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Björn Kuhligk und Jan Wagner (Hg.)

Lyrik von JETZT zwei

Und weiter weiß man nicht ...
Lyrik von Jetzt *

Jan Wagner, Björn Kuhligk | Lyrik von jetzt 2
Jan Wagner, Björn Kuhligk
Lyrik von JETZT zwei
Anthologie
Berlin Verlag 2008

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Junge Lyrik kann einiges bedeuten: zum Beispiel frisch, riskant und witzig. Oder auch unreif, schülerhaft und grün.
Der zuverlässigste Indikator für das poetische Können ist immer noch die Metaphorik, „that ocean where each kind / Does straight its own resemblance finde“ (Andrew Marvell): Hier spannt sich jenes feinmaschige Netz von Analogien, welches die sprachlichen Funde einfängt und ordnet. Wer es knüpft, muß Geschick, Intelligenz und Subtilität beweisen, weil das Imaginationsgeflecht keine Risse duldet. Und doch zeigt sich gerade hier die Kraft des jungen Dichters: Je fester die Fasern, um so gewaltigeren Bildern halten sie stand.
Die Metaphorik ist heute beinahe schon eine Geheimwissenschaft mit Arkan­disziplin. Denn sie verlangt Kenntnise der lyrischen Tradition und eine besondere Kultur des Denkens und des Sehens. Im Zeitalter des Fragmentierten und Relativistischen höchst rar gesät. So auch beim jungen Dichter, wie er uns in der „Lyrik von Jetzt“ entgegentritt. In seiner Schau ist kaum Wagemut, bestenfalls Vagheit. Er ist ein freundlicher Absolvent, ein schüchterner Stipendiat, ein akademischer Leisetreter. Er will niemandem wehtun, am allerwenigsten der Sprache selbst.
Und doch tun seine Bilder entsetzlich weh. Zu oft sind es nur stümperhafte Fabrikate, die von einer inneren Laxheit, schlechten Vorbildern und mangel­haftem Handwerk zeugen. Wenn ganz metaphernfrei, wären es nur Gedanken ohne Salz, Gefühle ohne Pfeffer: „ich / kann nicht atem holen meine hände zittern so kalt“ oder: „Ja, ich spreche: – und wenn Geist und Körper sich da / zusammentun, kann Sprache entstehen“. Zur Prosa untauglich, also basteln wir uns dort, wo selbst der Laie über die Hohlheit des Gesagten staunen würde, ein nebliges Metapherchen zurecht: Hier etwas „wundgelegenes warten“, da eine Prise „notaufnahmen eiliger gebete, die sich keiner runterlädt“ in die Augen gestreut, schon jauchzt Madame Sibylle Cramer.
Aristoteles spricht von „Regeln der Analogie“. „Regeln?“ fragt der junge Dichter empört. „Doch nicht für mich!“ Und setzt sich über sie hinweg, ohne sie erst zu kennen.
So fällt bei Herbert Hindringer jemand hin und wird von anderen betreten, während noch andere (oder sogar dieselben?) auf ihm ihre Uhren um eine Stunde zurückstellen. Doch da erscheinen plötzlich Hügelketten und schnüren allen Beteiligten und Unbeteiligten die Hälse zu! Und hinter diesen Hügelketten „gibt es kein vorwort für frühling / da hält kein aufkleber“. „die ferne kommt von dort und weiter weiß man nicht“, schließt das Gedicht.
Bei Ralf Meyer klettern „sonne und mond ins mittagsnest“. Sind es Vögel? Vielleicht. Warum auch nicht. Nur weshalb klettern sie dann? Jetzt aber „rollen ihre bärte aus dem himmel“. Wo kommen die auf einmal her und warum um alles in der Welt rollen sie? Und „an diese spitzen / sind unsere hände geknüpft“. Sind? Etwa schon beim Rollen? Aber ja, denn schließlich sind die Hände selbst, wie aus dem nächsten Vers ersichtlich wird, nur „kleine orientalische teeschalen“. Und die conclusio lautet: „so zwinkert der dampfer ins meer“. In anderen Worten: Der Dampfer zwinkert ins Meer etwa so wie die orientalischen Teeschalen der Hände an die aus dem Mittagsnest herausgerollten Bartspitzen von Sonne und Mond geknüpft sind. – Eine ganze schaumgeborene Silke Scheuermann!
