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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wi­der­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 35

Von Schwarzen Heften und Löchern

 

Geburtshaus von Karl May in Hohenstein-Ernstthal:
Ausstellung über Karl May, der die Roten den Weißen vorzog wie Karl Marx die Roten den Schwarzen.




Handy-Foto von Waltraud Seidel
 


Wie unsere Gläubigen lehren, schuf Gott am Anfang Himmel und Erde. Wer aber schuf die Schwarzen Löcher, von denen Physiker und Astro­nomen seit etwa fünfzig Jahren bis heute immer wieder be­richten, wenn auch die Wis­sen­schaft noch ein wenig unsicher ist, ob es sich um Materie, Gegen­materie oder die Hölle selbst handelt. Ein Teil der Schwar­zen Löcher wurde in­dessen gerade aufgeklärt und ver­öffent­licht. Sie fir­mie­ren unter dem Titel Schwarze Hefte und stammen vom Philo­sophen Martin Heidegger. Er war aber nicht bei der CDU, sondern von Anfang bis Ende in der NSDAP, wo er »den Führer führen wollte«, was miss­lang und unsere vor­herr­schende bürger­liche Geistes-Elite in schwere Turbu­lenzen stürzte. Wir sa­hen das schon lange vor­aus und kons­tatier­ten: Heidegger in der Wasch­maschine.
 
Das schien nur ein frommer Wunsch zu sein, hat sich aber erfüllt. Heideggers nachgelassene Hefte wirken auf seine Adepten als Schwarze Löcher, in die sie zu fallen drohen. Seine Freiburger Rek­torats­rede vom Anfang war noch als Fehlstart inter­pretier­bar, die Hefte sind der Rest vom braunen Schützen­fest. Als vom Kupfer­schmied zum Silben­stecher trans­formier­ter Wort­schütze verfiel ich zu Zeiten des Vietnam­krieges der aus ohnm­ächtiger Wut gekel­terten schwarzen Antil­yrik:.

Matthias Claudius – 1782

»'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre
Und rede du darein!
's ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!«

Claudius lesend – Jahrhunderte später – sah ich es so

Schwarze Massaker

Gemach, die stadt von furcht bestückt,
Wird bald ihr feuer kennenlernen.
Die götterdämmerung ist halb geglückt.
Blut tropft nieder von den sternen.
Am marktplatz wird man alle männer schlachten
Und ihre augen einwärts drehn.
Die köpfe, die den aufstand brachten,
Die lernen auf dem spieß zu stehn.

Am fluss wird man die weiber massakrieren,
Der Magen kommt gleich ins gewässer.
Mit ihrem fett wird man die gleise schmieren.
Und ihre brüste legt man ein in gurkenfässer.

Mit kinderschädeln wird man fußball spielen
Am sonntagnachmittag und aller obrigkeit zum spaß.
Und aus den leibern, den zu vielen,
Wird schnell geliertes Bio-Aas


Soviel zum Krieg. Nun zum heutigen Frieden. Die Bundes­kanz­lerin bedrohte Putin am 13.3.2014 wegen der Krim-Krise mit Sanktionen, ausge­nommen mili­tärische. Der nicht weniger gottes­fürchtige Bundes­präsident hatte auf der Münchner Sicher­heits­kon­fe­renz mili­tärische Aktionen aus­drück­lich ein­be­schlos­sen. Merkel gegen Gauck? Kein Krieg oder doch Krieg? Pastor und Pas­toren­tochter, beide Ost­produkte, zwei unter­schied­lich irre Meinungen. Das Wahlvolk will gar keinen Krieg, folgt aber gehor­sam. Wem folgt es? Ange­nommen, die globale Situa­tion ver­düstert sich und Merkel votiert wie Gauck für Krieg, was dann, ihr Protes­tanten? Als Helmut Schmidt sich, wisst ihr noch, den fatalen Doppel­beschluss ein­fallen ließ, gab es massen­hafte Proteste. Heute herrscht Ruhe in Deutschland. Die FAZ bangt am 14.3.2014: »Das Bürger­tum zer­fällt.« Tatsache? Domina Merkel ließ als erstes die obligate CDU-Herren­garde zer­fallen. Für den Krieg gegen Putin, Moskau, die Rus­sen genügen die Medien­gene­räle und ihre nach Joseph Goebbels wieder­gebürtigen maul­äffi­schen Kano­niere. Ich wünsche den großen Fressen hin­reichend Stalin­orgeln und T 34 auf den Arsch.

Peter Bamm, der als Offizier der Wehr­macht den vorläufig letzten Welt­krieg nicht ganz ver­gessen wollte, berichtet in seinem Buch Die unsicht­bare Flagge über die Tötung von Juden auf der Krim: »Wir wussten das. Wir taten nichts. Jeder, der wirk­lich protes­tiert oder etwas gegen das Mord­kommando unter­nommen hätte, wäre vier­und­zwanzig Stunden später verhaftet worden und ver­schwunden. Es gehört zu den Raf­fine­ments der tota­litä­ren Staats­kons­truk­tionen unseres Jahr­hunderts, dass sie ihren Gegnern keine Gele­gen­heit geben, für ihre Über­zeu­gung einen großen drama­tischen Märtyrer­tod zu sterben. Den hätte viel­leicht mancher auf sich ge­nom­men. Der tota­litäre Staat lässt seine Gegner in einer stummen Anony­mität ver­schwinden.«

 


Verfolgter DDR-Ökonom
Fritz Behrens



Soviel von Peter Bamm zu seinem und seines­gleichen Versagen im tota­litären Staat. Was er ehr­licher­weise zugibt. Bedeutet das aber, der einzelne Gegner müsse kuschen, weil die Gele­gen­heit zum dramati­schen Märtyrertod fehle? Wie wäre es mit völlig undrama­tischem Wider­stand? Als Exempel in Kür­zest­fassung: Der Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Fritz Behrens ent­wickelte von der Universität Leipzig aus­gehend eine öko­nomisch-sozia­lis­tische Theorie, die ihm und seinen Schülern und Genos­sen ab 1957 Repres­sionen wegen Revi­sionis­mus einbrachte. Sein Neu­es ökono­misches System (NÖS) wurde ver­worfen, Anfang der 60er Jahr jedoch von Ulbricht in der DDR angeordnet. Erste Erfolge blieben nicht aus, stießen aber auf den Wider­stand Breschnews und Honeckers, was 1971 zur Ablösung Ul­brichts und 1989 zum Ende der DDR führte. Was wäre, wenn Ulbricht das NÖS-Projekt von Behrens hätte weiter ent­wickeln können? Der Blick auf das China nach Mao zeigt den Weg zum Erfolg. Aber – gab es nicht am Beginn die Märtyrer­toten auf dem Pekinger Platz des Himm­lischen Friedens? In der DDR stand am Beginn der 17. Juni 1953 – nach dem Auf­stand wäre Zeit genug für die neue ökono­mische Politik gewesen. Mit Bloch ge­sprochen: Mög­lich­keit ist par­tiell Beding­tes. Kommt drauf an, wer cou­ragiert genug den Zipfel der Geschichte er­greift. Ulbricht agier­te 1953 und 1956 contra, und als er danach die NÖS doch noch ris­kier­te, war es zu spät. (Nachruf 29 vom 23.12.2013) Die rote SED fiel in ein Schwar­zes Loch. Das führt uns zurück zu Heideggers Schwarzen Heften.
  Dazu ein Zitat von Ingrid Zwerenz in Ossietzky 22/2005 »Bloch über Sartre über Heidegger.« Abdruck auch im www.poetenladen.de:

So der endlich ernüchterte Sartre über Heidegger, der kam am 19. März 2014
per 3 Sat um 22 Uhr 25 als Untoter ins Haus:

Notiz nach dem Un-Genuss der Sendung. Der verbale Dreier verlief gebremst hin und her. Das Hohe Lied auf Heideggers Sein und Zeit vom Jahr 1927 plärrte der Adenauer-Preis­träger Safransky, von dem kaum anderes zu erwarten stand. Ent­täuschend Peter Trawny, vor einiger Zeit bei Aspekte im Gespräch mit Lutz Hach­meister so kritisch wie beein­druckend. Jetzt im Trialog erklang Sein und Zeit als national­deutsche und fugenlos an­schlie­ßende west­deutsche Marsch­musik. Keine Spur vom marxis­tischen Ein­spruch sowie Wider­spruch durch Brecht, Bloch, Lukács… Da distan­ziert sich inzwischen selbst die FAZ deutlicher: vom anti­semiti­schen Meister­denker MH. Wir empfeh­len die Benutzung einer Wasch­maschine:
   

Kaum scheint Heideggers Herrschaft auf dem käuflichen Philosophie­markt durch seine anti­semitischen Schwar­zen Hefte wo nicht gebrochen, so doch ange­kratzt, da meldet die FAS vom 23.3.2014 das Auftauchen neuer, also bisher unbe­kannter Hefte und schluss­folgert tapfer: »Wie anti­semitisch diese neuen Bände sein werden und ob irgendwo noch schwärzere Hefte lagern, werden sicher die Diskus­sio­nen der kom­men­den Jahre ergeben.« Die zwei fett­gedruckten Worte stehen so im Original und be­gründen die diffe­ren­zierte Farben­lehre deutscher Dunkel­heiten. Unsere Wasch­maschinen­produ­zenten sollten sich drauf ein­stellen. Allerdings kann die FAS auch anders. In der­selben Ausgabe porträ­tiert Kerstin Holm den bösen Putin so kenntnis­reich und in dieser Umgebung unge­wohnt fair, dass alle Schwar­zen Löcher auf­hellen. Am Ende des Arti­kels finden sich reine Wahr­heiten über die Krim: »Ohne dieses Stand­bein (den Flotten­stütz­punkt Sewasto­pol – G.Z) würde das ohnehin über­dehnte Russland zer­fallen. Putin blieb, in seiner Logik, gar keine andere Wahl als die Krim zu annek­tieren.«

 


Sebastian Haffner
Anmerkungen zu Hitler



Na also, Frau Holm, es geht doch. Die Ent­deckung pluraler Logik-en dürfte Aristo­teles ver­blüffen. Dazu ein ander­mal. Hier noch ein Gruß an Antonia Baum, die in der­selben FAS-Nummer schön eigen­stän­dig über den Führer rätselnd sich traut, dem Hitler-Bio­graphen Joachim C. Fest eins über­zuziehen. Sowas gar am ehe­maligen Fest-Ort? Tapfer, tapfer, die beiden Jour­nalis­tinnen. Wir nutzen die Gelegen­heit, Sebas­tian Haffners Anmer­kungen zu Hitler zu empfehlen, da bleibt das Braune braun und kein Raum für unter­schied­lich schwarze Arsch­löcher. Die sind ewig als La­trinen­hengste anzu­treffen. Sie auf­zu­stöbern brauch ich nicht zu googlen, zupf' am linken Ohr­läppchen und schon repli­ziert das brave Kurz­zeit­gedächt­nis: Am 13.12.2007 beklagte die FAZ per Leitartikel die »Wieder­auf­er­stehung des Anti­faschis­mus« und »damit des Geistes der DDR«.
  Ist das nun pure redaktionelle Unwissenheit oder der postfaschistische Ungeist Schwarzer Löcher, deren Saugkraft Schwarzen Heften entstammt. Mein erster Lehrer, der mir in der Volks­schule begeg­nete hieß Wutzler. Er war bärtig, groß, stark und freundlich zu uns ABC-Zwergen. Ab Februar 1933 betrat er schwarz­ge­stiefelt in SA-Uni­form den Klassen­raum, brüllte herum und stank nach Helden­scheiße. Das ist ein deutsches Geschichts­par­füm. Ich muss gestehen, schon das geringste Parti­kelchen davon erleide ich wie Kotz­brocken mit Schlagsahne. Bei Brecht las sich's später so:

Vom kriegerischen Lehrer

Da war der Lehrer Huber
Der war für den Krieg, für den Krieg
Sprach er vom Alten Fritzen
Sah man sein Auge blitzen
Aber nie bei Wilhelm Pieck.

Ob Huber oder Wutzler, sie suchten uns zu dressieren. Jeder macht seine eigenen Erfah­rungen. Als wir in den sechziger Jahren in Köln wohnten, wurde ich wegen einer meiner unpas­senden anti­milita­risti­schen Äuße­rungen aufs Polizei­präsi­dium bestellt, sah aber keinen Grund zur Abbitte. Ein älterer Beamter, offen­sicht­lich der Chef und wohl schon unter Hitler im Dienst, verlor die Nerven und polterte, ich sei wohl Kommunist wie Brecht und Böll. Zur Ehre der anwe­senden jünge­ren Poli­zisten sei angemerkt, sie blickten betreten drein und suchten zu vermitteln. Es war die Häufung solcher Erlebnisse, die mich die Wendung der 68er gegen ihre Väter ver­stehen und sehr begrüßen ließ. Eine Koope­ration mit den Spitzen und Amts­trä­gern dieser unauf­geklärten post­nazis­tischen Bonner Staats­gesell­schaft war nicht mein Ding, worüber Erich Kuby sich am 10.10.1974 im stern äußerte. Unter dem Titel Ein Querkopf ohne Heimat schreibt Kuby: »Er kam aus der DDR und wurde einer der schärfs­ten Kritiker der Bun­des­republik … Das Leben des Schrift­stel­lers Gerhard Zwerenz enthält kaum eine Person, eine Situation, ein Milieu, die nicht auch in seinen Büchern vor­kommen. Denn der gedrungene Links­lite­rat mit dem wuchern­den Voll­bart und dem markanten Quadrat-Kopf sieht sich außer­stande, Unrecht und Unge­rechtig­keit schwei­gend hinzu­nehmen.« Ich fand das freund­lich von Kuby, fühlte mich aber immer noch in der Situation des Acht­jäh­rigen, der gegen das Verbot seiner Lieblings­bücher durch die Nazis revo­ltiert. Es gibt lebens­lang im­präg­nierende Erfahrungen, und da wir gerade von linken Bio­graphien und Auto­biogra­phien sprechen, sind die Konse­quenzen gefragt.

Unbelehrbar auf dem Dritten Weg

Russland zu erobern weigerte ich mich
vom Dritten Reich aus. Die BRD zu erobern weigerte ich mich
von der DDR aus. Die DDR zu erobern weigerte ich mich
von der BRD aus. Den Balkan bis zum Hindukusch zu erobern
weigere ich mich unbelehrt wie eh und je. Ich hatte habe immer Unrecht. Ich weiß.
Unbelehrt und unbelehrbar sehe ich die fleißigen Volksbelehrer sich
abmühen. Sie immer oben. Wir andern immer unten. Der
Staat ist ihr Geschäft. Wir zahlen die Rechnung.



 


Heinrich Krauss
Geflügelte Bibelworte
Das Lexikon biblischer Redensarten



Dem Kaiser geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist – in Geflügelte Bibelworte von Heinrich Krauss wird dazu angemerkt: »Ein Wort Jesu, das gerne zitiert wird, wenn es um Fragen der Ab­grenzung zwischen Gott und Staat geht. Der Aus­spruch findet sich in Jesu Geschichte vom ›Zins­groschen‹ (Mt 22, 15-22; Mk 12, 13-17; Lk, 20, 2o-26) In seiner Allge­meinheit ist er nicht sehr hilf­reich, da die eigent­liche Proble­matik in der schwie­rigen Abgrenzung des reli­giösen vom poli­tischen Bereich liegt. Die Pointe der Erzählung Jesu liegt tat­säch­lich woanders. Die Frage an Jesu, ob man dem Kaiser Steuer zahlen dürfe oder nicht, war eine Falle.« Soweit Krauss. Die Frage als Falle? Die Gramma­tik der Sklaven­sprache ent­schlüs­selt die Figur eines reli­giösen Strategen. Hätte er den Kaiser bevorzugt, wären die Glaubens-Fundis sauer gewesen, den Gott aber zu favo­ri­sieren, wäre ihm vom römischen Kaiser und Staat übel ange­kreidet worden.

Eine signifikant adressierte Variante bieten die Leipziger Bloch-Abhör­protokolle der fünfziger Jahre, die wir in Folge 82 erwähnten. Laut Treffbericht mit GI Lorenz vom 7.12.1957 (wahr­scheinlich Fiktio­nali­sierung in eine Person, in Wirklichkeit Auf­zeich­nung durch Wanzen) erklärte Ernst Bloch: »Ich habe gesagt, dass ich mich zur DDR bekenne, dass ich diesen dritten Weg für dis­ku­tierbar halte … es gibt nur die Selbst­reini­gung des Marxismus, das ist eine alte Theorie von mir. Das heißt aber nicht, also Moment, zur DDR kann ich mich bekennen, zur Regie­rung nicht.« Wie deutlich wird, korrigiert Bloch die alten klassischen Posi­tionen. Was beim Reli­gions­grün­der Gott und Kaiser waren, sind beim Philo­sophen 2000 Jahre spä­ter Staat und Regierung. Wo Jesus einer Provo-Frage geschickt la­vierend auswich, provoziert der Philosoph des Dritten Weges anno 1957 mit dem aktiven Part einer Iden­titäts­er­klärung. Trotz Umweg über Lauschanlagen entstand ein gezieltes Nachwort zum bis dahin vorliegenden Lebens­werk, dessen Abbruch wir dementieren. Das ist wörtlich zu nehmen. Als ich einst zu schreiben begann, ahnte ich nicht, dass aus dem kleinen Lebenslauf das biographische Konvolut einer heimatbedürftigen Linken werden würde. Erst als die revolutionären Sieger weltweit als Besiegte nur noch die Verlängerung ihrer Niederlagen anzubieten hatten, soweit sie nicht zu den Über­mächtigen überliefen, erst da begriff ich, wir müssten den geschlagenen Genossen ihre wahre Geschichte zurück­geben. Da trat Karl May ins Zimmer und führte einen Hand­stand vor. Ich begriff, es geht darum, das Leben von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Karl May abenteuerte durch ferne Gegenden, wir leben in Aben­teuern daheim. Das ist ein Krieg der Köpfe. Seit Karl Marx müssen alle Linken jeweils emigrieren? Wir bleiben da. Es leben hier wie dort Millionen individueller Revolteure. Ihr Elend resultiert aus baby­lonischer Sprach­verwir­rung, die wahrscheinlich zum Ende der Menschen führt. Bleibt kein Krümel Hoff­nung?
  Doch. Sogar Helmut Schmidt wird als Urvater ver­blüffend weise. Da die christ­lichen Macht­gardisten von Merkel bis Obama Russland samt Putin erledigen wollen, was Frau Timoschenko eigen­händig per Kopfschuss plus Atombombe aus­zufüh­ren an­kündigt, erklärt Helmut freund­lich und bestimmt, er könne Putin verstehen. Respekt, alter Junge. Gleich kochen ehemals Frieden predi­gende Grüne wie Rebecca Harms und Werner Schulz vor Wut und Kriegslust über. Ein Grund mehr, der Linken ihre Geschichte zurück­zuholen. Schon nutzen FAZ-Söldner den Krim-Fall zur Eska­lation. Berthold Kohler am 25.3.2014 im Leit­artikel: »Was der Westen nicht (falsch) machte.« Was denn? »Ein Pakt mit Moskau wäre eine Fort­schrei­bung der Breschnew-Doktrin gewesen.« Also hart und eisern bleiben wie in Stalingrad, wo der großdeutsche Adolf auch schon mal deli­rierend siegte, wie er in München und Berlin laut­sprecherte. Im Jahr 2014 reden immer mehr 1945 Besiegte samt alliierten Siegern so verblödet daher als sei die Ostfront ihr Heiliges Land, das es zu befreien gelte. Wer heute allen Ernstes annimmt, Russland werde auf die Krim ver­zichten können ohne zu explodieren, der ist entweder schafs­dumm oder noch realitäts­blin­der als einst Hitlers Generäle.

Menschliche Kultur

Kultur ist:
Armeen aufstellen zur Verteidigung.
Fremde Länderein erobern.
Die Männer umbringen.
Die Frauen vergewaltigen.
Die Kinder abstechen.
Frieden schließen.
Siegreich heimkehren. In den Museen verzückt die
Bilder der alten Meister bewundern.
Und nun das Ganze nochmal
von vorn.
(Die Venusharfe Knaur 1985)


Aus Leipzig mailt Horst Möller einen »Antrag auf Mitgliedschaft in der GIZ-Partei, zu realisieren bei Verjüngungstrank im Schleichgang zum Nonnenkloster unterhalb des Faßkellers – salut …« Folgt:


Unsere Wahlheimat ist seit Blochs Zeiten Auerbachs Keller. Das steht 77 mal unwi­der­ruf­lich im Text, weil Faust und Mephisto das wollen und Goethe es noch nicht hat wissen können. Das Vater­mutter­land um den Keller herum wird ver­teidigt und verdammt. Vom Halb­sachsen Malaparte stammt der Titel Verdammte Toskaner, womit Verdammte Sachsen aus­schied. Wir ver­teidigen als Halb­sachsen ein Zukunfts­projekt, wie es In Sklaven­sprache und Re­volte auf Seite 313 zu lesen ist und im poeten­laden ab­sichts­voll gegen das Ver­gessen ge­richtet so oft wie mög­lich vari­iert wird. Noch erleben wir, obzwar im kapi­talen Endspiel, die eine oder andere Überraschung. Am 26. März, wegen Fußball erst kurz vor Mitternacht, die Runde bei Anne Will: Norbert Röttgen, unauf­halt­samer Sturz­bach-Redner, ein trotz hohen Alters aufrechter Erhard Eppler, der unver­meid­liche Arnulf Baring definiert zuerst sachlich die Krim als verloren und ver­fällt dann seinem ge­wohnten Kriegs­gepolter. Endlich Frau Andrea von Knoop, Ehren­präsi­dentin des Deutsch-Russi­schen Fo­rums, arti­ku­liert sich clare et distincte zum Thema wie schon auf der Hannover Messe 2013: »Für jemanden wie mich, die ich als Deut­sche seit mehr als zwei Jahr­zehnten in Russ­land lebe und arbeite, ist es beson­ders traurig, konsta­tieren zu müssen, dass heute bereits Mut dazu gehört, um mehr Ver­ständ­nis für dieses großartige Land zu werben! Das einseitig negative Russ­land­bild, das fast unisono in den deut­schen Medien verbreitet wird, ange­heizt von der über­heb­lichen und unan­gemes­senen Russ­land­schelte einiger Politiker, die sich über diese Nische innen­politisch zu profi­lieren trachten, hat inzwi­schen schäd­liche Ausmaße für die bila­teralen Bezie­hungen angenommen!«
  Mehr davon im www. Dazu gleich noch ein Wunder. Im FAZ-Feuil­leton vom 27. März darf Dieter Bartetzko über die ganze erste Seite hin Anti­kriegs­wahr­heiten präsen­tieren, Erich Kästner kommt zu Wort. Kurt Tucholsky wird nicht wie sonst in diesem Blatt üblich be­schimpft, sondern fair zitiert. Ab­wen­dung von der Linken­hatz im bürger­lichen Zentral­organ? Die Roten Welt­bühnen­hefte sind als Medizin empfeh­lens­wert gegen Schwarze Hefte und Löcher. Könnte auch sein, die Zeitung will wieder wie zu Zeiten der Gruppe 47 antreten: Schwarze Politik, goldene Wirt­schaft, rotes Feuil­leton.
Gerhard Zwerenz    07.03.2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon