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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung (5)

Wo bleibt die versprochene Reformdebatte? – 3. Nachruf




Arnfried Astel, Walter Jens, Martin Gregor-Dellin, Bernt Engelmann, Gerhard Zwerenz

Einer fühlt sich fremd und senkt den Blick



Wir sehen fünf höchst differente PEN-Brüder auf ihrem Jahres-Kongress im Mai 1976 ins Kamera­auge schauend, nur ich blicke zu Boden. Was denke ich? Dass ich hier fremd bin und nach Leipzig gehöre. Bettel­arm und ohne jede Ver­bindung langten wir vor Jahren im Westland an. Ich feuerte tatendurstig mit dem Schreib­maschinen-Gewehr, Hono­rare liefen ein, mit vielerlei Geschichten ließ sich gutes Geld verdienen, das mit politi­schen Büchern wieder verloren ging. Als mir einer der Kultur­knacker, der sich HMD nannte, ich hab ihn vergessen, zu dumm kam, antwortete ich wahrheits­gemäß im Band Die Venusharfe:

Zwerenz konsequent

Da wollte ein geschichtsloses Eselchen Klamauk veranstalten. Was weiß so einer schon. Allein das Wort Bunker verschmolz mir traumatisch mit Monte Cassino und der Warschauer Höhle im August 1944. Wie davon loskommen? Statt mit dem MG zu schießen wird auf Gelächter umge­schaltet. Im Roman Der Bunker spielt Helmut Schmidt die Hauptrolle. Die 66. Folge unserer Serie gibt dazu nähere Auskunft. Meine durch und durch liebens­würdige Antwort an einen Münchner Miese­peter und feuil­letonis­tischen Sause­wind empfehle ich gerne weiter. Man kann dieses Ab­perlen­lassen gewiss groß­spurig ästhe­tisch begründen – ich sage kurz und knapp: Es macht Spaß. Und ganz besonders, wenn es um Kopf und Bauch geht.

 

Allein das Wort „Bunker“ verschmolz mir automatisch mit Monte Cassino
Der Spiegel 12.12.1983
(Zoom per Klick)



Ratschlag an meine alten DDR-Freunde, bei der eigenen Ver­gangenheits­kritik, die zu leisten ist, um frei zu werden, Maß zu nehmen an den Fran­zosen, die sich im Ab­stand des Halb­jahr­hunderts dem Erbe ihrer massen­haften Folte­rungen, Massaker, Morde in Alge­rien nähern – wider­strebend und im Wider­spruch mit sich selbst. Verglichen mit der franzö­sischen Schuld im Krieg gegen die algerische Frei­heits­bewegung wiegt die Schuld der DDR weniger schwer, eine Gleich­set­zung mit der Nazi­dik­tatur gar delegitimierte den Gleich­setzer, lebten wir in einer integren Berliner Republik, wo es frei­lich Brauch wurde, die braunen Väter und Großväter durch Verteu­felung der roten Genossen zu ent­lasten. Selbst im Vergleich mit der Wei­marer Republik käme die DDR noch gut davon, denn die Zahlen der Todes­opfer von Weimar rechnete bisher deshalb kein Zeit­histo­riker vor, weil die negative Bilanz des vergan­genen zweiten deutschen Staa­tes sich dagegen als deut­lich geringer ausnähme. Ganz davon abge­sehen, dass die DDR ohne einen ein­zigen Schuss endete, die Weimarer Republik in ihrer Agonie hingegen zur Aus­gangs­basis für das Dritte Reich und seine Er­obe­rungs- wie Ver­nichtungs­kriege wurde. Wäre die Berliner Republik so integer wie sie vorgibt, würden diese Selbst­verständ­lich­keiten längst fairer­weise in den Schulen gelehrt.
  Erich Loest war mal auf einem guten Weg. Im Spiegel vom 12.9.1994 wurde das Schick­sal der Intel­lektuel­len bedauert, die es schwer haben in diesen Zei­ten: »Sie ringen schrei­bend die Hände.« (H.M. Enzens­berger) Was also bleibt ihnen zu tun? »Sollen sie sich wie Stefan Heym oder Gerhard Zwerenz für die PDS ganz ins Ge­tümmel werfen?« So Der Spiegel irri­tierend auf Seite 20. Auf Seite 21 blickt Loest dem ge­neigten Leser frontal in die Augen: »Loest, 68, ist Vor­sitzender des Schrift­steller­ver­bandes und lebt ab­wech­selnd in Leipzig und in Bonn.« Es geht glattweg um nichts weniger als das »Ver­hältnis zwischen Intel­lektuel­len und Poli­tikern.« Spiegel-Frage: »Viele ost­deutsche Schrift­stel­ler fühlen sich zur PDS hin­gezogen. Woran liegt das? – Loest: Das sind im Herzen alles Linke, und ein biss­chen Anarchie und Roman­tik ist auch dabei. Viele ost­deutsche Intel­lektuel­le wurden zwar in der DDR von den Stali­nisten gemaß­regelt, hätten aber doch gern eine demo­krati­sche DDR gehabt. Jetzt suchen sie ihr Heil hinter der roten Fahne. Spiegel: Und was sucht Erich Loest? – Loest: Die PDS von Gregor Gysi ist für mich eine lächer­liche Truppe. Ich bin ein rot-grüner Wechsel­balg.«


 
  

Erich Loest vermisst als „rotgrüner Wechselbalg“ eine Reformdebatte
Der Spiegel 37/1994 (Zoom per Klick)



Knappe zwei Jahrzehnte später sieht Loest mehr nach einem schwarz­weißen Wechselbalg aus. Dabei hatte er damals geklagt: »Ich vermisse die große Re­form­debatte.« Und ich vermisse den Kampf­genossen von einst. Die längst fällige Re­form­debatte aber führen wir seit dem 20. Sep­tember 2007 mit dieser noch keines­wegs abge­schlos­senen Serie im poetenladen. Über­schrift der Folge 1: »Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?« Weshalb Leipzig? Darauf lieferte Rolf Schneider bereits am 7.7.1991 im Tages­spiegel, Berlin eine treff­liche Antwort: »Dass der Sturz der Honecker-DDR von Leipzig ausging, mit Ansamm­lungen nicht weit entfernt von Blochs altem Hörsaal, ist mehr als bloß ein geo­graphi­scher Zufall.«

Rolf Schneider
Bloch in Leipzigs Hörsaal 40 – kein geographischer Zufall



Deshalb also Leipzig. Wer aber wagt die Reformdebatte vom alten Hörsaal 40 aus und bitte nicht unter dessen Niveau weiterzuführen? Der Hörsaal ist verschwunden, die Pauliner­kirche wieder aufgebaut. Es fehlen kon­geniale Antworten. Ernst Bloch liegt in Tübin­gen, wo er verstarb, begraben. In Leipzig hat er gelebt.

Dieses Geschichts- und Geschichtenbuch wurde und wird von Be­trof­fenen geschrie­ben. Im August 1957 verließ ich die DDR nicht grund­los, also keines­wegs frei­willig, ganz im Gegensatz zum August 1944, als ich die Wehrmacht zwar nicht grund­los, jedoch vollkommen freiwillig verließ. In beiden Fällen zahlte ich Lehrgeld genug. So erlebte ich den Unter­gang der Weimarer Republik, des Dritten Reiches, der DDR und der BRD. Würde die Ber­liner Republik ebenfalls den Bach runter­gehen, sollten die Leser des nächsten Jahr­hunderts zumindest erfahren, wie einige ihrer Vor­fahren allen Widrig­keiten zum Trotz dagegen hielten. Wer lange genug lebt, er­fährt wie die beamteten Historiker Geschichte schrei­ben als würde Schwei­zer Käse produ­ziert. Die Löcher charak­teri­sieren den Namen und gereichen den Historikern zur Unehre. Wir setzen unsere selbst erfahrene Geschichte gegen deren Luft­blasen und Luft­schlös­ser fort. Die Über­schriften Vertei­digung Sachsens sowie Sächsische Auto­biographie waren ur­sprüng­lich Arbeits­titel, die sich im media­len Gebrauch zu signi­fikanten Kenn­worten ver­wandel­ten. Das gesamte Expe­riment enthält meine Auto­bio­graphie und Blochs Biographie, soweit sie Ingrid und mir ersichtlich wurde und alles im subjektiven Blick aufs gerade noch so über­standene Jahrhundert. Wer Puzzles liebt, kann die mon­tierten Mosaik-Teile thema­tisch nach gewohn­ten Kri­terien neu ordnen, woraus sich eine Anzahl von Bänden ergibt: Kriegsbuch, Antikriegs­buch, Pazifisten­bibel, humoris­tischer Unter­haltungs­roman, Philosophie­geschichte a) allgemein, b) speziell Bloch, Geschichts­abriss, Satire, Polit­polemik. Die vom Ver­fasser gewählte auto­bio­graphische Form führte, vom Zeit­verlauf diktiert, zur Montagetechnik. Wie das Leben so spielt, wenn es Ernst macht. Das brachte Konflikte mit sich. Das führt nach Leipzig und zum Kern der Aus­einander­set­zungen mit Erich Loest zurück.
  Ich bin mir sicher, 1956 stand mit Chruschtschows ritualer Anti-Stalin-Rede zum 20. Partei­tag der KPdSU das sowjetische Modell am Scheide­weg. Im Rückblick wollen viele Ge­nos­sen nichts davon wissen. Weil sie zu jung oder zu alt sind oder weil sie sich damals schon nicht trauten, dafür waren oder, weil sie dafür waren, repres­siert wurden, sich dann wider­willig beugten, was sie im Nach­hinein lieber ver­gessen. Das ist ver­ständ­lich. Die Partei selbst verhielt sich 1956 gespal­ten und ab­wartend. So meine Erfahrung. Unsere Sympathie für Chrusch­tschow saß tief. Den Rat, die DDR zu ver­lassen, gab mir im Juni 1957 ein Genosse der Staats­sicher­heit. Wahrend einer Ver­neh­mung ging einer auf die Toilette, der zweite flüs­terte: Hau ab. Höchste Zeit… Da erkannte ich ihn, beide waren wir 1948 in Gefangen­schaft für den Dienst in der Volks­polizei geworben worden, er hatte es inzwi­schen zum Sicher­heits­offizier, ich zum frei­schwe­benden Oppo­sitionellen ge­bracht. Ich bleibe dabei: Dieser Sozialismus war entgleist, doch noch nicht ver­unglückt. Es gab eine Chance. Es hieß sie wahr­nehmen oder vergessen.
  Was 1956 verpasst wurde, kann heute nicht nachgeholt werden. Die Gründung einer neuen Partei der Linken aber erfüllt Wünsche. Lafontaine und Gysi er­gänzen einander als bril­lante Redner. Mehr noch, was sich da aus Ost und West bildet, bringt Leben in die er­starrte Parteien­land­schaft. Was daraus werden kann? Entweder nichts oder eine linke Sozial­demo­kratie mit Gewerk­schafts­nähe. Mehr nicht. Und nicht weniger. Als Teil deutscher Ar­beiter­bewegung und National­geschichte ist es euro­päische Norma­lität, auch wenn die Gegner und Feinde vor Wut heiß­laufen.
  Ich finde diese Partei aus der Distanz unter­stützens­wert. Die viel­fältigen Vor­behalte gegen eine links­sozial­demo­krati­sche Linke kenne ich und finde sie falsch. Diese Linke ist für Deutschland und Europa eine Ermutigung. Beides wird ge­braucht. Denn der Epochen­bruch von 1990 kann den von 1945 konterkarieren und in eine Situation vom Anfang des 20. Jahr­hunderts mit einem Krieg wie 1914 zurück­führen. Weltkrieg, Bürger­krieg, Reli­gions­krieg, Krieg der Konti­nente als Kampf um Macht und Ressourcen. Das Ver­schwinden der Sowjet­union setzte eminente Kriegs­kräfte frei.
  Das Modell der europäischen Parteiendemokratie ist verbraucht. Die intel­lektuellen und moralischen Kräfte einer Erneuerung, wie wir die aus­stehende Reformation nennen wollen, sind nicht in Sicht, wenn auch als Möglich­keiten nicht ganz unbekannt. Tausend­schaf­ten von Milliar­dären und Millio­nären, die in ihrem phantas­ti­schen Speku­lations­reich­tum leben, wollen den Herren­kasten-Status nicht aufgeben. Sie exis­tieren in ihrem elitären Kommunis­mus finan­zieller Klassen­losig­keit. Ihr strate­gisches Speku­lantentum macht Kriege so logisch wie ein­träg­lich, also unver­zicht­bar.

Ich kenne zwei Erich Loest. Der eine ist der schwermütige, lach­falten­treibende Humorist, den ich unseren in Geldnöten steckenden Kranken­häu­sern als Thera­peuten empfehle. Lachen heilt ohne Pillen und Skalpell. Der andere Loest will es »denen« heimzahlen. Das ist der Rückfall-Erich, zu Unrecht einge­sperrt und preis­gegeben. Beide kenne ich gut. Ich versuche auch gegen den zweiten E.L. fair zu sein. Es fällt mir nicht leicht und hat Ursachen, die etwas weiter zurückliegen.
  Als das gemeinsame SPD-SED-Papier 1987 bekannt wurde, trafen sich ehemalige DDR-Autoren in Marburg. Unsere Befürch­tung, von beiden Parteien unter­gebügelt zu werden, war nicht so unbe­gründet, wie es heute scheint. Mir ist ein Foto in Erinnerung, das uns friedlich auf­gereiht zeigt – Biermann, Loest, mich und all die anderen in letzter prästa­bili­sierter Harmonie, bald würde der Vereinigungsprozess die Über­ein­stimmung beenden.
  Das geschah schneller als erwartet. Fraglich blieb, wie ein aus BRD und DDR gemixtes Deutschland aussehen sollte. Ich wollte Annäherung und sozia­listische Reformation, das stieß schnell auf Widerspruch. Nachdem ich 1994 über die Offene Liste der PDS in den Bundes­tag gekommen war, trafen Loest und ich uns in seiner damaligen Wohnung bei Bad Godesberg. Wir gingen gemein­sam essen, tranken Wein, spazierten, von früheren gemein­samen poli­tischen Aben­teuern schwärmend, am Rhein entlang. Dann fuhr ich nach Bonn zurück. Es war nicht ausge­sprochen worden, doch lag es klar zutage: Erich ver­mochte mein Engage­ment nicht nach­zuvoll­ziehen. Die über Jahr­zehnte an­dauernde Verbin­dung riss ab. Heute lese ich voller Unbehagen, wie Loest Ge­nossen von Harich bis Gysi be­schimpft. Sein nach­geahmter Bier­mann-Ton klingt, so der über­haupt stei­gerungs­fähig ist, noch schriller. »Wider die Dunkel­männer unserer Zeit« donnert er am 16. Juni 2002 gegen die »Ver­ächter der Frei­heit: Mitarbeiter der Stasi, SED-Funk­tionäre und West­poli­tiker ent­sorgen die Ver­gangen­heit.« Da ist Harich ein »Spitzel«, »Mitten­zwei der Kurt Hager unserer Tage« und ein »roter Don Quixote«, ja nun, ent­weder das eine oder andere, beides zu­sammen geht nicht. Jürgen Kuczynski wird zornig auf seine sta­lin­schen Dumm­heiten von 1951 festgenagelt, ganz als wäre ein gewisser Loest damals mit diver­sen Ro­manen wie Die Westmark fällt weiter nicht glei­cher­maßen sta­linis­tisch er­folg­reich gewesen. Da kriegen Werthe­bach, Diestel, Stoiber, Thierse unter­schieds­los ihr Fett weg. Schorlemmer wird als »Halb­dunkel­männ­lein« hingestellt, Gysi bleibt aus­nahms­weise mal unbe­spuckt, das sächsische Lama hat sich trocken geschimpft, denn: »Die Poli­tiker kommen und gehen, wir Opfer der DDR, der SED und ihres scharfen Schwertes aber bleiben.«

Ludwig Baumann
Gerhard Zwerenz verteidigt seinen Freund, den Deserteur Ludwig Baumann



Hier übersieht unser Daueropfer nur die Kleinigkeit eigenen Mittuns zu Zeiten des fatal irrenden Kuczynski. Der Duktus erinnert mich an meine Polemiken in der Hitze des Kalten Krieges. Inzwischen hat sich etwas geändert. Wer jetzt noch wie vordem rechtet, der unrechtet. Wenn Loest auf seine Knastbrüder verweist, bin ich einverstanden, ein halbes Leben lang hatte ich für sie gesprochen und könnte leicht ein Buch mit all den Inter­ventionen füllen. Seltsam nur, in die östlichen Ämter und Regie­rungs­stellen rückten Westler und bereits in der DDR geübte und bewährte Über­lebens­profis ein. Kaum ein »Knastbruder« unter ihnen. Von denen agieren einige inzwischen aus höchst verdächtiger Nähe zum Nazitum. Mein Ver­ständnis für Opfer endet an der Barriere, die auch Erich und mich nun zu trennen scheint. Ich lese, wie ein Opfer des Stalinismus meinen guten Freund Ludwig Baumann wegen dessen Desertion aus der Wehrmacht beschimpft. Für solche Leute ist am Ende noch Hitler ein Opfer des Stalinismus. Das rührt an den Kern der Differenzen. Es schmerzt wie ein seelischer Beinbruch. Es ist nicht ausgeheilt.
  Im August 1957, am Tag nach dem geheimen nächtlichen Besuch im Hause Bloch suchte ich Erich Loest in Leipzig auf. Meine Warnung nahm Erich nicht ernst. Erst werden sie Bloch holen, meinte er. Ich hatte in Berlin gerüchte­weise gehört, Bloch, Loest, ich und ein Dutzend anderer Genossen sollten als nächste vor Gericht gestellt werden. Ulbricht, von seiner Moskau-Reise zurück, strich Bloch von der Liste, was Paul Fröhlich in Leipzig außerordentlich missfiel. Immerhin konnte er an den anderen sein Mütchen kühlen. Erich war auf meinen Rat, in den Westen aus­zuweichen, nicht ein­gegangen, das kostete ihn 7 Jahre Bautzen.
  Nachtrag für Loest, 55 Jahre später: Erich, du hattest dich entschieden, an der Pleiße zu bleiben, wie es mein Entschluss war, in die BRD auszuweichen. Da helfen keine Reform­diskurse weiter. Da läuft ein Revolutionsdrama im letzten Akt, wo die Konter­revolution einsetzt. Was nun, wenn die Konterrevolutionäre auch nicht weiterwissen? Schluss also mit dem ewigen Ping­pong-Spiel links-rechts und rechts-links und die Parteien in der Mitte tanzen als Marionetten. Vom Rückblick im Zorn zum Rück­blick ohne Zorn. Das Drama unserer Gene­ration begann 1956, als der Ungarn-Aufstand durch den sowjeti­schen Gegen­schlag per Panzer nieder­gewalzt wurde und damit die Reform-Alternative im gesamten Macht­bereich. Wo lag der Fehler? Die sich auf Marx beru­fende sowjetische ML-Ideologie suchte die Geschichte büro­kratisch anzu­halten.
  Ich bleibe ein unkorrigierbarer 56er. Wir waren damals nur zu wenige, die sich trauten. Alternativen fallen nicht vom Himmel. Man muss sie schaffen. Das verlangt mehr als Partei­politik und anderes als Schimpfkanonaden. Wie wärs mit ein wenig Kreati­vität? Stellen wir uns vor, wir sitzen im gespenstisch ver­gangenen Leipziger Hörsaal 40 und erleben den Auftritt von Ernst Bloch, Martin Heidegger, Papst Benedikt, Georg Lukács, Hannah Arendt, Rosa Luxemburg. Sie sind die Hauptdarsteller eines Sechspersonen-Stücks, das Anfang 1957 mit der Entfernung Blochs von der Universität beginnt. Ein makabres Zeitstück namens Blinde Kuh.
  Bisher wurde übersehen, das Ende Blochs in Leipzig bedeutet das endgültige Aus jener inter­nationalen Volks­front­politik, die mit dem Pariser Kongress 1935 begann. Bloch war einer der intellektuellen Grün­dungs­väter. Sein Buch Erbschaft dieser Zeit, 1935 in Zürich erschienen, enthält seine Volks­front­philosophie. Er lehnte die Diktatur des Prole­tariats als misslungen ab, hielt die 11. Feuerbach-These für mindestens unzu­reichend inter­pretiert, favorisierte seit 1935 eine Gramscinahe kul­turelle Hegemonie mit antidiktatorischen Akzenten, verwarf das Dogma vom „wissen­schaft­lichen Sozia­lismus“ und entwickelte seine eigene Existenz- und Subjekt­philo­sophie. Alle diese Abweichungen sind im Erb­schafts­buch mindestens spuren­haft enthalten, das folge­richtig in der DDR nie erscheinen konnte. In der DDR wirkte Bloch dennoch als oppo­sitionelles Kraftwerk. In den wilden West­provinzen dient er höchstens als Zitatenlieferant.
  Die von Loest vor Zeiten angeregte und versäumte Reformdebatte bedarf der reflektierten Wieder­geburt. Es eilt ein wenig. In diesem Jahr 2013 wird das Völker­schlacht­denk­mal 100 Jahre alt. Die Völker­schlacht mit ihren ca. 100.000 Toten liegt 200 Jahre zurück. Was soll gefeiert, wessen gedacht werden? Leipzig sucht sein pass­genaues Frei­heits­denkmal. Wie wärs mit einem Bloch-Kopf, analog zum Chemnitzer Marx-Nischel? Phäno­menal pyramidal und stadt­zentriert an der Pleiße zwischen Reichs­gericht und Blochs vor­maligem Philo­sophischen Institut am Peters­stein­weg. Inschrift gefällig? Bitte sehr: Kampf, nicht Krieg - der Satz stand im 1. Weltkrieg gegen den 1. Weltkrieg. Erb­schaft dieser Zeit posi­tionierte sich gegen den herauf­ziehenden Hit­leris­mus. Ins Gelin­gen verliebt statt ins Scheitern war Blochs Hoff­nungs­devise bei seinem Beginn 1949 an der Uni­versität Leipzig. Als das Experiment DDR in Gefahr geriet, forderte er beizeiten und nach­drücklich, Schach statt Mühle zu spie­len. So das »uner­füllte, obzwar leib­haftig gewesene Wunsch­bild einer Liebe.« Aber auch: Dieser Spartacus der Philo­sophie ist die Revanche der Geschich­te für den Mord an Luxem­burg und Lieb­knecht. Der im Schweizer Exil sich mühsam über Wasser haltende Luxem­burgianer und Kriegs­gegner entging den Mord­aktionen der Noske-Ebert-SPD und der anschließenden NSDAP. Vor Stalins Mord­orgien schützte ihn das USA-Exil, den büro­krati­schen Zwangs­maß­nahmen in der DDR konnte er durch Über­sied­lung in die BRD aus­weichen. Über Jahrzehnte hin ein Exempel für Hegels List der Ge­schichts­vernunft, die einer bei­zeiten er­spüren und befolgen muss. Leipzig hat noch einen Meister­denker zu entdecken.
  Der Diskurs mit Loest begann im vorigen, dem 2. Nachruf mit Erichs Tagebuch-Ab­druck vom 5.12.2012 in der LVZ, wo Zwerenz plötz­lich wieder »Freund« genannt wird. Ein Versehen oder kleines Wunder? In der Tat ist das Loest-Kapitel in meinem Buch Der Widerspruch lapidar mit »Ein Freund« über­schrieben. Das war 1974 kein Widerspruch.
Gerhard Zwerenz    28.01.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon