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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 7

Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft – 5. Nachruf



 

Koppelschloss der weiland deutschen Wehrmacht – Im Krieg töten mit Gotteslizenz – der Reichsadler hockt auf weißem Fleck, vor dem Hakenkreuz




4. Dezember 2012, farbiges Foto­spaßformat in der FAZ – Pastor-Buprä Gauck und Papa Benedikt XVI. einander in die treu­deutschen Augen blickend, Benedikt etwas skep­tischer als der evan­gelische Freiheits­held aus Nordost, der sich an den Römischen Vater ran­schmeißt als »Präsident, Landsmann, Mensch, Christ …« Un­ver­züg­lich fühle ich mich absolut ausge­schlos­sen und reagiere als Atheist, die schön­färbe­rischen Sätze durch ne Prise Realis­mus komplet­tierend: Gauck als gelungenes Erziehungs­produkt alt­nazis­tischer Eltern, pronon­cierter Anti­kommunist und der ähnlich gestrickte Ratzinger als zu Gottes Stell­ver­treter auf­gestiegener einstiger Hitler­junge wissen ein­ander hoch­zu­schätzen. Droht öku­meni­sche Einheit als rechts­lastige Schwarm­bildung? Bene­dikts fragender Blick auf den konfes­sionell doch ver­irrten Glaubens­bruder von der unlieb­samen Konkur­renz deutet Argwohn an. Da hol mich doch der Luther. Ob Rom, Witten­berg oder Berlin, ich trau keiner dieser perma­nenten Eliten mehr übern Kreuz­weg. Gott mit uns stand auf dem Koppel­schloss der deutschen Wehr­macht. Ist sowas An­maßung, Wunsch­traum, Dumm­heit oder Futuris­mus? Luther wider­stand dem römi­schen Papst, Gauck küsst ihm zum Bund die Hand. Der Thesen­an­schlag zu Witten­berg liegt bald ein halb­tausend Jahre zurück. Vier Tage nach Gaucks religiöser Dienstreise zum Stell­ver­treter-Gott dienst­reiste Daimler-Vor­stands-Chef Dieter Zetsche zum Vatikan und übergab Benedetto direkt das aller­neueste Papamobil. Es soll sicher wie ein Pan­zer und ca. 400.000 € wert sein. Einen Führer­schein hat der Papst nicht, heißt es. Andere verlaut­baren diskret, er hat einen, und ganz echt in deutsch.

Die in der griechischen Antike herrschende Natur­philo­sophie des Demokrit über den freien Fall der Atome, von Lukretius »Landregen der Atome« genannt, ver­änderte Epikur, indem er den Atomen will­kür­liche Abwei­chungen (Dekli­nationen) von der Linie zu­schrieb. Sind das nun Quer­köppe oder Genies? Ein gewisser Karl Marx behan­delte das Thema in seiner Doktorarbeit und ein gewisser Ernst Bloch nutzte diese Theorie zur Begründung seiner Kunst- und Subjekt-Philo­sophie. Wir grün­deten darauf unsere humo­ris­tische Revo­lution. Der Erzähler kann in einem einzigen Sprung von der Erde in den Himmel gelangen und nach einem Dialog mit Petrus zu den irdi­schen Götzen zurückkehren, um den Höllen­hunden des Krieges sein Gelächter ent­gegen­zu­setzen. Die humoristische Revo­lution trägt einen Janus­kopf. Ihr zweites Gesicht ist der Pazi­fismus. Oder ist er das erste Gesicht? Ohne Revo­lution herrscht Konter­revolution. Was aber, wenn Revo­lu­tionen nur noch als Konter­revolu­tionen enden? Epikurs Abwei­chung der Atome, die Dekli­nation von der Linie dieser ver­ordneten Schlacht­ordnung ist der Beginn der gedachten sprach­lichen Subjekt-Freiheit. Die 11 Feuer­bach-Thesen von Marx skiz­zieren eine Art von Philo­sophie, die ohne Reali­sierung plato­nisch bleiben muss, den Schwät­zern zu­liebe, den Macht­habern zum Wohl­gefallen Blochs stalinis­tische Phase war durch den Kampf gegen Hitler-Deutsch­land legi­timiert. Sein Engage­ment für die So­wjet­union reichte bis in die Leip­ziger Zeit, wo es 1956/57 zum Bruch kam, weil seine Philo­sophie und Haltung sich als nicht mehr kompatibel erwiesen.
  Inzwischen ist im uneinig vereinten Deutschland die Rea­lisierung von Phi­lo­sophie kein Thema mehr. Die Welt ver­ändert sich wie sie will und wenn's Rich­tung Hölle abgeht, wie die allein dem Kapital verpflichteten Eliten befinden. Man trägt wieder Reli­gion und opfert ihr mit Drogen und Drohnen. Nur im fernen Peking wird über die Marx­schen Feuer­bach-Thesen nachgedacht wie vordem bei Ernst Bloch in Leip­zig, bis er nach Tübingen aus­zuweichen sich gezwun­gen sah. Im Osten bearg­wöhnt und nieder­gehalten, im Westen dem bürgerlichen Zitatenschatz anheim­gegeben. Eine Affen­schande als Kultur­kaskade. Die Basis der westlichen Werte­gemein­schaft ist mit den Spitzen­pro­dukten der Rüstungs- und Kriegs­indus­trie vor­wiegend deutsch. Religion dient als Zugabe, Tarnung, Opiat. Die Eliten sind abhängig von der Qualität der Opiate, die sie selber löffeln und ver­breiten. Bei meinen Lesungen provo­zierte ich die Rechts­gläubigen gern mit exqui­siten Atheismen und die lieben Links­gläubigen durch Miss­achtung ihres engen mate­rialis­tischen Kanons, indem ich mit Fleiß abgelehnte Namen auf­polierte.
  Ein Beispiel: Auf dem Zagreber Symposium 1987 gestand mir eine dort leh­ren­de Philo­so­phie­dozentin, Bloch habe ihr wenige Tage vor seinem Tode ge­sagt, er verstehe nicht, wes­halb die Deutschen Nietzsche kaum noch be­achteten. Ich bat die Dame, dies dem Audi­torium mit­zuteilen, wozu sie sich nicht ent­schlie­ßen mochte. Begrün­dung: Es sei dafür noch zu früh. Bald wars zu spät. Indes­sen ist Nietzsche wieder zum meist­ge­nannten deut­schen Philo­sophen gewor­den, und in seinem Gefolge Heidegger. Die Linie von Nietzsche zu Bloch bleibt hingegen unbekannt. Die Rechte mag sie nicht benennen, der Lin­ken ist sie aus Unkennt­nis und ortho­doxem Vor­urteil un­sympa­thisch. Die Rechte kann nicht, die Linke will nicht neu denken. Wer ledig­lich der Achse Nietzsche-Heidegger folgt, gerät in jenes deutsche Zwischen­stadium der Weimarer Republik: Wirren, Wirr­nisse, Bürger­kriege und das An­wachsen ver­zwei­felter Schich­ten und Massen, die nach starker Führung Aus­schau halten. Bloch, Nietzsche vari­ierend: Ich sage dir nicht, was du tun musst. Ich sage dir nur, dass du etwas tun musst oder du bleibst was du bist – ein Schat­ten. Das war so eine Art Vorweg­nahme von New Age plus Hiro­shima.
 

   

Dutschke, Cohn-Bendit, Krahl: Drei 68er entdecken die Straße
als Ort philosophischer Kommuni­kation


Was aber ist zu tun? Die Tradition darf nicht den Feinden überlassen werden. Etwa die von links geschmähten Namen wie Schopen­hauer mit seinem Verfahren scho­nungs­loser, gnaden­loser Weltsicht. Analyse, mit Röntgenblick bis auf die Knochen und auch noch hindurch. Alles ist vergeblich? Nietzsche als Aufbäumen dagegen. Riesen suchte er, unser Sachsen-Friederich, von zeit­genössischen Zwergen umgeben. Also strebte er zurück aus dem Neuen ins Alte Testa­ment. Sein Über­mensch war der vor­christ­liche Barbar. Das passte Adolf aus Braunau vorzüglich ins Konzept. Erst Bloch stoppte den Gang zurück in die Urzeit. Das Ganze kehrt und nach vorn gedacht! Bloch sucht den aufrechten Über­menschen in der Zukunft. Daraus wurde die Gegenwart der Russi­schen Oktober­revo­lution mit Lenin und bald Stalin, der die Opfer zu Spänen er­klärte, die fallen, wo gehobelt wird. Soviel gegen den roman­tischen Über­schwang der Religionen und Parteien. Da wirkt Schopenhauers Welt­verdruss kor­rigierend wie der Natura­lismus in der Romantik-Epoche als Gegen­gift. Aber auch: Die Adomo-Hork­heimer-Schule lehrte die Studenten im Frank­furt der fünf­ziger und sechziger Jahre den nüch­ternen Durch­blick der Analyse. Bis die Studenten die Straße als Ort philo­sophischer Kom­muni­kation be­setzten. Rudi Dutschke, wäre er statt in West­berlin in Frankfurt Student gewesen, hätte vielleicht wie Krahl am Ende mit Ironie und Spott reagiert oder wäre wie Cohn-Bendit ergrünt. Die bloße Analyse ist wie die Betrach­tung ferner Sterne durchs Fernrohr. Was aber geschieht, wenn sich der Himmel verdunkelt und die Sterne aus purer Lust­losig­keit ihr Licht ein­sparen? Wer in der Hölle überleben will, braucht mehr als den Durchblick. »Um auf die schwachen Stellen des politischen Daseins zu stoßen, ist eine bis ins Herz des Staates gehende innere Er­schütterung notwendig.« (Clausewitz)

Hochrangige feuilletonistische Sesselfurzer befeuern neidvoll den Welt­erfolg der engli­schen Hausfrau E.L. James mit Fifty Shades of Grey, deren drei Romane vom schwell­körper­lichen Millionärs­phallus und seiner schmerz­geilen popo­klatsch­süch­tigen Jung­frau-Studentin weltweit die Best­seller­listen stürmen. Die FAS plaziert die S/M-Global-Erfolgs­autorin gleich neben den Artikel über »Papas neues Mobil« – Frau James mit Passbild und kecken Stirn­fransen, daneben der deutsch­blütige Papst samt Mercedes-Zetsche, im Hinter­grund das neue Gefährt, fast ein wenig drohend als wolle es – Panzer marsch! – statt der Leserschaft die beiden hohen Herren überrollen.

 

Aus dem Kleinen Herrn von Gerhard Zwerenz wurde bei Alice Schwarzer der kleine Unterschied


 

Weshalb aber, um Himmels­willen, lässt das Sado-Maso-Epos noch Sarrazins Spitzen­erfolgs-Schwarte hinter sich? Ums Verarschen geht's beiden, würde der Sati­riker formulieren, wo aber bleibt der coole Kriegs­philosoph, ein fleißig Google nutzender Clause­witz der Ma­tratzen­strategie – sollte ein inzwischen stark ange­jahrter Alice-Schwarzer-Feminismus an zu vielen erektions­losen Weich­männchen schuld sein? Wollen freie Weiber verhauen werden und, wenns fehlt, wenigs­tens darüber lesen? Soviel als winzige Rache-Aktion an Alice S., der Schwanzer als Fa­milien­name gut ange­standen hätte. Schwarzers Bestseller Der kleine Unter­schied und seine großen Folgen segelte einst im Schat­ten meines Titels Casa­nova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden. Die deutsche Star-Feminis­tin war und ist nach wie vor sauer auf den Kleinen Herrn und möchte ihn weiter ver­zwergen. Mir aber lag daran, das Auf­steh­männchen vor den stets drohenden Gefah­ren im Krieg zu schützen. Das liest sich im Originalbuch so:
  Wer weiß denn, was das ist, ein Vertiko? Wer auf sich hielt, besaß dies Möbel, einen kleinen, nicht ganz aus­ge­wach­senen Schrank mit Schnörkeln, einem Schub oben und zwei Türen darunter, darin ver­schwanden Krims­krams, Wäsche, Papiere, Sammel­tassen, Foto­alben. Annes Mutter besaß ein Vertiko, und auf diesem war zu sehen seit zwei Jahr­zehnten ein seltsames Gebilde aus Eisen oder sogar Stahl in Drei­ecks­form wie ein zu klein gera­tenes Ver­kehrs­zeichen. An den drei Ecken befanden sich Löcher, durch die sich Riemen zogen. Soll ich sagen, dass mich dieses Stück vom ersten Augen­blick an be­schäf­tigte? Annes Mutter hob es herunter vom Vertiko, strich liebe­voll über die kalte Fläche, passte es an, knöpfte es mir vor die Lenden, einen Schutz­schild, einen stählernen Zwickel wie eine Dreiecks­bade­hose und die zwei oberen Riemen schlang sie um meinen Leib wie einen Gürtel, hinzu kam der dritte, der unten aus der Spitze lief, sich nach hinten wandte, aufwärts strebte, mit den ersten beiden zusammen­treffend.
Was soll ich damit?
Mein Mann trug es so, sagte Annes Mutter voll Erinnerung, er war ein guter Mann, musst du wissen, ein kräftiger und starker, ein lustiger und listiger Mann. Als er eingezogen wurde zum Militär, da hat er sich Sorgen gemacht, Liebste, hat er gesagt zu mir, im Krieg wird die Luft gesiebt, und wenn es einen erwischt so erwischt es einen, da ist keiner gefeit, und wenn sie dir ein Bein abschie­ßen oder einen Arm absäbeln oder den Kopf, da musst du sehen, wie du ohne zurecht­kommst, schließlich macht die Wissen­schaft der Chirur­gie und Pro­thesen­her­stel­lung gewaltige Fort­schritte. Man kennt schon künstliche Arme und Beine, nur mit den künstlichen Köpfen hapert es etwas, aber soll ich dir sagen, was es bis jetzt überhaupt noch nicht gibt? Künstliche Schwänze! Was also, frage ich dich, soll werden, wenn die Fran­zosen mir meinen Kleinen weg­schießen? Wenn ich zurück­kehre, Liebste, zu dir, mit leerer Hose? Wo ich dem Herrn Pfarrer ver­spro­chen hab, feier­lich unter Glocken­geläut ver­spro­chen hab, mein Leben lang oder wenigstens solange es in meinem Ver­mögen steht, dich zu lieben und zu schwängern und also das Men­schen­geschlecht fröh­lich zu ver­mehren?
  Ein Loch im Fell heilt wieder zu. Ein Arm weniger, da bleibt immer noch der andere, auf einem Bein kann einer immer noch hüpfen, auf einem Auge sehen, auf einem Ohr hören. Schlim­mer ists mit dem Kopf, und weil das so ist, haben sie dem Kopf des Soldaten einen Helm auf­gesetzt zu seinem vor­züg­lichen, ganz besonderen Schutze. Was aber wird mit dem Kleinen Herrn des Soldaten, der ebenso einmalig ist wie sein Kopf und doch keinen Helm bekommt oder einen andern dringend notwendigen Schutz …
  Ende des Roman-Zitats, das belegt, im Gegensatz zu Frau Schwarzer war mir mit meiner Kriegs­ver­gan­gen­heit das werte Glied des Mannes mehr wert (marxis­tisch: Mehrwert ) als der kleine Unter­schied. Alices kleinen Unter­schied zu schüt­zen erfand ich den Schwanz-Panzer. Die oberste Femi­nistin verließ eine meiner Lesun­gen türen­schla­gend. Das ist lange her. In ihrem Zentral­organ ver­passte sie mir eben­falls Saures. Das ist auch lange her. Inzwischen wurde Schwar­zer Merkelistin und auch mal Bild-Sonder­korrespon­dentin. In einer längst ver­flos­senen Zeit ant­wor­tete ich mit foto­mon­tierter Heraldik.

Es gibt größere Unterschiede, wahre Differenzen, auf die es ankommt. Bei Marx findet das Prole­tariat als Klasse zum inter­national-revolu­tionären Subjekt zu­sammen mit dem Ziel der Klassen­losig­keit. Lenin, der so lo­gisch wie gut­gläubig darauf setzte, sah in Russland nur den Anfang der Revo­lution, die erst übers deutsche Prole­tariat sich zur Welt­revo­lution poten­zieren würde. Sein Kardinal­fehler, auf Deutsch­land zu ver­trauen, das Land der seit 1848 andau­ernden Konter­revo­lution. Das hatte selbst der skep­tische Marx nicht geargwöhnt. Immer­hin bildet der histo­rische Verlauf eine Paral­lele zum Christen­tum. Erst dreihundert Jahre Christen­ver­folgung, dann stück­weiser Macht­gewinn, bald gelangen Christen zur Herr­schaft und verfolgen ihrer­seits Anders­gläu­bige. Ihr Jesus aber kehrt jeweils zurück als Stachel im Fleisch und Skan­dalon unter Brüdern. Das geht so seit fast zwei­tau­send Jahren. Die Marxisten brach­ten es gerade erst mal auf zwei Jahr­hunderte.
  Die Gefahren der Philosophie: Ist es dir mal eben gelungen, den Zipfel einer Erkennt­nis zu erha­schen, wächst die Zahl der Sauer­töpfe im Quadrat. Du kannst dich auf einen lebens­läng­lichen akade­mischen oder/und poli­tischen Streit ein­lassen. Das ergibt stolze Kar­rieren. Schopenhauer, über­drüssig der Berliner Hegelei, richtete sich auf Dauer mit seinem Pudel in Frankfurt am Main ein. Ein wenig parodierte ich den grimmen Außen­seiter, hatte aber Ingrid und statt Pudel einen Chow als Dreier­bund zum Stand­halten dabei. 1978 gings von der öden Fluss­niederung in den immer noch römer- und keltenbestückten Hochtaunus, wo es zwischen Berg und Wald den eifrig nach­schnüf­felnden Geheimen aus Ost und West schwer­fiel, Über­blick und Kon­trolle zu behalten. Geh deiner Wege und lach sie aus, befahl ich mir als meinem eigenen Agen­ten. Und nicht zu ver­gessen: Im Anfang war das Wort wusste schon der Bibel-Pionier und Evan­gelist Johannes. Dann folgt das Gedicht. jede anstän­dige Lite­ratur fängt so unglaub­lich wie glaubensstark lyrisch an. Danach ver­breiten die Prosa-Epiker ihre Helligkeit in der dunklen Welt. Wir Nachfahren haben heute mehr Dichter als Leser und mehr Fins­ter­nis als Licht in der Sparlampe. Dafür gibt's Kultur­preise und Ver­dienst­medaillen für die Wortakrobaten, die wie einst Demokrits Atome scharenweise vom Himmel nieder­fallen ohne auf Epikurs geniale Phan­tasie zur Sub­jekt­werdung zu hören. Ein kurzer Blick ins Feuil­leton zeigt, Schriftsteller, Dichter und Philo­sophen gibt's in der Post­un­moderne wie Sand am Meer und in der Wüste. Der jungen­hafte helle Professor Precht z.B. machte sich im tv-Rede­zirkus ganz gut. Jetzt hat er seinen eigenen Fernseh-Schwatz und talkt irgend­wann um Mitter­nacht mit einem Politi­ker herum. Für meine Romanfigur Casanova erfand ich einst den Schutz­schild fürn Bauch. Der Schutzschild fürn Kopf fehlt noch.


 

Friedenspreis für Rainer Rupp




Die Presse stirbt. Die Presse lebt auf. Am linken Ufer versucht die junge Welt neue Töne. Ich lese dort oft Topas, alias Rainer Rupp, der ab 1969 für Markus Wolf im NATO-Haupt­quar­tier Brüssel kund­schaf­tete und der Sowjetunion Einblick in Cosmic Top Secret, das höchste Ge­heim­wissen über Krieg und Frieden ver­schaffte. Die Russen waren alarmiert und be­fürch­teten den tödlichen ato­maren Erst­schlag der Ameri­kaner, dem sie beizeiten be­gegnen wollten. Topas beruhigte sie. Ver­danken wir dem aler­ten Spion unser Über­leben? Dafür erhielt er 1993 ein Dutzend Knast­jahre als Dank des freien Westens fürs Überleben. Martin Walser plä­dierte 1998 cou­ragiert in freier Rede für seine Frei­las­sung, was die Strafe immer­hin hal­bieren half. Gehör­te dem tapferen zivi­len Rit­ter Topas nicht statt Kerker der Welt­friedens­preis? Der Friedens­preis des deutschen Buch­handels wäre ein Anfang. Der Man hat keine Bü­cher verfasst? Erstens stimmt das nicht, endlich gibt es schrift­liche Unter­lagen von und über Topas genug. Die gehei­men NATO-Papiere, die von ihm in Brüssel über Markus Wolf in Ost­berlin friedens­stif­tend nach Moskau gingen, kön­nen als Dokumente Zeugnis dafür ablegen, wie selbst atomare Kriege zu ver­hindern sind.
Gerhard Zwerenz    18.02.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon