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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wi­der­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 40

Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?

 

Berühmte tv-Reihe
Zur Person
Frank Schirrmacher – Günter Gaus

Weiteres Schirrmacher-Foto




 


Die Frankfurter Allgemeine sei ein plurales Blatt nahm ich an. Am 12. Juni 2014 starb mit Frank Schirr­macher »Ein sehr großer Geist« – FAZ vom 13.6.2014 – und seither weiß ich, diese FAZ samt FAS war Schirr­macher absolut. Seine Text-Schwär­me be­herrschen postum die Seiten, ca. sechs­und­sechzig Foto­por­träts füllen die Lücken, seine Freunde leiden wortreich in un­über­seh­barer Zahl und alle erin­nern sich mit Herz­schmerz. Da erinnere ich mich ebenfalls, weil ich ihn wie hunderte anderer Menschen schil­derte. Das braucht keinen Rückblick mit Trauerflor. In unserem Bloch-Buch Sklaven­sprache und Revolte von 2004 notierten wir, was es für Ingrid und mich zum teuren Toten, als er noch lebte, zu be­merken gab:
  Im August 2002 saß FAZ-Schirrmacher in der Sendung Zur Person bei Günter Gaus im Sessel hingefläzt, Beine breit, prallen Bauches, wie er sonst ältere Herren ziert und das Oberhemd zu sprengen droht. Man erblickte das verquollene Gesicht eines ver­späteten Jünglings, dem die Puber­tät zusetzt. In Erregung geraten, fuchtelte der Knabe plötz­lich mit seinen wie aus der Garage fahrenden Händen. Mühsam unter­drückte ich meine Erheiterung, um Ingrid nicht abzu­lenken, die eine Video­aufnahme für diese un­nach­ahmliche Vor­stellung ein­rich­tete, und ich dachte: Das sind ja Sieburgs Hände! Und dann: Der junge Mann ist Sieburgs Inkarnation – die Wieder­geburt eines nicht unbe­acht­lichen Poten­tials auf der Suche nach seinem Gral. Plötz­lich ordneten sich die Bruch­stücke zum Ganzen, und ich erin­nerte mich ver­gangener Sätze und Szenen: Der in eigenen kon­ser­vativen Kreisen wegen des Ver­dachts unor­thodoxer Gedanken nicht un­umstrit­tene knaben­haft gestylte FAZ-Meister­feuil­letonist hatte am 8.8.1997 in seinem Blatt ein paar erstaun­liche Sätze als Programm »für die unge­schrie­bene Menta­litäts- und Geis­tes­geschichte von DDR und Bundes­repu­blik« formu­liert: »Sie wird das akademie- und dis­kus­sions­erprobte Ich por­trä­tieren müssen, das in West wie Ost selbst noch in den apoka­lypti­schen Warnungen vor der ato­maren Gesamt­aus­lö­schung immer auch seine Größen­phantasien zu erkennen gab.«
  Vom FAZ-Idiom in menschliche Sprache übersetzt heißt das: Schirrmacher erkennt in den führenden Politikern und Akademikern, die sich aus Ost und West im Kalten Krieg befeh­deten, jene Kräfte, die sich auch durch sehr reale Atom­kriegs­gefahren nicht ab­bringen ließen von ihren »Größen­phanta­sien«, was besser »Größen­wahn-Phan­ta­sien« genannt werden sollte.
  Der Ausweg aus der drohenden Apo­kalypse laut Schirrmacher: »Die Historisierung der beiden Republiken gibt allmählich Material frei, das die intellektuelle Verfassung des vereinigten Landes zu verändern verspricht.«
  Veränderung wohin? Das Rezept wird nebenan in Leitartikel und Wirtschafts­teil als freie Bahn den Globali­sierungs­gewinn­lern ausge­fertigt, so dient der Feuil­letonist vor Ort als Kranzlieferant am Friedhof der Opfer, d.h. jener achtzig Prozent Be­schäf­tigter, die arbeits­los gemacht werden, setzt die Globali­sierung sich unkor­rigiert durch, in deren Folge die anderen zwanzig Prozent der heutigen Arbeit­nehmer genügen, alle benötigten Waren zu produ­zieren. Dies die intimen Nach­richten aus dem USA-Paradies, dessen deutsche Kapital­mag­naten über die famosen FAZ-Goldfedern ihre Inter­essen kundtun.
  Wohin also soll die Reise gehen? Im Kalten Krieg richteten sich die deut­schen Größen­phantasien trotz Atom­tod­gefahren gegeneinander. Wogegen richten sich die hernach vereinigten Größenphantasien? Es gab in West und Ost dem Kalten Krieg wie den Atom­kriegs­rüs­tungen wider­stehende Menschen, gegen die das Frank­furter Kapital­zen­tral­organ nur Hohn und Hass abzu­sondern hatte. Spätling Schirr­macher drückte damals noch die Schulbank und hat heute leicht phanta­sieren.
  Der konservative Holthusen lehnte nach dem Krieg die Aufnahme Ernst Jüngers in die neue west­deutsche Akademie aus Image­gründen ab, wissend, dass der Nietzsche-Adept 1933 den ange­botenen Eintritt in die Dichter­akademie respek­tabler­weise verwei­gert hatte. So ver­sammeln die deutschen Akademien jeweils Zeit­geist­gene­rationen, damit die Nach­folgenden Grund für Gene­rations­hahnen­kämpfe finden. An der Spitze immer die flinken Hauptleute mit dem Degen aus Papier.
 
  Gottfried Benn 1945:
„Alle guten Schriftsteller sind im Osten.“


Im Rückblick erscheint jede Akademie als Operette, die Sänger treten aber als Opernhelden auf. »Prolog im Himmel« nannte Schirrmacher es, wenn Gottfried Benn 1949 in einem Anfall von Ehr­lich­keit meinte, alle guten Schrift­steller seien jetzt im Osten, keiner im Westen. Ein Professor Hosaens hatte eben für die CDU die Gründung einer neuen West-Aka­demie beantragt, um »Europa gegen Asien zu ver­teidigen«. Das ist inzwischen gelungen, doch welchen Begriff hat Schirr­macher vom Himmel? Es ist wohl mehr ein Epilog in der Hölle gewesen. Ernst Jünger aber, der 1933 nicht akade­misch sein wollte und nach dem Krieg nicht sein durfte, rehabilitierte sich als Über­hundert­jäh­riger tapfer. Am 9.8.1997 servierte Ernst Jüngers Frank­furter Haus­zeitung einen Vorab­druck aus dessen Buch Siebzig verweht V, wo es heißt: »Wenn ich als Anarch auf mein Verhalten im Dritten Reich zurückblicke, fällt mir ein, dass ich nie mit Heil Hitler gegrüßt habe.« Ja, diese toll­kühnen aufrechten Anarchen! Wir ver­stehen: Ins Wider­stands­mu­seum mit dem tapferen Helden zweier Welt­kriege, neben General Heusinger, der beim Attentat am 20. Juli 1944 neben seinem Führer am Tisch in der Wolfs­schanze aufrecht stehend leicht verletzt wurde und später von Minister Rühe als Bundes­wehr­general und braver Mann gewür­digt worden ist.
  Da sind noch Plätze frei, auch für Stephan Hermlin, der am 13.12.1989 angesichts der Mauer­bruch­fol­gen tapfer erklärte: »Aber ich bin nicht bereit, vor der Gewalt zu kapitulieren. Ich bin nicht bereit, der Gewalt Gewalt­losig­keit ent­gegen­zusetzen.« (Beifall, aber Wider­spruch von Kurt Masur) Die zuständigen NVA-Generäle freilich kapitu­lierten und folgten Hermlin klugerweise nicht. Beim Lesen der vieler­lei Geheim­proto­kolle von allerlei Akade­mien wird leuchtend klar, welche heroischen Worte deutsche Geis­tes­riesen selbst in aller­dunkels­ten Zeiten finden. Hitlers und Stalins promo­vierte Kinder erweisen sich als Nietzsches Urenkel. In aller Unschuld und Wortgewalt. »Die intel­lektuel­le Verfas­sung des vereinigten Landes zu verändern« bereiteten sich Walser und Schirr­macher anno 1998 in brüder­lichen Tele­fonaten auf den gemeinsamen Auftritt in der Pauls­kirche vor. Der eine hatte sich den Großen Preis er­schwa­felt, der andere lobredete ihn hoch, dass den ver­sammelten Geistes­ge­schäfts­riesen im orkan­brau­senden stehenden Beifall der letzte Hauch von Intellekt abhanden kam und nur ein ein­zelner Bubis stumm sitzen blieb. Von der Verleihung des Buch­händ­lerfrieden­sprei­ses anno 1998 bis zum Tod eines Kritikers im Jahre 2002 ist es nur ein kurzer Schritt im Pro­gramm der Skandal­planung. Das Feuilleton spuckt Kultur aus. Frank­furter Rund­schau gegen, Süd­deutsche Zeitung für Walser, Zeit für und gegen, Welt plus Bild sowieso. Jens, Giordano, Kunert, Karasek er­schreckt laut­gebend. Das Fern­sehen rülpst kräftig oder zart und weiß nicht so recht. Möllemann erteilt Walser Ratschläge fürs Fallschirm­öffnen und stürzt später ab. Friedman ist contra. Unseld fällt aus wegen Krank­heit. Enzens­berger will Walser gar nicht erst lesen, hatte Saddam Hussein schon zehn Jahre früher zu Hitler II. ernannt und erwartet US-Vollzug, die Börne-Taler gibt's vorne­weg. Endlich haben alle den er­wünsch­ten Skandal. Suhrkamp-Autor Handke sitzt schon überm Gegen-Buch und hat recht. Denn der nächste Krieg kommt bestimmt. Das Feuil­leton bereitet ihn vor und will es dann nicht gewesen sein. Das ist Kultur, »Material« eben, das »die intel­lektuelle Ver­fas­sung des vereinigten Landes zu verändern ver­spricht«. Im schwei­genden Staunen stehen die an­vereinigten Ost­deutschen am Weges­rand der brau­senden Verän­derung, der sie nun in Freiheit an­ges­chlossen sind. Als depperte Anti­faschisten wurden sie be­schimpft und nun droht Anti­semitis­mus? Norma­lität, Genos­sinnen und Genos­sen, will gelernt sein. Und das alles, weil Walsers Frau Mama, die Gastwirtin, unter den Fol­gen des Versailler Vertrages in wirt­schaft­liche Nöte geriet und der NSDAP beitrat. Was sagt unser ungefärbter Herr Bundes­kanzler jetzt zu alldem?
  Antisemitismus ist nötig, weil er das Geschäft vergoldet. Das liebe Wahl­volk muss abgelenkt und unter­halten werden, damit die nächs­ten Bomben und Raketen bald unge­stört ihre himmli­schen Klänge ertönen lassen können. Das schafft Arbeits­plätze. Zumindest für die muntere Feuilletonfamilie. Wann kommt die heiße Reality-Show mit rund­gerechnet hundert Folgen ins Fernsehen?
  Aus Kreisen der israelischen Friedensbewegung hört man die Klage, sie fühle sich durch den jüdischen Zentralrat in Deutschland nicht vertreten, weil die Herren Spiegel (SPD) und Friedman (CDU + tv) Scha­ronisten seien. Nun, die deutsche Frie­dens­bewe­gung fühlt sich durch die FAZ auch nicht gerade reprä­sentiert. Viel­leicht sollten wir einen Rat der jüdi­schen Alten einberufen, von Adorno, Hork­heimer, Ben­jamin bis Stefan und Arnold Zweig, Toller, nicht zu vergessen Eins­tein, Freud, Tuchols­ky, Jean Amery, Herbert und Ludwig Marcuse, Alfred Kanto­rowicz, Polgar, Bloch, Kafka, Seghers, Mehring, Mayer, Heym, Feucht­wanger, Fried­rich Wolf ... (Ende aus Platzgründen) Wetten, dass diese Runde der Alten vom Zentralrat als anti­semitisch, von der FAZ als jüdisch-bolschewistisch (Fest/Nolte) und von Walser als zu groß­kritisch be­fehdet würde? Schritt­macher Schirr­macher aber lenkte allen Streit in sein Feuil­leton, denn das Blatt verliert an Auflage. Selbst das schönste Kapital wird schwach, wenn die Kurse ewig sinken.
 
  Sieburgs Enkel Schirr­macher
post­moderni­sierte das Feuil­leton
bis zur Enfremdung


Endlich ist festzuhalten, Sieburgs Enkel führen ihre postmodernen Familienidyllen auf. Der Turmwächter vom Boden­see begriff einst als junger Mann, rechts war out, links in. Mit der Ver­einigung verkehrte sich die Lage. Wir erinnern uns an Blochs Fabel vom Ungeheuer mit dem transplantierten Kopf eines Kulturmenschen. Der Drache plaudert nun ganz possier­lich-humanis­tisch, bis das böse Blut des Untiers menschen­fresse­risch obsiegt. Walser redete mit aufgesetztem Linkskopf gar links­radikal daher, bis er sich seiner armen Mama, der Gastwirtin, erinnerte, die wegen des Versailler Vertrages finanziell nicht über die Runden kam. Flugs setzte der Sohn den Links­kopf ab und das Mutter­haupt auf. Am Ende sind alles nur Masken. Auch der Antisemitismus soll eine Larve sein, in deren Schutz er sich ungescheut wie im Karneval am bösen Kritiker rächt. Den Literatur­papst ernennt die Frankfurt-Mainer Ober­bürger­meisterin dafür im Hand­umdrehen zu Goethe II. Gerührt kopiert Marcel den Olympier im tv-Licht zum Stein­herz­erweichen. Sein ganzes zweites Leben lang hatte MRR die Böll, Grass, Walser klein­gehackt und Tucholsky in der FAZ seitenlang beschimpft, all seine Liebe auf Wolfgang Koeppen richtend, der mit seinem Treibhaus längst den Tod in Rom gefunden und sich bis aufs letzte Komma leer­geschrie­ben hatte. Unser Kritiker bejubelte seinen Mann, von dem nicht wie bei Walser-Böll-Grass neue Werke drohten, die er dann hätte nieder­machen müssen, sich selbst auf die ersehnte Geistes­heroen­höhe zu katapul­tieren.
  So war die Lage, als der beleidigte Bodensee-Wassergeist zum Gegenschlag aus­holte und den General­rezens­enten der er­sehnten Ermor­dung preis­zugeben schien. Die Repu­blik hatte ihren Skandal. Der Buchhandel seinen Bestseller. Autor und Verlag eine PR, von der andere nicht zu träumen wagten. Wenn alle meucheln und schießen, müssen auch die Dichter ihre Waffen in Anschlag bringen.
  Inmitten dieser kruden Krimi-Mimen-Gesellschaft leben aller­dings noch ein paar reale Täter-Opfer und Opfer-Täter, die der Wende vom Realen ins superbe Reich der imaginären und imagi­nierten Schmerzen nicht recht folgen können oder wollen.

Von Gaus befragt, geriet Schirrmacher plötzlich aus seiner bräsigen Pose und etwas in Rage, als er sich gegen Jens, Böll, Grass wandte und über die Groß­vater­generation sprach, zu der er und seinesgleichen, angeödet von den 68ern, zurück­gekehrt seien.
  Die Namen stehen pars pro toto. Es ging gegen die intel­lektuel­le Linke, aus der einige Wechsel­bälger fazistisch angezogen gegen die eigene bessere Vergangenheit stänkerten, entlaufene Adorni­ten, zum offenen Nationalismus zu klug, beim kapitalen Feuilleton angeheuert, weil als Kronz­eugen nutzbar. Schirr­machers Abwehr­zauber gegen die Linke wurde von Gaus regis­triert, er selbst schien das Fatale seiner Aussage nicht zu spüren, nur die Bewe­gungen der fuch­telnden Sieburg-Hände verrieten ihn.
 
  Der Wolf als Großmutter
verkleidet in Wartestellung


Im deutschen Märchen nimmt der Wolf die Gestalt der Großmutter an. Das versumpfte Gelände wölfischer Ahnen ist klafter­tief geschieden vom Bloch-Land. Deshalb passen wir letzten linken Oppo­sitio­nellen mit unserem ewig jugend­lichen Großvater Bloch nicht ins übliche Schema, was endlich ungescheut ausgefabelt werden muss, weil wir eben nicht zurückwollen ins abge­sunkene, abge­stunkene Gestern der Krieger. Wenn schon Vorväter, dann Bloch. Von ihm ist zu lernen, das Kind nicht mit dem Bade auszu­schütten oder, wo er selbst irrte, mit der Korrektur nicht erneut übertreibend Schaden zu stiften. Blochs Lehre liegt dabei quer wie der Buddhismus zu den üblichen Religionen, ein Anderes eben, wie der Trotzkismus zwischen den marxistischen Richtungen ein Anderes ist. Voraus­gesetzt sind die Brüche mit den Waffennarren..

Soviel über den genialen FAZ-Verstorbenen aus seinen früheren Jahren. Ein flinker Zufall will es, dass im vorigen Nachruf 39 zu lesen ist, der Kriegs­lieb­haber Bernard-Henri Lévy habe auf dem letzten Kölner Meisterdenker­treffen »seinen Gesprächs­partner Frank Schirr­macher fast zum ehr­fürch­tigen Schwei­gen gebracht.« So sah es die Kölni­sche Rundschau. Ehrfurcht hin oder her, das Schweige-Datum war nur um wenige Tage zu früh angesetzt. Bei der über­wälti­genden FAZ-Gedenk­prozession im Blatt vom 14. Juni 204 darf Lévy seine philosophischen Kriegstänze kurz, aber massiv aufzählen, bevor er mit Schirr­macher endet: »Nun ist dieser große Lebendige gestor­ben. Die Gattung droht, noch etwas schneller unter­zugehen. Europa und die Kultur trauern.« So der eine große Mann über den verstor­benen großen Mann. Mitten in die geschwätzigen Fas­sungs­losig­keiten wegen Schirr­machers abruptem Endspiel mit Infarkt platzt noch Deutsch­lands aller­größter Mann, was der FAS am 15. Juni trotz aller Trauer-Artikel auf Seite 1 gar elf Zeilen wert ist: »Letztes Mittel – Bundes­präsident Joachim Gauck ist dagegen, auf Militär­ein­sätze als Instru­ment deutscher Außen­politik zu ver­zichten …« Soviel zur evan­geli­schen Kriegs­theologie mitten unter den Klage- und Schmerz-Bekun­dungen wegen des so plötz­lich ver­stor­benen Frank Schirr­macher. Krieg muss sein? Der Pariser Philo­soph Lévy plädiert wie Ex-Pastor Gauck dafür. Wir prophe­zeiten es im Nachwort 39: Dieser Bun­des­präsident ist die Revanche für Stalin­grad. Der frühere CDU-Abge­ord­nete Toden­höfer, inzwi­schen auf­geklärt, fragt laut dpa am 17. Juni 2014: »Liebe Freunde, was haben wir bloß getan, um einen solchen ›Dschi­hadis­ten‹ als Präsi­denten zu be­kommen? Der wie ein Irrer alle paar Monate dafür wirbt, dass sich Deutsch­land end­lich wieder an Kriegen betei­ligt.«

Eine Woche ist vergangen. Die große Zeitung beklagt ihren genia­lischen Feuil­leton-Zauberer weiter als sei sie ihres Vaters verlustig gegangen. FAZ weint Augen rot, weil Papa tot. Gemach, die Poli­tik des Blattes bleibt tiefschwarz wie die Wirtschaft gefleckt. Ob das Feuil­leton weiter so gewitzt changiert wie der wirbel­windige Frank bleibt vorerst unklar. In junge Welt vom 14./15. Juni 2014 teilt Christof Meueler kurz und bündig den Tat­bestand mit: »Die große Glocke … Frank Schirr­macher ist tot.« Wir erinnern uns, wie er anfing zu läuten. Joachim C. Fest för­derte den jungen Konser­vativen, der wie er selbst hoch­passioniert Ernst-Jünger-Bücher las, was Schirr­machers zweitem Förderer Marcel Reich-Ranicki nicht gefiel. Also schwelgte Schirr­macher weniger bei Jünger, ohne Fest zu ver­nachläs­sigen. Bis beide Herren einander wegen Albert Speer in die Haare gerieten. Nach­zulesen im Spiegel 14/2005, wo Fest auf Seite 142 glatt­weg fragt:»Ist Reich-Ranicki noch bei Trost?« Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte, die mich am 9. Juli in Ossietzky höflich zurück­fragen ließ: »Ist Joachim Fest noch bei Trost?«
 
  Ossietzky 14/2005
(Zoom per Klick)


Am 17. Juni findet sich auf den FAZ-Seiten im Kondolenz-Strom auch ein ein­drucks­vol­les Bei­leid von »Kolle­ginnen und Kol­legen der Frankfurter Rundschau.« Immerhin mit einer Spur Distanz: »Er wird uns fehlen als Anreger und Wider­part.« So die von der FAZ auf­gekaufte FR, jahrzehnte­lang der FAZ-Widerpart, bis das letzte Halblinks­blatt im Bauch des großen Wals ver­schwand wie einst laut Bibel der Prophet Jona. Der aber wurde am Meeres­strand von dem Riesentier wieder ausgespien, was für die FR am Mainufer nicht zu erwarten steht.


Gerhard Zwerenz    23.06.2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon