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Vorgestellt: Hermetisch offen
Mit einem Beitrag von Christian Teissl

Hermetisch offen Hg. von Ron Winkler
„Von der Dichtkunst selbst wollen wir hier handeln“, nahm sich Ron Winkler vor und hat 22 junge Lyriker eingeladen, in der Anthologie „Hermetisch offen“ ihr Verhältnis zur Schreibarbeit darzulegen. Als Sonderausgabe der „intendezen“ ist so ein schön gestalteter Band entstanden, der ein weites Spektrum poetologischer Ansätze unter den Jungen aufzeigt.

Hermetisch offen
Ron Winkler (Hg.)
Verlagshaus J. Frank
Berlin 2008
Bibliothek Belletristik externer Link



Christian Teissl

Kleines Sammelsurium: Statt einer Poetik

III.
Unterredungen mit meinem jüngsten Fragment

(Ein sonniger Wintertag. Soeben nach Hause gekommen, treffe ich ein kürzlich begonnenes, vielleicht etwas vorschnell abgebrochenes Gedicht an –: mein jüngstes Fragment. In einem schattigen Winkel meines Wohn- und Arbeitszimmers kümmert es vor sich hin.
Zu seinem Aussehen: Es besteht nur aus Umrissen, ist ein undurch­schaubares Gewirr aus Linien, Halbkreisen, Kreisen, Ellipsen. Es hat nicht Hand noch Fuß, ist nicht gehauen, nicht gestochen. Es nimmt Raum ein, ohne aber etwas wie einen Körper zu haben. Ein fremdartiges Gewächs ist's, von dem sich nicht sagen lässt, ob es im Wachsen oder im Schrumpfen begriffen ist, anziehend und abstoßend zugleich und mit einer Stimme versehen, die sich so anhört, als säße sie irgendwo in meinem Hinterkopf; eine Stimme, die sich nahezu täglich, wenn auch nur geringfügig, nur um Nuancen, verändert.)


ICH: Warum begibst du dich nicht in die Sonne?
DAS FRAGMENT (nach einigem Zögern): Dort würde ich doch keinen Schatten werfen.
ICH: Warum suchst du dir nicht eine glückliche Stelle am Fenster?
DAS FRAGMENT: Dort hätte ich keine Aussicht. (Nach einer Pause:) Weder auf einen Anfang noch auf ein Ende.

(Ich wende mich von ihm ab, gehe in einen anderen Raum. Es verstreichen mehrere Stunden; Abenddämmerung macht sich breit, dann stellt sich draußen vor den Fenstern die Dunkelheit auf und entblößt sich.
Ich kehre in mein Wohn- und Arbeitszimmer zurück. Inzwischen hat das unvollendete Gedicht seinen Standort gewechselt: Es kümmert jetzt auf meinem Schreibtisch vor sich hin.)


ICH: Warum willst du ausgerechnet hier die Nacht verbringen?
DAS FRAGMENT: Das darfst du mich nicht fragen.
ICH: Ein Schreibtisch wie meiner ist höchstens ein Schlafplatz für leere Sanduhren und alte Kalender.
DAS FRAGMENT atmet tief durch.
ICH: Hier kannst du nicht schlafen.
DAS FRAGMENT: Ich schlafe ja auch nicht; ich stelle mich lediglich ein paar Stunden lang tot.

(Ich unterlasse es, weitere Fragen zu stellen, überlasse mein jüngstes Fragment seinem Scheintod und lege mich schlafen.)

(Am nächsten Morgen.
Ich komme in mein Wohn- und Arbeitszimmer. Mein jüngstes Fragment ist daraus verschwunden. Ich öffne alle Schubladen, stöbere in allen Winkeln herum – es ist nirgendwo.
Dann trete ich ans Fenster und sehe hinaus. Da höre ich plötzlich die Stimme von gestern:)


DIE FRAGMENTARISCHE STIMME: Guten Augenblick! Gute Aussicht!
ICH: Wo bist du?
DIE FRAGMENTARISCHE STIMME: Ganz am Anfang oder ganz am Ende - ich weiß es nicht.
ICH: Willst du am Ende verloren gehen?
DIE FRAGMENTARISCHE STIMME: Vielleicht.
ICH: Oder am Anfang?
DIE FRAGMENTARISCHE STIMME: Vielleicht auch dort.
ICH: Willst du dich nicht mehr von mir erinnern lassen?
DIE FRAGMENTARISCHE STIMME: Erinnern? So oft wie nur möglich.
ICH: Wann?
DAS FRAGMENT: Jetzt und jetzt dann wieder jetzt und dann noch einmal jetzt.
ICH (leicht gereizt): Wenn ich mit dir sprechen muss, so kann ich dich nicht erinnern.
DAS FRAGMENT verstummt auf der Stelle.

aus: Hermetisch offen, herausgegeben von Ron Winkler

„Hermetisch offen“ versammelt Texte von Marius Hulpe, Chistoph Wenzel, Nora Bossong, Christian Teissl, Simone Kornappel, Stefan Heuer, Jürg Halter, Ulrike Almut Sandig, Norbert Lange, Tom Bresemann und Philip Maroldt, Viktor Kalinke, Herbert Hindringer, Katrin Marie Merten, Carl-Christian Elze, Ann Cotten, Katharina Schultens, Thien Tran, Daniel Ketteler, Andre Rudolph, Swantje Lichtenstein, Christian Schloyer.

Christian Teissl   02.04.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Christian Teissl
Lyrik