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Thomas Glavinic
Das Leben der Wünsche

Durch den Raum und gegen die Zeit
Kritik
Das Leben der Wünsche   Thomas Glavinic
Das Leben der Wünsche
Roman
Carl Hanser 2009
320 Seiten, 21,50 €

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„Eine Sekunde! Setzen wir uns auf die Bank vor diesem Brunnen! Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.
Meinen Sie mich?
Ich meine Sie.“

Unmittelbarer könnte ein Einstieg in eine Geschichte wohl kaum von­statten­gehen als in Thomas Glavinics neuem Roman. Als Jonas, Mitte Dreißig und mit äußerst durchschnittlichen menschlichen Zügen ausgestattet, eher widerwillig auf das Angebot des nach Bier riechenden, ganz in Weiß gekleideten Fremden eingeht, ahnt er noch nicht, welch folgenschwere Konsequenzen er damit in sein Leben aufnimmt. Drei Wünsche möchte ihm der sonderbare Herr, der erstaunlich gut über Jonas' soziales Umfeld informiert ist, erfüllen, und Jonas spielt mit, mehr um seine Ruhe zu haben, als weil er an Märchenfeen glaubte.

„Ich könnte mir wünschen zu erfahren, ob das Leben einen Sinn hat. Nicht? Oder ob Sterben einen Sinn hat. […] Ich hätte vielleicht gern gewusst, wie es ist, knapp davonzukommen. […] In Zukunft oder Vergangenheit schauen.“ Diese und andere Dinge zählt Jonas auf, nicht ohne im Anschluss – von plötzlichem Schluckauf befallen – darauf hinzuweisen, dass er sich bloß wünsche, in Zukunft alle seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Dies sei sein erster Wunsch, und „auf die anderen zwei kommt es nun nicht mehr an, ich schenke sie Ihnen.“

An die Begebenheit denkt Jonas bald schon nicht mehr, dafür passieren merkwürdige Dinge. Chris, der jüngere der beiden sich im Kindergartenalter befindlichen Söhne, ist endlich ein Stück gewachsen, praktisch über Nacht und um ganze vier Zentimeter. Jonas' Aktien steigen täglich, was auch zur Folge hat, dass ihn Kollegen aus der Werbeagentur nach seiner Meinung fragen und Jonas endlich zu jemandem wird, der Antworten geben kann. Nebenher geht er wie gewohnt seinem geheimen Verhältnis mit Marie nach, die aus der gleichen tiefen Zuneigung heraus mit ihm ihren Ehepartner betrügt. Katastrophen passieren vor Jonas' Nase, rücken ihn für kurze Zeit in das Zentrum des öffentlichen Interesses, und eines Tages liegt seine Frau Helen tot in der Badewanne. Den Schock wird Jonas überstehen, gleichzeitig kippt sein Leben in eine surreale Wirklich­keit, in der Traumerleben, Märchen­haftigkeit und Katharsis immer mehr miteinander verschmelzen, bis sich Jonas den in aller Deutlichkeit auftauchenden Antworten auf seine Sinnfragen nicht mehr entziehen kann.


„Geben Sie Ihren Wünschen Zeit, sich zu entfalten“, lautete die Empfehlung des mysteriösen Unbekannten, was durchaus als Warnung verstanden werden sollte. Und: „Es geht nicht darum, was Sie wollen, sondern darum, was Sie sich wünschen.“ Sukzessive wird klar, dass das, was im Herzen gewünscht wird, in der Konsequenz seiner Erfüllung einen Horror von Begleit­umständen nach sich zieht. An all dem wächst Jonas, schält sich Kapitel für Kapitel aus seinem vagen Lebens­unterfangen und wird zuletzt buchstäblich zur biblischen Gestalt, an der die gigantische Umwälzung der herein­brechenden Sintflut den Zufall von Sein und Werden, von Irgendwann und Jetzt relativiert, Schulter an Schulter mit der Liebe seines Lebens, mit Marie.

Wer Die Arbeit der Nacht gelesen hat, wird sich über weite Strecken an die Entfremdung, die der gleichnamige Protagonist über vierhundert Seiten durchmachte, erinnert fühlen. Auch dort handelt es sich um eine Geschichte, welche vermehrt in die Kindheit zurückführt, zumindest in das, was die Erinnerung bereit ist, herzugeben. Hier nun begleitet der Autor erneut einen Sinnsuchenden, der zwar stets von Menschen umgeben, dennoch in sich allein ist und für den „Kindheit“, wie er erkennt, den Ort bedeutet, „an dem nichts auf mich wartet“. Fast könnte man behaupten, Das Leben der Wünsche sei so etwas wie ein Karma, dem Glavinic seinen literarischen Werdegang verschrieben hat. Ohne platten Deutungs­mustern zu verfallen, wirft der Autor die Frage nach Ursache und Wirkung auch auf der Ebene der Erzählung kunstvoll auf, und als Schöpfer hat er die Macht, seiner Figur gleichsam rätselhafte wie plausible Antworten zu liefern.

Auch formal passt sich die Geschichte stets dem Erleben an. Wie das Leben selbst bestehen zahlreiche Kapitel bloß aus einigen Sätzen, andere beanspruchen Raum und Zeit, wie die Sekunden, die dann beinahe festgefroren erscheinen. Was die komplexe Verdichtung betrifft, ist Glavinic zweifellos an einem Höhepunkt angelangt, wenn auch in einem Duktus, der insgesamt weniger Aufmerksamkeit auf sich zieht als seine bisherigen Romane. Im Mittelpunkt steht das Was, das Wie springt allenfalls hilfreich bei. Dem erneuten Zusammentreffen mit Marie etwa folgt ein Kapitel in indirekter Rede, wodurch Distanz vermittelt und schließlich überwunden wird. Anführungs­zeichen werden grundsätzlich ausgespart, was die Aus­sagen ihrer Unmit­tel­bar­keit enthebt und sie durch das Buch schweben lässt wie Jonas selbst, dem die Realität zunehmend zwischen den Fingern zerrinnt. Und doch erkennt er am Ende, was Glück für ihn bedeutet, wofür es sich lohnt, ein Leben, genau seines, gelebt zu haben.

Schließlich weiß auch der Leser, dass er das Buch wieder lesen wird, nicht zuletzt, um der Vielzahl der mehr oder weniger versteckten Bezüge in ihrer miteinander verknüpften Bedeutung gerecht werden zu können.

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Daniel Kindslehner    21.08.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Daniel Kindslehner