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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung (3)

Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland – 1. Nachruf



   

Der Rasende Reporter und seine Geschichte über gestörte Kommunikation



Diesen Titel trägt eine 30-Seiten-Broschüre aus dem Jahr 1981, an die ich mich nicht mehr erinnerte. Die Schrift wird gelegentlich auf dem Gebraucht­waren­markt angeboten. Wir fanden sie nach längerer Suche im Internet und bestellten ein Exemplar. Ich lese die Seiten neugierig durch und frage im Hoffmann und Campe Verlag an, wie das Projekt vor drei Jahr­zehnten startete und was daraus wurde. Außer meinem Bändchen wird noch von Margarete Mitscherlich Die Jugend braucht Vorbilder sowie von Karl­heinz Deschner Ein Papst reist zum Tatort ange­boten. Das Ganze sollte eine neue »Flug­schrif­ten­reihe« zur »200. Wiederkehr der Verlags­gründung« als »Forum für zeit­kriti­sche Themen« werden und bedeutet für mich einen Blick zurück in die Jahre, als die Ruhe in Deutsch­land noch Hoff­nungen weckte, dass die nächste Unruhe bessere Zeiten brächte. Es wurden aber 1989/90 bloß die deut­schen Einheits-Unruhen daraus. Mit diversen Kriegs­folgen. An dieser Stelle ist es nicht nur drama­tur­gisch reiz­voll, unsere Geschichte vom ruhigen Deutsch­land im Jahr 2012 mit dem Anfang der Geschich­te fort­zu­setzen, wie sie 1981 geschrie­ben wurde: »Kisch mit seinem feinen Spürsinn für das gleich­zei­tig Brüchige und Klassen­typische über­lieferte den be­ziehungs­voll scharfen Kasernen­witz vom schiel­äu­gigen Haupt­mann, der die Front der ange­tretenen Kompanie ab­schreiten will und den ersten Sol­daten fragt: ›Wie heißen Sie?‹ ›Schütze Anton Bruckner, Herr Haupt­mann!‹, ant­wortet darauf der zweite Soldat. Jetzt herrscht der Haupt­mann den zweiten an: ›Ich habe Sie ja gar nicht gefragt!‹ Worauf­hin der dritte im Glied ant­wortet: ›Ich habe auch nichts gesagt, Herr Haupt­mann!‹
  Die Unmöglichkeit für einen schielenden Menschen, mit dem­jenigen ins Ge­spräch zu kommen, den er anblickt. Die mili­täri­sche Disziplin lässt als Kari­katur hervor­treten, was als kate­goriale Unfähig­keit zur Kommuni­kation zugrunde liegt. Einen be­stimmten Augen­fehler voraus­gesetzt, er­schließt sich eine Abfolge von Miss­ver­ständ­nissen. Dass jemand schielt, ist nur eine mög­liche Ur­sache von Folgen und viele Ursachen und viele Folgen machen es unmög­lich, dass sich zwei Menschen zum direk­ten Gespräch finden. Denn was der eine will und was er tut, sind zwei ver­schiedene Schuhe. Was end­lich daraus entsteht, ist ein dritter Schuh. Was soll der Mensch aber mit drei ver­schiedenen Schuhen. Weder ist er ein Drei­beiner, noch braucht jeder seiner drei Füße einen anderen Schuh.«
  Zwischen Frage und Antwort liegen Welten. Die Verständigung ist gestört. Es herrscht tief innen Unruhe und außen gebannte Ruhe. Das führt aus dem Jahr 1981 direkt ins Heute. So entdeckt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Toten­sonntag 2012 einen Weg des Wider­spruchs per Konzil und Revolte, wie der in Berlin lebende Wieland Elfferding, Spezialist für Glau­bens­fragen, Marxis­mus und Faschis­mus den Ein­fluss der Reli­gion auf »Politik und Protest in Nach­kriegs­deutsch­land« arti­kuliert. Im Artikel ist zu lesen: »Wichtig war, dass aus­gerechnet Bloch der neuen Oppo­sitions­be­wegung Echo gab, sei es im Kampf gegen die Not­stands­gesetze, sei es anläss­lich der Ver­lei­hung des Frie­dens­preises des Deutschen Buch­handels 1967. Blochs philo­sophi­scher Diskurs umfasste und refor­mierte die jüdisch-christ­liche Tradi­tion ebenso wie die marxis­tische. Für einen kurzen histo­rischen Moment leuch­tete die Mög­lich­keit auf – auch dafür stand seine Person –, die aus­ein­ander­lie­genden Kraft­linien der not­wendigen poli­tischen und sozialen Ver­ände­rungen und der Umbrüche in den reli­giösen Konti­nenten zu­sammen­zuführen. (…) Doch die Kräfte der Spal­tung waren in einem weiter­wir­kenden Kalten Krieg stärker als die Kräfte der Ver­eini­gung. Die um sich greifenden Ver­teu­felungen för­derten in allen Lagern Abgren­zung, Be­stands­siche­rung und Identi­täts­bildung. Die Fragen offen­zu­halten hätte mehr Anstren­gung gekostet und ein größeres Risiko beschert.«


 

Die Säulenheilige der Vertriebenen kämpft gegen von ihr falsch definierte Säulenheilige




Elfferding hält Katholiken, SPD, Marxisten ihr Versagen vor: »Alle handelten nach dem Motto: Lieber klein, aber fein.« Diese Bereitschaft zur Selbst­analyse und Kritik ist natür­lich meilen­weit entfernt von jenem Eckhard Fuhr, der in seinem einstigen Mutter­blatt FAZ vom 17.5.1992 unseren Freund Walter Böhlich rügte, weil der den »Kampf gegen rechts« fortsetzen wollte, was Fuhr als »unüber­biet­bare Ver­bohrt­heit« Böhlichs und der »linken west­deutschen Intel­ligenzia« definierte. Unterm Flanken­schutz west­deutscher Rechts­publizisten konnte der Nazi-Unter­grund denn auch bis zum Mord-Trio gedeihen. Der Feind stand immer links. Diese Meinung vertrat von der Frank­furter CDU samt FAZ auch Erika Steinbach, bis das mainische Front­blatt am 20.11.2012, vom Druck nicht mehr zu verleug­nender Fakten ge­trieben, einge­stehen musste:»Viele Vertriebene­nfunktio­näre früher als Nazis aktiv Mehr als die Hälfte der Präsi­diums­mitglieder einst in NSDAP – Studie des Instituts für Zeit­geschichte im BdV-Auftrag.« Die Tatsachen sind seit Jahr­zehnten bekannt. Wer darüber schrieb war Kommunist. Sind Steinbach und FAZ-Kameraden jetzt eben­falls Kommunis­ten? Gemach, Steinbach teilt mit, auch »viele Säulenheilige des Nach­kriegs­geistes­lebens« wie etwa Günter Grass oder Walter Jens müssten »inzwi­schen mit ihrer nicht ganz so lupen­reinen Vita leben.« Zu den Differenzen zwischen der lupen­reinen Steinbach und den von ihr zu Säulen­heiligen ernannten Grass und Jens an anderer Stelle. Hier aber ein Dank in eigener Sache an den längst pensio­nierten Wolfram Schütte, der das Frank­furter Rundschau-Feuilleton auf einem Stand hielt, der nach seinem Abgang ver­loren ging, wobei sich die FR immer nach­haltiger selbst verab­schiedete.
  Am 10.2.1988 schrieb er in der FR: Es zischt – Heidegger und kein Ende, und danach rechnet er mit Heidegger, Carl Schmitt, Ernst Jünger & Co ab, dass es noch ein Vier­tel­jahr­hundert später Vergnügen bereitet. Salut Wolfram Schütte! Ich rieb in­zwischen der FAZ ihre drei ange­beteten Geistes­riesen so oft und lange unter die Nase, dass sie den Gestank der NSDAP/Stahlhelm-Kumpanei nicht mehr aus­hielten. Es gibt freilich immer mal Rück­fälle – die Herren ver­gessen gern das Gelernte. Da wir schon einmal im Nachlass der lieben FR stöbern, findet sich unter dem 5. Januar 1973 die Notiz: »Gerhard Zwerenz' ›Bericht aus dem Landes­inneren‹, der im Frank­furter S. Fischer Verlag erschienen ist, hat die Darm­städter Jury zum Buch des Monats Januar gewählt.« Das war mir völlig entfallen. Der Landes­inneren-Bericht enthält in der Tat manches Stücklein uner­ledigter Kultur­geschich­te mit kurzen Porträts von Fritz Bauer und Karl Gerold. Ersterer Anti­faschist der ersten Stunde und legen­därer General­staats­anwalt, der Zweit­genannte Chef jener Frank­furter Rundschau, mit der nun Schluss ist. Im Duell FAZ –FR überlebte die stärkere nationale Kampf­maschine. Triumphal überlebte auch der vormalige bundes­weit bekannte Frank­furter Kul­tur­dezer­nent. »Kultur für alle auf höchstem Niveau – Minister­präsident Volker Bouffier verleiht im Städel-Museum den Hessi­schen Kultur­preis an Hilmar Hoffmann.« (FAZ 5.11.2012)


