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Tanja Jeschke
Ein Kind fliegt davon

Wörter, die sein müssen

Tanja Jeschkes Romandebüt erzwingt ein Lob

  Kritik
  Tanja Jeschke
Ein Kind fliegt davon
Roman
Edition Voss im Horlemann Verlag
Leipzig und Berlin, 223 Seiten, 19,80 €

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Als ich vor ungefähr zehn Jahren mein erstes Buch veröffentlichte, hatte das für mich viele schöne Folgen und eine lästige. Die Zeitschrift, für die ich damals rezensierte, lehnte meinen nächsten Vorschlag ab mit der Begründung: Das Buch sei im selben Verlag erschienen wie meins. Ja richtig, mir fiel es da erst auf. Genau deshalb war ich zu dem Verlag gegangen, weil mir seine Bücher gefielen. Nun merkte ich: Öffentlich über sie sagen durfte ich nichts mehr.
  Tanja Jeschkes Roman­debüt Ein Kind fliegt davon ist in dem Verlag er­schie­nen, der bald auch mein Roman­debüt veröffent­licht. Mich beschleicht der Ge­dan­ke: Das muss, das kann noch niemand wissen. Es lässt sich verschweigen. Aber das Scherbengericht würde mit einiger Verzögerung nachgeholt, die Anklage wieder lauten: Eigeninteresse, bestellte Arbeit, Gefälligkeit! Ich spiele also mit offenen Karten. Und ob mir Tanjas Buch gefällt! Und ja: Ich kenne die Autorin. Warum? Weil mich ihre Texte fas­ziniert haben. Ein Eigen­interesse daran Tanja kennen zu lernen kam auf. Ihre Arbeiten kenne ich seit zehn Jahren. Mit ihr persönlich gesprochen habe ich vielleicht fünf Mal. Bestellt ist diese Rezen­sion einzig von meinem Trotz, ich will nicht immer da umdrehen, wo es spannend wird. Für mich war ein Buch der Grund zu einem neuen Verlag zu gehen. Über dieses Buch möchte ich reden, c'est ça.
  Ein solches Buch gab es bisher nicht, ich kenne kein vergleichbares. Eine verzweigte Geschichte mit einem Dutzend verzwickter Charaktere wird erzählt aus der Perspektive eines fünfjährigen Kindes. Was nach Simplicius, Oskar mit der Trommel oder auch David Melrose klingen mag, ist doch etwas anderes. Tanja Jeschke hat keinen diskursiven Trick angewandt. Sie unterläuft keine Kon­ventionen des Kriegs­berichts wie Grimmels­hausens Roman­anfang, schleift keine Ideologien wie Grass, bespielt kein eitles Spiegelkabinett wie Edward St. Aubyn. Ihr Kind Greta fällt aus der Sorte Welt, die das Roman­lesen normaler­weise generiert. Greta ist damit beschäftigt, sich die Welt erst zu basteln, in der anschlie­ßend eine Handlung ablaufen, ein Roman unterkommen kann.
  Was anstrengend klingt, ist es für den Leser keineswegs. Gern folgt man der Geschichte, die aus dem Südafrika der Apartheid in ein noch nach Adenauer riechendes Bundesdeutschland der Sechziger wechselt. Aber wie Andreas Maier gerade in der ZEIT kategorisch feststellte: Themen sind nichts, was alle Literaten interessiert. Autoren wie Jeschke schreiben hauptsächlich über Dinge, die sich direkt, diskursiv nicht sagen lassen. Greta lernt, wie die Wörter von den Erwachsenen mit Vorbe­deutungen befrachtet werden. Über ihre Namen bekommen die Dinge Funktionen zugewiesen. Umgekehrt kann Greta mit Wörtern eigene Spielräume abstecken. Sie findet heraus, dass Wörter wie Teig sind, dehnbar, verformbar, unzuverlässig. Und kommt auf die Idee sie im Kopf auszustechen – auch das geht mit Teig.
  Eine mitreißende gestalterische Kraft hat dieses Buch. Bilder finden sich darin, die man nie mehr vergisst: „und jetzt ihre Frage – sie stellte sie wie eine Tasse auf die Untertasse“. Indem sie kindlichen Spracherwerb als Erzähl­modus einsetzt, präsentiert die Autorin bevorzugt Wortspiele der Art, die autistische Sprecher machen. Literarisch gibt es das schon, etwa bei Silvana de Mari. Hier verschlägt einem die Wirkung der Bilder oft den Atem.
  Dabei ist Ein Kind fliegt davon keine Preziosenschachtel, keine Sammlung gedrechselter ›Stellen‹. Die Gefahr besteht zwischendurch, wird aber gemeistert durch dasselbe Inge­nium, das die Schätze versteckt. Kindliche Neugier der Hauptfigur wirft sich auf die Großkräfte, die um sie herum und auf sie selbst wirken: Tod, Verlust, Vertreibung, andererseits Glück, inniges Einver­ständnis. Greta versucht die Kräfte zu bannen und wird so frühreif initiiert in das Leben, das die Erwachsenen führen, die dabei selten einmal so klar wie das Kind merken, welche Kräfte am Werk sind. Da ist Jeschke nah bei dem frühen Grass, während sie sonst eher an die tastende Sprech­sicherheit einer Christa Wolf erinnert. Mit ihr, auch mit Autorinnen wie Katharina Hacker oder Zsuzsa Bank müsste Jeschke gründlich ver­glichen werden. Eine weibliche Poetik der Immanenz, die das genaue Vermessen des Erfah­rungs­felds über die beredten Ausflüchte einer männlichen inventio stellt (und damit zugleich den höheren Ausguck besetzt!), könnte sich als Epochen über­greifend erweisen. Wie dem auch sei, Tanja Jeschke geht auf große Fahrt und bringt einen weltgewichtigen Fang ein. Das Netz sind die Wörter eines fünf­jährigen Kindes, verknüpft durch personales Erzählen in Vollendung.


Ewart Reder   04.01.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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