Manchen gelingt ansatzweise ein stimmiges Bild, das dann aber in letzter Sekunde in sich zusammenbricht: So in einem Gedicht von Christoph Wenzel: Da verschmilzt der Doppelmond im Rückspiegel mit den Augen des Betrachters und mutiert zum Licht zweier Scheinwerfer. So weit so gut. Doch plötzlich sind es nur noch „satzzeichen // im intimen inneren des fahrzeugs“. Und die „kommata zwischen den fahrbahnen“ bringen das ganze schließlich auf eine textologische Ebene, die den Bildern sofort ihre Glaubwürdigkeit raubt und sie zu bloßen germanistischen Fiktionen degradiert.
Oder Ruth Wiebusch: Mit kühner Geste erklärt sie den Raum zu einer „schleppe des körpers“, spricht von einer „braut, der das haar entfliegt, / welle, teilchen, licht“, um dann im letzten Moment aufzugeben: „wie er sie über die schwelle trägt, / sieht man nicht“ ... Wo „man“ etwas „nicht sieht“, hebt sich das Bild sogleich wieder auf.
Diese Unfähigkeit zur Schau zeigt sich in der „Lyrik von Jetzt“ allenthalben: „das Niemandsland zwischen Stadtteil & Stadtteil“ (Reyer), „Jemand der noch nie / mein Bruder war“ (Teissl), „niemand wagt eine / geschichte zu erzählen“ (Harter), „keine stadt / und keine bürger / keine details“ (Brenner), „nicht klar, ob sie ein paar geschwister oder freunde sind“ (Wiebusch), „Wenn es Winter wäre / sähe man von der Gegend / so gut wie nichts“ (Danz), „kaum zu erkennen: das war ihr mann“ (Elze), „spezielle Cremes für Körperlandschaften, die nicht vorhanden waren“ (Gabler). – Um mit André Schinkel zu sprechen: „So viel Entleerung war nie“. Wohlgemerkt: eine Entleerung, der keine Fülle vorausging.
Am unerträglichsten ist vielleicht noch der Grimassen schneidende Christian Schloyer, bei dem die Wörter – auf ach so mehrdeutige Art mit der Nachbarsilbe verbunden – einen Hinter-, Neben- oder Unsinn ergeben: „spieluhren drehn mich / im flug hafen moskau“, „ein kindheits- / spiel uhren“, „merle bist perlbesetzt ganz taube / -netzt“. Lauter kleine Rubbel­bildchen mit Himbeergeschmack für interpretierwütige Deutschlehrer.
Gibt es denn Ausnahmen? Ja, doch wie immer sind sie äußerst selten: Zum Beispiel Nathalie Schmid mit knorrigen Versen, wie: „im traum mich der bock noch immer / gegen den maschendrahtzaun rammt“. Bei Ruth Wiebusch finden sich köstliche Zeilen, die aufhorchen lassen: „sie gehn im gleichschritt und der gleichschritt macht sie schön“ oder: „die bäume leuchtend und vögel / die knisternd verblühn“. Ebenso bei Norbert Lange: „wir lagen einfach da mit nackten Rücken.“ Plastischer Klang bei Katharina Schultens. Komplexe Feinmechanik bei Karin Fellner. Und perfekt stimmige, da schlichte und in sich schlüssige, Metaphorik in „Rapunzel“ von Angela Sanmann. Wegen ihrer Einfachheit würden all diese Dichter im Gros der Anthologie kaum auffallen, sind aber doch die wenigen Perlen unter den vielen bunten Glasscherben. Und fast schon wie ein Wunder wirkt da Judith Zanders „immerhin“: Klug, pfiffig und vor allem: gekonnt.
Im Ganzen aber läßt die „Lyrik von Jetzt“ nichts Gutes für die „Lyrik von Morgen“ ahnen. Zuviel darin erweist sich tatsächlich als jung im Sinne von unreif, schülerhaft und grün. Eine für die meisten in jeder Hinsicht verfrühte Publikation. Da wäre sehr viel weniger erheblich mehr.

* Aus hygienischen Gründen schließt der Autor die von ihm heraus­gegebenen Lyriker Andrea Heuser und Christian Röse von der Betrachtung aus.

 

Alexander Nitzberg  01.04.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Alexander Nitzberg
Lyrik