, Jürgen Kuczynski, Fried­rich Schor­lemmer, Gregor Gysi, Walter Janka und hätte wohl nie einge­halten, wie ich andern­orts belege, doch da gondeln Ulbricht und Honecker freundlich winkend auf Wolke 56 vorbei und Erich sucht sie ganz rational zur Hölle umzuleiten, was nicht ohne Knall und Fall geschieht und mich im hohen Taunus aus dem Schlaf schrecken lässt.


Von Loest mit
unstill­barem
Hass ver­folgt



Nach dem Ende der DDR schnell nach Leipzig heimzukehren hätte ich Erich eindringlich abgeraten. Denn es führt kein Weg zurück. Heute ist der 22. Sep­tem­ber 2013, ein trau­riger Wahltag voll Wortbildermüll. Loests Todes­sprung (?) – jeden­falls Todesfall, liegt erst zehn Tage zurück. Vor mir häufen sich Presse-Stapel von Bild und Leipziger Volkszeitung, zugesandt von unserem aufmerk­samen Mann in der Messe­stadt – Hartwig Runge – die Blätter triefen von geschwol­lenen Schmerz­bekun­dungen. Elementare Fakten fehlen oder werden ve­rrätselt. »Leipzig trauert um Erich Loest.« Die Super­helden­stadt weint, dass die Pleiße hochwassert. Erich warf mit Büchern und lokalen Liebes­erklä­rungen um sich, bis ihm seine Elogen selbst zu bil­lig er­schienen. Leip­zig als Kultur­stadt? Loest: »Bis auf Thomaner und Gewandhaus lange vorbei.« Was war vorher – was war vor dem vorbei? Ist es Über-oder Unter­trei­bung? Ernst Bloch und Hans Mayer lässt er gene­rös, wenn auch wortkarg hochleben, Karl Marx samt Relief aus­treiben, Werner Tübke gleich hinter­drein, nicht zu reden von unseren alten Freunden von Harich bis Janka, die er je nach Laune mal ehrt oder als sächsi­sches Lama bespuckt, so wie ich bald als Feind, bald als Freund dekoriert werde. Der Riss geht durch die Welt und ihre Inter­preten. Kurz vorm Tor­schluss spricht Erich sich via Fernseh-Interview gegen Feindschaft und Hass aus und kürt sich als Be­stat­tungs-Redner den eifernd schimp­fenden Zwickauer Werner Schulz, den die Grünen als Europa-Abgeord­neten nach Brüssel ab­schoben, um ihn ertra­gen zu können. Loest im Tagebuch am 25.8.2013: »Meine alten Gegner haben gesiegt.« Das er­schien in der LVZ druckfrisch erst vor einem Monat und muss an Ort und Stelle dementiert werden. Wann, wenn nicht jetzt. Wer ist hier Sieger, wer Besiegter. Soweit sich das teilen lässt. Brecht alias Galilei: »Glück­lich das Land, das keine Helden nötig hat.« Un­glück­lich die Stadt, die Helden nötig hat? Loest bestellt sich, obwohl früher Bier­trinker und später aus­gepichter Rot­wein­connaisseur, eine fröh­liche Leichen­feier mit Champagner. Kunst­stück der Spar­sam­keit. Er muss das edle Gesöff nicht mehr bezahlen. Als sie ihn vor Jahrzehnten beschul­digten, die Regie­rung stürzen zu wollen, reagierte er mit Gelächter. Ein Witz der DDR-Geschichte – gelle? Da Erich im lite­rarischen Himmel, dieser Luxushölle überlebt, kann ich jetzt postum offen­legen, wie es wirk­lich war. Zur Erin­nerung: Walter Ulbricht über Ernst Bloch: Er hatte doch seinen Plan der Konter­revo­lution! Wahr ist: Die Blochianer wollten nicht nur die eine Regierung stürzen, son­dern auch die andere. Daraus erst sollte eine vernünftige Politiker-Riege werden. Was leider miss­lang. Es fehlen die Helden. Der Riss durch die Erde ist viel zu breit geworden. Wer da noch drüber springen will stürzt in die Tiefe.

Wolfgang Harich wurde bereits 1956 schwer angelastet, dass er die Regierung stürzen wollte und die Namen der neuen Regie­rungs­mit­glieder auf einem Blatt notiert hatte. Außer dieser Berliner Liste gab es unsere Leip­ziger Variante mit Bloch als Präsidenten, Rudolf Herrnstadt als Kanzler, dazu Stefan Heym für Kultur, Fritz Behrens für Ökonomie, Wolfgang Harich Bildung, Markus Wolf Justiz und Außenpolitik. Am späten Abend von Erichs 60. Geburts­tag, den wir im Osna­brücker Exil begingen, entwarfen wir eine West-Liste: statt Adenauer Martin Niemöller, dazu Gustav Heinemann, Johannes Rau, Heinrich Böll, Rudolf Augstein. Wolfgang Abendroth, Rudi Dutschke, Egon Bahr, Willy Brandt …
  Wir feierten die Vereinigung beider Regierungen erst mit Bier, dann mit Champagner und kamen überein, die zugehörige Bundeshauptstadt werde, was denn sonst, Leipzig sein. Über die guten und schlechten Gründe dafür dem­nächst in diesem deutschen Theater.
  Nach­brenner: Wer möchte, entschlüssle unsere Schluss-Sätze im Himmel und auf Erden als ironische Sklaven­sprache. Wollten wir unsere geplanten diversen Revo­lutionen in allem Ernst bestätigen, legitimierten wir damit im Nach­hinein unsere Verfolger von sogenannt links bis so­genannt rechts. Sie haben, hier widerspreche ich Loest, keineswegs gesiegt.


 

Gerhard Zwerenz
und Erich Loest


Gerhard Zwerenz    30.09.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon