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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wider­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 30

Die Urkatastrophenmacher

  Foto aus
Sittengeschichte des Weltkrieges
von M. Hirschfeld



Im Jahr 2014 liegt der Beginn des 1. Welt­krieges ein Jahr­hundert zurück. Die in­fan­tile Lust am hirn­losen Gedenken zeigt sich bereits im Voraus. »Die Wahrheit aus dem Schüt­ze­ngraben« titelt das FAZ-Feuil­leton am 6. Dezem­ber 2013, darüber im Groß­format das Helden­foto Ernst Jünger im Uni­form­mantel mit Orden. Ansporn für die Enkel, die's bes­ser aus­fechten sollen? Im Artikel zitiert der sonst weniger ab­stru­se Jürg Altwegg einen Aus­spruch des fran­zösischen Öko­nomen Bernard Maris gegen Henri Bar­busse, der »den dümms­ten Satz über den Ersten Welt­krieg ge­schrie­ben habe.« Wir hoben im poeten­laden vor einiger Zeit ver­ges­sene, doch unver­zicht­bare Barbusse-Sätze gegen den Krieg hervor, siehe Nach­wort 58: Ernst Jünger, der Feind und das Ge­lächter. Es geht neben Jünger um Bar­busse und Karl Lieb­knecht. Feiert die FAZ in ge­wohnt hohen Tönen den Stahl­gewitter-Schwa­droneur, über­rascht neues deutsch­land am selben 6. De­zem­ber mit Oskar Negt. »Poli­tik braucht Uto­pien« fordert er munter. Das ist klar und links­ver­ständ­lich anhei­melnd ge­schrie­ben mit Unbe­hagen an der Großen Koa­lition, die inzwi­schen als Groko volks­münd­lich wurde. Die Gewählten kopu­lieren halt.
bildx   Waschanleitung zur
Entbräunung
von Philosophen
(Große Ansicht per Klick)5

Politik mag zwar Utopie brauchen, doch welche und wozu? Die ange­ziel­ten mehr oder weniger Links­parteien mit ihren linken und rechten Flügeln be­nöti­gen erst einmal Selbst­analyse, Dekon­struk­tion innerer Ver­här­tungen und Ver­feindungen inklusive Hass-Struk­turen. Entwaf­fnet mal eure Psyche, Genossen. Soli­darität muss keine Liebe sein, doch die totale Ab­wesen­heit zeugt von fal­scher Blöße. Wovon sonst. Am 14.12.2013 meldet der wohl­infor­mierte Frank­reich-Kor­res­pondent Alt­wegg eine Sen­sation: »Debakel auch für Frankreichs Philo­sophie – Paris reagiert heftig auf antisemitische Passagen in Heideggers Schwar­zen Heften« Das klingt mitten im Hei­degger-Land und seinen gewohn­ten publi­zisti­schen Weich­zeich­nern recht scharf. Was aber bedeutet das „auch“ in dem Satz »Debakel auch für Frank­reichs Phi­lo­sophie«? Es zielt, auf wen denn sonst, aufs einig Deutsch­land. Ist da jemand über­rascht? Wir sagten es unge­scheut in Sklaven­sprache und Revolte, zuvor am 10.12.2005 in Ossietz­ky, endlich im poeten­laden mit dem Titel Heidegger in der Wasch­ma­schine. Da wascht mal gründ­lich nach, ihr Herren von der braun­schwar­zen Westfront. Zwar ging Heideggers Meister­schüler Henning Ritter von Frank­furt nach Marbach an die Zentrale toter Dichter, doch durfte er dort seine väter­lichen Helden noch empha­tischer abfei­ern als in der inzwi­schen etwas verun­sicherten FAZ.
bild   Weltbühne-Ost
(Große Ansicht per Klick)

