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Georg Bydlinski
Jahrzehnteschnell

60 Gedichte aus 30 Jahren
Kritik
  Georg Bydlinski
Jahrzehnteschnell
60 Gedichte aus 30 Jahren
Boppard: Edition Razamba 2009
70 Seiten

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Bei Angehörigen meiner wie auch der nach­fol­genden Generation weckt der Name Bydlinski schöne Kind­heits­erin­nerungen. Schließlich war es dieser Autor, von dem man gelernt hat, dass man „Lama“ auf „Pyjama“ reimen kann, dass jedes Ding, und sei es noch so unschein­bar, träumen kann und dass Freunde eigentlich immer wich­tig sind. Unrett­bar erwach­sen gewor­den, ver­lieren viele, allzu viele den Zugang zur Poesie und lesen keine Gedichte mehr. Die Poesie erscheint ihnen wie ein ver­schlos­senes Zimmer. Sie stehen vor den Türen zu diesem Zimmer – es sind ihrer viele – und können keine einzige davon öffnen, da sie sämtliche Schlüs­sel verloren haben Kein Wunder, dass auch jemand wie Georg Bydlinski den meisten Menschen, die ihn als Kinder gelesen haben, heute, da sie erwach­sen sind, unzugänglich geworden ist. Von seiner Lyrik für Erwachsene jedenfalls weiß, wie mir scheint, nur ein ver­gleichs­weise kleiner Kreis von Fach­leuten und passio­nierten Lese­rinnen und Lesern. Darüber hinaus teilt er das Los nahezu aller viel­seitigen Autoren –: seine Zeit­genossen, zur Ver­ein­fachung erzogen, suchen sich eine Seite aus und ignorieren, so gut es geht, alle anderen.

Vielseitig war er bereits mit 25, als Debütant. Weder hat er sich, wie dies gar nicht selten geschieht, nach jahrelanger Produktion von „schöner Literatur“ auf das Kinderbuchschreiben verlegt noch umgekehrt mit Kinderliteratur begonnen, um dann irgendwann „höher hinaus“ zu wollen, sondern von Anfang an beide Felder bestellt: jenes für Kinder jenes für Erwachsene, und beiden bis zum heutigen Tag die gleiche Bedeutung zugemessen und die gleiche Aufmerk­sam­keit gewidmet. Das hat nicht nur Kinderbucherfolge wie „Der Zapperdockel und der Wock“ gezeitigt, sondern auch ein umfang­reiches, viel­schichtiges poe­tisches Werk. In seiner beein­druckenden Spann­weite reicht es von reli­giöser Lyrik („Distelblüte“, 1981) bis zu poli­tisch-zeit­kriti­schen Steno­grammen, wie sie der Band „Im Halblicht“ von 1991 enthält. Manches in diesem Werk ist Varia­tion, nichts jedoch Wieder­holung. Wer so wie er früh bereits eine eigene lyrische Gangart gefunden hat, muss sich nicht jedes Jahr – oder jeden Bücher­herbst – neu erfinden, kann es sich erlauben, nach und nach neues Terrain zu betreten, ohne dort gleich aus dem Schritt zu kommen und sich selbst aus den Augen zu verlieren.

Was Verlage anbe­trifft, war Bydlinski, der Lyriker, nicht gerade vom Glück verfolgt. Als der alt­ehr­würdige Herder-Verlag sich aus Wien – und damit auch aus der Belletristik – zurückzog, verlor er seine bis heute viel­leicht wichtigste Heim­stätte. Eine zweite Heimat fand er, nach einem kurzen Intermezzo mit dem Band „Wintergras“, 1995, in der Edition Umbruch, einem Mödlinger Autoren­verlag, an dessen Grün­dung und Aufbau er beteiligt gewesen war, schließlich in der Wiener Edition Atelier, wo man lange Zeit für Lyrik nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch viel Platz im Verlags­programm übrig hatte. Seit Jahr und Tag jedoch macht dieser Verlag ernst­hafte Anstalten, sich aufzulösen und von der Bild­fläche zu verschwin­den, und infolge­dessen sah sich Bydlinski neuer­dings gezwungen, auf Her­bergs­suche zu gehen. Fündig wurde er im Rheinischen, in Boppard, wo Martin Ebbertz seine kleine, aber feine Edition Razamba betreibt. Dort ist nun, drei Jahre nach seiner „Schatten­schaukel“ ein neuer Gedichtband erschienen, in den mit Bedacht und in strenger Auswahl viel Altes, Vergrif­fenes aufge­nom­men wurde – insgesamt sind es, wie schon der Unter­titel verrät, 60 Gedichte aus dreißig Jahren, chronologisch gereiht –, eine Publikation, die sich zweifel­los gut dazu eignet, mit der Sprache und Bilder­welt dieses Autors nicht nur erste Bekannt­schaft zu machen, sondern auch gleich Freund­schaft zu schließen. So gut wie alle zentralen Gruppen und Partien seiner Lyrik lassen sich darin wieder­finden. Da ist einmal die Gruppe der, wie ich sie nennen möchte, „Haus- & Familien­ge­dichte“, die den familiären Alltag einfangen und reflektieren und von großer, inniger Zuwen­dung und Zu­neigung geprägt und getragen sind (z.B.: Für ein Kind, Sohn, Schatten – Für Birgit, Christian im Schnee, Krank sein, Abfahrt zum Schulschikurs); sodann die lyrischen Mitbringsel von Reisen, insbesondere von den vielen Lesereisen, die Bydlinski jahraus jahrein, mit dem Gitarren­koffer und einem Koffer voller Bücher in der Hand, landauf und landab, von Schule zu Schule unter­nimmt (z.B.: Fahrt­spiele; Kohelet auf dem Kölner Dom; Hartberg, Hotel Sonne); des Weite­ren eine Gruppe von Gedichten, die ich als „Ein­übungen in die Stille, in das gestillte, gesättigte Schauen“ bezeichnen möchte (z.B.: Elementar, Im Dunkeln, Licht­einfall, Nature vivante, Mün­dung, Leucht­kä­fer,Septem­bertag) und schließ­lich Refle­xionen über das eigene Schreiben, in denen der enge, der intuitiv erahnte und erfasste Zusammen­hang von Text und Welt, von Silbe und Samenkorn, Atem und Bran­dung, Herz­schlag und Stunden­schlag thema­tisiert wird. Besonders exem­pla­risch hierfür ist das Gedicht „Metrik“:

Das rhythmische Klappern
des Krückstocks

das Ticken im Getriebe
des Straßenbahnzugs

kaum hörbares Weiterrücken
eines Sekundenzeigers

Klopfen von Fensterläden
bei Wind

das Surren des Kühlschranks
in sehr großen Abständen

das Atmen des tief
schlafenden Kinds

der Specht vor dem Fenster
wieder und wieder

lehren mich täglich
die Metrik


Bydlinski scheut, wie sich an diesem, aber auch an vielen anderen Bei­spielen zeigt, keines­wegs davor zurück, die Dinge, selbst die alltäg­lichsten, bei ihren Namen zu nennen und deutlich zu werden, doch wird er deshalb niemals plakativ. Seine Texte sind leicht zugänglich, sind einfach, aber niemals simpel. Seine Hauptarbeit, sein Tagewerk als Dichter besteht im Wesent­lichen darin, „einen Blick“ zu suchen, „der frisch bleibt / und alles verbindet“ (wie es in einem Gedicht des hier bereits erwähnten Bandes „Wintergras“ heißt), inmitten des größten Lärms die Stille zu ernten, sie ein­zu­bringen in die Scheuer des Gedichts und dabei Schauen, Sprechen und Schweigen immer wieder und wieder neu zu erlernen.
Christian Teissl   12.01.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Christian Teissl
Lyrik