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Jayne-Ann Igel
lufttriebe
I  das eigene eiszeitliche ich …

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mittags der diffus bleibende eindruck, schon einmal so gelegen zu haben, zur selben stunde, im gleichen licht, doch in einem anderen raum, einer anderen zeit, leicht überhitzt, in vergleichbarer seelischer verfassung (obgleich gerade die am wenigsten bestimmbar) – es mußte in der mansarde gewesen sein, in der h.-straße, in der zeit, da ich ohne bezahlte arbeit, das studium aufgegeben hatte, in der gewißheit einer anzahl identischer tage, frühsommers, die aufeinander folgen würden, und nichts gewärtig war, das ihren ablauf verändern könnte (wenn ihnen auch eine latente hoffnung immanent, die hoffnung auf eine wende, eine wende in meinem geschick, in der gestalt eines sich unvermittelt einstellenden ereignisses, eines briefes beispielsweise, eines besuchs, das geeignet war, mich herauszuschieben aus diesem futteral anhaltender zeit, gleichlautender tage, in die eingebettet ich lag, im dahinwelken des tags, auf dem rücken, mit blick auf die zimmerdecke, die das von den möbeln reflektierte und gestreute sonnenlicht abermals streute und zerstäubte, ein glimmen erzeugte, in dem der tag draußen aufzugehen schien, in der eigenen hitze, in der er kulminierte, und die ich zu spüren glaubte, als schweiß auf meiner stirn, kondensat, das sich niedergeschlagen, in der mittagsstunde ... Und ich hatte das gefühl, daß meine vergangenheit grenzenlos wäre, grenzenlos wie die zeit, die in der tiefe des raums sich verlor oder diese tiefe selbst vorstellte, und ich in der gegenwärtigkeit dieses augenblicks der zukunft selbst enthoben wäre, einer zukunft, über die ich kaum noch spekulierte ...

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wieder in der enklave, in der mutter lebt, allein – hinterm block hat sie sich ein stück gartenland angelegt, auf der trockenwiese, gleich anderen mietern; wir sind früh auf, ich recke mich im garten, auch die nachbarn sind schon zugange, ich trage ein beigefarbenes t-shirt, die von nebenan etwas dunkles von undefinierbarer tönung, das, wie sie vielleicht meinen, ihrem alter und der morgenstunde angemessen ist; als ich mich recke und dehne, empfinde ich zufriedenheit: mit diesem ort, mit mir, dem leben; mutter zupft jeden morgen an den schwertlilien, diesen zwei gertenschlanken, die im abstand von fünf centimetern gepflanzt sind und deren orangefarbenen knospen zweiter generation sich an den stamm pressen – unseren nachbarn hatte sie schon wiederholt gefragt, wie oft die pflanzen beschnitten, vertrocknete rispen entfernt werden müssen: einmal im jahr hatte die auskunft gelautet, und nun macht das ganze einen zerschlissenen eindruck, weil sie es wieder und wieder vergessen hat; das lilienpaar haben die eltern zur silbernen hochzeit geschenkt bekommen, und vater hat dieses jubiläum nur um wochen überlebt: deshalb vergißt mutter immerzu, wann sie die lilien beschneiden soll, deshalb zerzaust sie sie wieder und wieder, als zauste sie ihr eigenes haar oder das ihres verlorenen gefährten ... Später wechseln wir ins haus, das teewasser, das mutter aufgesetzt hat, ist schon am zersieden, und ich fülle die terrakottakanne auf, bis zur tülle, wir werden den tee kaum ausschenken können, ohne etwas zu verschütten; ich blicke aus dem fenster, das nach westen geht, in die stille sonntägliche szenerie, auf den rasen, die gärten, das in der perspektive versinkende gelände der gärtnerei dahinter ... Mutter fragt mich nach der telefonnummer ihrer mutter, und ich habe den eindruck, daß das meine eigene ist

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die befürchtung, daß mutter verrückt geworden – die pamphlete, die sie auf den stufen vor unserem haus verfaßt, regelmäßig, in kauernder haltung, mit rostroter tinte, briefe, an eine frau x adressiert, eine frau jüngeren alters, die in der nachbarschaft lebt, papiere, gefaltet und in kuverts gesteckt, die ich anderntags in meiner post entdecke, zuunterst einer ungewöhnlich umfangreichen tagespost, deren gros allerdings werbedrucksachen ausmachen, die kataloge diverser versandhäuser – zuunterst, die ursprüngliche adresse mit rostroter tinte ausgestrichen, meine daneben gesetzt, in einer handschrift, die der mutters nahe kommt – mutter hockt wie immer auf der treppe und scheint mich aus dem augenwinkel heraus zu beobachten …

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auf der heimfahrt, bergan, plötzlich die vorstellung, es hätte mir die sprache verschlagen, die muttersprache, ein schock, eine verstörung oder gar erleuchtung, und ich vermöchte fließend nur noch polnisch zu sprechen, polnisch oder tschechisch, etwas, das ich bisher so nicht vermocht, und ich könnte nicht einmal mehr verstehen, was ich mir morgens auf deutsch notiert habe, kein einziges wort, mir fehlte jegliche sprachliche erinnerung, und dem polnisch oder tschechisch, dessen ich nun mächtig, eignete in der aussprache jener metallische, gleichbleibende ton von bahnhofsdurchsagen, ein ton, der mich als reisende oft verwirrt, in den kahlen nächtlichen hallen von warschau oder prag – ich vernahm wortgruppen, satzgebilde in diesem unmodulierten ton, den ganzen rückweg lang, durchsagen, die bedeuten mochten, den anschluß versäumt zu haben, oder daß der zug von einem anderen als dem angegebenen gleis abgehen würde, einem anderen bahnhof ...

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ich drehte runden um unsere zwei blocks, in der enklave, in der abenddämmerung, wie damals, ausgangs der schulzeit, als ich mir eingebildet hatte, eine gute läuferin werden zu können, auf langer strecke, und ich im abendlichen dunst runde um runde absolviert hatte, auf dem schotter, in einem dunst, der vom rauch der neu entfachten herdfeuer durchdrungen war und die kehle aufrauhte, wie die frostige luft – runde um runde drehte ich, und im gebüsch, das dem wäldchen in höhe unseres aufgangs vorgelagert ist, nahm ich eine verdichtung wahr, in der senkrechten, eine verdickung, zu der ich, wenn ich die stelle passierte, unwillkürlich blicken mußte; erst nach weiteren runden vermochte ich eine gestalt zu erkennen, in einem braunen jackett, eine person, die mich von anfang an beobachtet haben mußte und nun im begriff war, hervorzutreten aus dem gebüsch, in rehbraunem habit, der ummantelung ihrer gedanken, absichten, erklärungen ... Ich strebte der ausfahrt zu, unwiderbringlich (fraglich, ob ich noch hier wohnte), und jetzt schien die ganze finsternis gesättigt von dieser tönung des braun, die schattenwand, die vom waldgürtel gebildet wurde ...

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du wirst einen buckel bekommen warnten mutter vater staat, wenn ich gedankenverloren mit gekrümmten rücken am tisch oder in der schulbank hockte, nur für augenblicke; den buckel, unreparierbarer haltungsschaden, abonniert wie die zukunft, alte bucklige frauen, das bucklicht männlein wurden nicht als deren vertreter erachtet, man hielt den buckel hin und sich dabei gerade, und dennoch, meine wirbelsäule hatte von geburt an eine verkrümmung aufgewiesen, weshalb das kind sicherlich kaum belastbar war, das röntgenbild offerierte einen s-förmigen bogen, ein geradewegs schloß das aus, ebenso das rundlaufen, trotz übungen auf der stange, wöchentlich, das subjekt landete im gesundheitswesen, elfter dezember, folgerichtig ... Drück' die kniee durch, halt dich grade, da war nicht viel zu machen, stocksteif die konvention, einen stock ins hemd geschoben, rücklings, das verhalf zu einer angemessenen haltung, verstockt das kind wie es war, trotz allem, nicht zu gebrauchen, vielleicht weil der stock, der im rücken eingewachsen, ein krummer gewesen war, nicht mehr geradezubiegen, zu richten, wie diese geschichte, es hat sie krummgezogen, verbogen – sich verbiegen, so beteuerte mancher, wolle man nicht, obgleich das zumeist schon geschehen, ungewiß allerdings, in welcher stunde ... Haltungsschäden, frühzeitig diagnostiziert, man schloß aufs ganze, lauf- und sprechübungen, parallel betrieben (wie oft es beim orthopäden gesessen, das wort kannte es eher als den begriff orthographie, mit der es auch nicht viel besser bestellt gewesen), und sobald der vogel laut geben konnt', artikulierten, war es auch nicht das rechte, verkümmert irgendwie bewegungskostüm und nervenapparat, kümmerlich zumindest; wenn nur die grundparameter in ordnung und das ding leidlich funktionierte, sobald das antriebssystem richtig eingestellt war, unter den gegebenen umständen – das ding produzierte in der folge träume, träume von fahrten auf kanälen, blaugrauen fließgewässern, die ufer befestigt, es trieb in einem boot die kanäle hinab, wobei ein ende kaum abzusehen war, weil die gewässer sich wieder und wieder verzweigten, mitten in der stadt, oder in einem gelände, das stadtnah, eingedunkelt vom schattenlaub der bäume, die den lauf flankierten, wo es sich verirrte, und ab und an landete es an einem ufer an, einer seichten stelle, immer derselben, die böschung, eingerückt, im zementfarbenen streckverband – das ding war noch kaum zur sprache gekommen und doch der überzeugung, diese fahrten stellten erinnerungen dar ...

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drift durch den forst auf einem der fahrräder, die nummeriert, ich bevorzugte die 5. Das vertraute geräusch der kette, die ungeölt, ein quietschen, schleifen, das mich zurückversetzte in eine andere zeit, einen anderen zeitraum, an die küste der braunkohlentagebaue, der klang der eimerketten von fern, als wären es möwen, die über der abbruchkante schwebten, und ihre schreie appellationen an den fisch, tief unten, eingegraben im grunde, oder die artgenossen, das eigene eiszeitliche ich, das über der abbruchkante kreiste, stundenlang – plötzlich war wieder gegenwärtig, wofür sich dies' kreisen lohnte, in eigenartiger konsistenz, fiebrig, hart, der tag, der unter schichten von tagen lag, schwarz-braun, unter schichtungen grauer, bleierner tage, tage aus ton, die jeden klang, widerhall erstickt …

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Mittags der eindruck, in der elterlichen wohnung zu liegen, in der enklave, und auf dem sofa in meinem rücken der vater, während ich mit blick zum fenster hinaus, knapp über die tischkante (ins gelände, das grau .... und was diesen blick bislang gestört, war verschwunden, jene überbordende topfpflanze mit den kugelfrüchtchen, verlaust – ich meinte ihn grummeln zu hören, im halbschlaf, er habe sie entfernt) …

 

Jayne-Ann Igel  05.03.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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