1963 übernahm Rühle die Ost-West-Redaktion des WDR-Fern­sehen, später das Zeit­geschichte-Res­sort: Da wurde er ein wirk­samer publi­zis­tischer Be­gleiter der neuen Ost­po­litik Willy Brandts und ein Mahner, der die unge­liebte Aus­ein­ander­set­zung mit dem Na­tional­so­zialis­mus – durch viele Dokumen­tar­sen­dungen, aber auch durch die US-Serie Holocaust – voran­trieb. Am vor­letz­ten Sonntag ist Jürgen Ruhle in Bonn an einem Herz­infarkt gestorben.  |  Der Spiegel 1986



Jürgen Rühle, der Reihe nach Wehrmachtsleutnant, progres­siver DDR-Journalist, DDR-Flücht­ling, Anti­kommunist, Lektor, Kritiker, schickte die DDR-Weltbühne vom 8.10.1958 per Post »mit herz­lichem Gruß«, wir lebten in Kasbach am Rhein, ge­gen­über Remagen, die Wb er­öffnet mit »Schatten­riß eines Grenz­gän­gers«, das war – und ist? Hans-Dietrich San­der, Aben­teurer des Geistes­lebens, erst Ost, dann West, immer an der Front, auch im Welt-Feuil­leton. Wir zeich­neten seine Spuren hin und wieder nach, für die Weltbühne-Ost be­sorgte das Carl Andrießen, beste Wb-Schule, vom ge­schlif­fenen Sander-Por­trät hier nur als Probe: »Sander galt nicht als Faulpelz wie Kanto­rowicz, er war kein Monomane wie Zwerenz und er fühlte sich wohl auch nicht als Säkular-Genie wie Rühle …« Wohl­gespro­chen, der Monomane war mit al­len Genannten gut bekannt, im Osten auch mit dem köstlichen Andrießen, einem Schul­kameraden des Erich Loest im sächsischen Mittweida. Der dritte im Bunde hieß Naumann, kurz Nauke, engster Herzens-Freund von Loest, in vielen Texten auftauchend, Professor, Sprach­wis­sen­schaft­ler, Stasi-IM. Unser Erich, als er's mitbekam, wusste nicht recht, ob er's wissen wollte. Man lese Pistole mit 16, Erstdruck in Sinn und Form, Heft 1 1977, ein Text der Erin­nerung, so wahrhaft genau wie selten bei betroffenen HJ-Jahrgängen. Betroffen sein und unbe­troffen scheinen, das war die Frage. Loest log weder sich noch anderen etwas vor. Waren das Pistolen-Zeiten. Soviel zur End­gültig­keit tödlicher Werkzeuge.
  Als Rühles Post mit der Weltbühne in Kasbach anlangte, war mir nach Ab­schied zumute. Ein impo­santer Stein am Rheinufer, mein Lieb­lingsplatz unter der Erpeler Ley, diente als Sitz. Dort ent­stand

ABGESANG

Ich sitz' mit drei Leichen zu Tische
Wir singen zu viert ein Lied
Im Weine schwimmen die Fische
Und saufen mit Appetit.

Ich kämme den Toten die Haare
Das ist eine seidene Pracht
Des Jenseits unnütze Ware
Von Friedhofsfriseuren gemacht.

Wir gehen im Mondlicht spazieren
Der Rhein stinkt leise im Takt
Er will uns zum Bade verführen
Wir sind bereit und nackt.

Wir sitzen zu viert in der Runde
Besoffen verludert und leicht
Und bluten aus jener Wunde
Aus der kein Blut mehr entweicht.

Wir haben die Liebe verloren
Die Zähren die Münzen das Brot
Wir werden nie wiedergeboren
Wir sind für die Ewigkeit tot.
  (Ärgernisse, Köln 1961)

Die zwanzig Zeilen, 1961 am Rheinufer notiert, in Unkel, unweit von Kasbach lebte später Willy Brandt – der Ort, an dem er 1992 starb, die fünf Strophen also dienten der Kommuni­kation mit Toten. Mein Sinn, sie zu vergessen, ist noto­risch unter­entwickelt. Die Zahl in Krieg und Nachkrieg Dahingeschiedener ist inzwischen ange­wachsen. Es gibt Zeiten, nicht nur im Traum, da setzen wir abge­brochene Gespräche fort. Das bestärkt den Lebens­willen inklu­sive Kampf­bereit­schaft und Nächs­ten –, wo nicht Feindes­liebe.
  Die Toten sind die sichersten Monomanen. Überlebens­lang tot zu sein ist unser aller Zukunft. Die Zahl der weltweit gelebt habenden Toten aller Zeiten übertrifft die Zahl der jeweils noch Lebenden um wieviel? Gehen wir von einer anwachsenden Größe X aus. Und jeder weiß, er selbst wird X erweitern. Ein Grund mehr, mit den Vorgängern zu sprechen und kein Grund, sich vor der umfang­reichsten denkbaren Menschen­gemeinschaft zu fürchten. Kein Grund auch, sie vorzeitig zu optimieren.

Mein Artikel Heidegger in der Waschmaschine, am 10.12.2005 in Ossietzky erschienen und kurz darauf im www.poetenladen.de nach­gedruckt, beginnt so an­gemessen an­archis­tisch wie pazi­fistisch:

Der Anfang zur Heidegger-Waschmaschine ist hier wieder­gegeben als Brücken­schlag zum Nachruf 30 – Paris reagiert wieder­mal ungestüm auf Heideggers anti­semitische Weis­heiten. Die FAZ aber, wir rügten sie wegen ihres immer erneut an­gebe­teten Sankt Martin oft genug, muss sich hunde­elend verleugnen. Am 20. Sep­tember 2013 melden sich zum Thema per Leserbrief gar zwei Professoren mit sublimen Kenntnissen zu Wort. Wir staunen, soviel Rationalität von Akade­mikern und dann noch in diesem Blatt ist nicht die Regel. Es äußern sich ein philo­sophisch beschla­gener Theo­loge, heute tätig in Berlin, sowie ein Professor der Neueren Deut­schen Lite­ratur aus Bonn. Zur »Verstrickung in den Todes­zusammen­hang der Geschichte« ist beim römisch-katholischen Leserbriefschreiber zu lesen: »Darin liegt das eigentliche Skan­dalon von Heideggers Philo­sophie, zu dem sich seine persönlichen Verfehlungen wie Fußnoten lesen.« Womit die Nazismen des Spitzen-Philo­sophen noch höflich benannt werden. Soviel als Gegenschlag zu den üblichen Weiß­wäscher-Sermonen.
  Ein anderweitig interessierter Leser legt gute Worte für den eben er­öff­neten Leip­ziger City-Tunnel ein, was mich als ver­trie­benen Sachsen nicht weniger ent­zückt. Der S-Bahnverkehr nach Süden bis »Crimmitschau, Werdau ist nun sicher gut begründ­bar.« So der offenbar intime Kenner der Gegend, obwohl heute in Kelkheim / Hessen ansässig. Warum aber damit begnügen? Treibt endlich die Schnell­bahn voran durchs Vogtland und Erz­gebirge bis ins benach­barte goldene Prag.
  Zwei junge türkische Redakteure erhielten für ihre Arbei den Grimme-Preis


„Migazin – Fachorgan für Migration und Integration – tv-Tip 19. 12.2013 Fritz Bauer – Tod auf Raten: ›Wir Emi­granten hatten so unsere heiligen Irr­tümer. Dass Deutsch­land in Trüm­mern liegt, hat auch sein Gutes, dachten wir. Da kommt der Schutt weg, dann bauen wir Städte der Zukunft. Hell, weit und men­schen­freund­lich.“ Diese Sätze, die Fritz Bauer (1903 – 1968) 1967 gegen­über dem Schrift­stel­ler Gerhard Zwerenz äu­ßerte, be­schrei­ben den Enthu­sias­mus, mit dem der schwä­bische Jurist das Nach­kriegs­deutsch­land aus den Fängen der Nazi­diktatur in ein demo­krati­sches und humanes Staats­wesen über­führen wollte. Nicht nur die Po­litik, vor allem auch die Jurisprudenz sollte hierzu ihren Beitrag leisten. Mit Fritz Bauers Namen ver­binden sich die Über­führung Eichmanns nach Israel, die Wieder­her­stellung der Ehre der Wider­stands­kämpfer des 20. Juli und die legen­dären Frank­furter Auschwitz-Pro­zesse. Bauer ahnte nicht, dass sich seine Vor­haben zu einer wahren Sisyphus­arbeit entwickeln würden, zu einem Weg voller Behinde­rungen und Feindseligkeiten, der in einem viel zu frühen Tod endete, dessen genaue Um­stän­de bis heute rätsel­haft geblieben sind. Der Dokumentar­film Fritz Bauer – Tod auf Raten erzählt von Bauers mutigem Kampf für Ge­rechtig­keit. Mit Akribie hat Filme­macherin Ilona Ziok Archive durch­forscht und rele­vante State­ments des hessi­schen Gene­ral­staats­an­walts gefunden. Um diese herum montiert sie in Form eines filmischen Mosaiks Archiv­mate­rial und die Aus­sagen von Bauers Zeit­zeugen: Freun­den, Ver­wandten und Mit­streitern. Dabei entsteht das eindrucks­volle Porträt eines der bedeu­tendsten Juristen des 20. Jahr­hunderts.‹ Fr, 20. Dez o 00:15-01:45 o PHOENIX“
  Fortsetzung der Totengespräche: Loests letzte Tage heißt das von seiner Frau Linde Rotta weitergeführte Tagebuch in der Leipziger Volkszeitung. Seinem Wunsch folgend notiert sie seinen und ihren schmerz­vollen Abschied von Tag zu Tag. Im Unter­schied zu Erichs voran­gegan­genen Auf­zeichnungen im Blatt lässt sie alle poli­tischen Erörte­rungen weg. Das explosiv Subversive steckt im hinter­las­senen Bilder­streit mit der ratlosen Stadt, der er­schro­ckenen Univer­sität sowie den von Loest gewünsch­ten exakten Ab­machungen wegen des umstrit­tenen Ge­mäldes. Der dafür an­geheuerte Maler Reinhard Minkewitz äußert plötz­lich Vorbe­halte. Loest reagiert verärgert, setzt sich aber durch. Kurz darauf folgt das end­gül­tige Resümé des Leip­ziger Ehren­bürgers: »Meine alten Gegner haben gesiegt.« Das will ent­rätselt werden. Und sei es in bevor­stehenden Toten­gesprächen, denn die Leben­den äußern sich wenig infor­mativ. Soweit erkenn­bar ist Minkewitz gehalten, an wenig bekannte Studenten und Wis­sen­schaftler der Leipziger Uni­versität zu erin­nern, die poli­tisch ver­folgt, fest­ge­nommen und ver­urteilt wurden. Dabei sind auch Bloch und Mayer mit ab­gebildet. Die Uni-Ver­ant­wort­lichen lehnen die Gemälde-Prä­sen­ta­tion ab, weil Bloch und Mayer keine Opfer seien. Hier fehlt es wohl an Infor­mation und Defini­tionen. Offen­sicht­lich setzen sich die Schwierig­keiten der DDR im Ver­halten zu den jüdi­schen Links­intel­lektuel­len Bloch und Mayer nach dem Ende des Staates fort. Da hat es die West-Elite leichter, z.B. mit Prof. Joachim Ritter, ab 1937 NSDAP, nach 1945 ohne Bruch »füh­render Philo­sophie­lehrer der deutschen Nach­kriegs­zeit«, so die FAZ auf­klärungs­freu­dig am 18.12.2013. Schließ­lich schmück­te Joachims Sohn Hen­ning Ritter lange genug die Re­daktion, ver­ant­wort­lich u.a. für die ambi­tionier­te Beilage Geistes­wissen­schaf­ten. Sein unbe­irr­bares Engage­ment für Heidegger wurde im Blatt ebenso geschätzt wie seine rich­tung­ge­bende Nähe zu Carl Schmitt und Ernst Jünger. Von so erhabener West-Warte aus lässt sich der Kriegs­beginn 1914 reglement­ge­mäß feiern. Vonwegen Ur­kata­strophe. Die Herren Helden genossen das Schlacht­fest und enga­gierten sich danach für einen zweiten Gang mit Führer. Da konn­ten in roter Wolle ge­färbte Kriegs­geg­ner wie Bloch und Mayer einfach nicht mit­halten. Und Liebknecht / Luxem­burg schon gar nicht. Die Urkata­strophe wirkt aka­demisch begüns­tigt weiter.

  Kabarettist Conrad Reinhold spielte in Leipzig und musste gehen, spielte in Frankfurt/Main und starb dort viel zu früh.

Der Übergang von Hitler zu Adenauer verlief zweispurig. Beamte und Offiziere funktio­nierten standes­gemäß wie gewohnt. Die Intellektuelle Führungselite bedurfte gewisser Umwege, der Tarnung, des Vertu­schens und Ver­schweigens, was Gehirn­akro­batik nicht ausschließt. Am Ende waren die Idole der Kriegs­generation inklusive HJ und NSDAP sowie Wehr­macht gerettet. So verfuhr exemplarisch die FAZ. Das Kontrast­bild gab die DDR, wo die ewig ver­folgten Kommu­nisten sich als Gegen­macht versuchten und bald versagten. Die Ursachen dafür sind bekannt. Conrad Reinhold, Kabaret­tist, Leipzig Die Pfeffer­mühle: »Im Osten sollst du immer alles verändern, du darfst nur nichts sagen. Im Westen kannst du alles sagen, du darfst nur nichts verändern.« Dies der Kern unserer Situation. Der Kern der Ent­fremdung zwischen Loest und mir wird in Sklaven­sprache und Revolte auf Seite 236 in aller Kürze angedeutet: »Die Poli­tiker kommen und gehen, wir Opfer der DDR, der SED und ihres scharfen Schwer­tes aber bleiben.« So der vor Ort im Blick verengte sächsi­sche Autor Erich L. Leipzig als Klein-Paris statt als Marx-Bebel-Bloch­sche Metro­pole. Der gesamte Konflikt, im Kapitel »Hass­produk­tionen« ab­gehandelt, ist Teil unserer Auto­bio­graphie, in der Loests tödliche Resig­nation voraus­gesagt wird. Auf sein Buch Pistole mit sechzehn folgte Suizid mit sie­ben­und­achtzig. Die Toten beglei­ten uns bis du dich einfügst. Sizilien 1943. Wilhelm Strasser, neben mir unterm abge­schos­senen Panzer liegend, bekommt den Gra­nat­splitter zi­garren­groß mitten ins Herz. Warum er und nicht ich. Siebzig Jahre später Erich Loest, Kampf­ge­nosse ab 1953, am Ende das Schweigen, 2013 unter­brochen vom knappen Verweis auf Leipzig 1957 und jenen Paul Fröhlich, den Polit­kriminellen. Nach­zulesen in unseren Büchern. Lauter An­fragen ohne Antwort. Ilona Ziok über Fritz Bauer: Tod auf Raten. Raten­weiser Tod. Raten­weise Rückkehr. Erichs Abgang kann ich nicht so mir nichts dir nichts akzep­tieren. Das war planvoll vorbe­reitet. Die auf­steigende Wut in zeit­gemäße Ironie um­leitend höre ich mich sagen: Hoffent­lich heftete er sich vor dem Sprung noch sorg­fältig sein Bundes­ver­diensts­kreuz 1. Klasse an die Schlaf­anzug­jacke.
  Vor einiger Zeit distanzierte sich sogar die FAZ von einem ihrer Hausgötter. Patrick Bahners eröffnete am 23. Mai 2011 seinen Artikel mit dem im Wahr­heits­gehalt nicht zu über­bietenden Titel: »Das Ganze war ihm unangenehm – Protokoll eines Deliriums: Carl Schmitts Tagebücher von 1930 bis 1934 zeigen den Staats-rechtler als Trinker, Eheb­recher und Juden­hasser« Das ist exakt gesagt und schnell vergessen. Wir Über­lebenden aber stehen vor dem neuen Jahr 2014, schon jetzt voll­gestopft mit strittigen Sicht­weisen auf die Urkatastrophe von 1914. Die alte Frage nach Schuld und Unschuld ist wieder aktuell geworden.

Am 18. September 2013 druckte die Leipziger Volks­zeitung Loests Tagebuch-Eintrag vom 25. August. Er schildert seinen Konflikt mit Leipzig und der Uni­versität im Bilderstreit, dazu heißt es:

Der bestürzenden Kapi­tulation Loests habe ich, obwohl als Zeuge benannt, nichts hinzu­zu­fügen. Das Notwendige wurde vorher gesagt, zuerst 1954 in der Welt­bühne zur Ver­teidigung Erichs, gegen Ende im www.poetenladen.de, wo ich Fragen an ihn stellte, die konse­quent unbeant­wortet blieben. Sein Freitod enthält als insze­nierter Suizid eine Botschaft. Die Krank­heit zum Tode ist zum Anlass genommen. In der Stadt Leipzig, die schon dem Hoff­nungs­denker Ernst Bloch keine Heimat geben konnte, endet das Leben eines Jungen, der übrig geblieben war. In Büchern über­dauern die Lebens­kämpfe, Todesängste und Irrtümer ihrer Autoren, bis das Reich der An­alpha­beten anbricht. Offen­sichtlich über­dauert zwischen Leipzig und dem Ehren­bürger, der sein Ende per Presse per­spekti­visch ankündigte, ein Konflikt. Da sich das im Dialog unter Zeitgenossen nicht klären ließ, bietet es sich als Toten­gespräch über die Urkata­strophe und ihre bis heute andauernden Folgen an. Vorletzter Satz in Blochs Das Prinzip Hoffnung, Band 1: »Die Menschen wie die Welt tragen genug gute Zukunft; kein Plan ist selber gut ohne diesen Glauben in ihm.« Letzter Satz in Loests Karl-May-Novelle: »Trinken wir auf unser bestes Pferd.«

Relief mit deutlich erkennbarem Marx-Kopf in Leipzig – von Erich Loest mit Hass verfolgt



Erich Loests Gemäldestreit und Fenstersturz zu Leipzig enthalten tragische und clowneske Bot­schaften. Tübkes Wand­bild Arbeiterklasse und Intelligenz sowie sein umstrittener Platz in der Uni­versität bedürfen als Kunstwerk und Zeitzeugnis eines offenen Dis­kurses, der die Ursachen ent­schleiert und die Konse­quenzen zu zeigen wagt. Bisher riskierte niemand, ein solches Bild zu entwerfen.

PS: Die Folge 90 vom 24.8.2009 enthält zwei Seiten über Werner Tübke, der in meinem Hörspiel Des Meisters Schüler unter dem Namen Tubb auftritt und auf die Wahr­heits­frage angesprochen antwortet: »Keines meiner großen Bilder ist ge­logen. Wer Augen hat in seinem ver­dammten Schädel, dem zeig ich, was das ist: Blut, Fleisch, Mord, Krieg, Folter, Flucht.«
Gerhard Zwerenz    06.01.2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon