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Anne Rabe
rot.//skizze.
bandera de la revolucion. bandera de la eternidad.
banderas y rameras. de la eternidad.
eres demasiado guapa revolucion – ramera – para tus bandera.

fahnen. zuerst sind es die fahnen.
zuerst sind es die fahnen, die du siehst, wenn du die augen hebst hinüber über den fensterrand, deinen tellerrand zur welt am morgen. sie kitzeln dir die wangen und waren gestern noch nicht da. du hast die lider noch nicht ganz geöffnet und wunderst dich so nicht über das dumpfe licht, das sonst warnsignal ist überall, an straßenecken und bomben und ubahngleisen.
fahnen. überall fahnen.
dazu sind sie nicht da. sind nicht da, dir den bauch zu streicheln. aber versinken sollst du doch. dich schmiegen, dich einpacken lassen wie ein krankes kind im bett. ihr rot ist die wärmflasche, die leuchtend dich verschlingt, dich vereinnahmt, ganz dich werden lässt zu ihr – in ihr, dass du denkst, ist doch schön so ein morgen, dass du nicht aufstehen magst. erst als dir niemand den tee//kaffee bringt.
das treibt dich raus.
in ihr labyrinth.
fahnen.
einmal hattest du als kind eine gehalten. dies bild steigt nun auf in dir. wie du lachend in den fotoapparat, viel zu lange lachend, weil die batterie des blitzes längst alle ist und er so lange braucht, viel zu lange braucht für ein echtes lächeln, um die landschaft zu erhellen für einen moment ein authentischer soll es sein, für das album (seht wie glücklich wir waren – damals – und das kind!), für die ewigkeit, die ein//dein leben dauern wird.
aufgeklebte fahnen. frisch aufgeklebte fahnen an fensterscheiben. glatt gestrichen von frauenhänden, die zur maniküre gehen, wo die hände, deren adern landkarten malen, weich gemacht werden, die konturen der risse gleich gemacht werden, so glatt wie die körperteile an denen sie reiben sollen. so fest reiben. so weich. so sanft.
fahnen.
du steigst in den bus. es drängt dich niemand zur seite. sich nicht umschauend, sich nicht anschauend, einander nicht beachtend, gleiten die gestalten aneinader vorbei. ein jeder findet seinen platz, niemandem wird auf die füße getreten, dass keiner den kopf heben muss, sich entschuldigen muss, dem anderen aus höflichkeit ins auge, ins zentrum, ins herz blicken muss, den anderen hinein lassen muss mit einem blick, der ins mark gehen könnte. auch du wirst vorbei gelassen, findest deinen platz in der reihe, doch schaust. du schaust in die gesichter. in das gesicht des fahrers, wünscht ihm etwas, was man sich wünschte in den tag, bis jetzt. aber keine antwort. verschämt, als kennte er dich von früher her, zählt er dir das wechselgeld, drückt auf einen knopf, dass du die karte ziehen kannst, dich nicht unerlaubt, falls du entdeckt wirst, mit ihm mitbewegst. als ginge es um ihn. als wäre es seine richtung starrt er nach vorn. als müsse er weiter. aber weiter muss nur der bus. und du, denn von hinten drängen die anderen nach. ohne dich zu berühren ohne ein wort. ein böses. ohne, dass du sagen könntest, da wär noch jemand. du gehst.
binden an armen. die fahnen. die farben. an anstecknadeln, an krawatten, an den schleifen der frauenhälse, giraffenhälse, die sich erheben über dich. fahnenloser.
an der nächsten haltestelle warten sie schon auf dich. du willst aussteigen. der neben dir im bus sitzt, du weißt nicht die fahnensprache, sprichst sie nicht, keine geste, zu weit der abstand zwischen euch, die dir aufhelfen könnte dir raushelfen könnte, verpasst die chance. und zum ersten mal die pflicht nicht erfüllt. du hättest aussteigen müssen. die eine, die nicht gehisste hochreißen. sie reißen in den himmel. die anderen werden es tun. du nicht, du hast verpasst ihr den dienst zu leisten. und lachst. zu laut. du lachst. die anderen, unangenehm berührt, schwitzen. lassen sich nichts anmerken. du lachst. du lachst lauter um nicht sehen zu müssen, wie unangenehm berührt sie sind und wie sehr sie sich nichts anmerken lassen. du steigst nicht aus. diese station nicht. die nächste nicht. auch nicht, als dein nachbar aussteigt. nicht, als ein neuer zusteigt. bietest ihm nicht den fensterplatz an. noch verstehst du sie nicht, noch schaust du sie an. schaust ihnen zu und fährst hinaus, bis der fahrer nicht mehr vorn sitzt, du die hand zum fahrtwind dennoch rausstreckst, dich forttragen lässt an einen weit entfernten ort, von dem du früher einmal hörtest, von dem sie früher einmal erzählten. nun stehst du auf und läufst die paar schritte nach vorn, wo du bezahlt hast für diesen dienst, für diese fahrt, willst nachzahlen, weil du der einzige noch bist und der weg schon zu weit. benzin ist zu teuer. das gleichgewicht hält dich auf der sandpiste. aber niemand ist da. niemand blickt dich an. niemand der es sehen könnte. niemand der sich verrät. der dich verrät. verraten könnte. da ist der bus verschwunden.
fahnen.
ausgespuckt bist du in ein meer aus fahnen.
die sonne, die dir die haut in der kindheit gerbte, die dich blind gemacht hat, steht nun in ihrer mitte. nichts ist geschehen. noch sprichst du sie nicht, die fahnensprache. niemand da, der sie dir lehren könnte.
da fällt die erste fahne. die erste fahne in einem meer aus fahnen. um dich herum ein meer aus fahnen, wie die windräder, die sich drehen mussten bis jetzt, bis heute, hattest du gedacht, dass der strom in deiner steckdose sauber ist, dass sich da windräder drehen, dass da irgendwo ein meer aus windrädern ist in einer steppe, die einmal das land war, auf das man fuhr zum picknick mit den großeltern und cousins.
da fällt die erste fahne. ein klirrendes, zischendes geräusch, das dir einen schmiss fährt ins trommelfell, einen streifen blut macht auf der wange. du fässt danach. fühlst danach. leckst es vom finger und schmeckst, es ist deins. natürlich. noch bleibst du stehen. der nacken ist dir rot gebrannt und du willst nicht nach hause. noch blickst du die straße hinab. endlos. natürlich, es wird dauern bis du es wieder versuchen kannst, deine neuen wörter benutzen kannst. noch kannst du lachen, da niemand es hört. du bist dir zu sicher, hier stehen zu können. hier bleiben zu können. der einzige zu sein, der dies meer aus fahnen sieht. du glaubst, die sonne bliebe dort stehen, auf ihrer mitte.
fahnen. fahnen, die dir nur diese eine allee zurück lassen. du kannst dich nicht umdrehen. du brauchst es nicht einmal zu versuchen.
die zweite fahne fällt. sicher, der zweite schmiss macht dich nervös. du fährst dir durchs haar, stemmst dir die arme in die hüften, dass du nicht losrennst an den ersten mast.
natürlich fallen die nächsten. natürlich reist dir das fell. natürlich von weiter ferne rufen sie. und es wird dunkel.
du musst sie hissen. musst den weg entlang sie hissen. dass dir die sonne scheint. dass sie dir kraft raubt, dass die entfernung schwindet vor deinem auge vor erschöpfung.
sie müssen wehen.
sie müssen wehen.
du kommst nicht nach haus.
und sprichst die worte.
oh fahne.

 

Anne Rabe       06.12.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Anne Rabe
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