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Armin Wühle

Neuschnee


Ich weiß noch, dass wir auf dem Bett saßen, Karla, Jasper und ich. Das war um fünf Uhr morgens, um fünf Uhr war sie noch in meinem Zimmer. Wir haben Reis gegessen und Curry­sauce, wir haben alle aus dem Topf gegessen, auf dem Laken sind noch einige gelbe Schlieren, die kann man nicht wegreden. Wir saßen auf dem Bett und haben Reis gegessen, da war Karla noch da, und ich habe auf die Uhr gesehen, ich kann mich an die Fünf erinnern, an das zer­kratzte Display und an die rote Null und an die rote Fünf, und irgend­wann bin ich einge­schlafen, mit dem Kopf auf Karlas Schoß.
  Irgend­wann ist Karla aufgestanden, da bin ich kurz aufgewacht, aber nur kurz, ich habe nicht mal die Augen geöffnet, ich habe weiter­ge­schlafen, tief und fest, und erst viel später habe ich Jette gehört, wie sie durch den Flur lief und unsere Namen schrie, und ich hörte die Panik in ihrer Stimme, und ich hörte, dass sie weinte, und ich empfand sofort eine tiefe Angst, von der ich wusste, dass sie berechtigt war.

Holger hat das letzte Foto gemacht. Die Körper in ihrer Bewegung festgehalten, Arme und Gesichter verschwommen, 102-2358, 12.2.2014, 04:16 AM, Jasper, Karla, Laura, tanzend. Ich war heute Morgen die erste, die an den Fluss gegan­gen ist. Auf der Eis­decke über dem Fluss lag eine dünne Schnee­schicht. Darauf waren die Spuren der Steine zu sehen, die Holger und ich in der Nacht über das Eis geworfen haben. Und neben den Spuren der Steine waren Stiefel­ab­drücke. Sie führen auf die andere Seite des Flusses, zu einem kleinen Steg. Vierzehn kleine Schritte. Die Spuren, die wieder zurückführen, endeten in einem dunklen Loch in der Mitte.

Jemand ist gegen das Regal gestoßen, das Regal, in dem wir unser Leergut gesammelt haben, das Regal steht im Flur, auf dem Weg zur Terrasse, einige Flaschen sind dabei heraus­gefallen und zu Bruch gegangen, ich habe es in der Nacht gehört, es muss Karla gewesen sein. Ich lag im Bett, ich hatte Angst mich zu über­geben, deswegen bin ich nicht aufge­standen, ich habe die Flaschen gehört und bin liegen geblieben.
  Ich saß zuvor mit Karla und Laura zusammen und wir haben den Reis gegessen, der vom Abend­essen übrig geblie­ben war, und wir haben gelacht, ich weiß nicht mehr, über was, aber wir haben sehr viel gelacht, und es hat so gut gerochen, nach Holz, ich habe das irgendwann gesagt, dass es in der Hütte so gut nach Holz rieche, und ich glaube, deswegen haben wir gelacht, und noch wegen anderen Dingen.
  Irgendwann ist dann Laura einge­schlafen, und ich habe Karla vorge­schlagen, noch einmal rauchen zu gehen, aber Karla hat ihren Schal vom Hals gelöst und den Kopf an die Wand gelehnt und sie hat gesagt, sie gehe nirgendwo mehr hin. Später haben wir noch gesun­gen, den Exodus von Bob Marley, und dann bin ich aufge­standen, um ins Bett zu gehen, und ich habe Karla gefragt, was sie jetzt noch mache, und sie sagte: ich guck noch, was Jette so treibt, und ich sagte: die ist doch schon schlafen, und dann grinste Karla etwas zu breit und zog mich an sich und sie roch nach Wein und Tabak und ihrem Deo, das sie nach dem Ausflug zum Deich auf­gelegt hatte, weil sie dort immer wieder die Treppe hoch und runter gelaufen war, um sich auf­zuwärmen. Ich habe dieses Deo gerochen und den Wein und den Tabak, und wir lagen uns etwas länger in den Armen als sonst, und ich roch an ihren Haaren und an ihrer Haut, und ich fragte mich, ob ich noch eine Erek­tion bekom­men könnte, aber da löste Karla die Umarmung, ließ nur ihre Hände auf meinem Ober­arm, sie sah mich an und musste lachen und dann ging sie aus dem Zimmer. Ich deckte Laura zu und legte mich ins Bett, neben Holger, der bereits schlief, und später hörte ich die Weinflaschen, die aus dem Regal fielen, und dann bin ich einge­schlafen, und einige Stunden später hörte ich Jette, wie sie durch den Flur lief und unsere Namen schrie, und durch das Fenster fiel schales Morgen­licht, das jetzt, bis zum Abend, nicht mehr verschwunden ist.

Wir haben gegessen, wir haben Wein getrunken, wir haben uns angezogen und einen nächt­li­chen Spazier­gang gemacht, wir sind auf den Deich gestiegen, wir haben uns auf eine Parkbank gesetzt, Karla hat von ihrer Master­arbeit erzählt, Holger und Laura haben geraucht, sie mussten sich gegenseitig die Flamme schützen, der Wind war ziemlich stark. Wir haben über die Venus geredet und über Stern­warten und über Hamburg, und irgend­wann wurde es uns zu kalt, wir stiegen wieder die Treppe hinab, gingen zurück zum Haus, über den Feldweg, über den Fluss, wir blieben in Zweiergruppen verstreut, nur Karla vorweg, in einem kurzen Moment der Isolation, ihr Fellkragen ein weißer Kranz in der Nacht.

Sie sagte: Hallo, ich bin die Karla, dann gab sie mir die Hand, ein kräftiger Händedruck, sie lächelte, hielt mit mir Augenkontakt, dann erst stellte sie ihre Tasche ab, wischte sich mit dem Finger über die Nase, stemmte die Hände gegen die Hüften. Wir haben später am Abend über Hie­rarchien geredet, über Dynamiken und Gruppen­bildung, wir saßen zusammen auf dem Sofa, wir haben Wein getrunken, sie hat mir einige Male zugestimmt, obwohl sie mich nicht verstanden hat. Irgendwann ist sie zum Rauchen auf die Terrasse gegangen, sie hat die Tür nicht ganz geschlossen, ich sah sie durch die Glasfront mit Jasper reden. Nach einer Weile deutete Jasper zum Fluss hinüber, sie stiegen die kleine Treppe zum Garten hinunter, der Bewegungsmelder reagierte, das Licht setzte sich in Gang, Jasper und Karla zogen kurz einen Schatten, dann traten sie in die Dunkelheit, der Lichtkreis blieb, warf sich über die Treppen, über einen leeren Fleck Rasen, erlosch nach einigen Sekunden.

Nach dem Essen sind wir an den Deich und nach dem Deich sind wir wieder zurück, und wir haben aus dem Auto die letzten Wein­vorräte geholt, eine Kiste weiß, eine rot, und Karla hat gefragt, ob das reiche, für die nächsten Tage, und wir meinten, klar, natürlich reiche das, aber schon kurz nach elf war eine halbe Kiste leer.
  Wir saßen auf den Sofas im Wohnzimmer, draußen begann es zu schneien, der Tisch war über­füllt mit Gläsern und Tabak und Orangen­schalen und Spiel­karten und Wein, und dazwischen einige Kron­korken, die als Aschen­becher dienten. Holger kam gerade aus der Dusche, und Laura stand auf, um selbst in die Dusche zu gehen, und Holger setzte sich neben mich und wir teilten uns das Bier, das ich gerade geöffnet hatte, und wir redeten über die Nordsee und über den Winter und über Hale-Bopp. Karla legte derweil die Füße auf Jaspers Knie, streckte sich über die Couch, bettete den Kopf auf die Lehne, klemmte die linke Hand zwischen Lehne und Nacken, ließ die rechte lose herabhängen, den Stiel des Weinglases wie nachlässig zwischen den Fingern, 102-2344, 11.2.2014, 11:26 PM, die Augen zur Kamera gerichtet, ein breites Lachen im Wissen über die eigene Pose.

Ich habe Karla vom Bahnhof abgeholt, da war es noch hell, ich war ein wenig zu früh, ich blieb im Wagen sitzen und hörte Radio, dann fuhr der Zug ein und ich sah einige Menschen aussteigen. Weil ich nicht wusste, wie Karla aussah, hupte ich zwei Mal, und da kam ein Mädchen mit rotem Rucksack auf mich zu und ich stieg aus und blinzelte gegen die Sonne und wir gaben uns die Hand. Dann fuhren wir los und wir redeten über ihre Zugfahrt und über den Bahnhof in Uelzen, und ich bog nicht auf die Straße zum Haus, sondern fuhr geradeaus weiter, zum Super­markt, und Karla sagte, sie würde gerne den Einkauf übernehmen und für uns kochen, heute Abend, und ich sagte, klar, wenn du magst.
  Karla hat dann keine Kokosmilch gefunden, sie sagte, sie brauche unbedingt Kokos­milch, wir haben uns dann zu­sammen auf die Suche begeben, und Karla hat irgend­einen Witz über die Friesen gemacht, den ich nicht ver­standen habe, aber ich habe trotz­dem gelacht, und von da an lief es sehr ent­spannt zwischen uns. Wir be­zahlten unsere Einkäufe und stiegen in den Wagen und ich fuhr einen kleinen Umweg, damit Karla einen kurzen Blick auf das Meer werfen konnte, das sie gerne sehen wollte, bevor es dunkel wurde, und für ein paar Sekun­den der Strecke zog das Meer an uns vorbei, und sogar ich blickte hinüber, weil Karla es so gespannt betrachte, und kurz darauf schob sich der Deich dazwi­schen, aber Karla war zufrieden und dankte mir und sagte, jetzt würde sie gerne das Haus sehen.

Nachdem Laura aus der Dusche kam, öffnete sie die vierte Flasche Wein, den Korkenzieher vorsichtig ansetzend, die Flasche zwischen die Beine geklemmt, 102-2349, 12.2.2014, 00:11 AM, und nachdem Laura sie fast alleine geleert hatte, sagte sie, sie wolle jetzt tanzen. Karla sah mich aus den Augenwinkeln an und sah dann wieder weg, und da ich auch tanzen wollte, sagte ich: ja, tanzen, und dann richtete sich Karla auf und griff sich ihr Weinglas und sagte: okay, bin dabei.
  Wir sind dann in Lauras Zimmer, weil es das größte ist, und wir gingen die enge, dunkle Treppe hinauf, mit den Stufen, die so schmal und so steil sind, dass ich die letzten Tage schon zweimal darauf ausge­rutscht bin, und Karla ging vor mir her und rutschte tat­sächlich auf einer der Stufen aus, aber ich konnte sie stützen, und meine Hand lag um ihre Rippen, und während Karla ein wenig lachte, rutschte meine Hand hoch bis zur ersten Wölbung ihrer Brüste, und sie ließ sich das gefallen und wir blieben kurz so stehen, einige Atemzüge lang, aber dann löste sie sich aus meinem Griff und ging nach oben, ohne mich noch mal anzusehen. Ich blieb auf der Treppe stehen, ich hörte, wie Laura mit einem üblen Stör­geräusch die Klinke der Lautsprecher in den Laptop schob, und als ich oben ankam, sah ich Laura und Karla vor dem Laptop stehen und diskutieren, und ich blickte durch das Fenster in die Nacht, auf die dunkle Terrasse und auf den Fluss, und meine Stirn hinter­ließ einen Fleck, als ich mich von der Scheibe löste, und dann lief irgend­eine Musik, ich glaube, es waren die Smiths, und wir schalteten das Decken­licht aus und die Nachtlampe an und dann tanzten wir.

Wir wollten noch mal an den Fluss, bevor wir schlafen gingen, Jette und ich. Ich holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank, wir zogen unsere Winter­stiefel an und unsere Jacken, dann holten wir einige Steine aus dem Graben hinter dem Haus und gingen zum Fluss. Wir standen an dem schmalen Ufer und es schneite ein wenig, ich machte ein Foto, Jette in der Dunkelheit, ihr Gesicht über­be­leuchtet, die Augen vor dem dro­henden Blitz zusammen­ge­kniffen, 102-2351, 12.2.2014, 03:02 AM. Wir ließen die Steine über die Eis­fläche springen, wir verglichen die Geräusche unserer Würfe, wir redeten über Fre­quenzen und Dif­ferential­rechnung und über die Frage, ob es jemals mehr Lebende geben könnte als Tote. Irgend­wann wurde es uns zu kalt und wir gingen zurück ins Haus, wir setzten uns auf die Couch und ich holte zwei neue Flaschen aus dem Kühl­schrank und Jette sagte: die zerlegen mir beim Tanzen die Bude.
  Irgendwann kam dann Karla zu uns und sagte, ich solle ein Foto machen, ihr Blick hing etwas verloren im Raum, das Gesicht rot und aufgedunsen, sie nahm mich bei der Hand und ich folgte ihr in den ersten Stock, in Lauras Zimmer. Die Luft war schlecht und roch nach Alkohol, aus kleinen Laut­sprechern drang 80er-Musik, Laura und Jasper tanzten in dem schmalen Bereich zwischen Bett und Wand, sie johlten mir zu, Karla zog wieder an meiner Hand, ich machte einige Fotos, das letzte um vier Uhr sechzehn, Jasper, Karla, Laura, tanzend, dann habe ich mich von ihnen verabschiedet, ich bin zurück ins Wohnzimmer und zu Jette und wir haben noch ein Bier getrunken und sind dann schlafen gegangen.

Als ich am Morgen aufwachte, dachte ich im Halbschlaf, Karla läge neben mir, und dass ich sie eben mit dem Ellbogen gestoßen hätte, aber dann öffnete ich die Augen und Karla war nicht da. Ich stand auf und ging in die Küche und ich war die Erste, die wach war, und ich machte Kaffee und fegte die Scherben zu einem kleinen Haufen zusammen und ich fragte mich, ob Karla in dieser Nacht über­haupt neben mir geschla­fen hatte. Ich begann, sie in den Zimmern der anderen zu suchen, ich sah zuerst bei Holger und Jasper nach, und dann bei Laura, und als ich sie dort nicht fand, zog ich mir die Hausschuhe an und meine Jacke und ich ging auf die Terrasse und in den Garten und frischer Schnee drückte sich durch den Filz meiner Schuhe.

Ich kann mich erinnern, wie wir zu Abend gegessen haben, bevor wir an den Deich sind. Wir haben uns alle um den Tisch versammelt, Jette hat Kerzen angemacht, und wir haben sogar die gestärkten Ser­vietten benutzt, die wir in einem der Regale gefunden haben. Karla hat das Kochen über­nommen, sie hat gesagt: zum Einstand, und: damit ihr was von mir wisst. Im ganzen Haus roch es nach Curry. Ich habe dann Holgers Kamera genommen und ein Foto gemacht, 102-2333, 11.2.2014, 08:11 PM, Karla in der Mitte, vor ihr ein benutzter Teller, ein halb gefülltes Wein­glas, sie trägt den schwarzen Kapuzen­pulli, in dem sie hinaus­gezogen wurde, und das graue, weit ausge­schnit­tene Top, sie hält die Arme über­kreuzt, stützt sich damit auf der Tisch­platte ab, sie guckt zur Seite, dorthin, wo die anderen sitzen, ihr Gesicht ein blond gerahmter Kreis, naturrote Lippen, dunkle Augen, die Andeutung eines Lächelns.

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Armin Wühle
Prosa