 

Hilmar im Glück und Geld




Kein Ende der Durchsage aus den oberen Etagen. Der Preis bringt 45.000 €, die der Kultur­dezer­nent, Goethe-Instituts-Exprä­sident als kleines Zubrot zu seinen diversen Pen­sions­zah­lungen gewiss dringend braucht. »Kunst und Kultur be­nötigen Unter­stützung …« So Minister­präsident Bouffier zu Hoff­mann. CDU und SPD in inniger großer Koa­lition – das ist Kultur. In unserem Haus­archiv befinden sich noch nicht publi­zierte Manu­skripte aus der Frank­furter Lite­ratur-Theater-Kino-Vergan­gen­heit. Wir müssen gelegent­lich mal nach­sehen, wie liebenswürdig das alles beschrieben wurde. Für einen Hessischen Kultur­preis könnte ich sie sogar unver­öffent­licht lassen. Damit keine Unruhe im Land entsteht.

Am Schluss des 99. Nachwortes wird eine Diskussion über Gott bei Anne Will erwähnt, gibt es ihn oder gibt es ihn nicht? Der Streit wucherte wild. Die Argu­mente waren keine. Leiden­schaft­liche Bekun­dungen see­lischer Zustände führten zum Duell zwischen Gläubigen und Un­gläubigen, welche Geister­erschei­nung Kant einst als »Gewühl von Empfin­dungen« abtat. Der philo­sophische Einzel­gänger aus dem vor­maligen Königs­berg ist heute abwesend wie das alte Ost­preußen und die alles andere als alte Kant­sche Lehre vom Ich­bewusst­sein. Kant entfernte Gott aus der Philo­so­phie und ließ ihn durch die Hinter­tür wieder rein. Freund­licher Seminar­scherz zur Beruhigung aufgeregter Stud­enten­seelen? Seit zwei Jahr­hun­derten – oder sind's Jahr­tausende – wird der welt­berühmte Königs­berger-Klops-Klassiker fleißig studiert, es gibt ca. 1 Million Doktoren und Pro­fessoren, die ihn im Tief­schlaf seiten­weise zitieren können. Die Talk-Runden von 2012 aber, diese weib­lichen und männ­lichen Dampf­plauder­taschen aus dem Familien­album des Klei­nbürger­tums führen ihre statua­rische Un­wissen­heit vor als wäre Kant so mausetot wie ihr Gott.
  Zurück zu Wieland Elfferding, der in der FAS zum Toten­sonntag 2012 der Religion Ein­fluss auf den Protest in Nach­kriegs­deutsch­land zusprach, die kleinen Mensch­lein aber nicht vergaß: »Die etwa zwanzig Schrift­steller, die in den fünf­ziger Jahren des ver­gan­genen Jahr­hunderts die Oppo­sition er­setzten, schlu­gen zwei Spal­tungs­linien in die west­deutsche Gesell­schaft: die eine gegen den schlei­chenden Nazismus, die andere gegen das falsche Christen­tum.« Das ist hübsch gesagt. Die etwa zwanzig Schrift­steller begannen meist mit A wie Augstein oder Abend­roth, endeten mit Zwerenz und wurden nach Strich und Faden beschimpft – Linke eben.

  

Drei Hörspielankündigungen des roten HR, bevor er vor Kummer schwarz wurde
(Zoom per Klick)

Weil der so sanfte und rücksichtversicherte Hilmar Hoffmann den Hessischen Kul­tur­preis kassieren darf und zugleich die Frankfurter Rundschau, unser alter Kultur­kreuzer im Schulden­meer kultur­los absäuft, erinnern auch wir uns vergan­gener Zeiten. Am 31.8.1989 kurz vor dem Mauerfall und den bald folgenden zahl­reichen neuen Kriegen empfahl die Presse in seltener Einmütig­keit die Sendung meiner Trilogie der Schuld­losen, obwohl ich nun wirklich nicht durch die Blume hörspielte.



 

Rezensionen in der Frankfurter Rundschau und in der Süddeutschen Zeitung
(Zoom per Klick)




In der Tat war der Hessische Rundfunk mit dem Groß-Projekt voll ein­gestiegen. Gute Regie, beste Schauspieler. Die Resonanz unter den Hörern war unge­wöhn­lich stark. Nahezu sämtliche Sender über­nahmen das Dreierpaket. Das hielt einige Jahre an. Dann verschwand die Anti­kriegs­trilogie spurlos aus dem Programm. Der als Rotfunk verlästerte HR hält als Schwarzfunk keine Wieder­holungs­mög­lich­keit mehr bereit. Ich übernahm die Antwort des toten Soldaten an seinen Herrn Hauptmann als Exempel meiner Aus­ein­ander­setzung mit Alfred Dregger ins Buch Soldaten sind Mörder – Die Deutschen und der Krieg. Das Buch machte wie die Trilogie Furore, bis es im Jubel über die deutsche Einheit unterging. Nach Dutzen­den von Funk- und Fernseh-Sendungen, nach unge­zählten Lesungen in vollen Sälen ist heute ein Stück einsames Samisdat daraus geworden. Der Soldat ist kein Mörder mehr, sagte der Kriegs­minis­ter Thomas de Maizière, der es wissen muss als legitimer Sohn des Hitler- und Adenauer-Generals Ulrich de Maizière. Mehr dazu in Ossietzky vom 10. November 2012: Kein Leben auf dem Ponyhof – von Otto Köhler. Tatsäch­lich sind in Zukunft Soldaten keine üblichen Mörder mehr, sie töten als Beamte mit Krawatte fern vom Schlacht­feld per Knopf­druck, wen zu töten ihnen befohlen wird. Mörde­risch ist immer die Drohne, sie weiß davon ebenso­wenig wie ihre Vorgänger, die Soldaten in Menschen­gestalt.
  Wir aber gedenken neben der FR auch des vergan­genen HR-Rot­funks und ich hefte mir die Presse­bespre­chungen zur Tri­logie der Schuld­losen als Foto­kunst­werk an die Arbeits­zimmer-Wand.

Schönes mainisches Liebeslied

Schon zu des jungen Goethe Zeiten
taten Huren den Männern am Main
die Zeit vertreiben.

Als Rudi Arndt regierte
durfte bumsen und bauen,
wer gut schmierte.

In der Ära Wallmann
griff man den Bahnhofsviertelfall an.
Huren raus

und Hochhäuser rein.
Das ist das schöne Lied von
Frankfurt am Main.

(Die Venusharfe, München 1985)



(aus: Gerhard Zwerenz:Der langsame Tod
des Rainer Werner Fassbinder,
Schneekluth, München 1982)


Der Gag, bisher nicht publi­zierte Frankfurter Stories bei Verleihung des Hessischen Kulturpreises unver­öffentlicht zu lassen, wird eskaliert durch den Vorschlag, Hilmar möge die 45.000 € Kultur-Knete wegen bei ihm bereits vor­handener beamten­hafter Über­ver­sorgung an mich weiter­reichen zum Nutzen unseres über­quel­lenden Haus­archivs. Ein Jahr­hundert wuchernder Geschichte aus dem Blick­winkel eigenen Erlebens harren der Regis­tratur. Zwei, besser drei Spezia­listen täten gut. Das Marbacher Archiv war bereits hier, die Berliner Akademie wünschte auch zu über­nehmen – wie aber könnte ich die Konvolute übergeben ohne sicher zu sein, es ver­krümelte sich nicht etwa die eine oder andere heiße Quelle, Infor­mation, Doku­mentation? Außerdem er­warte ich für meine und unsere Schätze mindestens eine halbe Million, wofür Hoffmanns Kultur­spende als Anzahlung gelten könnte. Die Forderung ist moderat genug, bedenken wir unsere jahr­zehnte­langen Inves­titionen. Allein die mir vom HR und der FR bescheinigten 3 Deser­tionen kosteten mehr als die Schwarte hergibt. Setze ich die Deser­tion aus Hitlers Wehr­macht mit einer kleinen Million an, kann die aus Stalins Gefan­genen­macht nicht billiger sein. Den Wert der Flucht auf dem 3. Weg aus dem literarischen Streichelzoo und den Phi­lo­sophie­rereien verzwergter Übermenschen will ich gar nicht benennen. Es hat mir alles in allem immer wieder Spaß gemacht. Selbst das Gespräch mit diversen Wehrmachts- und Bundes­wehr­offi­zieren. Beispiel: FR 6.9.1989:


Das alles ist Geschichte. Mit den Hitler- und Adenauer-Generälen stritt sich unsereins noch herum. Das ist vorbei. Es gibt nur noch frei­willige Soldaten und die himm­lische Herr­schaft christ­licher Drohnen. So herrscht Ruhe im Land. Außer im Feindes­land. All dies steht hier zum Nach­lesen, damit es später nicht heißt, es habe keiner gewarnt. Wir sind – waren – viele, die ge­warnt haben. Gelten Brechts Karthago-Sätze nicht für Deutsch­land? Für Europa, diesen Nobel­friedens­preis­träger mit blut­voller Ver­gangen­heit und kriegs­schwan­gerer Gegen­wart? Dazu brauche ich mir nichts Neues einfallen zu lassen. Unseren ewig tapfe­ren Kriegern las ich die Zukunft schon 1962 in Gesänge auf dem Markt aus der Panzer­faust:


ach es ist nicht dran zu denken
an den türmen eurer kathedralen
werden sich gebete henken und
verenden unter qualen

in den städten werden mauern
kein jahrhundert überstehen kein
jahrzehnt mehr überdauern
nur die schatten werden wehen

durch gedanken die gestorben
über namen die nicht sind
ein geschlecht hat sich verdorben
und es blieb davon kein kind

und ich sing den leeren städten
hier das große feuerlied
schüttle auf die totenbetten
schließ das fenster wenn es zieht

und ich liebe eure kinder
wenn sie hübsche waisen werden
ich besinge euren winter
krähen werden euch beerben

ja ich helf euch fröhlich sterben
und ich schlag den galgen auf
wer so blind ist soll verderben
vorwärts brüder ihr geht drauf

du mein landsknecht lüpf den schädel
aus dem schnappsack schlüpft dein atem
und dein allerliebstes mädel
spellt den schädel dir per spaten

lebt nun wohl genossen brüder
in den hades geht die fahrt
stillgestanden gewehr über
barbarossa an den bart


Am 28. Dezember 2012 offerierte die FAZ den 90 Jahre alten gutbe­tuchten Münchner Augustinums-Pensionär Hans-Erdmann Schön­beck, der vor 70 Jahren als junger Panzer-Offizier in Stalin­grad schwer verwundet gerade noch ausgeflogen wurde. Der tapfre Breslauer Guts­besitzer­sohn vermisste in Stalin­grad »Wasser für die Rasur«, sitzt heute korrekt mit Weste, Krawatte und sport­lich überm Knie gefalteten Händen vor der Kamera und erklärt sich so aufgeblasen wie geschwol­len gegen die »Idee der Desertion«, denn »Deser­teure, das waren meistens die, die zuviel Angst hatten.« Dazu fällt mir ein Hitler-Satz ein: Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben. Wären alle Nazi-Soldaten desertiert, hätte keiner sterben müssen. Soviel Cha­rakter­stärke bringen die feigen Helden nicht auf, nicht mal, wenn um sie herum alles in Scherben fällt. Haupt­sache, es herrscht Ruhe in Deutsch­land.

Soweit war dieser Nachruf 1 im Kasten, als am Abend des bis dahin völlig unschul­digen 8. Januar 2013 in Arte ein gewisser Paule von Hinten­durch auftrat und sich als Feld­mar­schall von Hinde­nburg heraus­stellte. Die Galerie der graus­lichen Gla­dia­toren wird per tv immer pene­tranter. Kürz­lich erst durch Wüsten­fuchs Rom­mel. Hinden­burg, der Held, schlug 1914 die Rus­sen bei Tannen­berg in die Flucht, was Feld­mar­schall Paulus in Stalin­grad nicht gelang, wohl aber dem lebens­lang gran­diosen Freiheits-Fighter Joachim Gauck im geeinten Berlin. Hinden­burg freilich hätschelte und hinter­ließ uns diesen Hitler. Wir kommen darauf zurück.
Gerhard Zwerenz    07.01.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon