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Roswitha Quadflieg
Der Glückliche

Faktotum Hitler
Kritik
Roswitha Quadflieg | Der Glückliche   Roswitha Quadflieg
Der Glückliche
Roman zu zehn Stimmen
Stroemfeld Verlag 2009
136 Seiten, 14,80 Euro

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„Eine gestalterische Katastrophe“ nennt Meike Fessmann in der Süd­deutschen Zeitung den Buchumschlag, lobt dem gegenüber das „feine Sprachgespür“ der Autorin. Umgekehrt ist es. Treffsicher markiert die Bun­kerzelle auf dem Titel zusammen mit dem Romantitel „Der Glückliche“ das Paradox, das hier verhandelt wird, in einer Art U-Comix-Anmutung auf das Samizdat-Schrifttum psychiatrischer Gefangener anspielend. Die Sprache dagegen ist katastrophal. Sie muss es sein, damit Roswitha Quadflieg diese Familientragödie erzählen kann.
  Wie gewöhnlich ist die Familie selbst die Tragö­die. Sieben nahe Ver­wandte, assistiert von drei weiteren Figuren, erinnern sich an Dr. med. Leopold Wagner sowie an­einander. Die Rollen­texte kreisen um Leopolds angeblichen Unfall­tod im Gebirge, drei Tage nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie, einund­zwanzig Jahre nach seiner Einweisung in dieselbe. Voraus ging damals eine U-Haft wegen Beleidigung Hitlers, sodass sich die Frage stellt: Ist Wagner ein Verfolgter des Nazi­regimes oder ein „normaler Psycho­tiker“? Jeder und jede erzählt da seine Geschichte, jede Geschichte schließt die anderen aus. Spannend ist das zu verfolgen wie in Kurosawas Kultfilm „Rashomon“. Und immer gruselt die Sprache, an der die Figuren sich kaum individuell unterscheiden lassen: ein glatter, unangreifbarer, selbst­gerechter Alt- und Neusprech von Leuten, die so gut in die Nazizeit passen wie in eine von ihnen ungelebte Gegenwart.
  Auf halber Strecke des Buchs scheint es, als sei die Psychiatrie Leopolds Rettung geworden, als hätte eine Person von dieser vitalen Bos­haf­tigkeit den Anpassungs­grad nie erreichen können, den die Nazis verlangten. Wer da allerdings schon an „Die Physiker“ denkt, den Helden mit einer Sendung ausstatten will, deren die Welt nicht wert ist, den holen Briefe und Aufzeichnungen des Patienten Wagner schnell auf den Teppich. Glück mag der Mann gehabt haben, edler ist er davon nicht geworden. Oder wie ein Experte des Themas, Hermann Kesten in „Glückliche Menschen“ schreibt: „Die Glücklichen sind gefährlich. Die Glücklichen werden übermütig und toll. Die Glücklichen schweifen aus! Die Glücklichen verzweifeln! Die Glücklichen morden!“ und so weiter, nachlesens­wert.
  Das eigentlich Großartige an Roswitha Quadfliegs nach einem recher­chierten Fall geschriebenen Romandrama ist die Rolle, die Hitler darin spielt. Er war in jeder Hinsicht überflüssig, weiß man nach der Tragödie. Die Akteure hätten sich ohne ihn genauso beflissentlich zugrunde gerichtet wie mit seiner dilettantischen Unterstützung, alle Verbrechen inbegriffen. Bis zum Rand steckt jede Einzelexistenz voll mit einem das Dorf, ersatzweise die Welt umspannenden Wahn ihrer Allein-Wichtigkeit. Jeder wünscht jedem den Tod. Ins Politische übersetzt denkt so ein braves Volk von Faschisten.
  Wozu dann noch Hitler? Und doch, es gibt Verwendung für ihn. Leopold besetzt ihn als den Gehilfen des Papstes, welcher beschlossen hat ihn, Leopold, fertig zu machen. Leopolds Frau sucht einen Ernährer. Nachdem die berufliche Existenz des Gatten durch einen NS-Ver­wal­tungs­akt zerstört wurde, Anstoß zu seiner Jahre später aus­brechenden Psychose, akzeptiert die Ehefrau „diese Regelung als eine allgemeine aus wirt­schaft­licher Not erwachsene“, huldigt dem Ober-Regulator und lässt sich von dessen Gestapo versorgen. Leopolds Mit­patient wiederum stellt sich dem Leser als „die Geliebte des Führers“ vor, findet den „total geil, mit seinem schrägen Scheitel und angeklebten Schnurrbart – das kleine Luder.“ Über­raschend zeigt der Führer Eignung zu den Nebenrollen sämtlicher herostratischen Selbstverfilmungen. Hitler, der universal verwendbare Komparse, das Faktotum des deutschen Wahnsinns – eine veritable Ent­deckung Roswitha Quadfliegs.
  Und ein neuer Verdacht: Wurden die Geisteskranken auch deshalb früh zur Vernichtung bestimmt, weil ihre vielstimmige Oper so viel bunter und aufregender klang als Hitlers Zweiviertel-Unisono? Wie die ermordeten Juden ein, vielleicht tödlicher, Verlust für die Welt sind, fehlten in Nachkriegs­deutschland jedenfalls auch die verrückten Euthanasie­opfer.
Ewart Reder   03.05.2010     Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Ewart Reder
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