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Mir war immer sehr wichtig, unabhängig zu sein

Eva Demski im Gespräch mit Angela Kreuz
Eva Demski wurde 1944 in Regensburg geboren. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Frankfurt am Main. Sie erhielt unter anderem den Preis der Klagenfurter Jury, war Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim und hatte die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel inne. Neben mehreren Romanen verfasste sie Erzählungen und Essays und brachte Reiseführer und Bildbände heraus. 2006 erschien im Suhrkamp Verlag der Roman Das siamesische Dorf.
Angela Kreuz: Es gibt viele Schriftsteller, bei denen man weiß, was als nächstes kommt. Das ist bei Dir überhaupt nicht der Fall. Über zwanzig Bücher sind von Dir erschienen, in ganz unterschiedlichen Sparten. Du hast Romane geschrieben wie Goldkind und Scheintod, Essays, Mama Donau, Bildbände, Die Katzen von Montmartre, Reiseführer und Reiseberichte, bis hin zu Zettelchens Traum, die Frankfurter Poetikvorlesungen. Das letzte war ein Krimi, Das siamesische Dorf.

Eva Demski: Ja, auch.

A. Kreuz: Ich will Deinen letzten Roman nicht auf einen Krimi reduzieren, nur um dieses große Spektrum anzusprechen. Wie reagieren Deine LeserInnen darauf?

E. Demski: Die Leser reagieren darauf gut. Wer das nicht mag, ist der Betrieb. Man wird mich immer erkennen: Egal, was ich mache, es bleibt ja meine Sprache. Der Leser kennt meinen Sound, ganz gleich, ob er ein Katzenbuch oder einen Krimi liest, ein Stück, ein Gedicht (wobei ich die Gedichte ja nicht herausrücke) oder sonst was – das bin ich. Das heißt, ich verkleide mich nicht, mich interessieren nur viele verschiedene Sachen. Hierzulande mag man es nicht, wenn jemand sich für vieles interessiert. Dem Betrieb wär's am liebsten gewesen, wenn ich Scheintod zwanzigmal geschrieben hätte. Da mich Wiederholung aber langweilt, lass ich sie bleiben.
    Neulich hat eine Moderatorin auf einem Literaturfestival gesagt, ich würde die Erwartungen meiner Umgebung immer souverän enttäuschen. Das war mir nicht unrecht. Sie hat das allerdings wohl nicht so nett gemeint, wie ich es empfunden habe! Ich glaube auch nicht, dass ich mich jetzt noch festlegen lassen würde. Ich habe halt den Weg eingeschlagen, in vielen Revieren zu wildern, ohne mich selber zu verraten. Was mir bleibt, ist die Sprache und die Art des Guckens und der Gegenstände, auf die ich gucke, denen ich mich widme oder denen ich mich unterwerfe, das kommt manchmal vor, das kann sehr unterschiedlich sein. Das will ich auch so.

Eva Demski | Das siamesische Dorf
Eva Demski
Das siamesische Dorf
Roman
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A. Kreuz: Es ist die unverkennbare Stimme.

E. Demski: Die Stimme soll man hören und kennen und erkennen. Da funktioniert allerdings nicht, wenn Bücher gemacht werden, wie es oft geschieht und auch oft erfolgreich ist: Dass sie aus Versatzstücken der aktuell interessanten Bereiche und Themen zusammengesetzt sind. Ich kann mich erinnern, ein Kollege, der vor einigen Jahren ein sehr gut verkauftes Buch geschrieben hatte, hat mir gesagt, er hätte die Themen in den Computer eingegeben: Frauen, Katzen, Mord. Und daraus hätte er dann sein Rezept gemacht. Das hat sich für ihn auch bewährt, das kann man nicht anders sagen. Für mich ist das zu synthetisch. Der Markt hat es aber gern, wenn man synthetisch arbeitet.

A. Kreuz: Du magst nicht bedienen, keine Erwartungen bedienen.

E. Demski: Nein, ich freue mich, wenn die Leser mir folgen, auch auf Neben- und Umwege. Es ist ja in den Jahren auch eine Art Vertrauen entstanden. Die Leser wissen, wenn ich sage, ich mache ein Venedig-Buch, wird es ein bisschen anders aussehen als die sieben Millionen Venedig-Bücher, die es schon gibt. Mich hat immer gereizt, mich Gegenständen zu nähern, denen sich schon ganz viele Leute vorher genähert haben, weil ich immer die Puppe in der Puppe sehe. Mir ist vieles auch zu einfach gemacht. Es gibt so wunderbare Themen, wo ich mich grün und schwarz ärgern kann, wenn jemand nur über das Thema schleckt und sich nicht wirklich reingräbt. Und da sehe ich gar nicht ein, warum man sich dann schöne Themen aussparen soll, nur weil irgendein Siebengescheiter sagt, ach, das gibt’s schon zu oft. Oder warum man sich auf Themen einlassen soll, von denen behauptet wird, die würden jetzt gerade gerne gelesen. Ich könnte zum Beispiel jedes Jahr ein Katzenbuch machen, das wäre dem so genannten Betrieb ganz recht. Ich habe aber schon seit Jahrzehnten keins mehr gemacht.

A. Kreuz: Darf man fragen, was als nächstes kommt?

E. Demski: Ja. Zwei Baustellen, zwei große Baustellen. Das eine ist das Bemelmans-Stück, das ist die Dramatisierung von An der schönen blauen Donau von Ludwig Bemelmans für das Regensburger Theater, womit ich sozusagen in der Schlusskurve liege. Ich muss jetzt nur noch Regensburg in die Luft sprengen, das fällt mir ein bisschen schwer. Da arbeite ich hart dran. Und wenn ich damit fertig bin, habe ich mit was anderem schon angefangen, wovon es auch 15 Millionen gibt, aber ich denke, es wird ganz anders, und das wird ein Gartenbuch.

Eva Demski | Mama Donau
Eva Demski
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A. Kreuz: Du bist in einer Theaterfamilie aufgewachsen. Dein Vater war Bühnenbildner, da hast Du schon ganz früh Theaterluft geatmet und Dich sehr intensiv mit Theater auseinandergesetzt. Ist es Dein erstes Theaterstück, das Du schreibst?

E. Demski: Ja.

A. Kreuz: Warum kommst Du gerade jetzt zum Theater?

E. Demski: Man hat mich gebeten. Ich wollte nie fürs Theater arbeiten, weil ich ein Kontroll-Freak bin und weil mir der Gedanke, ich muss was von mir aus der Hand geben (und ganz viele andere Leute nehmen mir das dann weg und machen ihres draus) – mir immer unangenehm war. Zumal man im Theater der heutigen Zeit die Stücke oft wirklich auch mit aller Mühe nicht wiedererkennen kann. Aber ich hab hier doch sehr viel Vertrauen, und der Wunsch nach einer Dramatisierung des Bemelmansromans traf eigentlich vielleicht genau auf meine Neugier: Kann ich das nicht eigentlich auch? Dieses szenische Denken, das Denken in Bildern auf der Bühne – nicht in filmischen Bildern, das hab ich ja schon gemacht – sondern in Bühnen-Bildern, um zu meinem Ursprung zurückzukommen, das hat mich schon sehr gereizt. Und ich denke auch, dass es klappt, dass ich das kann. Denn man kann den Roman ja nicht eins zu eins in Dialoge hacken und dann hintereinander schreiben. Das funktioniert natürlich nicht.

A. Kreuz: Du bist vielfach für Dein literarisches Werk ausgezeichnet worden, erstmals 1981, als Du den Preis der Klagenfurter Jury gewonnen hast, es folgte der Kulturpreis Regensburg, dann warst Du Stadtschreiberin von Bergen, 1990 hast Du die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt bekommen, 2004 die Goethe-Plakette des Landes Hessen, und 2005 hast Du eine Professur an der Uni Kassel erhalten. Was ist es für ein Gefühl, so hoch ausgezeichnet zu werden? Verändert sich das mit den Preisen? Ein Jungautor ist natürlich im siebten Himmel, wenn er seinen ersten Preis bekommt.

E. Demski: Natürlich, und vor allem ist der im siebten Himmel, wenn es ordentlich Asche gibt, und das war ich natürlich auch. Aber mit der Goethe-Plakette zum Beispiel kannst Du nicht mal umsonst in den Zoo oder U-Bahn fahren. Das ist ein hässliches Stück Metall. Gott, die Ehre, die Ehre! Ja, Ehre kann ich nicht essen und nicht trinken und mir nicht an die Wand hängen. Ich bin sehr ehrungsresistent. Wenn eine Gratifikation in Gestalt von Geld daherkommt, kannst Du Deine Steuerschulden bezahlen oder eine schicke Reise machen, Du kannst als Stadtschreiber ein Jahr einigermaßen leben und arbeiten. Das ist schon toll, und das ist natürlich für Junge besonders toll. Ich warne nur davor: Wenn man bedenkt, es gibt circa 1440 Literaturpreise und Stipendien in diesem Land. Und es wird immer deutlicher – gerade auch in Klagenfurt, das sich ja wahnsinnig geändert hat seit der Zeit, als ich es kannte –, es ist eine Art von Wettbewerbsliteratur entstanden, die nicht sehr wagemutig ist. Sie ist nicht ganz schlecht, das ist so Leipziger Literaturinstitut, das ist kompatibel, und es ist schlechterdings zum Kotzen.

A. Kreuz: Das ist ein eigenes Genre, habe ich manchmal das Gefühl.

E. Demski: Es ist ein eigenes Genre, und es gibt auch Leute, die jedes Datum wissen und jede Bewerbungsmechanik kennen. Ich hab mich um so etwas nie geschert. Auch meinen Studenten sage ich immer: Es ist wichtig, dass ihr lebt, und es ist wichtig, dass ihr versucht, unabhängig zu sein, und es ist verdammt noch mal auch wichtig, dass ihr was arbeitet. Ein Brotberuf ist wahnsinnig wichtig. Was für Kafka und Gottfried Benn richtig war, kann für Mäxchen Meier und Ännchen Müller nicht falsch sein. Neulich habe ich es wieder gesehen: Bis ins Outfit hin schrie der ganze Kerl: Ich bin ein junger Dichter! Es waren drei Kritiker und fünf Germanisten um ihn herum, und er las mit wallenden Locken und einem ungeheuer intensiven Blick eine ungeheuer langweilige Story vor. Und da denk ich, Kerlchen, das ist nix, also, da gehört auch ein Stück Biographie dazu, es gehört ein Stück Sich-Aussetzen dazu, es gehört Leidenschaft dazu. Man kann nicht Schreibbeamter sein. Das kann man, wenn man Heftromane macht. Jerry Cotton schreiben ist ein Job, respektiere ich sehr. Aber wenn man Wörter macht, Wörter, für die man glaubt, auf die Welt gekommen zu sein, dann geht es so nicht. Es ist wirklich viel Handwerk, Handwerk kann ich jemandem beibringen. Aber dieses eine Fünkchen, das kann man eben nicht beibringen. Und das kann niemand. Das kann man nur in sich finden – und auch wieder verlieren. Sich selbst vertrauen und sich selbst misstrauen. Ich rede überhaupt nicht der berühmten deutschen Schreibqual das Wort. Weil: Wenn sie sich so furchtbar quälen ihr Leben lang, dann sollen sie was anderes machen, sollen sie Kuchen backen. Ich rede dieser ungeheuren Lust das Wort, die aber wirklich nur aus einer bestimmten Reibungshitze entsteht. Und die entsteht nicht, wenn man Knieschützer aus Stipendien und Ohrenschützer aus Preisen und Verlagsgeldern und sonst was hat. Ich glaub nicht, dass das gut ist.
     Ich hab oft das merkwürdige Schicksal gehabt, in Jurys zu sein, wo ich dann natürlich die Preise nicht kriegen konnte, weil ich ja in der Jury war. Das waren immer die Preise mit richtig Geld! Und nachdem ich mir so drei, vier Jahre diese Wettbewerbs-Literatur angehört habe, da ist mir irgendwann mal der Kragen geplatzt, weil ich so traurig war, weil ich dachte, das ist Zeitverschwendung, und hab gesagt: „Es ist bekannt, dass nur auf einer ungedüngten Wiese Blumen wachsen.“ Dass sie mich nicht geteert und gefedert haben, war alles. Man muss sich Unabhängigkeit anders erwerben, und das geht am besten mit einem Brotberuf. Und man muss natürlich diesen Brotberuf so austarieren, dass er einen nicht zur Gänze auffrisst. Dazu gehört nicht Bedürfnislosigkeit, die liegt mir nicht, aber dass man sehr genau guckt: Was brauch ich eigentlich auf dieser Erde? Und man stellt doch fest, dass es sehr viel gibt, was viel Geld kostet und was man überhaupt nicht braucht. Was nötig ist: Ein guter Platz zu leben, Freunde zu bewirten, ab und zu mal schöne Klamotten, mal eine Reise und ins Theater gehen – das kann man sich schon erarbeiten. Und dann klappt das auch mit dem Schreiben anders. Weil: Man ist dann freier, und vor allen Dingen die Wahrnehmungsklauberei wird ein bisschen durchbrochen. Dann lässt man sich eben mal vier Jahre Zeit. Und wenn einer sagt: Wann hört man denn mal wieder was von Ihnen? Ja, das weiß doch ich nicht!
     Gestern Abend war eine Kollegin da, die sagte, sie kann sich über ein Buch gar nicht mehr freuen, weil sie immer schon ans nächste denkt. Und das finde ich ganz schrecklich. Das braucht auch seine Zeit, so ein Buch, sich zu entwickeln, gesehen zu werden. Manche verschwinden, tauchen irgendwann wieder auf, wir sehen es doch an dem wunderbaren Bemelmans-Roman. Der hat auch sechzig Jahre gebraucht.

A. Kreuz: Stichwort Unabhängigkeit: Was würdest Du jungen Autoren raten, wie sie am besten mit Kritik umgehen?

E. Demski: Ach, Du lieber Gott. Es tut weh. Aus. Wunden lecken. Nicht sagen, das sind alles Arschlöcher, das sagt man natürlich auch. Sie sollen froh sein, wenn sie überhaupt welche kriegen.

A. Kreuz: Kritiken?

E. Demski: Na klar.

A. Kreuz: Und es sich nicht zu nahe gehen lassen?

E. Demski: Natürlich nimmt man das am Anfang fürchterlich ernst. Man nimmt es immer ernst. Aber ich glaube – das werden sie allerdings nicht begreifen und mir darin auch nicht folgen –, dass sie sehr viel misstrauischer sein sollten, wenn die Lobstürme von allen Seiten auf sie einprasseln. Gott, wie oft habe ich das erlebt: die hochgepriesenen Erstlinge und später hat man nie wieder etwas von ihnen gehört.

A. Kreuz: Ist damit auch die Gefahr verbunden, im selben Sinne fortzufahren und in der Art weiterzuschreiben, für die man gelobt worden ist?

E. Demski: Da kriegt man sowieso auf die Ohren. Beim zweiten Mal kriegt man immer auf die Ohren. Da muss man durch. Wer hat das gesagt? „Je preiser gekrönt, desto durcher gefallen.“ Das ist so. So ein Kehlmann zum Beispiel, mit so einem Erfolg, wo man sagt, ja mein Gott, ja, Junge! Wie geht der jetzt mit sich und der Arbeit um? Natürlich traut er sich jetzt erstmal kein zweites Buch. Irgendwann hat er schon gesagt, er wird was ganz Kleines, ganz Anderes machen. Ich kann ihn sehr gut verstehen. Patrick Süskind, der ist wieder zurück in die Filmdrehbücher und in die Theaterstücke. Sich erstmal auf sicheres Terrain bringen nach so einem furchtbaren Erfolg. Den haben natürlich die wenigsten. Ich rede eher von diesen Schmetterlingserfolgen. Hach, der neue Tipp auf der Messe. Auf der nächsten Messe grüßt den schon keiner mehr.

A. Kreuz: Liebe Eva, ich danke Dir für das Gespräch.

(gekürzte Fassung)
poet nr. 4 Das vollständige Gespräch erscheint in
poet nr. 4
Das Magazin des Poetenladens
poetenladen, Januar 2008
176 Seiten, 8.80 Euro


Eva Demski: Mama Donau. Hörbuch
Regensburg: LOhrBär Verlag 2007  externer Link

Angela Kreuz     16.11.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

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