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Anatolij Grinvald

Wozu braucht der Wagen das fünfte Bein oder
Perlenzeitalter der russischen Poesie


Mit einem Interview mit Konstantin Aleksandrowitsch Kedrow

Beitrag von Anatolij Grinvald – Übersetzung: Sergei Tenjatnikow.

Essay und Interview



Konstantin Aleksandrowitsch Kedrow 2009 (pd)

Prosaische Einleitung

Spricht ein Dichter über die Poesie, ist es in erster Linie die Selbst­reflexion. Wie jeder Mensch, wenn er über Probleme und Er­rungen­schaften der Menschheit spricht, identi­fiziert er sich entweder mit dem Objekt seiner Aus­führungen oder stellt sich dem entgegen. Derjenige Dichter, der sich dem literarischen Prozess allgemein oder in seinem eigenen Land entgegen­stellt, ist entweder ein Rebell oder ein Genie. Letzteres ist der Fall, wenn das Ergebnis seiner Computer­meditation ein Meiste­rwerk ist. Schaffung von Meisterwerken ist aber äußerst schwierig. Wenn man sich an den Schreibtisch mit solcher Absicht setzt, ist es nahezu utopisch eins zu schreiben. Da das Arbeits­material, d.h. Wörter, gewöhnlich ist, braucht man mehr als sie bloß schön zu ver­arbeiten. Das Spüren und Einfangen der Harmonie in sich selbst und in der Außenwelt ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem guten Text. Auf diese Art und Weise im Text einge­fangene Harmo­nie macht aber ein Kunst­werk nicht aus. Mit den Kunst­werken verhält es sich mehr als schwierig. Es ist katastrophal! In diesem Fall bin ich mit dem zeit­genös­sischen russischen Schrift­steller Andrej Gelasimow ein­ver­standen, dass es zehn bis zwanzig Bücher gibt, die man unbe­dingt gelesen haben sollte. Das seien die Kunstwerke, sagt er, alles andere sei einfach gute Literatur. Viel­leicht auch sehr gute Lite­ratur, aber eben keine Kunstwerke. Mit der Poesie verhält es sich im Gegen­satz zu Prosa etwas einfacher und übersicht­licher. Im Laufe des Lebens schafft ein guter Dichter ein Dutzend lyrischer Kunst­werke, aber keine Bücher. Es gibt natürlich Poesie in Prosa: Ein Text, der wie aus dem Ei gepellt ist. Man schmö­kert ihn und wird elektri­siert wie von der Lyrik. In der modernen rus­sischen Literatur gehören Neschnyj vosrast (dt. Das zarte Alter) von dem schon erwähn­ten Andrej Gelasimow und Gortensija (dt. Horten­sien) von Boris Rochlin zu solchen Texten. Dabei fällt es schwer eine Grenze zwischen Poesie und Prosa zu ziehen. Was ist dann die Poesie? Versuchen Sie eine Definition dieses Be­griffs zu finden: Schlagen Sie Brockhaus, Encyclopædia Britannica oder Academic American Encyclo­pedia nach. Gefunden? Ich bin verwundert, wenn das so ist. Ich bin aber noch mehr erstaunt, wenn Sie an diesen Definitionen Gefallen gefunden haben. Wenn das nicht der Fall ist, schlage ich Ihnen meine eigene Definition vor: Die Poesie ist die Konzentrierung und Übertragung der positiven Energie (Energie plus) von Mensch zu Mensch, die in einem äußerst knappen Text zum Ausdruck gebracht wird, d.h. sie benutzt eine Vielzahl der assoziativen Zeichen (Entscheidungen). Es ist nicht schlimm, wenn diese Definition Ihnen auch nicht gefallen hat. Ich bean­spruche weder die absolute Wahrheit noch möchte ich damit in die Geschich­te eingehen. Das Einzige, was ich möchte, dass nach­dem meine Oma diesen Text heute gelesen hat, sie mir vor 25 Jahren einen chinesischen Tisch­tennis­schläger kaufen werde. Es gab damals gute Tisch­tennis­schläger für nur 15 Rubel auf dem Schwarz­markt: Eine Seite war grün und die andere rot. Und dann werde ich ein Sportler und kein Schrift­steller.

Der himbeerrote Sakko1 für den Dissidenten
Goldkette für den Dichter

Der sowjetische Dichter Jewgeni Jewtuschenko prägte ein geflügeltes Wort: Ein Poet in Russ­land ist mehr als ein Poet. Und gewisser­maßen entsprach das der sowjeti­schen Realität. Es gab einen eigen­artigen Poesiekult. Dichter traten in Stadien auf. Sie wurden auf offener Straße erkannt. Zwar waren nicht alle berühmt, aber immerhin man kannte sie. Dieser Poesiekult wurde vom Staat gefördert. Der Staat brauchte Hymnen: Eine kulturelle Bestätigung seiner Existenz sozusagen. Sogar die kleinen, aber zupackenden Dichter lebten damals auskömmlich, wenn sie sich nicht in Positur gegenüber dem Staat warfen und somit Dissidenten wurden. Die Dichter besaßen Wohnungen, Datschen, Autos, all die Symbole der sowjetischen High Society. Für all das mussten sie nicht einmal den Sozialismus und seine Führer verherrlichen. Es reichte zwei oder drei systemkonforme Texte zu schreiben, damit der Gedichtband veröffentlicht werden konnte. Diese Texte wurden als Dampfloks bezeichnet, weil sie das ganze Buch wie Waggons gezogen haben. Das war eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite gab es Dissidenten. Sie besaßen nichts außer Schulden, Ruhm im Freundeskreis und eine Akte beim KGB-Oberst. Man hatte die Wahl: Erfolgreich, aber etwas beschmutzt zu sein oder sich sein Leben lang von den Nudeln zu ernähren, aber das Talent nicht zu verkaufen. Der Staat stellte einerseits die Poesie und den Dichter auf das höchste Postament, andererseits erschienen Dichter dem Staat gefährlich, wenn sie nämlich ihr russisches Lieblingsspiel Der Dichter und der Zar spielen wollten. Aus diesem Grund flirte der Staat mit den Dichtern und behandelte sie zeitweilig behutsam. Der Dichter wurde zu einem Mittler zwischen Himmel und Erde, der die zarte Energie des Himmels empfangen kann, und die Poesie wurde zu einer universellen russischen Religion, zu der sich hin und wieder Millionen bekennen. Die Welt rettet doch die Schönheit, nicht wahr?

Und sie dreht sich doch!

Man kann die moderne russische Poesie in mehrere Bereiche aufteilen: Zum Ersten sind das die so genannten dicken Zeit­schriften, die als halbamtlich aufgrund ihrer Subven­tionierung durch staatliche Institutionen gelten. Der Zugang zu diesen Zeit­schriften ist eingeschränkt. Das Talent für eine eventuelle Publikation spielt keine große Rolle und ist eher zum Nachteil für den Schreibenden. Bevorzugt werden gute, nach den bewährten Regeln zugeschnittene Texte mittleren Niveaus. Wie der bekannte russische Dichter Kons­tantin Kedrow sagt, diese Menschen würden Angst vor allen Erscheinungen der leben­digen Poesie haben. Um in diesen Zeitschriften publizieren zu können, muss man gute Beziehungen haben und sich in der Szene verkehren. Wenn ich eine Auswahl von Gedichten aus diesen Zeitschriften lese, habe ich das Gefühl, dass diese Texte von einem und demselben Autor verfasst worden sind. Vielleicht mag er ein Absolvent des Literatur­insti­tuts sein, aber seine Weltsicht und literarische Fähigkeiten sind offen­sichtlich beschränkt. Etwas Außergewöhnliches in diesen Zeitschriften zu lesen ist eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die dicken Zeitschriften bekommen ein Stück vom Budget­kuchen und das erklärt so manches.

Zum Zweiten gibt es das Projekt Wawilon (dt. Babylon), das sich als der Bote der jungen Literatur bezeichnet. Dieses inter­essante und bekannte Projekt publiziert junge und nicht ganz mehr so junge Autoren. Was die Jungen betrifft, scheint hier alles nicht so glatt zu laufen. Wie auch im Falle der dicken Zeitschriften entsteht der Eindruck, dass fast alle Texte von einer Person mit einer homosexuellen Identität und einer Vorliebe zum Freien Vers stammen. Das lässt sich nur mit der Mode erklären.


Zum Dritten gibt es die so genannte Fergana-Schule in Mittelasien. Finanzielle Möglichkeiten von Fergana-Schule sind nicht so groß wie z. B. die von Wawilon. Sie ist zahlenmäßig eher klein, aber sie zeichnet sich durch hohe künstlerische Qualität aus. Einige der Dichter der Fergana-Schule publizieren ebenfalls bei Wawilon.

Zum Vierten gibt es die DOOS, das sich zu Deutsch als Freiwillige Gesellschaft zum Schutz der Libellen entziffern lässt. Wie das klingt! Die DOOS gehört in die Nische der Andersdenkenden in der russischen Poesie und hat eine Vielzahl an inter­es­santen Dichtern zu bieten. Entscheidend für das Auswahlkriterium der Zeitschrift, die monatlich von der DOOS herausgegeben wird, ist die Qualität der Texte. Über die DOOS und seinen Ideengeber werde ich unten ausführlich erzählen.

Zum Fünften gibt es zahlreiche Anthologien und Jahrbücher. Sie werden fast in jeder russischen Großstadt heraus­gegeben, wo es Handvoll Dichter gibt. Hier gibt es lokale Genies, eigene Petrarcas mit ihren Lauras.

Und endlich, zum Sechsten gibt es Poesie im Inter­net oder mit anderen Worten – die Netzpoesie. Dieses Phänomen scheint mir am interessantesten zu sein. Ich weiß nicht, wie die Diskussion in den dicken Zeitschriften zu Ende gegangen ist, ob es die Netzpoesie gibt, und wenn doch, was ist das? Vielleicht streiten sie sich immer noch darüber. Diese dicken Zeitschriften, deren Auflagen selten über fünf Tausend Exemplare liegen, wollen entscheiden, ob es Dutzende Tausend Autoren und Dichter im Netz wirklich gibt. Ist das nicht zum Lachen? Nein, sie meinen das ernst! Sie sind besorgt! Besorgt vor allem darüber, dass ein Dichter mittleren Niveaus zwanzig bis dreißig Tausend Leser in einem halben Jahr anziehen kann. Es gibt Autoren im Netz, deren Leserschaft bis zu einer Million beträgt. Ein begabter Autor schafft hundert bis zwei hundert Tausend Leser zu gewinnen. Natürlich gibt es im Netz sehr viel Grapho­manie bzw. Dichte­ritis, aber Vieles ist ausge­sprochen gut. Es gibt Internetseiten, die jedem regis­trierten Nutzer erlauben, Texte nach seinem Belieben zu publizieren und zu löschen. Die anderen Seiten beschäftigen Redaktions­kollegien.

Ich kenne dutzende Dichter, die ihren Schaffensweg im Netz angefangen haben. Das Netz ist ein Labora­torium zur Selbst­vervoll­kommnung. Das gleicht dem Meer, in dem man taucht und nach Perlen sucht. Und ich finde, dass diese Metapher des Perlentauchens vortrefflich die Situation in der modernen russischen Poesie beschreibt. Aus dem Grund schließe ich mich einer der Netz­dichte­rinnen an, die die moderne Zeit, in Anlehnung an Goldenes und Silbernes Zeitalter der russischen Literatur­geschichte, als Perlen­zeitalter bezeichnete.

Es gab auch andere Versuche diesem Blühen der russischen Poesie einen Namen wie Platin- oder Eisernes Zeit­alter zu geben. Ich erhebe keinen Anspruch, dass sich das Perlen­zeitalter durchsetzt. Das Einzige, was ich will, dass das Mädchen, dem ich einen Zettel mit den Worten Ich liebe dich in der neunten Klasse zugesandt habe, nachdem es heute diesen Essay gelesen hat, zu mir vor 23 Jahren wohlwollender sein wird. Und ich werde ein eifriger Familien­vater und kein Schrift­steller.

Im Rahmen des Projekts oder
ein Interview mit Konstantin Aleksandrowitsch Kedrow

Interviewer: Sehr geehrter Konstantin, als Sie im Jahr 2004 für den Nobelpreis nominiert wurden, haben Sie in Ihrem Interview gesagt, dass die russischen Literatur­zeit­schriften Angst vor allen Erschei­nungen der leben­digen Poesie haben. Sie haben von der ästhe­tischen Diktatur der Sowjet­zeit gespro­chen, die den Geschmack dieser Menschen geformt hat. Hat sich aus Ihrer Sicht etwas verändert in letzter Zeit?

Konstantin Kedrow: Die Situation hat sich nur verschlimmert. Nach wie vor geben die Redakteure Tschuprinin und Natalja Iwanowa aus der Zeitschrift Znamja den Ton an. Sie hassen alles, was über die Grenzen der sowje­tischen Ästhetik hinaus­geht. Sie vergeben nun die Preise in der Regel für Konser­vatismus und Geist­losigkeit. Ihr Geschmack bestimmt Realismus und nur Realismus. Barmetowa aus der Zeitschrift Oktjabr und Wasilevskij aus Novyj Mir (ich kann mich noch heute an diesen wegen seiner Unschein­barkeit bemer­kens­werten Studenten erinnern) unter­scheiden sich von den ersten beiden nicht viel. Man kann eine dicke Lite­ratur­zeit­schrift von der anderen nicht unter­scheiden. Es sind die­selben sowje­tischen Gedichte mit dem einzigen Unter­schied, dass das Wort Partei mit Gott ersetzt wurde.

Interviewer: Das klingt paradox, aber zu der gleichen Zeit vor sieben Jahren haben Sie vom Blühen der modernen russischen Poesie gesprochen. Sind Sie immer noch in dieser Frage so opti­mistisch? Und wenn ja, welche Rolle spielt das Internet für die moderne Literatur?

Konstantin Kedrow: Das Internet ist die einzige Lichtquelle im Dunkeln, aber zugleich dunkelt es da vor Dichteritis. Für mich persönlich bleibt das Internet das Fenster in die Welt für meine Poesie. Wenn auch meine Poesie von offi­ziellen Lite­ratur­zeitschriften verschwie­gen und ausge­stoßen wird, pfeife ich darauf. Schurnal POetow (dt. Zeit­schrift der Dichter) erscheint jetzt monatlich im Internet. Natürlich entstand nach dem Tod Parschtschi­kows und Wosnes­sens­kis eine Leere. Die beiden kann man nicht ersetzen. Aber es gibt genug Geniales: Sound-Poesie von Sergej Birjukov, Palin­dronawtik von Elena Kazjuba, dadaistischer Post­moder­nismus von Wituch­nowskaja, uner­warteter Ausbruch des feinsten Scharf­sinns von Kirill Kowal'dschi. Es gibt zweifellos einen Auf­schwung, obwohl die Poesie offiziell ganz andere Auto­ren vertreten, die den Lite­ratur­funk­tionären verständlich und nah sind.

Interviewer: Ihr Schurnal POetow erscheint jetzt als Magazin. Worin sehen Sie als Redakteur Ihre Aufgabe? Sind Sie in Opposition zu offi­zieller Literatur? Und für wen ist Ihr Magazin offen?

Konstantin Kedrow: Das Magazin hat keine Leitlinie. Ich pfeife auf die dicken Zeitschriften, die im Staatshaushalt wie die Maden im Speck sitzen. Ich habe sie zu Sowjet­zeiten nicht gelesen und auch jetzt sehe ich sie nur, wenn jemand mir sie mit Gewalt unter die Nase hält. Ich bin keine Opposition, sondern die Wir-Position! Ganz nach dem Prinzip der Thelema-Bruder­schaft von Rabelais: Jeder macht das, was er will oder anders gesagt:

Die Erde flog der
Schwerkraft folgend und der
Schmetterling flog wie er
wollte2


Zu uns fliegen Schmetterlinge und Libellen aus der ganzen Welt von den USA bis zu Mongolei, von der Provinz bis zu den Hauptstädten. Das Magazin ist offen für alle Autoren, die einen eigenen Stil haben und nicht mit ausgestreckter Zunge aus den Lehrbüchern abschreiben.

Interviewer: Konstantin Aleksandrowitsch, Sie haben Ihre eigene Dichterbiographie geschaffen und das trotz oder vielleicht gerade deswegen, dass Sie immer gegen den Strom geschwommen sind. Können Sie die Entstehungsgeschichte von Metametapher erzählen und den Begriff selbst ausführlich beschreiben? Er scheint mir etwas wage definiert zu sein. Oder kann man die Metametapher mit den Worten nicht beschreiben? Ist sie einfach im Gefühl?

Konstantin Kedrow: Die Metametapher erlaubt ein ganz anderes Bild von der Welt zu schaffen. Das Äußere und das Innere sind hier relativ und gegenseitig austauschbar:

Mensch ist die Kehrseite des Himmels
Himmel ist die Kehrseite des Menschen3


Solches kosmische Umstülpen ist mir von der Natur aus eigen. Schon mit fünfzehn Jahren habe ich geschrieben:

Ich kam zu mir
durch-entgegen-von
Und ich ging UNTER
Errichtet UBER4


Das kann man zu meiner ersten Metametapher zählen. Auf der Sinnes- und Tonebene ist das ein Anagramm. Zum Beispiel SWET (dt. Licht) beim Umstülpen wird zu WEST' (dt. Nachricht). Oder die Worter funktionieren nach dem Matrjoschka-Prinzip:

NEBES POKOJ (dt. Ruhe des Himmels),
NEBESPOKOJ (dt. nicht störe)


Das ist aber noch nicht alles: Die Metametapher ist die Amphora des neuen Sinns. Zum Beispiel enthält mein Gedicht Der Apfel die Poincare-Vermutung, die der russische Mathematiker Grigori Perelman 2002 bewiesen hat.

Der Apfel, der Adam ausgekostet hat,
enthalt in sich den Baum.
Und der Baum, der Adam ausgekostet hat,
tragt bittere Frucht, die Adam
ausgekostet hat. Der Wurm, der sich mit dem Leibe wand
auf die Innenseite seines Gewands,
enthalt in sich den Apfel und den Baum.5


Das ist ohne Zweifel eine Metametapher. Die Metametapher ist eine Litotes in einer Hyperbel und eine Hyperbel in einer Litotes gleichzeitig. Aus dem Grund kann man hier keine tradi­tionelle Termi­no­logie anwenden. Manchmal gehoren allgemeine mathe­mati­sche Formeln zu Meta­metaphern. Zum Beispiel E=MC. Wenn wir uns in die Formeln emotional hinein­leben könnten, würden sie fur uns zu den Meta­metaphern werden. Sie haben durchaus Recht, der Sinn der Meta­metapher ist uner­schöpflich.

Interviewer: Es wird bestimmt schwer sein Ihr Wortspiel und poetisches Jonglieren ins Deutsche zu übertragen. Aber gehen wir zu etwas anderem über: Heutige Farb­losig­keit der offiziellen Literatur ist wahr­schein­lich durch politische Situation bedingt. Wann war es für Sie einfacher gegen den Strom zu schwimmen, zu Breschnew-Zeiten, als der Protest zu einem Helden machte, oder heute? Denn man kann heute sehr leicht in geschmack­losem Stimmen­gewitter untergehen.

Konstantin Kedrow: Die Henker und die Wachleute von der Literatur sind die­selben in den dicken Lite­ratur­zeit­schriften geblie­ben, aber die Situation hat sich radikal verändert. Schurnal POetov konnte damals unter keinen Umständen erscheinen. Ich werde heute verschwiegen, und damals wurde ich zu all dem noch verleumdet und dreißig Jahre lang NICHT VERÖFFENT­LICHT! Und das ist eine schreck­liche Folter für einen Dichter. Ich erzähle heute das, was ich schon vor dreißig Jahre entdeckt und geschaffen habe. Wahr­schein­lich gab es keinen ver­gleich­ba­ren Fall in der russischen Literaturgeschichte. Viele verstehen nicht die Tragik meiner Dichter­gene­ration: Gubanow, Chwostenko, Birjukov, Kazjuba ... Ich könnte noch ein Dutzend Namen nennen. Wir wurden in die Poesie nicht rein gelassen. Und als die Freiheit kam, da hatten alle plötzlich ganz andere Sorgen! Jetzt wendet sich alles zum Besseren, wenn auch sehr langsam. Das Interesse am Schurnal POetov steigt stetig. Die offizielle Poesie ist immer farblos! Aber ich hatte, habe und will damit nichts zu tun haben.

Interviewer: Wenn Sie die nächste Frage etwas indiskret finden, dann müssen Sie sie nicht beantworten. Sie wurden dreißig Jahre nicht veröffentlicht. Anderer­seits war Andrej Wosnessenski Ihr Freund. Warum konnte er Ihnen nicht helfen, Ihre Texte zu publizieren.

Konstantin Kedrow: Ich habe Andrej Wosnessenski im Jahr 1984 kennengelernt. Er hat mich, Parschtschikow und Swiblowa auf seine Datsche eingeladen. Wir haben uns aber erst 1988 wirklich genähert, als wir einen Literatur­abend Keine­schweige­minute im Palast der Jugend veranstaltet haben, wo erstmals die Under­ground-Dichter Sapgir, Cholin, Aigi, Parschtschikow, Kutik und Eremenko aufgetreten sind. Wosnessenski konnte mir nicht helfen. Er war selbst halblegal. Zum Beispiel, um über Wosnessenski in der Literaturnaja Gazeta schreiben zu können, musste die Redaktion das Zentral­komitee um Erlaubnis bitten. Gleichzeitig wurde er von Kritikern wie Latynina stark beschimpft. Seine Bücher konnte man nur in der tiefsten Provinz kaufen, in den Groß­städten wurden sie auf dem Schwarz­markt gehandelt. Wir sind in den 90er Jahren richtige Freunde geworden, nachdem er aus den USA zurück­gekommen war. Wir sind seit 1995 in allen Heften Schurnal POetov zusammen­erschie­nen und haben unzählige Literatur­abende veranstaltet. Er hat mir wunder­bare Gedichte Demon­stration der Zunge und Ätherische Stanzen gewidmet. Und aus Indien unter dem Buddha-Baum diktierte er mir per Telefon: Es kommt Lada CREDOVA/ Constanta CEDROVA.

Interviewer: Welche Auswirkungen hatte Ihre adlige Abstammung auf Ihr Leben?

Konstantin Kedrow: Als ich im Jahr 1952 zehn Jahre alt war, kehrte Maria Fedorowna, die Schwester meiner Großmutter Sofia Fedorowna Tschelischtschewa, aus dem Lager zurück. Sie hat mir erzählt, dass die ganze Familie 1918 laut Lenins persönlichem Befehl aus ihrem Landgut Dubrowka bei Kaluga vertrieben wurde. Ich war vor einem Monat dort. Es sind das Hausfundament und sechs Linden, die mein Großvater 1907 gepflanzt hat, erhalten geblieben. Ich sah blühende verwahrlose Gärten und viele Hektar Wald. Das alles hat er gepflanzt. Ich habe mit der Urenkelin seiner Gärt­nerin gesprochen. Meine Mutter hat versucht auf jede Weise ihre adlige Abstammung zu verheim­lichen, aber als Maria Fedorowna aus dem Lager zurück­kehrte, konnte sie das nicht mehr ver­bergen. 1957 habe ich eine Postkarte aus Italien von Pawel Tschelisch­tschew, dem jüngeren Bruder meiner Großmutter, bekommen. Ich denke, dass der KGB mich unter dem Namen Förster geführt hat, weil mein Großvater in der Forst­wirt­schaft tätig war. Anfang der 70-er Jahre habe ich Pawels Gemälde geerbt. Als der KGB das Berufs­verbot über mich verhängte und ich nicht mehr unterrichten durfte, sah ich mich gezwungen die Bilder zu verkaufen. Jetzt hängen sie in der Galerie Unsere Maler in Borki bei Moskau und sind viel Geld wert. Ich schließe nicht aus, dass die KGB-Mitarbeiter mich wegen meiner adligen Ab­stammung mütter­licher­seits verfolgt haben, aber auch jüdische Ab­stammung meines Vaters gab ihnen keine Ruhe. Mein Vater Alexander Berdit­schevski war übrigens ein Schüler von dem berühmten russi­schen Regisseur und Schau­spieler Wsewolod Meiergold. Ich erfuhr das an seinem sechszigsten Geburts­tag, als er ein Tele­gramm von Igor Ilinski bekommen hat: Wir erinnern uns an unseren begabten, gutmütigen und humorvollen Sascha! Und das wurde bis 1965 geheim gehalten. Nun so verging mein Leben und das Leben meiner Eltern im Verborgenen, man kann sagen in der Illegalität.

Computer der Liebe6 (Das Manifest der Metametapher)

Himmel ist die Höhe des Blickes
Blick ist die Tiefe des Himmels

Schmerz ist die Berührung Gottes
Gott ist die Berührung des Schmerzes

Atemstoß ist die Tiefe des Atemzuges
Atemzug ist die Höhe des Atemstoßes

Licht ist die Stimme der Stille
Stille ist die Stimme des Lichts
Finsternis ist der Schrei des Leuchtens
Leuchten ist die Stille der Finsternis
Regenbogen ist die Freude des Lichts

Gedanke ist die Stummheit der Seele
Seele ist die Blöße des Gedankens

Licht ist die Tiefe des Wissens
Wissen ist die Höhe des Lichts

Pferd ist das Tier des Raumes
Katze ist das Tier der Zeit
Zeit ist der zusammengerollte Raum
Raum ist das ausgerollte Pferd

Katzen sind die Kater des Raumes
Raum ist die Zeit der Kater

Sonne ist der Körper des Mondes
Körper ist der Mond der Liebe
Dampfschiff ist die eiserne Welle
Wasser ist das Dampfschiff der Welle

Trauer ist die Leere des Raums
Freude ist die Fülle der Zeit
Zeit ist die Trauer des Raums
Raum ist die Fülle der Zeit

Mensch ist die Kehrseite des Himmels
Himmel ist die Kehrseite des Menschen

Berührung ist die Grenze des Kusses
Kuss ist die Grenzenlosigkeit der Berührung

Frau ist das Innere des Himmels
Mann ist der Himmel des Inneren
Frau ist der Raum des Mannes
Zeit der Frau ist der Raum des Mannes

Liebe ist der Hauch der Ewigkeit
ewiges Leben ist der Augenblick der Liebe

Schiff ist der Computer des Gedächtnisses
Gedächtnis ist das Schiff des Computers

Meer ist der Raum des Mondes
Raum ist das Meer des Mondes

Sonne ist der Mond des Raumes
Mond ist die Zeit der Sonne
Raum ist die Sonne des Mondes
Zeit ist der Mond des Raumes
Sonne ist der Raum der Zeit
Sterne sind die Stimmen der Nacht
Stimmen sind die Sterne des Tages

Schiff ist die Anlegestelle des ganzen Ozeans
Ozean ist die Anlegestelle des ganzen Schiffes

Haut ist die Zeichnung der Sternbilder
Sternbilder sind die Zeichnung der Haut

Christus ist die Sonne Buddhas
Buddha ist der Mond Christi

Zeit der Sonne wird mit dem Mond des Raumes gemessen
Raum des Mondes ist die Zeit der Sonne

Horizont ist die Breite des Blicks
Blick ist die Tiefe des Horizonts
Höhe ist die Grenze der Sehkraft

Prostituierte ist die Braut der Zeit
Zeit ist die Prostituierte des Raumes

Hand ist das Boot für die Braut
Braut ist das Boot für die Hand

Kamel ist das Schiff der Wüste
Wüste ist das Schiff des Kamels

Liebe ist die Unvermeidlichkeit der Ewigkeit
Ewigkeit ist die Unvermeidlichkeit der Liebe

Schönheit ist der Hass des Todes
Hass auf den Tod ist Schönheit

Sternbild Orion ist das Schwert der Liebe
Liebe ist das Schwert des Sternbildes Orion

der Kleine Bär ist der Raum des Großen Bären
der Große Bär ist die Zeit des Kleinen Bären

Polarstern ist der Punkt des Blicks
Blick ist die Breite des Himmels
Himmel ist die Höhe des Blicks
Gedanke ist die Tiefe der Nacht
Nacht ist die Breite des Gedankens

Milchstraße ist der Weg zum Mond
Mond ist die ausgerollte Milchstraße
jeder Stern ist Wonne
Wonne ist jeder Stern

Raum zwischen den Sternen ist die Zeit ohne Liebe
Liebe ist die mit Sternen gefüllte Zeit
Zeit ist der reinste Stern der Liebe
Menschen sind interstellare Brücken
Brücken sind interstellare Menschen

Leidenschaft zur Verschmelzung ist der Überflug
Flug ist die verlängerte Verschmelzung
Verschmelzung ist der Anstoß zum Flug
Stimme ist der Wurf zueinander
Angst ist das Ende der Lebenslinie
Unverständnis ist das Weinen um den Freund
Freund ist das Verständnis des Weinens

Entfernung zwischen Menschen füllen die Sterne aus
Entfernung zwischen Sternen füllen die Menschen aus

Liebe ist die Lichtgeschwindigkeit
umgekehrt proportional der Entfernung zwischen uns
Entfernung zwischen uns
umgekehrt proportional der Lichtgeschwindigkeit ist
die Liebe



Übersetzt aus dem Russischen von Sergej Tenjatnikow,
Dichter und Übersetzer, Leipzig, Januar 2011

________________________
1Der himbeerrote Sakko galt als ein Symbol der Neuen Russen (vgl. Parvenüs), die als eine neue soziale Schicht in Russland nach der Pere­stroika in Erschei­nung traten. Die allgemein als billig und geschmacklos geltende, aber gleich­zeitig aggres­siv wirkende Mode der himbeer­roten Sakkos wurde schnell zur Farce und somit zum Klischee für eine unkultivierte und ungebildete, aber schnell zu Reichtum gekommene Person.

2Rus.: Земля летела/ по законам тела/ а бабочка летела/ как хотела von Konstantin Kedrow ubersetzt von Sergej Tenjatnikow

3Rus.: Человек-это изнанка неба/ Небо-это изнанка человека von Konstantin Kedrow übersetzt von Sergej Tenjatnikow

4Rus.: Я вышел к себе/ через-навстречу-от/ И ушел ПОД/ Воздвигая НАД von Konstantin Kedrow übersetzt von Sergej Tenjatnikow

5Rus.: То яблоко вкусившее Адама/ теперь внутри себя содержит древо/ А дерево вкусившее Адама/ Горчит плодами -их вкусил Адам…/ ЧЕРВЬ вывернувшись наизнанку ЧРЕВОМ/ в себя вмещает яблоко и древо (1980) von Konstantin Kedrow übersetzt von Sergej Tenjatnikow

6Rus.: Компьютер любви (1984) von Konstantin Kedrow übersetzt von Sergej Tenjatnikow



Anatolij Grinvald    09.06.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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